ein großes Gebäude neuerer Zeit über den Ruinen eines älteren. Dort
beginnt die _Via dolorosa_, eine der Hauptstraßen der dermaligen Stadt,
wo die Leidensstationen durch liegende Säulenschäfte, ursprünglich von
der Kaiserin Helena gesetzt, angegeben sind. Dem Hause des Pilatus
gegenüber ist das Gewölbe der Geißelung. Ruinen einer Kirche stehen an
derjenigen Stelle, wo (nach Bonifazius und Anselmus) die heil. Jungfrau
dem Sohne auf seinem letzten Wege begegnete und in Ohnmacht sank,
hundert zwanzig Schritte vom Hause des Pilatus. Fünfzig Schritte weiter
wendet die Straße aus West nach Süd. An dieser Ecke soll =Simon von
Kyrene= das Kreuz übernommen haben. (Luk. XXIII. 26.) Nahe daran ist
die Stelle, wo Christus sich wendete zu den nachfolgenden Frauen und
ihnen zurief: »Weinet nicht über mich, ihr Töchter Jerusalems! weinet
über euch und eure Kinder!« (Luk. XXIII. 28.) Gerade vor sich hat man
das Haus des bösen Reichen, den die Juden =Nabal= nennen, und an dessen
Schwelle =Lazarus= lag. (Luk. XVI.) Nach Kurzem wendet die Straße
wieder nach Westen und hundert zwanzig Schritte von der ersten Wendung
zeigt man das Haus der =Veronika=. Nach anderen hundert Schritten aber
ist der Aufgang zum Golgatha, der jetzt durch eine Mühle führt. Von
dieser Stelle ist diejenige der Kreuzigung noch zweihundert Schritte
entlegen, also beträgt die ganze Länge der _Via dolorosa_ fünfhundert
und neunzig Schritte.
Der höchste Berg in der nächsten Umgebung von Jerusalem ist der
=Öhlberg=. Am Osterdienstage, mit frühem Morgen, bestieg ich denselben
auf dem Wege, der an =Gethsemane= vorüberführt. Die Lage dieses Berges
im Osten der Stadt, durch das Thal des Kedron geschieden von ihr, ist
aus alten und neuen Schriftstellern bekannt; ebenso, daß er schon in
ältester Zeit wie heut zu Tage vorzüglich mit Öhlbäumen bekleidet war.
Auf der halben Höhe des Abhanges wies man mir einen Fels als die
Stelle, wo Christus über den Untergang der Stadt weinte.
»Und als er nahe hinzu kam, sah er die Stadt an und weinte über sie.«
»Und sprach: Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser
deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen
Augen verborgen.«
»Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um
dich und deine Kinder eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an
allen Orten ängstigen.«
»Und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen;
darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit, da du heimgesucht bist.«
(Luk. XIX.)
Diese Stelle soll auch dieselbe seyn, wo Titus sein Zelt aufschlug.
Und wirklich ist aus diesem Standpunkte der Blick über die Stadt,
die sich sanft geneigt entgegenbreitet, völlig. Von hier aus besah
ich mit meinem Glase die Moschee =el-Sakhra=, die von =Omar= auf dem
Platze des Tempels Salomons erbaut wurde. Die Kreuzfahrer machten eine
Kirche daraus. Saladin stellte die Moschee her. Sie nimmt das ganze
südöstliche Viertel der heutigen Stadt ein und krönet die Flachhöhe
Morija. Auf dem mit Marmor belegten Platze erhebt sich ein Fußgestell,
200 Schritte lang, 150 breit und acht Stufen hoch. Darauf ruht ein
achteckiger Tempel, über den eine Kuppel sich wölbt mit Blei gedeckt.
Diese endet in eine Spitze, die den Halbmond trägt. Die Fenster des
Tempels, acht an der Zahl, sind so hoch als die Wände. Die Hauptfarbe
ist die grüne; der Bau leicht und fein. Um den Platz läuft eine
Rasenstelle, und diese ist von zwölf Portiken zu zwei und drei Bogen
aus weißem Marmor umgeben. Den weiteren Umfang bilden ansehnliche
Gebäude, die zur Moschee gehören. Der Rasenplatz mag 500 Schritte Länge
und 460 Breite haben.
So viel von außen. Kein Ungläubiger darf durch die Portiken treten; er
setzt sich dem Tode aus. Ein Englander wagte kurz vor meiner Ankunft
dreimal in den Tempel zu gehen, und wurde, trotz der Verkleidung, beim
dritten Male erkannt. Halbtodt geschlagen rettete ihn die Wache des
Gouverneurs, und die Mönche zum heil. Erlöser kauften ihn von diesem
für 3000 Piaster los. Das Innere dieser Moschee, wo man den Stein
zeigt, von welchem Mohammed sich auf zum Himmel schwang, ist mit Mosaik
geziert. Sechzehn Marmorsäulen tragen das erste Stockwerk und eben so
viele die Kuppel. Nach jeder Weltgegend sieht eine Pforte, wie dieß
schon im alten Tempel der Fall war. (Hesekiel XL.) Sechs Marmor- oder
Porphyrsäulen stützen dieselbe.
Ich kann hier nicht umhin zu bemerken, daß die Schilderung, welche
die Bücher der Könige und der Chroniken von dem Salomonischen Tempel
machen, auf eine den ägyptischen Tempeln sehr ähnliche Bauart weisen.
Ägypten war auch zu Salomons Zeit das Musterland der Kunst für den
ihm verbündeten Nachbarstaat. Es ist auch wahrscheinlich, daß Salomo,
so wie er tyrischer und sidonischer Werkleute zum Behauen des Holzes
und der Steine und tyrischer Künstler zu den Arbeiten in Erz, Gold
und Elfenbein sich bediente (Könige V. VI.), ägyptische Meister zu
Rathe gezogen habe, da er ja selbst die Tochter eines Pharaonen zur
Gemahlin hatte und ihr das Wohnhaus am Tempel erbaute. (VII. 8. IX.
24.) Die Pracht und der Reichthum dieses Tempels können nur demjenigen
unglaublich scheinen, der die ägyptischen Tempel nicht sah. Diese, in
ihrer Zerstörung, beurkunden genug die ungeheure Kraft der Religion in
jener Zeit, und den Umfang des Aufwandes, der für sie gemacht wurde.
Ließe die Herrlichkeit Ägyptens nicht auf die Entwicklung der Kunst
in dem nächsten Nachbarlande gegen Osten schließen; die Schilderung
selbst, die wir in der Bibel davon lesen, wäre Beweises genug. Daß
diese Kunstbildung nicht erst von den Juden nach Palästina gebracht,
sondern von ihnen dort vorgefunden wurde, geht aus vielen Stellen
hervor. Aus den Städten =Hadad-Esers= und aus denen seiner übrigen
Nachbaren nahm David eine große Menge von silbernen, goldenen und
ehernen Gefäßen (Chron. XIX.) und die reiche Tyrus, deren Schiffe
dem Könige Salomo dienten, war damals bereits auf einer Höhe der
Entwicklung, die Jerusalem ein glänzendes Muster gab. (Könige V.) Wo
aber kamen die ungeheuren Schätze hin, die im Tempel verwendet und
aufgehäuft waren, die hunderttausend Centner Goldes und die tausendmal
tausend Centner Silbers? (Chron. XXIII. 14.) Die Tempel von Ägypten
und die Stellen der Bibel antworten darauf, die von der Eroberung
Jerusalems durch den Pharaonen Schischak (Könige XXIV.), von dem
Heereszuge des Königs von Syrien Hasael (II. Könige XII.), von der
Plünderung durch Joas, König von Israel (II. Könige XIV.), von den
Brandschatzungen Sancheribs, Königs von Assyrien (II. Könige XVIII.)
und des Pharaonen Neko (II. Könige XXIII.), endlich von der Vernichtung
des Reiches durch den Babylonier Nebukadnezar (II. Könige XXIV. XXV.)
sprechen.
»Meister,« sagte einer der Jünger zu dem Herrn, da sie aus dem Tempel
gingen, »welche Steine, welch ein Bau!« -- Und Jesus antwortete: »Ja,
staune an diesem mächtigen Bau, und doch, kein Stein wird da über dem
andern bleiben und keiner seyn, der nicht zerbrochen werde!« -- Und so
ist es auch gegangen.
Aber zurück zu unserer Wanderung auf dem Öhlberge. Von der Stelle der
Beschauung kam ich zu einigen Grotten, welche man die =Gräber der
Propheten= nennt, dann zu einer Cisterne zu zwölf Bogen. An dieser
sollen die Apostel das =Glaubensbekenntniß= verfaßt haben. Nahe daran,
wo die Trümmer einer Kapelle stehen, wird der Platz verehrt, wo
Christus das =Gebet des Herrn= lehrte, und dreißig Schritte weiter,
an einem Öhlbaume, derjenige, wo er das =Weltgericht= verkündete
(Matth. 24. 25. Mark. 13). Aus der Spitze endlich steht die Moschee
(einst Kirche) der =Himmelfahrt=. Ein kleines, achteckiges, nacktes
Gebäude umschließt einen Stein, worin man den Abdruck eines =linken=
Fußes sieht, der im Begriffe des Aufschwunges ist. Das Haupt des
Entschwebenden muß nach Norden sehend gedacht werden.
Auf dieser Höhe war seit ältester Zeit ein Gebetplatz. »David aber
ging den Öhlberg hinan und weinete und sein Haupt war verhüllet und er
ging barfuß ... und da David auf die Höhe kam, =wo man Gott pflegte
anzubeten=« u. s. w. (II. Sam. XV.) Die Stelle, weithin die Gegend
beherrschend, drang sich selbst zum Gottesdienste auf. Darum ist auch
treffend das Bild Hesekiels: »Und die Herrlichkeit des Herrn erhob sich
aus der Stadt und stellete sich auf den Berg, der ihr gegen Morgen
liegt.« (XI. 23.) Eben so schön ist dasjenige in Zacharias. XIV.
Vom Öhlberge den Blick ringsum sendend, ist demselben wüstes, trauriges
Land nach allen Seiten aufgethan. Hügel über Hügel geworfen scheinen
ein Bild der Zerstörung. Im Norden ist Flachhöhe, über die aus 35°
nordwestlich von hoher Felsspitze eine Moschee schaut, einst das
Kirchlein Samuels und in frühester Zeit =Silo=, wo die Gemeinde des
Herrn die Stifthütte aufrichtete und Josua das Loos warf zur Theilung
des Landes. (Jos. XVIII.) Im Süden, nach =Hebron= hin, öffnet sich
das Thal. Im Osten sieht man die breite Ebene von =Jericho=, den
=Jordan=, und eine lange Strecke des =todten Meeres=, jenseits aber
hohes, glattes, gleichförmiges, ausdruckloses Gebirge, =Pisga= in
der Bibel genannt (V. Buch Mos. 34), von welchem herunter Moses das
Land überblickte, das zu betreten ihm nicht gegeben war, und in das
die Kinder Israel unter Josuas Führung zur Eroberung von Kanaan
niederstiegen. Das Land zwischen Jerusalem und dem Jordan ist wie
verbrannter Boden, aschenfarb und braun; nur in den Schluchten sind
Feld, Feigen-, Mandel- und Öhlbäume, diese aber voll Kraft und Farbe.
Die Entfernung vom Öhlberg zur Mündung des Jordans ins todte Meer ist
sechs Stunden, kann aber in gerader Linie deren kaum drei betragen.
Ein Trupp Beduinen lag eben damals, jede Annäherung verbietend, in
der Ebene von =Jericho=; dieß ließ uns einen Ritt an das Gestade des
=todten Meeres= nicht ausführen.
Wir kamen durch das Dorf =Bethphage=, noch heute so genannt, und bis
an den Brunnen, an welchem Christus mit den Aposteln auf dem Rückwege
von =Jericho= auszuruhen pflegte; dann nach =Bethania=, wo man uns
des =Lazarus Grab= zeigte, ein Gemach und eine Grotte, 26 Stufen tief
in den Felsen gehauen, den Katholiken gehörig und zum Gottesdienste
eingerichtet. In =Abutiß=, einem nahen Dorfe, wies man uns das =Haus
Magdalena's=, und weiter östlich die Stelle, wo Christus die Büßerin
traf. Alle Höhen im Osten des Öhlberges sind voll von Steinbrüchen,
Grotten, Gräbern, tiefen und großen Brunnen und in den Felsen gehauenen
Getreidebehältern.
Auf dem Rückwege zeigte man uns an der Südseite des Öhlberges die
Stelle, wo sich Judas erhängt haben soll. --
Die Stellen, welche den christlichen Gläubigen in der Stadt
insbesondere zur Verehrung empfohlen werden, sind außer den schon
erwähnten das =Haus des Zebedäus=, nun eine griechische Kirche; das
Haus =Simon des Pharisäers=, nun eine zerstörte Kirche an der _Via
dolorosa_; nicht ferne davon das Kloster zur heil. Anna mit der
=Grotte der Empfängniß=, nun eine Moschee; der Ort der Erscheinung
des auferstandenen Heilandes den drei Marien; das Haus der =Maria=,
Mutter des Johann Markus, wohin Petrus sich begab, nachdem er von dem
Engel gerettet worden war, nun eine Kirche der Maroniten; der =Kerker
des heil. Petrus=, nun eine verfallene Kirche und, nicht ferne davon,
der Ort wo =Abraham= seinen fünf und zwanzigjährigen Sohn =Isaak=
opfern wollte (Jos. _Ant._ I. 13), nun mitten in einer Wiese zwischen
Ruinen, nicht ferne vom heiligen Grabe. Indische Feigen bewachsen die
eingestürzten Wände, und Palmen wiegen ihre Kronen darüber.
Das =griechische Kloster= und Hospitium am Tempel zum heil. Grabe ist
von Konstantin und Helena gestiftet. Zwei Kapellen sind darin, groß und
reich und mit vielen Gemälden geziert. Von der Terrasse dieses Klosters
gelangt man auf diejenige des Tempels selbst, von welcher ein anderer
herrlicher Ausblick über die Stadt ist. Ich verweilte auf den Zinnen
des Tempels in der Stunde des Sonnenuntergangs. Eine Farbe der Wehmuth
war über das ganze Gemälde ausgegossen, nur in den Klagliedern Jeremias
errathen und ausgesprochen! -- Im fernsten Süd glänzte mir ein Streifen
der arabischen Wüste entgegen, brennend in Gelb. Die Sandfelder
=Nubiens=, schweigend und leblos, mit ihren schwarzen Felsmassen lebten
in meiner Erinnerung auf, und es war mir als habe die Geschichte ein
ähnliches Bahrtuch über den Boden gelegt, worauf ich stand.
In der Nacht kam Regen und Gewitter. Der Donner rollte über der Tochter
Sions. -- Am nächsten Morgen waren die Berge ringsum wie mit frischem
Teppich des heitersten Grüns belegt.
Die =Mauern= der heutigen Stadt sind ein Werk Soleimans, des Sohnes
Selims, aus dem Jahre 1543. Sie sind durchaus gut erhalten, besser
als diejenigen irgend einer türkischen Stadt, Konstantinopel nicht
ausgenommen, stark, aber unbewaffnet. Geht man durch das =Thor der
Pilger=, von den Christen auch das Thor von =Bethlehem=, das Thor von
Jaffa, von den Mohamedanern =Bab-el-Kzalil= (Thor des Erwählten) oder
auch =Bab-el-Khalil= (Thor Abrahams) genannt, so hat man zur Linken die
Schlucht zwischen dem Sion und dem Hügel des Blutackers, gerade vor
sich aber die sanft aufsteigende Flachhöhe. Das Thor sieht nach NNW.
Die Ummauerung nimmt links desselben die Richtung Süd und folgt durch
440 Schritte der Kante des Sion. Die Thürme und Mauern des Schlosses
in der Stadt, die =Burg Davids= genannt, sehen über die erste Hälfte
dieser Strecke, der ein Bollwerk vorgelegt ist, für 36 Geschütze
nach vornen und 7 nach Süd eingerichtet. Die Schießscharten sind
dermalen fast alle vermauert, und ein paar geringe Stücke bilden die
Bewaffnung dieses neuesten Baues. Aus der Richtung von Süd wendet die
Ummauerung nach Ost, zieht quer über die Fläche des Sion und erreicht
nach 240 Schritten das =Thor von Sion=, =Bab-el-Nebi-Dahud= (Thor des
Propheten David). Von dort senkt sich der Boden. Längs dem Abhange des
Sion hinab zieht die Ummauerung noch 364 Schritte nach Ost, dann den
Morija hinauf erst 100 Schritte NO., dann 140 ONO. und wieder 100 NO.;
weiter längs der Kante des Morija abermals 300 Schritte Ost. Durch
die Westseite des zweiten Thurmes dieser Strecke geht das Pförtchen
=Bab-el-Mograbi= (=Barbareskenpforte=) d. i. die _Porta sterquilinia_,
durch welche die Juden Christum nach der Gefangennehmung zu Pilatus
führten. Die Ummauerung bricht rechtwinklich aufwärts, 80 Schritte,
wo eine vermauerte Pforte steht, und der Weg aus dem Thale Josaphat,
Silo gegenüber, heraufkommt. Hoch über die Mauer schauen Gebäude zur
Moschee =el-Sakhra= gehörig. Längs der Kante des Morija, wo diese am
höchsten und steilsten ist, zieht die Ummauerung Ost 200 Schritte;
dann Nord 450 Schritte bis an die goldene Pforte (=Bab-el-Darabie=).
Diese, ein römischer Bau, aus zwei Bogen korinthischer Ordnung
bestehend, führt gerade auf den Platz =el-Sakhra=. Sie wird von den
Türken vermauert gehalten, denn durch diese soll, der Sage zufolge, an
einem Palmsonntage ein christlicher Eroberer einziehen. Von dort bis
zum Thor =des heil. Stephan= (=Bab-el-Sidi-Mariam=, Thor der Jungfrau
Maria) sind 250 Schritte Nord. Nun beginnt die Flachhöhe sanft sich
zu heben. Nach 490 Schritten, abermals Nord, erreicht die Ummauerung
die Nordostecke, der =Thurm Tankreds= genannt. Der Abfall, längs der
Ostseite der Stadt hoch und steil, verschwindet nun, denn nahe an
dieser Ecke nimmt das =Thal Josaphat= seinen Ursprung, dort auch der
=Kedron=. Die Flachhöhe im Norden der Stadt hat da ihre Verbindung mit
dem Öhlberge.
Die Nordseite der Ummauerung ist die eigentliche Angriffsseite.
Sie bildet einen ausspringenden Winkel. Es zieht nämlich ein Theil
derselben West, der andere Südwest 430 Schritte in der ersten Richtung,
wovon zweihundert sanftaufsteigend, führen bis zum =Pförtchen Herodes
oder Ephraim=, das durch den sechsten Thurm geht. Im Graben am dritten
Thurm ist eine gedeckte Cisterne und ein Schöpfbrunnen daneben, dem ein
Marmorsarg als Trog dient. Die Cisterne war, als ich sie sah, gefüllt.
Hinter dem Pförtchen senkt sich die Mauer durch 146 Schritte, und
hebt sich dann wieder durch 170. Dort ruht sie auf Felsen, und
nimmt dann die Richtung Südwest. Nach 180 Schritten trifft sie das
=Thor von Damaskus= (=Bab-el-Cham=), auch das Säulenthor genannt
(=Bab-el-Hamond=), das zierlichste aus allen, in der Einsenkung der
Hügel liegend. Vor demselben an der Straße steht ein Brunnen. Von
dort steigt die Ummauerung durch 500 Schritte wieder auf den Sion,
springt 60 Schritte stumpfwinklich aus und hat in diesem Vorsprunge
ein Wasserbecken vor sich. Dort zeigen sich auch auf wenige Schritte
von den Mauern Reste der älteren oder römischen, Massen von Steinfülle
mit schweren Quadern bekleidet. Nach 320 Schritten quer über die Höhe,
mit vier Vorsprüngen, jeder zu 10 Schritten, erreicht man den anderen
Winkel der Nordseite, der durch einen auf Felsen ruhenden Thurm zu 26
Schritten Breite gebildet wird. Dort endet der Graben, der vom Thore
St. Stephan bis zu dieser Stelle der Ummauerung vorliegt, meist in den
Felsen gehauen ist, bald 6 Fuß, bald 8 Fuß Tiefe und bis 24 Schritt
Breite hat.
Nun geht die Mauer 60 Schritte tief ein, hält aber noch während 158
die Richtung S.N., worauf sie diejenige von S.S.O. nimmt und nach 300
Schritten das Thor von Bethlehem wieder erreicht.
Die Stadt hat demnach =sieben= Thore, und die Ummauerung in ihrer
ganzen Entwicklung 5616 Schritte Länge. =Vierzig Thürme= und =sechs und
zwanzig Halbthürme= oder Flanken brechen dieselbe. Davon fallen auf
die Nordseite 1816 Schritte, 15 Thürme, 17 Flanken
" Westseite 968 " 10 " 5 "
" Südseite 1618 " 9 " 2 "
" Ostseite 1214 " 6 " 2 "
Die Mauern sind von behauenen Steinen, mit Mörtel verbunden,
hinlänglich dick, mit Deckungen, Stiegen und Auftritten versehen, im
Durchschnitt 22 Lagen hoch, die Lage zu 28 Zoll. Die Zinnen halten
zwei andere Lagen. Die ganze Höhe der Mauern beträgt also 56 Fuß. Am
niedrigsten sind sie an der Südseite, wo sie zur _Porta sterquilinia_
aufsteigen; am höchsten von dieser bis zum Südostwinkel. In dieser
Strecke dienen die Reste älterer Mauern; es ruhen nämlich die zwei
und zwanzig neuen Lagen auf fünf Lagen riesiger Werkstücke. Der
Südostwinkel der letzten vierzehn Lagen, und der anderen zwei und
zwanzig, und ist die mächtigste und zugleich, da der Berg ins Thal
Josaphat abstürzt, die am wenigsten nahbare Stelle der Ummauerung. --
=Die Thürme= haben durchaus Vierecke oder Rechtecke zur Grundfläche.
Ihre Abstände unter sich sind ungleich. Die Breite derselben ist es
auch, und wechselt von 6 bis 24 Schritten. Sie greifen von 4 bis 14
Schritte aus der Mauer vor. Die stärksten Thürme sind die beiden
südlichen der Westseite; derjenige zwischen dem Südwestwinkel und
dem Thore von Sion; der erste und dritte östlich von diesem Thore
(jener ist fünf Schritte vorragend und 16 breit; dieser bildet den
Winkel der Wendung aus Ost nach Nordost, hat 18 Schritte Breite und
8 und 9 Schritte Vorsprung); der Thurm Tankreds; der Thurm auf dem
Felsvorsprung in der Nordseite, endlich derjenige welcher das westliche
Ende dieser Seite bildet. Die =Halbthürme= (Flanken) greifen von der
Breite eines Schrittes bis zu der von zehn vor. Die stärksten sind zu
beiden Seiten des Nordwestwinkels.
Obgleich die Nordseite die eigentliche des Angriffes ist, so kann
dieser doch mit Vortheil über die halbe Ost und Westseite ausgedehnt
werden. Die Nordseite, als auf den Ausläufen der Flachhöhe geführt, ist
beherrscht; ihr schwächster Punkt an der Pforte =Ephraim=.
=Die Burg= (auch der Thurm =Pisani= genannt) steht hart innerhalb
dem Pilgerthore, und ist ein mit tiefem Graben umgebenes Rechteck zu
zweihundert Schritt Breite und etwa sechzig Länge. Sie ragt mit zwei
hohen Thürmen über die Stadtmauer zur Linken des Pilgerthores, weiset
gegen Süd andere zwei von bedeutender Stärke, und eben so viele gegen
Ost, zwischen welchen der Eingang ist. Diesem wurde kürzlich eine
Batterie vorgelegt, um die Stadt bequemer im Zaume zu halten. Diese
Burg ruht ohne Zweifel über derjenigen =Davids=, die ihrerseits auf
der Burg der Jebusiter ruhte. »David aber gewann die Burg Sion, das
ist Davids Stadt.« (Chron. III. 5) »David aber wohnte auf der Burg;
darum heißt man sie Davids Stadt« (e. d. 7.). Die Stelle ist die
beherrschende der Stadt. Eine Burg in ihr kann daher nicht anderswo,
als an diese Stelle gesetzt worden seyn. Ein Beleg hiezu sind auch
folgende Worte: »Und der Knabe auf der Warte hob seine Augen auf und
schaute; und sieh, eine Menge Volkes kam auf dem Wege herbei, an der
Seite des Berges« (II. Sam. 13). Von keinem Orte der Stadt überschaut
man besser die Wege, so von der Flachhöhe nach der Stadt führen, als
von derjenigen, wo die Burg noch heut zu Tage errichtet steht. Von
ihren Zinnen liegen vor dem Blicke zwei Wasserbecken auch heute noch
so nahe, daß man sich an dem Anblicke eines darin Badenden hinlänglich
ergötzen kann, das eine in der Schlucht gegen Westen des Pilgerthores,
das andere, innerhalb der Stadt, im Norden der Burg; das eine oder das
andere nimmt man für das Becken, worin David, von den Zinnen der Burg
herab, =Bethseba=, das Weib =Urias= des Hethithers belauschte.
Da zu den Zeiten Christi der Golgatha außerhalb den Mauern der Stadt
lag, aus vielen Stellen der Bibel aber, und so auch aus der Natur des
Bodens klar hervorgeht, daß im Osten, Süden und Westen und an der
Nordostseite die Ummauerung der damaligen Stadt derjenigen der heutigen
gleich kam, so ist nur die Strecke vom Pilgerthore bis zu demjenigen
von Damaskus als vorgeschoben zu betrachten, und es ist wahrscheinlich,
daß damals die Ummauerung von dem auf dem Felsvorsprunge stehenden
Thurme der Nordseite längs dem Abfalle der Höhe Bethseda südlich zog,
die _Via dolorosa_ durchschnitt und den Morija hinaufstieg, dort aber
sich mit einem vom Pilgerthore, östlich den Sion herabziehenden Theile
der Ummauerung traf. Die Bibel deutet häufig auf eine doppelte Mauer;
z. B. »Und er (=Hiskiä=) ward getrost und besserte die Mauern aus, wo
sie lückig waren und machte Thürme darauf, und bauete draussen noch
eine Mauer« -- (II. Chron. XXXII. 5). »Darnach baute er (=Manasse=) die
äußersten Mauern an der Stadt Davids von abendwärts an Gihon im Bach,
und da man zum Fischthor eingeht, und umher am Ophel, und machte sie
sehr hoch« (II. Chron. XXXIII. 14).
Diese Mauern wurden aber durch die Babylonier niedergerissen. Als
=Kyros= den Juden die Rückkehr ins Vaterland gewährte, erlaubte
er ihnen zwar den Tempel wieder aufzubauen; als sie aber, unter
=Artaxerxes= (=Arthasastha=), auch die Mauern wieder herstellen
wollten, verbot dieser König es zunächst (_Esra._ IV.), weßhalb auch
=Nehemia= schreibt: »Und ich ritt zum Thalthor aus bei der Nacht,
vor dem Drachenbrunnen und an das Mistthor; und that mir wehe daß
die Mauern Jerusalems zerrissen waren, und die Thore mit Feuer
verzehrt. Und ging hinüber zu dem Brunnenthor und zu des Königes
Teich; und war da nicht Raum meinem Thier, daß es unter mir hatte
gehen können« (II. 13. 14). Im folgenden Kapitel schildert Nehemia auf
das genaueste den Zug der Ummauerung, wie unter seiner Leitung sie
dennoch erbaut wurde. Der Bau, eigentlich gleichzeitig auf der ganzen
Länge der Entwicklung geführt, fing am =Schafthore= an, ging von da
nach dem =Fischthor=, wieder nach dem =alten Thore=, über die breite
Mauer nach dem =Thalthore=, nach dem tausend Ellen davon entlegenen
=Mistthore=, weiter nach dem =Brunnenthor=, und vorbei an der Quelle
Siloe (=Seloah=) am Garten des Königes und an den Stufen, die von
der Stadt Davids heruntergingen, an den Gräbern Davids, am Teich
=Asuja= und an der Burg der Krieger bis an den Winkel am Rüsthause,
der hinauf die Höhe zog und wovon ein Theil schon auf der Höhe selbst
lag. Weiter machte die Ummauerung ein paar Winkel bis nach einem hohen
Thurme, der vom Königshause heraussah, umschloß den =Ophel= (den ich
für gleichbedeutend mit der Höhe Bethzeda halte), wo das =Wasserthor=
stand, ging nach dem =Roßthore= und weiter nach dem =Rathsthore= bis an
die Nordostecke, worauf sie das Schafthor wieder erreichte.