des Heilandes, eine in das Leben des Felsens gehauene, mit Marmor
ausgelegte Grotte. Ueber dem Eingange ist dieselbe Darstellung wie
über dem ersten, aber statt der drei Marien, =Magdalena=, =Jakobi= und
=Salome=, deren die Evangelien des =Markus= und =Lukas= im letzten
Kapitel erwähnen, erscheinen hier nur die ersten beiden, wie bei
=Matthäus= zu lesen. -- Zur Rechten, im Eingange selbst, zeigt man den
gespaltenen Schlußstein, in der Grotte aber die Grabstelle, wo aus
einem Steinblocke von 2' 4" Höhe, 5' 11" Länge und 2' 10" Breite der
Leichnam, mit dem Haupte nach Abend gewendet, lag. Eine Marmorplatte
deckt diesen Block und dient als Altar bei Lesung der Messe. Den
Hintergrund schmücken ein katholisches und ein griechisches Bild. Vier
und vierzig Lampen brennen darin, fünfzehn aber im Vorgemache. Drei
Löcher sind in der Decke angebracht, um den Dampf hinaus zu lassen;
über der Decke steht eine Art Thurm morgenländischen Styles. Im
Vorgemache zwischen der zweiten und dritten Säule zu beiden Seiten des
Einganges, sind länglichrunde Löcher durch die Wand geschlagen, durch
welche am Charsamstage der im heil. Grabe eingeschlossene griechische
und armenische Bischof =das heilige Feuer= den Gläubigen reichen. Die
einen behaupten und die anderen glauben nämlich, der heilige Geist
steige an diesem Tage vom Himmel, und zünde die Kerzen an. Diese Szene
ist die feierlichste des Jahres. Der türkische Gouverneur mit seinem
ganzen Hofstaate wohnet derselben in der Gallerie der Katholiken bei
(wobei die Mönche des heil. Franziskus ihm Erfrischungen reichen
müssen), und auf seinen Wink geschieht das Wunder. Das Volk reißt sich
um das Glück, ein Kerzchen am heiligen Feuer anzuzünden, und jeder
trägt es in seine Herberge, sorgsam bemüht, daß es nicht verlösche.
Es gibt Beispiele, daß Gläubige es von Jerusalem bis Konstantinopel
gebracht haben. Reste uralter, längst verschwundener Religionen leben
als Erbstücke in den heutigen fort. --
Ueber das Allerheiligste wölbt sich die große Kuppel des Domes. Eine
runde Halle umgibt dasselbe, die von achtzehn Pfeilern getragen wird.
Die Pfeiler haben 5' 10" Breite und 4' Abstand unter sich, mit Ausnahme
der beiden Paare in West und Ost, wovon die ersten 4' 6", die anderen
aber, von dreifacher Breite der übrigen, 20' Raum zwischen sich haben.
Auf den Pfeilern ruhen zwei Stockwerke von Bogengängen, worin jeder
Sekte ihr besonderer Gebetplatz angewiesen ist. Im Osten des heiligen
Grabes zwischen den beiden breiten Pfeilern hindurch tritt man in
die =Kirche der Griechen=, die geräumigste und reichste derjenigen,
welche die Mittelhalle umgeben. Sie ist mit Gold, Bildwerken, Marmor
und Lampen geschmückt, und über sie wölbt sich die zweite Kuppel,
zu deren geschlossener Krone von außen eine Stiege hinaufläuft.
Die mittlere allein ist mit Blei gedeckt und oben wie die Rotonda
geöffnet. Den Mittelstein ihrer Kirche sehen die Griechen als den
Mittelpunkt der Erde an. Was Wunder, betrachtet sich doch jeder Mensch
als den Mittelpunkt der Schöpfung; und warum sollte er es nicht? --
Im Norden des heil. Grabes, zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler
hindurch, geht man in eine Vorhalle, worin die Orgel der =Katholiken=
aufgerichtet steht, und kommt dann in die Kirche derselben. An diese
ist ein Hospitium angebaut, für die Mönche, welche den Dienst im
heiligen Grabe haben. Aus Mangel an Geld ist dieses sehr verfallen,
und der Regen bricht durch. Das obere Stockwerk gehört den Türken, die
gerade über der katholischen Kirche Pferdeställe haben, denn ob der
Neigung des Berges ist der Eingang in dies Stockwerk von der einen
Seite ebenen Schrittes.
Aus der Vorhalle der Katholiken geht man in ihre Sakristei, und über
Stiegen in den ihnen zugewiesenen Theil der Bogengänge. In dieser
Vorhalle wird die Stelle verehrt, wo =Magdalena= den auferstandenen
Heiland für den Gärtner des Ortes nahm, und er ihr zurief: »Weib, was
weinest du?« (Joh. 20).
An der Nordseite, gleichlaufend mit der Außenwand der griechischen
Kirche, ziehen zwei Gallerien hin; die erste ist diejenige, wo heut
zu Tage Markt gehalten wird für das Volk, so im Tempel nachtet und
wohnet. Getreide, Grünzeug, Speisen aller Art werden da mit dem
üblichen Geschrei verkauft und gekauft. Die andere Gallerie hat an
ihrem östlichen Ende eine Grotte, 7' lang und 6' breit, die man das
=Gefängniß Christi= zu nennen pflegt, als den Ort, wo er vor der
Kreuzigung, bis alles zu dieser Handlung bereit gelegt war, gehalten
und verhöhnt worden seyn soll. Im Osten, hinter der griechischen Kirche
läuft ein Bogengang, an dem mehrere Kapellen zur Linken angebaut
sind, und zwar zuerst ein Altar der Armenier; dann Pforte und Aufgang
ins griechische Kloster, welches an den Tempel gebaut ist; weiter
die Kapelle zur Erinnerung an die Stelle, wo um die Kleider Christi
gewürfelt wurde, »auf daß erfüllet würde die Schrift, die da sagt:
sie haben meine Kleider unter sich getheilet und haben über meinen
Rock das Loos geworfen« (Joh. 19. 24); weiter eine Stiege zu acht und
zwanzig Stufen, welche in eine Grotte hinabführt. Dort ist die jetzt
den Armeniern gehörige =Kapelle der heil. Helena=, von vier Säulen
getragen, und der Sitz, wo sie während der Kreuzauffindung betete.
Dreizehn Stufen tiefer gelangt man in die Grotte der =Kreuzauffindung=.
Am oberen Ende der Stiege steht die =Schimpfsäule=, 2' hoch und 1'
Durchmesser, auf welcher Christus verspottet und gekrönt wurde.
Nachdem man abermals an einer Pforte, die zum griechischen Kloster
führt, vorüber gekommen ist, steigt man über zwanzig Stufen auf die
=Schädelstätte=, welche gerade Raum für eine Kapelle und Vorhalle hat.
Die nördliche Hälfte der Kapelle enthält die Stelle der Kreuzigung.
Da, wo man voraussetzt, daß Christus auf das liegende Kreuz geheftet
wurde, ist eine Marmorplatte ausgebreitet. Die südliche Hälfte zeigt
das Loch, worin das Kreuz aufgerichtet stand. Der Gekreuzigte sah
=abendwärts=, als wenn sein letzter Hauch den Sieg vorzüglich nach
dieser Richtung tragen sollte! -- Das Kreuz des guten Sünders war also
an der Nordseite. Der Vorplatz bezeichnet die Stelle, wo Maria weinte,
und wo neben ihr stand der geliebte Jünger des Herrn. »Weib, siehe, das
ist dein Sohn!« und Du: »Siehe, das ist deine Mutter!« (Joh. 19). Unter
der Kapelle zeigt man eine Grotte und darin die =Spaltung des Felsens=.
»Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten, und die
Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich, und die Gräber thaten
sich auf.« (Matth. 27). In dieser Spalte, so glaubt das Volk, wurde
damals das Haupt Adams gefunden; denn auf dem Golgatha soll er Gott
dem Schöpfer sein letztes Opfer gebracht haben. So knüpft die Sage die
beiden Epochen der Gründung und der Erlösung des Menschengeschlechtes
an eine und dieselbe Stelle der Erde. Dort waren bis zum letzten Brande
auch die Ruhestätten =Gottfrieds von Bouillon= und =Balduins=; diesen
gegenüber aber die vier anderer lateinischer Könige. Die Male bestehen
noch, sind aber in der Mauer verborgen.
Neben dem Golgatha ist der Eingang in den Tempel und der Stein der
Salbung, eine Platte aus dem Marmor des Sion, roth und gelbweiß, 7' 9"
lang und 1' 11" breit. Dort knieen die Gläubigen aller Sekten zuerst
und küssen mit Andacht den Stein. Neben dem Tempeleingang westlich
folgt eine Halle, aus welcher die Stiege nach dem armenischen Theile
der oberen Bogengänge führt. Aus dieser Halle tritt man zur Rechten
zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler in die große Mittelhalle,
und hat den Kreisgang um die griechische Kirche vollendet. Alle
Heiligthümer, mit Ausnahme des Grabes, fallen sonach in die =östliche=
Hälfte des Tempels. Zwischen den Pfeilern der Haupt- und Mittelhalle
sind kleine Gemächer angebracht, welche die Priester zu bewohnen
pflegen.
Vormals theilte man die christlichen Besitzer des heil. Grabes in
=acht= Völkerschaften, die Lateiner, die Griechen, die Abyssinier,
die Kopten, die Armenier, die Nestorianer, die Maroniten und die
Gregorianer. Jetzt bestehen dort nur mehr die ersten beiden, dann die
vierte und fünfte. Die Griechen haben die oberste Hand und sind die
Wärter des heiligen Grabes, was bis zum letzten Brande die Lateiner
gewesen sind. Beide theilen unter sich den Golgatha, und die Griechen
überlassen für den Charfreitag Abend ihren Theil (die Stelle der
Kreuzerhöhung) den Lateinern. Diese besitzen allein eine Orgel,
halten Lampen im Allerheiligsten und auf dem Salbungsteine (den sie
an die Griechen verloren) und lesen die Messe, bevor die Griechen sie
lesen dürfen. Dafür halten diese in der lateinischen Kirche Lampen.
Die Gregorianer verloren an die Griechen das Gefängniß Christi
und die Stelle der Kreuzerhöhung; die Abyssinier an die Armenier
die Schimpfsäule; die Nestorianer an die Lateiner die Kapelle der
Magdalena. Die Armenier besitzen die Kapelle der heil. Helena und die
der Vertheilung der Kleider. Die Kopten haben eine kleine Kapelle außen
an die Westseite des Allerheiligsten gelehnt, und sind die ärmsten und
ruhigsten aus allen. Die großen Messen werden auf einem Tragaltare vor
dem Eingange ins Gemach des Engels gelesen. Ist die Reihe hiezu an den
Katholiken, so wird nur die rechte Hälfte der Kerzen auf dem Altare
angezündet; so bei den Griechen nur die linke. -- Der Neid und der Haß
knien, wie Teufel neben der Unschuld, hier neben der Andacht und singen
mit im Chor der Frommen.
* * * * *
Der erste Ritt, den ich außerhalb der Stadt machte, ging durch das
Pilgerthor in das südwestliche Thal. Dieses, einerseits von dem
=Sion=, anderseits von den Höhen eingefangen, worüber der Weg nach
=Bethlehem= führt, ist enge und felsig. Man findet ein Bend darin,
hundert Schritte breit und vierhundert lang;[A] offenbar ein uralter,
neben dieser Königsstadt unerläßlicher und später oft erneuerter Bau,
dessen, wenn ich recht verstehe, das zweite Buch der Chroniken erwähnt
als eines Werkes des Königes =Hiskias=, des Zeitgenossen =Sancheribs=
des Assyrers. (XXXII. 30 und zur Erläuterung =Gihons=, XXXIII. 14.) Die
heute das Bend umgebenden Mauern sind sarazenisches Werk.
Die Thalwand zur Rechten zeigt viele Felsengräber, meist für Familien
eingerichtet und bald aus einem, bald aus mehreren Gemächern bestehend,
an Arbeit roh. Eine dieser Höhlen verehrt man als diejenige, worin die
Jünger nach der Gefangennehmung Christi sich geborgen haben sollen. Sie
ward von den Griechen behauen, bemalt und in ein Kirchlein umwandelt,
auch am Eingange verziert, und ist ein Grab, wie die anderen, mit
mehreren Kammern. Nahe daran ist eine andere Grabhöhle, in die ich
durch ein enges Loch mich einschob. Sie besteht aus einer gewölbt
ausgehauenen Halle zu 14 Fuß ins Gevierte und aus sechs Gemächern, zwei
zu jeder Seite. Jedes Gemach hat zwei oder drei Felsenbänke, worauf die
Leichname in Tücher gehüllt gelegt worden sind. In einem der hinteren
Gemächer ist auch ein Schacht, wie in ägyptischen Gräbern; in anderen
gehen Gebein- und Moderhöhlen in den Fels ein; alle diese Gemächer sind
noch jetzt voll von Gebeinen. Über einer Grabhöhle las ich [Greek:....
TÊS AGIAS.... SIÔN]. Sonst fand ich nirgend Aufschriften. -- Höher
am Abhange ist eine breite, tiefe, in zwei Theile getheilte und mit
einem mächtigen Vorbau aus christlicher Zeit versehene Grotte, worin
bis vor kurzem noch die Armenier zu begraben pflegten. Die Stelle
wird der =Blutacker= genannt, =Hakeldama=, den Judas um das Blutgeld
erwarb (Apostelgesch. I. 19), oder den die Hohenpriester, nachdem der
Verräther ihnen die Silberlinge zurückgeworfen und sich erhenkt hatte,
zum Begräbniß der Pilger um dieses Geld erkauften. »Und wird derselbe
Acker der Blutacker genannt bis auf den heutigen Tag.« (Matth. 27)
Die Schlucht wendet östlich und führt in das Thal =Josaphat=, das hier
nicht über hundert Schritte Breite hat. Auch dieses schließt, gerade
unter der Vereinigung der beiden Thäler, ein Bend, vielleicht das
Becken =Asuja=, dessen Nehemias (III. 16) erwähnt. Man findet eine
tiefe Cisterne dort und eine nun verlassene Moschee. Jene wird der
=Brunnen Marias= genannt. Das Thal läuft nach Süden aus und erweitert
sich dort. Die Meinung, daß im Thale Josaphat das Gericht des Herrn
werde gehalten werden, gründet sich auf die Stelle des Propheten =Joel=:
»Die Heiden werden sich aufmachen und herauf kommen zum Thal Josaphat:
denn daselbst will ich sitzen, zu richten alle Heiden um und um.«..
»Schlaget die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt herab, denn die
Kelter ist voll, und die Kelter läuft über, denn ihre Bosheit ist groß.«
»Es werden Haufen Volkes seyn im Thale des Urtheils, denn des Herrn Tag
ist nahe im Thale des Urtheils.«
»Sonne und Mond werden verfinstert und die Sterne ihren Schein
versagen;«
»Und der Herr wird aus Sion brüllen und aus Jerusalem seine Stimme
schallen lassen, daß Himmel und Erde beben. Aber der Herr wird seinem
Volke eine Zuflucht seyn, und eine Feste den Kindern Israel.« (III.
17-21).
Die Auslegung, welche diese Stelle und eine andere desselben Propheten
bei den Juden fanden, mußte in den Jahrhunderten, wo die Religion in
voller Frische Herz und Einbildung der Christen beschäftigte, auch bei
diesen Glück machen. Übrigens ist des Thales Josaphat in keinem anderen
Theile der Bibel gedacht.
Steigt man dies Thal von dem Bend aufwärts, so hat man zur Rechten den
=Berg der Verunreinigung= und dann den =Öhlberg=; zur Linken den =Sion=
und den =Morija=. Der erste trägt seinen Nahmen von der Abgötterei,
die darauf getrieben wurde; »da erhöhte Salomo einen Altar Chamos,
dem Gräuel der Moabiter, auf dem Berge, der vor Jerusalem liegt, und
Molech, dem Gräuel der Ammoniter« (Könige, XI. 7.) Aber Josia reinigte
den Gottesdienst; »auch die Tempel, die vor Jerusalem waren, zur
Rechten am Berge Mashith, welche Salomo, der König Israels, gebaut
hatte Asthoreth, dem Gräuel von Sidon, und Chamos, dem Gräuel von Moab,
und Milkon, dem Gräuel der Kinder Ammon, verunreinigte der König; und
zerbrach die Säulen und rottete aus die Haine und füllete ihre Stätte
mit Menschenknochen« (II. Könige, XXIII.)
In der schmalen Schlucht zwischen dem Sion und Morija, zur Linken des
Pfades, wo ein mächtiger Felsblock sich thürmet, findet man die Quelle
=Rogel=. Sie fließt in ein schönes antikes Becken, und wird aus diesem
durch in den Felsen gehauene Kanäle weitet geführt. Unter dem Becken
ist ein nun unbenutztes Bend. Wohlthuendes Grün ziert diese Schlucht
und ihren Ausgang ins Thal Josaphat, dessen Wände kahl und schon
im April ausgebrannt erschienen, und kaum hie und da einen Öhlbaum
nährten. Der Quelle Rogel erwähnt schon das Buch Josua (XVIII. 16) als
eines der Punkte, welche die Gränze des Gebietes Benjamin bestimmten.
Das zweite Buch Samuels zeigt uns =Jonathan= und =Achimaaz= an dieser
Quelle stehend, »und eine Magd ging hin und sagte ihnen, was =Absolom=
zum Angriffe gegen seinen Vater eingeleitet hatte.« (XVII.) Das erste
Buch der Könige nennt auch den Felsen an der Quelle Rogel: »Und da
Adonia Schafe und Rinder und gemästetes Vieh opferte an dem Felsen
=Soheleth=, der neben der Quelle Rogel steht, lud er alle seine Brüder,
des Königes Söhne und alle Männer Juda, des Königes Knechte; aber den
Propheten Nathan und Benaja, und die Helden und Salomo, seinen Bruder,
lud er nicht.« -- (I. 9. 10.)
Wie geklebt an die Wand des Berges zur Rechten, der Quelle gegenüber,
höchst malerisch zwischen Grabeingängen und Todtenmalen, liegt das
Dorf =Silo= oder =Siloa=, das noch an 30 Häuser hat; nicht zu
verwechseln mit =Silo=, der =Wohnung des Herrn=. (Psalm 78. 60.)
Zur Linken, unten am Kedron, fließt die mit dem Orte gleichbenannte
Quelle =Siloa=, wie die frühere so auch diese in ein antikes Becken. Da
eben türkische Frauen darin sich badeten, so stieg ich nicht in dieß
Becken hinab. An der Quelle, die Nehemias das Becken =Seloah= nennt,
war einst ein Garten der Könige. (III. 15.) Jesaias schreibt =Siloha=
(VIII. 6); eben so Johannes, da er die Heilung des Blindgebornen
erzählt, den Christus an dieser Stelle sich waschen hieß (9.)
Hoch schauen die Mauern der Stadt vom Berge Morija ins Thal des
=Kedron=. Dessen Bette ist tief eingeschnitten, enge; dessen Ufer
sind ohne Baum. Ich fand diesen vielbesungenen Gießbach, dessen die
Bücher Samuels, der Könige und der Chroniken oft erwähnen, ohne Wasser.
Er zieht zwischen Gräbern hin, denn der östliche Abfall des Morija
ist mit türkischen, der westliche des Öhlberges und des Berges der
Verunreinigung mit jüdischen Malen bedeckt. Seit ältester Zeit scheint
dieser Raum Grabstätten gewidmet zu seyn. =Drei= Male ziehen vor Allen
den Blick auf sich. Das erste wird das =Grab Josaphats=, das zweite das
des =Zacharias=, das dritte das des =Absolom= genannt. Alle drei sind
antik, gemischten römisch-morgenländischen Geschmacks und mächtiger
Ausführung. Das =Grab Josaphats= ist ein aus dem Leben des Felsens
gehauenes Tempelchen zu 21 Fuß ins Gevierte und etwa 30 Fuß hoch. Zwei
Säulen und zwei Halbsäulen, die sich an Pfeiler schließen, jonischer
Ordnung, schmücken jede Seite. Auf dem Gesimse läuft ringsum ein
Aufsatz aus Akanthusblättern, etwa 3 Fuß hoch, der mich an das Fries
des Portikus von =Esne= in Oberägypten erinnerte. Dann folgt als Schluß
nach oben eine vierseitige Pyramide, etwa 12 Fuß hoch. Der Eingang ist
verschüttet oder unter der dermaligen Oberfläche. Die Arbeit an diesem
Male ist reich, aber nicht rein. Das ganze Tempelchen steht in einer
aus dem Felsen gehauenen Nische, jetzt sorgsam mit Gräbern belegt.
Durch die nördliche Wand dieser Nische ist ein Gang in den Felsen
gebrochen, der in das =Grab des Zacharias= führt. Dieses besteht aus
einer Folge von Gemächern, unverziert und roh. Das Atrium ist von drei
Säulen getragen. Alles aus dem Felsen gehauen.
Das =Grab Absoloms=, des Sohnes Davids, steht etwas höher und gleich
demjenigen Josaphats in einer Felsnische. Es ist ein Tempelchen zu
24 Fuß ins Gevierte, dessen untere Hälfte, die Zelle, außen mit zwei
ganzen und zwei halben Säulen, die sich an Eckpfeiler lehnen, auf jeder
Seite geschmückt und aus dem Felsen gehauen ist. Der Architrav hat
als Zierrath Triglyphen und dorische Rosen und Tropfen. Die Säulen
aber sind jonischer Ordnung. Das Tempelchen ragt etwa 18 Fuß über den
Boden bis zum Aufsatz über dem Architrave. Daraus ruht ein anderer
Aufsatz aus zwei Vierecken, das obere schmäler, beide aus mächtigen
Werkstücken und mit besonderem Fries geziert. Aus dem zweiten steigt
als Zierde ein Spitzdach, das sich nach oben wie eine Blume aufschließt
und wahrscheinlich mit Akanthus endete. Es gleicht dem obern Theile
des Males des Lysikrates zu Athen. Was gebaut an diesem Male Absoloms
ist, mag 20 Fuß Höhe haben. An der Hinterwand der Felsnische sieht man
ein Tympanon, und darunter blickt ein verschütteter Eingang hervor.
Auch das Grab Absoloms ist innen verschüttet, doch kann man zu oberst
hineinkriechen. Was man da von den Wänden sieht, ist unverziert.
Es versteht sich, daß diese Male nicht aus der Zeit ihrer Namen seyn
können. Josaphat ward im Grabe seiner Väter beigesetzt (Könige XXII.
51.); über Zacharias weiß ich nichts zu sagen; für ein besonderes Mal
Absoloms spricht zwar entschieden folgende Stelle:
»Absolom aber hatte sich ein Mal aufgerichtet, da er noch lebte; das
stehet im Königgrunde. Denn er sprach: ich habe keinen Sohn, darum soll
dieß meines Namens Gedächtniß seyn; und hieß das Mal nach seinem Namen
und heißt auch bis auf den heutigen Tag: =Absoloms Stätte=« (II. Sam.
XVIII. 18.)
Diese Stelle erklärt, nach meiner Ansicht, wohl, warum man dem Male,
das heut zu Tage das Grab Absoloms heißt, diesen Namen gab; nicht aber
beweiset sie, daß der Name richtig gegeben wurde. Die Bauart spricht
klar darüber ab.
Höher hinauf am Kedron, am Fuße des Öhlbergs, zeigt man den Garten
=Gethsemane=, ein mit trockener Haltmauer umfangenes Grasplätzchen,
in welchem acht uralte Öhlbaume stehen. Man glaubt, daß sie aus der
Zeit Christi sind, was durch die Versicherung des Josephus, daß Titus
während der Belagerung alle Bäume auf hundert Stadien in die Runde
niederhauen ließ (_Bell. Jud._ VII. 15), zweifelhaft wird. Indessen im
Jahre der Eroberung Jerusalems durch die Muselmänner bestanden diese
Bäume schon, denn sie zahlen nur acht Medinen; zu einer Medine aber
wurde damals jeder Öhlbaum besteuert. Der Nachwuchs seit der Eroberung
zahlt die Hälfte der Ernte. -- Diese Stelle, mit welchem Auge man sie
ansehen mag, ist eine derjenigen, deren Geschichte unwiderstehlich
die Seele mit Rührung durchdringet. Welcher Held auf der Bühne des
öffentlichen Lebens hat nicht eine Stätte Gethsemane, wo unter der
Last des Neides und Hasses der Feinde, unter den Leiden des Undanks,
der Schwäche und des Leichtsinns der Freunde, wo unter den Vorgefühlen
der schweren Opfer und Prüfungen, wozu jedes edle Streben der Menschen
verdammet, seine Seele trauert und zagt, betrübt bis in den Tod, und
sein Herz fleht, daß, so es möglich sey, die Stunde vorübergehe! In
solchen Augenblicken überzählt man die Wenigen, die wahrhaft an Einem
hängen, und spricht im Geiste zu ihnen: »Bleibet hier und wachet mit
mir!« Aber ach, auch von diesen, wie gering ist die Zahl derer, die
eine Stunde mit ihm wachen! »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist
schwach.« (Matth. 26.)
Die Stelle, wo Christus betete: »Vater, überhebe mich dieses Kelches!
aber dein Wille geschehe, nicht der meine,« lag vom Garten auf
Entfernung eines Steinwurfs. (Luk. 22.) Man weiset eine Grotte an
Gethsemane als diese Stelle, und die Katholiken haben dieselbe zum
Gottesdienste eingerichtet. Nahe daran ist auch die schöne, in eine
Felsnische eingesenkte Kirche über dem =Grabe der heil. Jungfrau=, des
=heil. Joseph=, der =heil. Anna= und des =heil. Joachim=. Man steigt
über fünfzig Stufen in diese Kirche hinab, die nun ausschließend den
Griechen gehört. Von allen Sekten hochverehrt, hatten auch alle eine
Betstelle darin, und selbst die Türken ein frommes Plätzchen, an dem
sie gerne der tiefen Andacht sich hingaben, mit welcher sie überhaupt
Jerusalem betrachten. =Ihnen= ist sie die =heilige Stadt=, =uns= ein
Mährchen von ehemals. Was aber bei uns die wirkliche Geschichte des
Tages ist, das sagen die Worte des Evangelisten: »Und alsbald trat er
zu Jesu und sprach: Gegrüßet seyst Du, und küssete ihn ...« (Matth.
26.)
Gethsemane und der Abhang des Morija war von einer unzähligen Menge
türkischer Frauen und Mädchen besetzt. Auf allen Straßen kamen
türkische Pilger unter Gesängen, lautem Gebet und vorgetragenen
Fahnen und wurden von den Frauen mit dem Entgegenwerfen von Rosen und
Palmzweigen empfangen. Gegen uns Christen hob manche schöne Hand einen
Stein auf. Auch die Muselmänner haben zu unserer Osterzeit heilige
Feste zu Jerusalem, und zwar durch acht volle Tage. Aus Ägypten,
Arabien und Damaskus strömen sie nach der heiligen Stadt, wie wir aus
den Ländern im Abend.
Bei Gethsemane führt eine Steinbrücke über den Kedron. Daran steht eine
tiefe Cisterne. Steigt man nach der Stadt hinauf, so kömmt man an der
Stelle vorüber, wo der =heil. Stephan= gesteiniget wurde (Apostelg.
VII.), und dann nach dem Thore, das nach ihm heißt. Darauf sind vier
Löwen eingehauen. Durch dasselbe gelangt, hat man zur Rechten ein
Wasserbecken, 150 Fuß lang und 40 Fuß breit, mit aufgemauerten Wänden,
ein Bau aus Byzantinerzeit, denke ich, nun als Garten benützt. Die
Priester halten es für das _Stagnum Salomonis_, für die _Piscina
probatica_ oder des Becken =Bethesda=, dessen Wasser man zu den Zeiten
Christi eine heilende Kraft zuschrieb. (Joh. V.).