Jerusalem wollte, trug sich an, mit uns gemeinsame Karawane zu bilden.
Wir gaben dieß gerne zu, und machten uns Abends 9 Uhr bei herrlichem
Mondenschein auf den Weg. Die Frau, die Töchter und Mägde des Malem
reiseten in Tragkörben, je zwei und zwei auf einem Rosse. Da sich auch
ein Paar Türken aus =Ramle= an uns geschlossen hatten, so war unsere
Karawane zahlreich, und bestand aus Katholiken, Griechen, Armeniern und
Mohamedanern, alle zur Pilgerschaft nach der einen und selben Stelle,
=dem heiligen Grabe=, vereiniget! -- Am Dorfe =Kebab= (3 Stunden)
verließen wir die Ebene und traten zwischen Hügel. Dort blieb uns ein
anderes Dorf auf einer Höhe zur Rechten, Ruinen einer Warte in sich,
die im Halbdunkel der Nacht sich riesig ausnahmen (1 Stunde). Ich halte
dieß für die Stelle von =Nikopolis=, die früher =Emmaus= hieß und
nicht zu verwechseln ist mit dem Dorfe =Emmaus=, das nur drei Stunden
(60 Stadien) von Jerusalem entfernt lag. (Luk. 24. 13.) Der Talmud
bezeichnet die Lage von Nikopolis genau durch die Worte: »Von Bethkoron
bis Emmaus ist das Land gebirgig, von Emmaus bis Lydda Feld, und von
Lydda bis ans Meer Ebene.« Das _Itinerarium Veteri Hierosolymitano_
setzt die Entfernung von Emmaus bis Jerusalem auf 22 Miliarien, und
von Emmaus bis Lydda auf 10; was die Entfernung der erwähnten Orte
von diesen beiden bekannten Punkten wirklich ist. =Hieronymus= (im
Commentar zu =Daniel=, Kap. 12) sagt: daß bei Emmaus das Gebirge von
Juda beginnt, was ganz mit der Lage dieses Ortes übereinstimmt. Auch
sieht man einige Reste alter Mauern dort. =Josephus= aber führt an, daß
Emmaus mit Thürmen und Mauern umgeben war. (_Antiq._ XIII. 1.) Keine
Stelle auf dem Wege von Jerusalem bis Lydda oder bis Ramle ladet so
sehr zur Anlage eines Vorwerkes, eines festen Punktes ein, und als
solcher erscheint Nikopolis in mehreren Kriegen der alten Zeit.
In einem bebauten aber engen Thale ruhten wir, und stiegen dann die
steilen und felsigen =Berge von Judäa= hinauf, deren Rücken wir nach
fünf Stunden Weges auf mühsamen und gefährlichen Pfaden erreichten.
Hart unter demselben, an der Ostseite, liegt der Ort =Errit-el-Enneb=,
mit netten und geräumigen Häusern aus Stein, welche Terrassen und
mehrere Stockwerke haben. Er wird von Arabern bewohnt, die uns
freundlich entgegen kamen. Dort steht auch eine verlassene Kirche der
Templer, ein ehrwürdiger Bau, aus drei Schiffen bestehend, jedes zu
sechs Pfeiler; nun Salzmagazin und Viehhürde. Auch andere Reste des
Mittelalters bemerkt man dort. Die nächste Bergspitze krönt der Ort
=Suba=, eine der folgenden =Kaßr=. Man reitet unter dieser weg (50
Min.), steigt einen steilen Pfad hinab und erreicht, ganz im Thale (35
Min.), Ruinen von Kirchen und Hospitien starken Baues. Daran rauscht
ein Bach vorbei, über den eine Steinbrücke führt; am Abhange liegt
das Dorf =Kolonia=, der Sitz eines arabischen Häuptlings, =Bogooz=.
Das Gebirge rings ist unwirthbaren Anblickes; die weißen wagrechten
Lagerungen des Gesteins scheiden Terrasse von Terrasse; aber diese sind
wohlbepflanzt und gesegnet. Nach anderthalb Stunden erreichten wir die
nächste Höhe und ritten über wüstes Steinfeld langsam fort. Da trat im
Osten mehr und mehr hohes Gebirge hervor, einfach, langgestreckt, und
begränzte den Gesichtskreis nach dieser Richtung; es war das Gebirge
=jenseits des todten Meeres=. Im Westen hoben sich Hügel, steinig
und nackt; aber die Schluchten wiesen lebendiges Grün, hochummauerte
Klöster, Kirchlein und Moscheen. Vor uns stieg, olivenbekränzt, eine
Höhe empor, mit Kirchengebäuden zu oberst, es war der =Öhlberg=. Bald
darauf, quer über die Flachhöhe gezogen, erblickten wir hohe Thürme und
Mauern, mächtige Kuppelgebäude und schlanke Minarete, alles von der
Farbe des Felsens und wie daraus gehauen; =Khodeß!= rief der Führer der
Karawane. =Jerusalem!= riefen wir alle -- und sie war es; =die heilige
Stadt stand vor uns!= --
Wir ritten durch das Pilgerthor früh 9 Uhr, und stiegen im Kloster
der =Terra Santa= ab, diesem großen Hospitium aller abendländischen
Pilger, das von einigen vierzig Franziskaner-Mönchen servirt wird,
dermalen durchaus Spanier und Italiener. Unter den Fremden fanden wir
zwei Kapläne der französischen Truppen der Morea, einen Irländer,
mehrere Italiener u. s. w. Der Vorsteher des Klosters und überhaupt
des kirchlichen Kreises des heil. Landes, welcher den Rang eines
insulirten Abtes hat, war in der Kirche zum heil. Grabe eingeschlossen,
wo er während der Charwoche zu bleiben pflegt. Der Prokurator wies uns
einstweilen Zimmer an, und die Mönche waren auf das Freundlichste
beeifert, uns gefällig zu seyn.
Dieses Kloster enthält die Kirche zum heil. Erlöser, und ist ein Bau
mancher Jahrhunderte, ein Labyrinth von Gängen, Stiegen, Gemächern,
Höfen, Gärten und Terrassen, von hohen Mauern umfangen und an die
nördlichen Stadtmauern zwischen die Thore von Damaskus und Betlehem
gelehnt.
Bevor ich irgend einen Gang unternahm, bestieg ich die höchste
Terrasse des Klosters und besah das große Bild der Stadt. Sie deckt
den Ausgang der Flachhöhe, die von Nord nach Süd sanft sich senket,
eben wo dieselbe in mehrere Füße sich theilet, in vier nämlich; davon
fallen zwei nach dem Thale =Josaphat= ab, das nahe am Nordostwinkel
der Stadt seinen Ursprung nimmt und diese vom Öhlberg und weiter vom
Berg der Verunreinigung (_Mons offensionis_, I. Könige 11) scheidet.
Der dritte Fuß trägt das Südwestviertel und fällt im Süden gleichfalls
nach Josaphat, im Westen aber nach einem aus der Flachhöhe in der
Richtung südwest auslaufenden Thale ab; nach diesem auch der vierte,
oder nordwestliche. Im Ganzen geht die allen gemeine Hauptrichtung
der Neigung Ost und Südost. Wo in der Mitte der Stadt die vier Hügel
sich mit sanfter Vertiefung finden, hebt sich ein fünfter, kleiner,
felsiger, wie die Flachhöhe selbst solcher mehrere hat; dieser
ist der =Golgatha=, und dort ragt mit zwei gewaltigen Kuppeln die
Kirche den heiligen Grabes empor. Der nordwestliche Hügel ist der
höchste, und trägt die Burg; der südwestliche, außerhalb der Mauern,
die Gebäude, welche über den Gräbern der Könige David und Salomon
errichtet sind; der südöstliche oder niedrigste die Moschee an der
Stelle des Tempels Salomons. Die Stadt weiset ein Gedränge hoher
Gebäude, alle mit Terrassen gedeckt, zwischen denen die Minarete,
Kuppeln und Dattelpalmen, majestätische Gruppen bildend, emporragen.
Der Öhlberg zur Linken, d. i. im Osten, nur durch das schmale Thal
getrennt, ist höher als die Hügel der Stadt, und begränzet somit die
Aussicht. Nach Süden und Westen strecken sich felsige Höhen, hier
höher, dort niedriger, hin. Die allgemeine Farbe der Landschaft ist die
graue. Grüne Feldstreifen durchziehen sie. Feierliche Ruhe herrscht
in diesem Bilde, die demselben einen vereinenden und unvergleichbaren
Ausdruck gibt. Jerusalem und dessen Umgebung sind keiner anderen Stadt
und keiner anderen Gegend ähnlich. Man kann nicht auf dieser Stelle
stehen, die, geschichtlich betrachtet, die Mutter einer der größten
Weltumwandlungen ist, ohne daß tiefer Ernst das Gemüth überkomme und es
in die Farbe der Landschaft selbst kleide.
Die Bibel erwähnt zum ersten Male Jerusalems im I. Buche Mosis 14.
Kap. 18. V. -- Damals hieß sie =Salem=, d. i. =Friede=! Man nimmt
an, daß sie von =Melchisedech=, der in der angezeigten Stelle als
Herr derselben genannt wird, im J. 2023 gegründet worden sey. Damals
umfaßte sie die Hügel =Morija= und =Akka=. Fünfzig Jahre darauf
eroberten die Jebusäer die Stadt und bauten eine Burg auf dem Hügel
Sion. Sie nannten die Burg nach ihrem Stammherrn Jebusi, Kanaans des
Sohnes Hams, des Sohnes Noahs Sohn (I. Mos. 10) =Jebus=. So wurde
aus Burg und Stadt =Jebus-Salem=, und später mittelst einer in den
morgenländischen Sprachen häufigen Verwechslung mancher Mitlaute,
=Jerusalem=. -- Josua, in seinem Verheerungskriege von Kanaan eroberte
Salem; aber erst =David= verjagte die Jebusäer aus der Burg. Er setzte
sich in derselben fest und nannte sie nach sich. Er erst durfte singen:
»Zu Salem ist Gottes Gezelt und seine Wohnung auf Sion.« (Ps. 76.)
=Salomon= verherrlichte die Königsstadt; aber fünf Jahre nach dessen
Tode zog der Ägypterkönig =Schischak= (der Sesonchis des Manetho und
der Scheschonk der königlichen Ringe des Tempels von Karnack u. s. w.;
siehe meine Erinnerungen aus Ägypten II. _p._ 85) gegen =Roboam= und
plünderte ganz Judäa und auch Jerusalem, »und nahm die Schätze aus dem
Hause des Herrn und aus dem Hause des Königes, und alles, was zu nehmen
war, und die goldenen Schilde, so Salomon hatte machen lassen.« (II.
Chronik 12. Könige 14.) Hundert fünfzig Jahre nach Salomon eroberte
=Joas=, König von Israel, Stadt und Burg, und plünderte beide. (II.
Könige 14.) Der Kampf zwischen Assyrien und Ägypten, der =siebenzig=
Jahre später ausbrach, führte =Sancherib= vor Jerusalem (II. Könige 18,
19. II. Chronik. 32), warf die Stadt und ihren König =Josias= unter die
Waffen des Pharaonen =Neko= (Jerem. 46. II. Könige 23. II. Chronik 35.
36), und endlich unter diejenigen des Babyloniers =Nebukadnezar=, der
die Mauern brach und ganz Juda in Gefangenschaft schleppte. (II. Könige
24. 25. II. Chronik 36.)
=Siebenzig= Jahre nach diesem schweren Gerichte des Himmels, da =Cyrus=
Herr in Asien geworden war und den Juden die Heimath wieder eröffnet
hatte, bauten =Zerubabel=, =Esra= und =Nehemia= Stadt und Tempel wieder
auf. (Esra. Nehem.) Jerusalem diente den =Persern=, bis diese den
=Mazedoniern= erlagen. =Alexander= ging im J. 3573 durch die Stadt.
=Philadelphus= beschenkte den Tempel. =Antiochus Epiphanes= eroberte
und plünderte Jerusalem; die =Makkabäer= errangen ihr die Freiheit.
=Pompejus= unterwarf sie den Römern; =Crassus= beraubte den Tempel;
die =Parther= plünderten sie. =Herodes= schwang sich zum abhängigen
Herrscher auf; er und sein Geschlecht gaben Jerusalem ein Nachbild von
Glanz und Leben; aber Judäa, als römische Provinz, lehnte sich auf, und
=Titus= der Gütige vollbrachte die gänzliche Zerstörung der Stadt.
Vom 14. April bis 1. Juli, Jahr 71 nach Christo, wurden aus einem
einzigen Thore 115,880 Leichen aus der Stadt getragen; im Ganzen gingen
in Jerusalem 1,100,000 Menschen, im Lande aber 238,460 Männer während
dieser Schreckenszeit zu Grunde; 99,200 wurden gefangen und zu dreißig
für einen Denar verkauft. (=Josephus= _de bello Jud._ VI. 16. VII. 17.)
=Hadrian= warf über den Haufen, was bis zu seiner Zeit aufs Neue
gebaut war; baute darauf selbst und zwar nach der Ausdehnung, die noch
besteht. Jerusalem hieß nun _Aelia Capitolina_. Der neue Name brachte
den alten fast in Vergessenheit (_Euseb. de martyr. Palaestinae_ XI.),
weßhalb auch die arabischen Schriftsteller sie häufig nur unter dem
Namen =Aelia= kennen. Als solche wurde sie, im J. 613, von =Kosroes=,
dem Perser, erobert, wobei 90,000 Christen in die Hände der Juden
fielen. Vierzehn Jahre darauf trug Kaiser =Heraklius= das Kreuz wieder
hin. Aber schon im J. 636 fiel sie in die Hände der Bekenner Mohammeds;
=Omar= eroberte sie nach viermonatlicher Belagerung und wurde darin
ermordet. Nach vielem Elend und Jammer, nach mancher Belagerung und
Einnahme in den Kämpfen zwischen den Geschlechtern der Kaliphen, kam
sie zuletzt in die Hände der =Fatimiten=, denen sie die =Kreuzfahrer=
(Freitag, 15. Juli 1099, 3 Uhr Nachmittags) abnahmen. Nun folgten sich
dort =neun= Könige aus fränkischen Rittergeschlechtern, Gottfried v.
=Bouillon=, =Balduin= I., =Balduin= II., =Foulques d'Anjou=, =Balduin=
III., =Amaury=, =Balduin= IV., =Balduin= V. und =Guido Lusignan=, der
Jerusalem im J. 1188 an =Salaheddin= verlor. Für jeden Kopf verlangte
der Sarazene zehn byzantinische Goldstücke Lösegeld; er schätzte also
den Menschen zu höherem Preise als Titus der Gütige. 14,000 Christen
fielen aus Mangel dieser Summe in Sklaverei. Die Kirche zum heiligen
Grabe wurde von den Syrern freigekauft; die übrigen Kirchen wurden in
Moscheen umgewandelt. Im J. 1242 lieferte der Emir =Saleh-Ismail= von
Damaskus, da er gegen den Sultan von Ägypten, =Nehimeddin=, zu Felde
lag, Jerusalem in die Hände der Lateiner. Der Ägypter eroberte die
unglückliche Stadt noch in demselben Jahre, und vertilgte alle Bewohner
darin. Im J. 1291 wurden die Lateiner ganz aus Palästina vertrieben,
und die Krone, die seit =Salaheddin= (trotz dem, daß Kaiser Friedrich
II. mit dem Sultan Jerusalem getheilt, und auf dem heiligen Grabe die
Krönung empfangen hatte) wenig mehr als ein Titel war, kam als solcher
an das Haus Sizilien.
Seit der Eroberung Ägyptens durch =Selim= I., Jahr 1716, wohnt Ruhe in
der von dem Verhängnisse schwerer als irgend eine andere getroffenen
Stadt. Jetzt ist sie dem Pascha von Damaskus untergeordnet und wird
durch einen Statthalter desselben regiert. Sie zählt 21,000 Einwohner,
darunter 8000 Mohammedaner, 3000 Griechen, 5000 Juden, 4000 Armenier
und bei 1000 Katholiken und Maroniten. Ihr heutiger arabischer Name ist
=Khodeß=; dieser ist auch wahrscheinlich ihr ältester bei den Arabern.
=Herodot= nennt sie =Kadytos= (II. 159. III. 5.)
Der erste Weg, den ich durch die Stadt machte, war derjenige quer durch
dieselbe von Nord nach Süd bis ans Thor von Sion und vor dasselbe.
Dort, außerhalb den Mauern, bietet die Flachhöhe einen fast ebenen
Platz von 200 Schritten Breite und 500 Schritten Länge. Ich denke,
daß dahin =Millo= zu setzen komme. (Chron. 12. II. Chron. 32) Darauf
steht zunächst außer dem Thore eine Kirche der Armenier, welche man das
Haus des Hohenpriesters =Kaiphas= nennt (Matth. 26), ein schlechter
Bau, etwa ein Paar Jahrhunderte alt. Weiter ist eine Moschee und
daran ein Hospital; diese waren einst Kirche und Kloster, den Mönchen
zum h. Franziskus von =Donna Sanzia=, Gemahlin des Königs Robert von
Sizilien, im J. 1336 erbaut, und stehen auf der Stelle, wo man das
=Grab Davids= und =Salomons= wissen will und lange verehrte. (Nehemias
III.) Die Bibel sagt jedoch, daß beide in der Burg Davids begraben
wurden. (Könige II. XI.) Vergleichstellen aus =Jeremias= (XXVI. XXXVI.)
lassen vermuthen, daß unter dem =Hause= Davids und der =Burg= Davids
verschiedene Orte verstanden wurden. Auf derselben Stelle soll auch
das Haus =Obed Edoms=, des Gathithers, gestanden haben, wo die Arche
des Herrn drei Monate hindurch beigesetzt blieb, bevor sie in Davids
Burg gebracht wurde. (II. Sam. 6.) In der =neuen= Kirche wird diese
Stelle verehrt als diejenige, wo Christus das letzte Osterfest hielt,
das =Abendmahl= einsetzte, den Aposteln nach der Auferstehung erschien
und den heiligen Geist über sie sandte; wo er Thomas die Finger in
seine Wundmale legen hieß und sprach: »selig sind die, die nicht sehen
und doch glauben;« wo er den Jüngern sagte: »gehet hinaus und prediget
der ganzen Welt!« wo ferner die =erste Kirche= erhöht, der =erste
Bischof= von Jerusalem, St. Jakob der kleinere, geweiht und durch St.
Petrus das =erste Konzilium= gehalten wurde. In den Umfangmauern der
Moschee zeigt man einige ältere Mauerreste, und sagt sie dem Hause
angehörig, worin die Mutter des Heilands verschied. Auf dem freien
Raume neben den erwähnten Gebäuden sind die Grabstätten der Christen,
durch in den Boden gelegte Steine geschieden nach den verschiedenen
Sekten, und eifersüchtig bewacht. -- Ich besah noch Kirche und Kloster
zum =heil. Jakob=, das schönste und reichste aller christlichen
Hospitien in Jerusalem, einst den Katholiken gehörig, aber von diesen
den Armeniern in der nicht erfüllten Hoffnung einer Kirchenvereinigung
abgetreten. Die Wände der Kirche sind bekleidet mit in vergoldete
Rahmen eingelegten Bildern; der Boden, aus feinem geglätteten Marmor,
ist mit köstlichen Teppichen belegt; Kanzel und Thüren sind aus
Schildkröte und Perlenmutter-Reichthum und Kunst zieren vorzüglich
die kleine Kapelle, über der Stelle erbaut, wo der heilige Jakob
enthauptet wurde, und die als ein vorzügliches Heiligthum verehret
wird. Die Pilgerherberge ist geräumig und mit allem Nöthigen für Mann
und Roß reichlich versehen. Es herrscht eine wohlthätige Reinlichkeit
in allen Theilen dieses armenischen Hospitiums. -- Von den weitläufigen
Terrassen genießet man eines herrlichen Ueberblickes der Stadt, denn
dies Gebäude krönt den südwestlichen Hügel, den ich für den =Akka=
halte, während der nordwestliche oder höchste am wahrscheinlichsten
der vielbesungene =Sion= ist. =Morija=, welcher den Tempel trug, und
=Bezetha= sind die beiden östlichen. Mit ganzer Sicherheit läßt sich
eigentlich nur =Morija= bestimmen, denn noch weiset er das geebnete
Feld, vier Stadien ins Gevierte, worauf (_Jos. d. bell._ VI. 6) der
Tempel stand. Da die vier Hügel Abfälle einer und derselben Höhe sind,
so ist häufig =Sion= der allen gemeinsame Name, und noch häufiger
wurden unter dieser Bezeichnung die beiden westlichen, Sion und Akka,
begriffen.
Am Ostersonntage, früh 3 Uhr, also vor Anbruch des Tages, führten uns
die Mönche in die Kirche zum heiligen Grabe; ein ehrwürdiger, mächtiger
Bau; eine Welt, in welcher besonders zur Nachtzeit und bei dem Scheine
von tausend Lichtern und Lampen, das Auge des Pilgers erst spät
sich zurecht findet. Der erste Anblick schlägt mit Verwunderung und
Ehrfurcht. Die Größe und Höhe der Mittelhalle, der Tempel im Tempel,
die Gänge und Kirchen, die Stiegen und Höhlen; die verschiedenen
Völkerschaften, welche =zugleich= den Gottesdienst üben; das Wohnen,
Kaufen und Verkaufen in den Zwischenhallen; die Frömmigkeit, womit
Christ und Mohammedaner vor =demselben= Grabe sich beugen, machen
diesen Tempel zum Mittelpunkte der Welt. Er ist bei Tag und Nacht
besucht und niemals leer. Die Marken der Zeit sind da ohne Kraft.
Am Eingange sah ich eine Zahl reich gekleideter Türken in einer Nische
zur Linken auf Teppichen ruhn und die Pfeife schmauchen. Diese sind die
Zöllner und Wächter des Tempels. Sie nehmen jedem Raja beim Eintritt
vier Piaster d. i. einige zwanzig Kreuzer ab. Franken sind frei, außer
sie wollen sich die heilige Grabstelle, das Allerheiligste, zu Stunden,
wo es geschlossen zu seyn pflegt, öffnen lassen, in welchem Falle sie
ein beliebiges Trinkgeld geben. Während alle Sekten des Christenthums
wie Strahlen in diesem einen Mittelpunkte sich vereinigen, tragen sie
ihren Haß und Neid bis auf diese heilige Stelle mit sich, und schlagen
sich da mit ihren Ketten. Die eine verspottet und verfolgt die andere,
und sucht ihr ein Stückchen Raum oder ein paar Lampen abzudrängen. Die
Türken, mit unstörbarer Ruhe und Würde, halten die Ordnung aufrecht
und gebieten jeder Sekte Achtung für die Rechte und Gebräuche der
übrigen. Sie schreiten vor den Priestern bei den heiligen Umgängen
einher, öffnen das Gedränge des Volkes jetzt für Katholiken, jetzt
für Griechen, jetzt für Armenier, jetzt für Kopten u. s. w., für jede
Sekte nach ihrer Reihe und Weise. Ohne die Türken führen an dem ersten
Festtage die Christen sich einander in die Haare, und machten den
Tempel zur Mördergrube. Das ist die Wahrheit; ich weiß wohl, daß sie
eben keine erfreuliche oder ehrenvolle für uns ist. --
Ich besah alle Heiligthümer, und blieb eine halbe Stunde im
Allerheiligsten. Dann wohnte ich dem österlichen Hochamte und dem
dreimaligen Umgange nach Weise aller Pilger, mit brennender Wachsfackel
in der Hand, bei, und besah zuletzt noch die Ceremonien der Griechen
und Armenier, welche das Palmenfest, zuerst jene, dann diese, mit Amt
und Umgängen feierten. Es war eine große Menschenmenge im Tempel.
Ein Theil des ärmeren Volkes schläft und wohnt darin während der
Festzeit. Das Geschrei des Marktes dringt aus den Hallen. Die Orgel der
Katholiken, die Cymbeln und Metallplatten der Griechen und Armenier,
die Gesänge der Priester und Gläubigen, das Geschwätz der Müßigen,
die Ordnungsrufe der Türken dringen in und durch einander. Manche der
sonderbarsten Gebräuche uralter Verbreitung im Orient, unserer viel zu
verdorbenen Einbildung nicht faßlich, sind da herrschend. Wahrlich, es
ist eine Welt, und rührend der Zusammenfluß der Völker und majestätisch
die Nacht darin.
Ich will mich nicht in eine Kritik der heiligen Stellen einlassen. Der
Glaube thut hierin das Meiste, und einige Klafter zur Rechten oder
Linken thun nichts. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Nachweisung
der heiligen Stellen von den ersten Christen ihren Kindern überliefert
wurde; ja es ist unwahrscheinlich, daß, während die Christen in Asien
und Europa Kirchen baueten, sie nicht die durch ihren Meister und
Heiland merkwürdig gewordenen Stellen gekannt haben sollen, welche die
Zeitgenossen Christi kennen mußten. Sechs und vierzig Jahre nach der
Zerstörung der Stadt durch =Titus= erhielten die Gläubigen von Kaiser
=Hadrian= die Erlaubniß, =über dem Grabe Christi= ein Gotteshaus zu
errichten (_Epit. Bell. Sacror._). Bis Hadrian war aber seit Jakob,
welcher im Jahre 35 nach Christi zum ersten Bischof von Jerusalem
gesalbt worden war, eine ununterbrochene Reihe von Bischöfen. Dieß
und die natürliche Voraussetzung, daß man seit erster Zeit die Gebete
lieber auf geweihten als anderen Stellen gehalten habe, bürgen für die
Treue der Ueberlieferung. =Konstantin= baute eine Basilika über dem
heiligen Grabe. =Hieronymus=, der sich im Jahre 385 nach =Bethlehem=
zurück zog, gibt eine Schilderung der heiligen Stellen, welche die
Einerleiheit der zu seiner Zeit und der heute dafür angesehenen
darthut; =Eusebius= und =Cyrillus= deßgleichen, und =Gregor von Nissa=
eifert gegen den Mißbrauch der Pilgerschaften, denn damals schon kamen
Pilger aus allen Weltgegenden dahin. Die Basilika Konstantins, von
=Kosroes= zerstört, wurde von =Heraklius= wieder hergestellt. =Omar=
ließ den Christen dies Gotteshaus. =Hakem= verwüstete es zum Theile (J.
1009). Die =lateinischen= Könige stellten es her und erweiterten es,
um die Schädelstätte, =Golgatha=, wovon das Grab nur fünfzig Klafter
entfernt liegt, mit einzuschließen. Wir wissen, daß erst Hadrian den
Golgatha mit in die Stadt zog. Nichts natürlicher als daß das Grab
Josephs von Arimathäa sich in dessen Nähe befand. Tausende ähnlicher
Gräber sind rings um Jerusalem, und kaum eine Felsspitze ragt dort über
den Boden, in die nicht ein Grab oder der Eingang zu einem solchen
gehauen wäre. Familiengräber im Fels seines Ackers oder seines Gartens
waren seit ältester Zeit in diesem Lande üblich. Joseph von Arimathäa
hatte aber seinen Garten am Golgatha.
Der Tempel, den die lateinischen Könige hinterließen, hatte 120° Länge,
70° Breite und drei Kuppeln, wovon die über dem heiligen Grabe zu 30
Klafter Durchmesser. Balken von Cedern des Libanons bildeten die Decke.
-- Dieser Tempel verbrannte vor wenigen Jahren. Die Katholiken geben
den Griechen Schuld, den Brand angelegt zu haben. Wahr ist, daß diese
zur Zeit, als das Unglück geschah, die Kapitale und Materialien zum
Bau des heutigen Tempels bereit liegen hatten, und seit sie denselben
ausführten, die Katholiken aus vielen ihrer Vorrechte verdrängten.
Der heutige Tempel ist von der Ausdehnung des früheren. Innerhalb
dem Umfange desselben, nach Art des Allerheiligsten in den meisten
Tempeln der alten Welt, steht als ein für sich geschlossenes Haus
das =Allerheiligste= dieses Tempels, nämlich das =Grab Christi=. Die
Pforte sieht nach Ost und hat 4' Höhe und 2' 4" Breite. Vor derselben
sind zwei große Kandelaber aus Silber aufgerichtet, und an den Seiten
zwei Marmorbänke angebracht; über der Pforte aber, in Marmor gehauen,
sieht man die drei Marien, den Erzengel Gabriel und den auferstehenden
Heiland. Durch diese Pforte tritt man in das erste, ganz mit Marmor
ausgelegte, von zwölf Säulen an den Wänden gestützte Gemach, das des
Engels genannt, weil darin, auf Fußgestelle von Marmor und in Marmor
gefaßt, das Stück Kalkstein bewahrt wird, an welches, wie man glaubt,
von dem Engel, der zu Marien sprach, der Schlußstein des Grabes gelehnt
worden war. »Und der Engel des Herrn kam vorm Himmel herab und wälzte
den Stein von der Thür und setzte sich darauf; Und seine Gestalt war
wie der Blitz und sein Kleid weiß wie der Schnee.« (Matthäi, 28).