H.

Hieran aber habe ich selber schuld. Denn warum will ich auch der

hinanstrebenden jüngeren Welt nicht Platz machen und um zu leben mir den

gewöhnten Genuß des Lebens schmälern: warum ein schwächliches Leben

durch Entsagungen in ungewöhnliche Länge ziehen, die Sterbelisten, in

denen doch auf den Zuschnitt der von Natur schwächeren und ihre

mutmaßliche Lebensdauer mit gerechnet ist, durch mein Beispiel in

Verwirrung bringen, und das alles, was man sonst Schicksal nannte (dem

man sich demütig und andächtig unterwarf), dem eigenen festen Vorsatze

unterwerfen; welcher doch schwerlich zur allgemeinen diätetischen Regel,

nach welcher die Vernunft unmittelbar Heilkraft ausübt, aufgenommen

werden und die therapeutische Formeln der Offizin jemals verdrängen

wird?

Nachschrift.

Vorsorge für die Augen von seiten der Buchdrucker und Verleger.

Den Verfasser der Kunst das menschliche (auch besonders das

litterarische) Leben zu verlängern, darf ich also dazu wohl auffordern,

daß er wohlwollend auch darauf bedacht sei, die Augen der Leser --

vornehmlich der jetzt großen Zahl der Leserinnen, die den Übelstand der

Brille noch härter fühlen dürften -- in Schutz zu nehmen: auf welche

jetzt aus elender Ziererei der Buchdrucker (denn Buchstaben haben doch

als Malerei schlechterdings nichts Schönes an sich), von allen Seiten

Jagd gemacht wird; damit nicht so, wie in Marokko, durch weiße

Übertünchung aller Häuser ein großer Teil der Einwohner der Stadt blind

ist, dieses Übel aus ähnlicher Ursache auch bei uns einreiße, vielmehr

die Buchdrucker desfalls unter Polizeigesetze gebracht werden. -- Die

jetzige Mode will es dagegen anders, nämlich:

1) Nicht mit schwarzer, sondern grauer Tinte (weil es sanfter und

lieblicher auf schönem weißen Papier absteche), zu drucken.

2) Mit Didotschen Lettern, von schmalen Füßen, nicht mit Breitkopfschen,

die ihrem Namen Buchstaben (gleichsam bücherner Stäbe zum Feststehen)

besser entsprechen würden.

3) Mit lateinischer (wohl gar Kursiv) Schrift ein Werk deutschen

Inhalts, von welcher Breitkopf mit Grunde sagte, daß niemand das Lesen

derselben für seine Augen so lange aushalte, als mit der deutschen.

4) Mit so kleiner Schrift als nur möglich, damit für die unten etwa

beizufügenden Noten noch kleinere (dem Auge noch knapper angemessene)

leserlich bleibe(15).

(15) Ich stimme in diese Klage des verehrten Verfassers (mit Ausnahme

des grauen Papiers, woran es unsere Herren Verleger so schon nicht

fehlen lassen) ganz mit ein, und bin überzeugt, daß der größte Teil

der jetzt so auffallend läufiger werdenden Augenschwächen schon an und

für sich in dem weit häufigern Lesen -- besonders dem geschwind Lesen,

was jetzt wegen der weit häufigern Zeitungen, Journale, und

Flugschriften weit gewöhnlicher ist und die Augen unglaublich angreift

-- zu suchen sei und dadurch auch unbeschreiblich vermehrt wird, daß

man beim Druck die Rücksicht auf die Augen immer mehr vernachlässigt,

da sie vielmehr, weil nun einmal das Lesen zum allgemeinen Bedürfnis

geworden ist, vermehrt werden sollte.

Auch ich glaube, daß dabei die den Augen nachteiligsten Fehler dadurch

begangen werden, wenn man auf nicht weißes Papier, mit grauer

Schwärze, mit zu kleinen, oder mit zu zarten, zu wenig Körper

habenden, Lettern druckt; und ich mache es daher jedem Autor, Verleger

und Drucker zur heiligen Pflicht, das Augenwohl ihrer Leser künftig

besser zu bedenken. Besonders ist die blasse Farbe der Buchstaben

äußerst nachteilig, und es ist unverzeihlich, daß es Drucker so häufig

aus elender Gewinnsucht oder Bequemlichkeit darinnen fehlen lassen.

Je größer der Abstand der Buchstabenfarbe von der Farbe des Papiers

ist, desto leichter faßt das Auge das Bild, und desto weniger greift

dieses Auffassen, das Lesen, die Augen an. -- Also recht weißes Papier

und recht schwarze Buchstaben sind es, worum ich die deutschen Herrn

Buchhändler und Buchdrucker im Namen des lesenden Publikums recht

angelegentlich bitte. -- Mögen sie es zur Ehre der deutschen Nation

thun, denn wie schön zeichnen sich darin die ausländischen Drucke

gegen die meisten deutschen aus! Mögen sie es zu Bewahrung ihres

Gewissens thun, denn sie versündigen sich in der That, indem sie

unbewußt Ursache der überhandnehmenden Augenschwäche und Blindheit

werden!

Was aber die lateinischen Lettern als Augenverderber betrifft, so

bitte ich um Erlaubnis, darin andrer Meinung zu sein, und zwar aus

folgenden Gründen:

1) Daß diese Lettern an und für sich den Augen nicht nachteiliger

sind, als unsre deutschen, erhellt daraus, weil sonst in England,

Frankreich und andern Ländern, wo man sich ihrer bedient, die

Augenfehler häufiger sein müßten, als bei uns, welches aber nicht der

Fall ist.

2) Wenn sie also einen Deutschen, der gewohnt ist deutsch zu lesen,

etwas mehr anzugreifen scheinen, so liegt die Ursache bloß darin, weil

er sie nicht gewohnt ist, und das Angreifende verliert sich, sobald er

sich daran gewöhnt hat, und fällt ganz weg, wenn wir gleich von Jugend

auf an diese Lettern gewöhnt werden.

3) Daß diese Lettern, wenn sie klein oder zu mager sind, die Augen

angreifen, ist wahr, aber dasselbe gilt auch von den deutschen, und

ich halte es daher für äußerst nötig, bei der lateinischen Schrift

größere oder fettere Typen zu nehmen; welches auch der einzige Grund

war, warum ich sie bei der Makrobiotik von dieser Beschaffenheit

wählete, ohnerachtet man hie und da darin einen Grund zum Tadel

gefunden hat, -- ein Beweis, daß man gerade dann, wenn man fürs

Publikum sorgt, oft am meisten verkannt werden kann.

Ich finde also keinen medizinischen Gegengrund, der mich von ihrem

Gebrauch abhalten sollte; vieles aber, was mir ihren Gebrauch anriet

und mich dahin gebracht hat, sie häufig zu wählen. Zuerst nämlich

glaube ich, daß unsere Litteratur und Sprache dann ungleich mehr

Eingang in andre Länder finden wird, wenn wir lateinisch drucken, denn

viele Ausländer schreckt schon das Fremde und Unverständliche der

Typen ab, und man wird sich gewiß schwerer zu Erlernung einer Sprache

entschließen, wenn man selbst erst die Form der Lettern studieren muß.

Ich glaube daher, es würde ungemein viel zur litterarischen Verbindung

Europens und zur Beförderung der allgemeinen Gelehrtenrepublik

beitragen, wenn wir uns endlich eben der Typen bedienten, die die

aufgeklärtesten Nationen angenommen haben, und ich glaube, es muß am

Ende dahin kommen. England, selbst Italien, bedienten sich ja noch bis

zu Anfang dieses Jahrhunderts unserer Mönchsschrift und haben sie

dennoch ganz verlassen, welches zugleich beweist, daß wir nicht einmal

deutsche Originalität daran finden können. -- Dazu kommt nun noch der

Grund, daß bei scientifischen, besonders medizinischen, Büchern, wo

viel lateinische _Termini technici_ vorkommen, ein großer Übelstand

fürs Auge entsteht, wenn die deutsche Schrift alle Augenblicke durch

lateinische unterbrochen wird, oder dadurch ein noch schlimmeres Übel

bewirkt wird, daß man diese _Termini technici_ ins Deutsche übersetzt,

wodurch sie nun vollends den Ausländern ganz, und selbst den Deutschen

aus einer andern Provinz zum Teil, unverständlich werden, und sie

wirklich den Vorzug verlieren, _Termini technici_ zu sein.

Ich gebe zu, daß manche ungeübte Leser für jetzt lateinische Lettern

ungern, ja wohl gar nicht lesen; dies gilt aber nicht von

scientifischen Schriften. Man mag also bei Schriften für die niedern

Klassen noch deutsche Lettern gebrauchen, bei allen gebildeten Ständen

beiderlei Geschlechts ist das aber schon jetzt nicht mehr nötig.

Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein · 第 9 / 19 题