H.

Von den Folgen dieser Angewohnheit des Atemziehens mit geschlossenen

Lippen.

Die unmittelbare Folge davon ist, daß sie auch im Schlafe fortwährt, und

ich sogleich aus dem Schlafe aufgeschreckt werde, wenn ich

zufälligerweise die Lippen öffne und ein Atemzug durch den Mund

geschieht: woraus man sieht, daß der Schlaf und mit ihm der Traum, nicht

eine so gänzliche Abwesenheit von dem Zustande des Wachenden ist, daß

sich nicht auch eine Aufmerksamkeit auf seine Lage in jenem Zustande mit

einmische: wie man denn dieses auch daraus abnehmen kann, daß die,

welche sich des Abends vorher vorgenommen haben, früher als gewöhnlich

(etwa zu einer Spazierfahrt) aufzustehen, auch früher erwachen, indem

sie vermutlich durch die Stadtuhren aufgeweckt werden, die sie also auch

mitten im Schlaf haben hören und darauf acht geben müssen. -- Die

mittelbare Folge dieser löblichen Angewöhnung ist: daß das

unwillkürliche abgenötigte Husten (nicht das Aufhusten eines Schleims

als beabsichtigter Auswurf) in beiderlei Zustande verhütet und so durch

die bloße Macht des Vorsatzes eine Krankheit verhütet wird. -- -- Ich

habe sogar gefunden, daß, da mich nach ausgelöschtem Licht (und eben zu

Bette gelegt) auf einmal ein starker Durst anwandelte, den mit

Wassertrinken zu löschen ich im Finstern hätte in eine andere Stube

gehen und durch Herumtappen das Wassergeschirr suchen müssen, ich darauf

fiel, verschiedene und starke Atemzüge mit Erhebung der Brust zu thun

und gleichsam Luft durch die Nase zu trinken, wodurch der Durst in wenig

Sekunden völlig gelöscht war. Es war ein krankhafter Reiz, der durch

einen Gegenreiz gehoben ward.

Denkgeschäft -- Alter.

Krankhafte Zufälle, in Ansehung deren das Gemüt das Vermögen besitzt,

des Gefühls derselben durch den bloßen standhaften Willen des Menschen,

als einer Obermacht des vernünftigen Tieres, Meister werden zu können,

sind alle von der spastischen (krampfhaften) Art: man kann aber nicht

umgekehrt sagen, daß alle von dieser Art durch den bloßen festen Vorsatz

gehemmet oder gehoben werden können. -- Denn einige derselben sind von

der Beschaffenheit, daß die Versuche sie der Kraft des Vorsatzes zu

unterwerfen, das krampfhafte Leiden vielmehr noch verstärken: wie es der

Fall mit mir selber ist, da diejenige Krankheit, welche vor etwa einem

Jahr in der Kopenhagener Zeitung als »epidemischer, mit Kopfbedrückung

verbundener Katarrh« beschrieben wurde(13) (bei mir aber wohl ein Jahr

älter aber doch von ähnlicher Empfindung ist) mich für eigene

Kopfarbeiten gleichsam desorganisiert, wenigstens geschwächt und stumpf

gemacht hat, und, da sich diese Bedrückung auf die natürliche Schwäche

des Alters geworfen hat, wohl nicht anders als mit dem Leben zugleich

aufhören wird.

(13) Ich halte sie für eine Gicht, die sich zum Teil aufs Gehirn

geworfen hat.

Die krankhafte Beschaffenheit des Patienten, die das Denken, insofern es

ein Festhalten eines Begriffs -- der Einheit des Bewußtseins verbundener

Vorstellungen -- ist, begleitet und erschwert, bringt das Gefühl eines

spastischen Zustandes des Organs des Denkens (des Gehirns) als eines

Drucks hervor, der zwar das Denken und Nachdenken selbst ingleichen das

Gedächtnis in Ansehung des ehedem Gedachten eigentlich nicht schwächt,

aber im Vortrage (dem mündlichen oder schriftlichen) das feste

Zusammenhalten der Vorstellungen in ihrer Zeitfolge wider Zerstreuung

sichern soll, und bewirkt selbst einen unwillkürlichen spastischen

Zustand des Gehirns, als ein Unvermögen, bei dem Wechsel der aufeinander

folgenden Vorstellungen die Einheit des Bewußtseins derselben zu

erhalten. Daher begegnet es mir, daß, wenn ich, wie es in jeder Rede

jederzeit geschieht, zuerst zu dem, was ich sagen will, den Hörer oder

Leser vorbereite, ihm den Gegenstand, wohin ich gehen will, in der

Aussicht, dann ihn auch auf das, wovon ich ausgegangen bin,

zurückgewiesen habe -- ohne welche zwei Hinweisungen kein Zusammenhang

der Rede stattfindet -- und ich nun das letztere mit dem ersteren

verknüpfen soll, ich auf einmal meinen Zuhörer, oder stillschweigend

mich selbst, fragen muß: Wo war ich doch? Wovon ging ich aus? Welcher

Fehler nicht sowohl ein Fehler des Geistes, noch des Gedächtnisses

allein, sondern der Geistesgegenwart (im Verknüpfen), d. i.

unwillkürliche Zerstreuung, und ein sehr peinigender Fehler ist, dem man

zwar in Schriften -- zumal den philosophischen, weil man da nicht immer

so leicht zurücksehen kann, von wo man ausging -- mühsam vorbeugen, aber

mit aller Mühe nie völlig vergüten kann.

Mit dem Mathematiker, der seine Begriffe, oder die Stellvertreter

derselben (Größen- und Zahlenzeichen), in der Anschauung vor sich

hinstellen und, daß, soweit er gegangen ist, alles richtig sei,

versichert sein kann, ist es anders bewandt als mit dem Arbeiter im

Fache der, vornehmlich reinen, Philosophie (Logik und Metaphysik), der

seinen Gegenstand in der Luft vor sich schwebend erhalten muß, und ihn

nicht bloß teilweise, sondern jederzeit zugleich in einem Ganzen des

Systems (d. r. V.), sich darstellen und prüfen muß. Daher es eben nicht

zu verwundern ist, wenn ein Metaphysiker eher invalid wird als der

Studierende in einem anderen Fache, ingleichen als Geschäftsphilosophen;

indessen daß es doch einige derer geben muß, die sich jenem ganz widmen,

weil ohne Metaphysik überhaupt es gar keine Philosophie geben könnte.

Hieraus ist auch zu erklären, wie jemand für sein Alter gesund zu sein

sich rühmen kann, ob er zwar in Ansehung gewisser ihm obliegenden

Geschäfte sich in die Krankenliste müßte einschreiben lassen. Denn, weil

das Unvermögen zugleich den Gebrauch und mit diesem auch den Verbrauch

und die Erschöpfung der Lebenskraft abhält, und er gleichsam nur in

einer niedrigeren Stufe (als vegetierendes Wesen) zu leben gesteht,

nämlich essen, sehen und schlafen zu können, was für seine animalische

Existenz gesund, für die bürgerliche (zu öffentlichen Geschäften

verpflichtete) Existenz aber krank, d. i. invalid, heißt: so

widerspricht sich dieser Kandidat des Todes hiemit gar nicht.

Dahin führt die Kunst das menschliche Leben zu verlängern: daß man

endlich unter den Lebenden nur so geduldet wird, welches eben nicht die

ergötzlichste Lage ist(14).

(14) Dies Resultat, so wenig tröstlich es ist, ist vollkommen richtig,

sobald wir an das, was der Mensch im vollkommenen Sinn ist und sein

soll, denken. Aber selbst das Beispiel des würdigen Herrn Verfassers

gibt ja einen sprechenden Beweis, was der Mensch auch im Alter noch

für andere sein kann, wenn die Vernunft immer, wie hier, seine oberste

Gesetzgeberin war. -- Und gesetzt auch, es fehlte ganz an dieser

objektiven und bürgerlichen Existenz, sind uns nicht auch die Ruinen

eines schönen und großen Gebäudes heilig und schätzbar? dienen sie uns

nicht als Denkzeichen des Vergangenen, als Winke der Zukunft, als

Lehre und Beispiel?

Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein · 第 8 / 19 题