Vom Essen und Trinken.
Im gesunden Zustande und der Jugend ist es das Geratenste in Ansehung
des Genusses, der Zeit und Menge nach, bloß den Appetit (Hunger und
Durst) zu befragen; aber bei den mit dem Alter sich einfindenden
Schwächen ist eine gewisse Angewohnheit einer geprüften und heilsam
gefundenen Lebensart, nämlich wie man es einen Tag gehalten hat, es
ebenso alle Tage zu halten, ein diätetischer Grundsatz, welcher dem
langen Leben am günstigsten ist; doch unter der Bedingung, daß diese
Abfütterung für den sich weigernden Appetit die gehörigen Ausnahmen
mache. -- Dieser nämlich weigert im Alter die Quantität des Flüssigen
(Suppen oder viel Wasser zu trinken) vornehmlich dem männlichen
Geschlecht: verlangt dagegen derbere Kost und anreizenderes Getränke
(z. B. Wein), sowohl um die wurmförmige Bewegung der Gedärme -- die
unter allen Eingeweiden am meisten von der _vita propria_ zu haben
scheinen, weil sie, wenn sie noch warm aus dem Tier gerissen und
zerhauen werden, als Würmer kriechen, deren Arbeit man nicht bloß
fühlen, sondern sogar hören kann -- zu befördern und zugleich solche
Teile in den Blutumlauf zu bringen, die durch ihren Reiz das Geäder zur
Blutbewegung im Umlauf zu erhalten beförderlich sind.
Das Wasser braucht aber bei alten Leuten längere Zeit, um, ins Blut
aufgenommen, den langen Gang seiner Absonderung von der Blutmasse durch
die Nieren zur Harnblase zu machen, wenn es nicht dem Blute assimilierte
Teile (dergleichen der Wein ist) und die einen Reiz der Blutgefäße zum
Fortschaffen bei sich führen, in sich enthält; welcher letztere aber
alsdann als Medizin gebraucht wird, dessen künstlicher Gebrauch
ebendadurch eigentlich nicht zur Diätetik gehört. Der Anwandelung des
Appetits zum Wassertrinken (dem Durst), welche großenteils nur
Angewohnheit ist, nicht sofort nachzugeben und ein hierüber genommener
fester Vorsatz bringt diesen Reiz in das Maß des natürlichen
Bedürfnisses, des den festen Speisen beizugebenden Flüssigen, dessen
Genuß in Menge im Alter selbst durch den Naturinstinkt geweigert wird.
Man schläft auch nicht gut, wenigstens nicht tief bei dieser
Wasserschwelgerei, weil die Blutwärme dadurch vermindert wird.
Es ist oft gefragt worden: ob, gleich wie in 24 Stunden nur Ein Schlaf,
so auch in ebensoviel Stunden nur Eine Mahlzeit nach diätetischer Regel
verwilligt werden könne, oder ob es nicht besser (gesunder) sei, dem
Appetit am Mittagstische etwas abzubrechen, um dafür auch zu Nacht essen
zu können. Zeitkürzender ist freilich das letztere. -- Das erstere halte
ich auch in den sogenannten besten Lebensjahren (dem Mittelalter) für
zuträglicher; das letztere aber im späteren Alter. Denn, da das Stadium
für die Operation der Gedärme zum Behuf der Verdauung im Alter ohne
Zweifel langsamer abläuft, als in jüngeren Jahren, so kann man glauben,
daß ein neues Pensum (in einer Abendmahlzeit) der Natur aufzugeben,
indessen daß das erstere Stadium der Verdauung noch nicht abgelaufen
ist, der Gesundheit nachteilig werden müsse. -- Auf solche Weise kann
man den Anreiz zum Abendessen, nach einer hinreichenden Sättigung des
Mittags, für ein krankhaftes Gefühl halten, dessen man durch einen
festen Vorsatz so Meister werden kann, daß auch die Anwandelung
desselben nachgerade nicht mehr verspürt wird.
Von dem krankhaften Gefühl aus der Unzeit im Denken.
Einem Gelehrten ist das Denken ein Nahrungsmittel, ohne welches, wenn er
wach und allein ist, er nicht leben kann; jenes mag nun im Lernen
(Bücherlesen) oder im Ausdenken (Nachsinnen und Erfinden) bestehen. Aber
beim Essen oder Gehen sich zugleich angestrengt mit einem bestimmten
Gedanken beschäftigen, Kopf und Magen oder Kopf und Füße mit zwei
Arbeiten zugleich belästigen, davon bringt das eine Hypochondrie, das
andere Schwindel hervor. Um also dieses krankhaften Zustandes durch
Diätetik Meister zu sein, wird nichts weiter erfordert, als die
mechanische Beschäftigung des Magens, oder der Füße, mit der geistigen
des Denkens wechseln zu lassen und während dieser (der Restauration
gewidmeten) Zeit das absichtliche Denken zu hemmen und dem (dem
mechanischen ähnlichen) freien Spiele der Einbildungskraft den Lauf zu
lassen; wozu aber bei einem Studierenden ein allgemein gefaßter und
fester Vorsatz der Diät im Denken erfordert wird.
Es finden sich krankhafte Gefühle ein, wenn man in einer Mahlzeit ohne
Gesellschaft sich zugleich mit Bücherlesen oder Nachdenken beschäftigt,
weil die Lebenskraft durch Kopfarbeit von dem Magen, den man belästigt,
abgeleitet wird. Ebenso, wenn dieses Nachdenken mit der
krafterschöpfenden Arbeit der Füße (im Promenieren(11)) verbunden wird.
Man kann das Lukubrieren noch hinzufügen, wenn es ungewöhnlich ist.
Indessen sind die krankhaften Gefühle aus diesen unzeitig (_invita
Minerva_) vorgenommenen Geistesarbeiten doch nicht von der Art, daß sie
sich unmittelbar durch den bloßen Vorsatz augenblicklich, sondern allein
durch Entwöhnung, vermöge eines entgegengesetzten Prinzips, nach und
nach heben lassen, und von den ersteren soll hier nur geredet werden.
(11) Studierende können es schwerlich unterlassen, in einsamen
Spaziergängen sich mit Nachdenken selbst und allein zu unterhalten.
Ich habe es aber an mir gefunden und auch von andern, die ich darum
befrug, gehört: daß das angestrengte Denken im Gehen geschwinde matt
macht; dagegen, wenn man sich dem freien Spiel der Einbildungskraft
überläßt, die Motion restaurierend ist. Noch mehr geschieht dieses,
wenn bei dieser mit Nachdenken verbundenen Bewegung zugleich
Unterredung mit einem andern gehalten wird, so, daß man sich bald
genötigt sieht das Spiel seiner Gedanken sitzend fortzusetzen. -- Das
Spazieren im Freien hat gerade die Absicht durch den Wechsel der
Gegenstände seine Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen abzuspannen.
Von der Hebung und Verhütung krankhafter Zufälle durch den Vorsatz im
Atemziehen.
Ich war vor wenigen Jahren noch dann und wann vom Schnupfen und Husten
heimgesucht, welche beide Zufälle mir desto ungelegener waren, als sie
sich bisweilen beim Schlafengehen zutrugen. Gleichsam entrüstet über
diese Störung des Nachtschlafs entschloß ich mich, was den ersteren
Zufall betrifft, mit fest geschlossenen Lippen durchaus die Luft durch
die Nase zu ziehen: welches mir anfangs nur mit einem schwachen Pfeifen,
und da ich nicht absetzte, oder nachließ, immer mit stärkeren, zuletzt
mit vollen und freien Luftzuge gelang, es durch die Nase zu stande zu
bringen, darüber ich dann sofort einschlief. -- Was dieses gleichsam
konvulsivische und mit dazwischen vorfallenden Einatmen (nicht wie beim
Lachen ein kontinuiertes, stoßweise erschallendes) Ausatmen, den Husten
betrifft, vornehmlich den, welchen der gemeine Mann in England den
Altmannshusten (im Bette liegend) nennt, so war er mir um so mehr
ungelegen, da er sich bisweilen bald nach der Erwärmung im Bette
einstellte und das Einschlafen verzögerte. Dieses Husten, welches durch
den Reiz der mit offenen Munde eingeatmeten Luft auf den Luftröhrenkopf
erregt wird(12), nun zu hemmen, bedurfte es einer nicht mechanischen
(pharmazeutischen), sondern nur unmittelbaren Gemütsoperation, nämlich
die Aufmerksamkeit auf diesen Reiz dadurch ganz abzulenken, daß sie mit
Anstrengung auf irgend ein Objekt (wie oben bei krampfhaften Zufällen)
gerichtet und dadurch das Ausstoßen der Luft gehemmet wurde, welches
mir, wie ich es deutlich fühlete, das Blut ins Gesicht trieb, wobei aber
der durch denselben Reiz erregte flüssige Speichel (_saliva_) die
Wirkung dieses Reizes, nämlich die Ausstoßung der Luft, verhinderte und
ein Herunterschlucken dieser Feuchtigkeit bewirkte. -- -- Eine
Gemütsoperation, zu der ein recht großer Grad des festen Vorsatzes
erforderlich, der aber darum auch desto wohlthätiger ist.
(12) Sollte auch nicht die atmosphärische Luft, wenn sie durch die
Eustachische Röhre (also bei geschlossenen Lippen) zirkuliert,
dadurch, daß sie auf diesem dem Gehirn naheliegenden Umwege Sauerstoff
absetzt, das erquickende Gefühl gestärkter Lebensorgane bewirken,
welches dem ähnlich ist, als ob man Luft trinke; wobei diese, ob sie
zwar keinen Geruch hat, doch die Geruchsnerven und die denselben
naheliegende einsaugende Gefäße stärkt? Bei manchem Wetter findet sich
dieses Erquickliche des Genusses der Luft nicht; bei andern ist es
eine wahre Annehmlichkeit sie auf seiner Wanderung mit langen Zügen zu
trinken: welches das Einatmen mit offenem Munde nicht bewährt. -- --
Das ist aber von der größten diätetischen Wichtigkeit, den Atemzug
durch die Nase bei geschlossenen Lippen sich so zur Gewohnheit zu
machen, daß er selbst im tiefsten Schlaf nicht anders verrichtet wird
und man sogleich aufwacht, sobald er mit offenem Munde geschieht, und
dadurch gleichsam aufgeschreckt wird; wie ich das anfänglich, ehe es
mir zur Gewohnheit wurde auf solche Weise zu atmen, bisweilen erfuhr.
-- Wenn man genötigt ist stark oder bergan zu schreiten, so gehört
größere Stärke des Vorsatzes dazu, von jener Regel nicht abzuweichen
und eher seine Schritte zu mäßigen, als von ihr eine Ausnahme zu
machen; ingleichen, wenn es um starke Motion zu thun ist, die etwa ein
Erzieher seinen Zöglingen geben will, daß dieser sie ihre Bewegung
lieber stumm als mit öfterer Einatmung durch den Mund machen lasse.
Meine jungen Freunde (ehemalige Zuhörer) haben diese diätetische
Maxime als probat und heilsam gepriesen und sie nicht unter die
Kleinigkeiten gezählt, weil sie bloßes Hausmittel ist, das den Arzt
entbehrlich macht. -- Merkwürdig ist noch: daß, da es scheint, beim
lange fortgesetzten Sprechen geschehe das Einatmen auch durch den so
oft geöffneten Mund, mithin jene Regel werde da doch ohne Schaden
überschritten, es sich wirklich nicht so verhält. Denn es geschieht
doch auch durch die Nase. Denn wäre diese zu der Zeit verstopft, so
würde man von dem Redner sagen, er spreche durch die Nase (ein sehr
widriger Laut), indem er wirklich nicht durch die Nase spräche, und
umgekehrt, er spreche nicht durch die Nase, indem er wirklich durch
die Nase spricht: wie es Hr. Hofrat Lichtenberg launicht und richtig
bemerkt -- das ist auch der Grund, warum der, welcher lange und laut
spricht (Vorleser oder Prediger), es ohne Rauhigkeit der Kehle eine
Stunde lang wohl aushalten kann; weil nämlich sein Atemziehen
eigentlich durch die Nase, nicht durch den Mund, geschieht, als durch
welchen nur das Ausatmen verrichtet wird. -- Ein Nebenvorteil dieser
Angewohnheit des Atemzuges mit beständig geschlossenen Lippen, wenn
man für sich allein wenigstens nicht im Diskurs begriffen ist, ist
der: daß die sich immer absondernde und den Schlund befeuchtende
Saliva hiebei zugleich als Verdauungsmittel (_stomachale_), vielleicht
auch (verschluckt) als Abführungsmittel wirkt; wenn man fest genug
entschlossen ist sie nicht durch üble Angewohnheit zu verschwenden.