* * * * *
Es gehört unter die krankhaften Gefühle zu der bestimmten und gewohnten
Zeit nicht schlafen, oder auch sich nicht wach halten zu können;
vornehmlich aber das erstere; in dieser Absicht sich zu Bette zu legen
und doch schlaflos zu liegen. -- Sich alle Gedanken aus dem Kopf zu
schlagen ist zwar der gewöhnliche Rat, den der Arzt gibt; aber sie, oder
andere an ihre Stelle, kommen wieder und erhalten wach. Es ist kein
anderer diätetischer Rat, als beim inneren Wahrnehmen oder Bewußtwerden
irgend eines sich regenden Gedanken, die Aufmerksamkeit davon sofort
abzuwenden (gleich als ob man mit geschlossenen Augen diese auf eine
andere Seite kehrte): wo dann durch das Abbrechen jedes Gedanken, den
man inne wird, allmählich eine Verwirrung der Vorstellungen entspringt,
dadurch das Bewußtsein seiner körperlichen (äußern) Lage aufgehoben
wird, und eine ganz verschiedene Ordnung, nämlich ein unwillkürliches
Spiel der Einbildungskraft (das im gesunden Zustande der Traum ist)
eintritt, in welchem, durch ein bewundernswürdiges Kunststück der
tierischen Organisation, der Körper für die animalischen Bewegungen
abgespannt, für die Vitalbewegung aber innigst agitiert wird und zwar
durch Träume, die, wenn wir uns gleich derselben im Erwachen nicht
erinnern, gleichwohl nicht haben ausbleiben können: weil sonst bei
gänzlicher Ermangelung derselben, wenn die Nervenkraft, die vom Gehirn,
dem Sitze der Vorstellungen, ausgeht, nicht mit der Muskelkraft der
Eingeweide vereinigt wirkte, das Leben sich nicht einen Augenblick
erhalten könnte. Daher träumen vermutlich alle Tiere, wenn sie schlafen.
Jedermann aber, der sich zu Bette und in Bereitschaft zu schlafen gelegt
hat, wird bisweilen, bei aller obgedachten Ablenkung seiner Gedanken,
doch nicht zum Einschlafen kommen können. In diesem Fall wird er im
Gehirn etwas Spastisches (Krampfartiges) fühlen, welches auch mit der
Beobachtung gut zusammenhängt: daß ein Mensch gleich nach dem Erwachen
etwa ½ Zoll länger sei, als wenn er sogar im Bette geblieben und dabei
nur gewacht hätte. -- Da Schlaflosigkeit ein Fehler des schwächlichen
Alters und die linke Seite überhaupt genommen die schwächere ist(9), so
fühlte ich seit etwa einem Jahre diese krampfichte Anwandelungen und
sehr empfindliche Reize dieser Art (obzwar nicht wirkliche und sichtbare
Bewegungen der darauf affizierten Gliedmaßen als Krämpfe), die ich nach
der Beschreibung anderer für gichtische Zufälle halten und dafür einen
Arzt suchen mußte. Nun aber, aus Ungeduld, am Schlafen mich gehindert zu
fühlen, griff ich bald zu meinem stoischen Mittel, meinen Gedanken mit
Anstrengung auf irgend ein von mir gewähltes gleichgültiges Objekt, was
es auch sei (z. B. auf den viel Nebenvorstellungen enthaltenden Namen
Cicero), zu heften: mithin die Aufmerksamkeit von jener Empfindung
abzulenken; dadurch diese dann, und zwar schleunig, stumpf wurden, und
so die Schläfrigkeit sie überwog, und dieses kann ich jederzeit, bei
wiederkommenden Anfällen dieser Art in den kleinen Unterbrechungen des
Nachtschlafs, mit gleich gutem Erfolg wiederholen. Daß aber dieses nicht
etwa bloß eingebildete Schmerzen waren, davon konnte mich die des andern
Morgens früh sich zeigende glühende Röte der Zehen des linken Fußes
überzeugen. -- Ich bin gewiß, daß viele gichtische Zufälle, wenn nur die
Diät des Genusses nicht gar zu sehr dawider ist, ja Krämpfe und selbst
epileptische Zufälle (nur nicht bei Weibern und Kindern, als die
dergleichen Kraft des Vorsatzes nicht haben), auch wohl das für
unheilbar verschriene Podagra, bei jeder neuen Anwandlung desselben
durch diese Festigkeit des Vorsatzes (seine Aufmerksamkeit von einem
solchen Leiden abzuwenden) abgehalten und nach und nach gehoben werden
könnte(10).
(9) Es ist ein ganz unrichtiges Vorgeben, daß, was die Stärke im
Gebrauch seiner äußern Gliedmaßen betrifft, es bloß auf die Übung und
wie man früh gewöhnt worden, ankomme, welche von beiden Seiten des
Körpers die stärkere oder schwächere sein solle; ob im Gefechte mit
dem rechten oder linken Arm der Säbel geführt, ob sich der Reiter im
Steigbügel stehend von der rechten zur linken oder umgekehrt aufs
Pferd schwinge &c. Die Erfahrung lehrt aber, daß, wer sich am linken
Fuße Maß für seine Schuhe nehmen läßt, wenn der Schuh dem linken genau
anpaßt, er für den rechten zu enge sei, ohne daß man die Schuld davon
den Eltern geben kann, die ihre Kinder nicht besser belehrt hätten; so
wie der Vorzug der rechten Seite vor der linken auch daran zu sehen
ist, daß der, welcher über einen tiefen Graben schreiten will, den
linken Fuß ansetzt und mit dem rechten überschreitet: widrigen Falls
er in den Graben zu fallen Gefahr läuft. Daß der preußische
Infanterist geübt wird mit dem linken Fuße anzutreten, widerlegt jenen
Satz nicht, sondern bestätigt ihn vielmehr; denn er setzt diesen
voran, gleich als auf ein Hypomochlium, um mit der rechten Seite den
Schwung des Angriffs zu machen, welchen er mit der rechten gegen die
linke verrichtet.
(10) Unglaublich ist es, was der Mensch vermag, auch im Physischen,
durch die Kraft des festen Willens; und so auch durch die Not, die oft
allein einen solchen festen Willen hervorzubringen vermag. Woher kömmt
es, daß die arbeitende, durch Not oder Pflicht zur Arbeit getriebene,
Klasse viel weniger kränkelt, als die müßiggehende? Hauptsächlich
daher, daß jene keine Zeit hat krank zu sein und also eine Menge
Anwandelungen von Krankheiten übergeht, das heißt, in der Arbeit sie
vergißt und dadurch wirklich überwindet und aufhebt, statt daß der
Müßige, den Gefühlen nachgebend und sie pflegend, dadurch oft den Keim
erst zu Krankheiten ausbildet.
Wie oft habe ich diese Erfahrung in meinem Berufsleben an mir selbst
gemacht, und welcher Pflicht- und Berufsmensch hat sie nicht gemacht!
-- Wie oft glaubte ich früh nicht im stande zu sein, wegen
körperlicher Beschwerden das Zimmer zu verlassen -- die Pflicht rief
zum Krankenbett oder aufs Katheder, und so sauer es anfangs wurde,
nach einiger Zeit der Anstrengung war das Übel vergessen, der Geist
siegte über den Leib, und die Gesundheit war wiederhergestellt.
Ja am auffallendsten zeigte sich die Kraft des Geistigen bei
ansteckenden und epidemischen Krankheiten. Es ist eine ausgemachte
Erfahrungssache, daß die, welche guten Mut haben, sich nicht fürchten
und ekeln, am wenigsten angesteckt werden. Aber daß eine schon
wirklich geschehene Ansteckung noch durch freudige Exaltation des
Geistes wieder aufgehoben werden könne, davon bin ich selbst ein
Beispiel. -- Ich hatte in dem Kriegsjahre 1807, wo in Preußen ein
pestartiges Faulfieber herrschte, viele solche Kranke zu behandeln und
fühlte eines Morgens bei dem Erwachen alle Zeichen der Ansteckung,
Schwindel, Kopfbetäubung, Zerschlagenheit der Glieder, genug alle
Vorboten, die bekanntlich mehrere Tage dauern können, ehe die
Krankheit wirklich ausbricht. -- Aber die Pflicht gebot; andere waren
kränker als ich. Ich beschloß, meine Geschäfte wie gewöhnlich zu
verrichten und mittags einem frohen Mahle beizuwohnen, wozu ich
eingeladen war. Hier überließ ich mich einige Stunden ganz der Freude
und dem lauten Frohsinn, der mich umgab, trank absichtlich mehr Wein
wie gewöhnlich, ging mit einem künstlich erregten Fieber nach Hause,
legte mich zu Bett, schwitzte die Nacht hindurch reichlich und war am
andern Morgen völlig hergestellt.