H.

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Es gehört unter die krankhaften Gefühle zu der bestimmten und gewohnten

Zeit nicht schlafen, oder auch sich nicht wach halten zu können;

vornehmlich aber das erstere; in dieser Absicht sich zu Bette zu legen

und doch schlaflos zu liegen. -- Sich alle Gedanken aus dem Kopf zu

schlagen ist zwar der gewöhnliche Rat, den der Arzt gibt; aber sie, oder

andere an ihre Stelle, kommen wieder und erhalten wach. Es ist kein

anderer diätetischer Rat, als beim inneren Wahrnehmen oder Bewußtwerden

irgend eines sich regenden Gedanken, die Aufmerksamkeit davon sofort

abzuwenden (gleich als ob man mit geschlossenen Augen diese auf eine

andere Seite kehrte): wo dann durch das Abbrechen jedes Gedanken, den

man inne wird, allmählich eine Verwirrung der Vorstellungen entspringt,

dadurch das Bewußtsein seiner körperlichen (äußern) Lage aufgehoben

wird, und eine ganz verschiedene Ordnung, nämlich ein unwillkürliches

Spiel der Einbildungskraft (das im gesunden Zustande der Traum ist)

eintritt, in welchem, durch ein bewundernswürdiges Kunststück der

tierischen Organisation, der Körper für die animalischen Bewegungen

abgespannt, für die Vitalbewegung aber innigst agitiert wird und zwar

durch Träume, die, wenn wir uns gleich derselben im Erwachen nicht

erinnern, gleichwohl nicht haben ausbleiben können: weil sonst bei

gänzlicher Ermangelung derselben, wenn die Nervenkraft, die vom Gehirn,

dem Sitze der Vorstellungen, ausgeht, nicht mit der Muskelkraft der

Eingeweide vereinigt wirkte, das Leben sich nicht einen Augenblick

erhalten könnte. Daher träumen vermutlich alle Tiere, wenn sie schlafen.

Jedermann aber, der sich zu Bette und in Bereitschaft zu schlafen gelegt

hat, wird bisweilen, bei aller obgedachten Ablenkung seiner Gedanken,

doch nicht zum Einschlafen kommen können. In diesem Fall wird er im

Gehirn etwas Spastisches (Krampfartiges) fühlen, welches auch mit der

Beobachtung gut zusammenhängt: daß ein Mensch gleich nach dem Erwachen

etwa ½ Zoll länger sei, als wenn er sogar im Bette geblieben und dabei

nur gewacht hätte. -- Da Schlaflosigkeit ein Fehler des schwächlichen

Alters und die linke Seite überhaupt genommen die schwächere ist(9), so

fühlte ich seit etwa einem Jahre diese krampfichte Anwandelungen und

sehr empfindliche Reize dieser Art (obzwar nicht wirkliche und sichtbare

Bewegungen der darauf affizierten Gliedmaßen als Krämpfe), die ich nach

der Beschreibung anderer für gichtische Zufälle halten und dafür einen

Arzt suchen mußte. Nun aber, aus Ungeduld, am Schlafen mich gehindert zu

fühlen, griff ich bald zu meinem stoischen Mittel, meinen Gedanken mit

Anstrengung auf irgend ein von mir gewähltes gleichgültiges Objekt, was

es auch sei (z. B. auf den viel Nebenvorstellungen enthaltenden Namen

Cicero), zu heften: mithin die Aufmerksamkeit von jener Empfindung

abzulenken; dadurch diese dann, und zwar schleunig, stumpf wurden, und

so die Schläfrigkeit sie überwog, und dieses kann ich jederzeit, bei

wiederkommenden Anfällen dieser Art in den kleinen Unterbrechungen des

Nachtschlafs, mit gleich gutem Erfolg wiederholen. Daß aber dieses nicht

etwa bloß eingebildete Schmerzen waren, davon konnte mich die des andern

Morgens früh sich zeigende glühende Röte der Zehen des linken Fußes

überzeugen. -- Ich bin gewiß, daß viele gichtische Zufälle, wenn nur die

Diät des Genusses nicht gar zu sehr dawider ist, ja Krämpfe und selbst

epileptische Zufälle (nur nicht bei Weibern und Kindern, als die

dergleichen Kraft des Vorsatzes nicht haben), auch wohl das für

unheilbar verschriene Podagra, bei jeder neuen Anwandlung desselben

durch diese Festigkeit des Vorsatzes (seine Aufmerksamkeit von einem

solchen Leiden abzuwenden) abgehalten und nach und nach gehoben werden

könnte(10).

(9) Es ist ein ganz unrichtiges Vorgeben, daß, was die Stärke im

Gebrauch seiner äußern Gliedmaßen betrifft, es bloß auf die Übung und

wie man früh gewöhnt worden, ankomme, welche von beiden Seiten des

Körpers die stärkere oder schwächere sein solle; ob im Gefechte mit

dem rechten oder linken Arm der Säbel geführt, ob sich der Reiter im

Steigbügel stehend von der rechten zur linken oder umgekehrt aufs

Pferd schwinge &c. Die Erfahrung lehrt aber, daß, wer sich am linken

Fuße Maß für seine Schuhe nehmen läßt, wenn der Schuh dem linken genau

anpaßt, er für den rechten zu enge sei, ohne daß man die Schuld davon

den Eltern geben kann, die ihre Kinder nicht besser belehrt hätten; so

wie der Vorzug der rechten Seite vor der linken auch daran zu sehen

ist, daß der, welcher über einen tiefen Graben schreiten will, den

linken Fuß ansetzt und mit dem rechten überschreitet: widrigen Falls

er in den Graben zu fallen Gefahr läuft. Daß der preußische

Infanterist geübt wird mit dem linken Fuße anzutreten, widerlegt jenen

Satz nicht, sondern bestätigt ihn vielmehr; denn er setzt diesen

voran, gleich als auf ein Hypomochlium, um mit der rechten Seite den

Schwung des Angriffs zu machen, welchen er mit der rechten gegen die

linke verrichtet.

(10) Unglaublich ist es, was der Mensch vermag, auch im Physischen,

durch die Kraft des festen Willens; und so auch durch die Not, die oft

allein einen solchen festen Willen hervorzubringen vermag. Woher kömmt

es, daß die arbeitende, durch Not oder Pflicht zur Arbeit getriebene,

Klasse viel weniger kränkelt, als die müßiggehende? Hauptsächlich

daher, daß jene keine Zeit hat krank zu sein und also eine Menge

Anwandelungen von Krankheiten übergeht, das heißt, in der Arbeit sie

vergißt und dadurch wirklich überwindet und aufhebt, statt daß der

Müßige, den Gefühlen nachgebend und sie pflegend, dadurch oft den Keim

erst zu Krankheiten ausbildet.

Wie oft habe ich diese Erfahrung in meinem Berufsleben an mir selbst

gemacht, und welcher Pflicht- und Berufsmensch hat sie nicht gemacht!

-- Wie oft glaubte ich früh nicht im stande zu sein, wegen

körperlicher Beschwerden das Zimmer zu verlassen -- die Pflicht rief

zum Krankenbett oder aufs Katheder, und so sauer es anfangs wurde,

nach einiger Zeit der Anstrengung war das Übel vergessen, der Geist

siegte über den Leib, und die Gesundheit war wiederhergestellt.

Ja am auffallendsten zeigte sich die Kraft des Geistigen bei

ansteckenden und epidemischen Krankheiten. Es ist eine ausgemachte

Erfahrungssache, daß die, welche guten Mut haben, sich nicht fürchten

und ekeln, am wenigsten angesteckt werden. Aber daß eine schon

wirklich geschehene Ansteckung noch durch freudige Exaltation des

Geistes wieder aufgehoben werden könne, davon bin ich selbst ein

Beispiel. -- Ich hatte in dem Kriegsjahre 1807, wo in Preußen ein

pestartiges Faulfieber herrschte, viele solche Kranke zu behandeln und

fühlte eines Morgens bei dem Erwachen alle Zeichen der Ansteckung,

Schwindel, Kopfbetäubung, Zerschlagenheit der Glieder, genug alle

Vorboten, die bekanntlich mehrere Tage dauern können, ehe die

Krankheit wirklich ausbricht. -- Aber die Pflicht gebot; andere waren

kränker als ich. Ich beschloß, meine Geschäfte wie gewöhnlich zu

verrichten und mittags einem frohen Mahle beizuwohnen, wozu ich

eingeladen war. Hier überließ ich mich einige Stunden ganz der Freude

und dem lauten Frohsinn, der mich umgab, trank absichtlich mehr Wein

wie gewöhnlich, ging mit einem künstlich erregten Fieber nach Hause,

legte mich zu Bett, schwitzte die Nacht hindurch reichlich und war am

andern Morgen völlig hergestellt.

Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein · 第 6 / 19 题