Ich habe wegen meiner flachen und engen Brust, die für die Bewegung des
Herzens und der Lunge wenig Spielraum läßt, eine natürliche Anlage zur
Hypochondrie, welche in früheren Jahren bis an den Überdruß des Lebens
grenzte. Aber die Überlegung, daß die Ursache dieser Herzbeklemmung
vielleicht bloß mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald
dahin, daß ich mich an sie gar nicht kehrte, und während dessen, daß ich
mich in der Brust beklommen fühlte, im Kopfe doch Ruhe und Heiterkeit
herrschte, die sich auch in der Gesellschaft, nicht nach abwechselnden
Launen (wie Hypochondrische pflegen), sondern absichtlich und natürlich
mitzuteilen nicht ermangelte. Und da man des Lebens mehr froh wird durch
das, was man im freien Gebrauch desselben thut, als was man genießt, so
können Geistesarbeiten eine andere Art von befördertem Lebensgefühl den
Hemmungen entgegensetzen, welche bloß den Körper angehen. Die Beklemmung
ist mir geblieben; denn ihre Ursache liegt in meinem körperlichen Bau.
Aber über ihren Einfluß auf meine Gedanken und Handlungen bin ich
Meister geworden, durch Abkehrung der Aufmerksamkeit von diesem Gefühle,
als ob es mich gar nicht anginge(7).
(7) Selbst bei wirklichen Krankheiten müssen wir wohl unterscheiden,
die Krankheit und das Gefühl der Krankheit. -- Das letztere übertrifft
mehrenteils die erste bei weitem; ja man kann behaupten, man würde die
eigentliche Krankheit, die oft nur in einer örtlich gestörten
Verrichtung eines oft unbedeutenden Teiles besteht, gar nicht
bemerken, wenn nicht die dadurch erregte allgemeine Unlust und
Unbehaglichkeit, oder unangenehmen Gefühle und Schmerzen, unsern
Zustand höchst peinlich machten. Die Gefühle aber, diese Einwirkung
der Krankheit auf das Ganze, stehen großenteils in unserer Gewalt.
Eine schwache, verweichlichte Seele, eine dadurch erhöhte
Empfindlichkeit, wird dadurch völlig übermannt, ein starker,
abgehärteter Geist weiset sie zurück und unterdrückt sie. -- Jedermann
gibt zu, daß es möglich ist, durch ein unerwartetes Ereignis, durch
eine angenehme Zerstreuung, genug durch etwas, was die Seele stark von
sich abzieht, sein körperliches Leiden zu vergessen. -- Warum sollte
dies nun nicht der eigne feste Wille, die eigne Seelenkraft selbst
bewirken können? --
Das größte Mittel gegen Hypochondrie und alle eingebildete Übel, ist
in der That das Objektivieren seiner selbst, so wie die Hauptursache
der Hypochondrie und ihr eigentliches Wesen nichts anders ist, als das
Subjektivieren aller Dinge, das heißt, daß das physische Ich die
Herrschaft über alles erhalten hat, der alleinige Gedanke, die fixe
Idee wird, und alles andere unter diese Kategorie bringt. -- Ich habe
daher immer gefunden, daß, je praktisch-thätiger das Leben eines
Menschen ist, das heißt, je mehr es ihn immer nach außen zieht, desto
sicherer ist er für Hypochondrie. Den besten Beweis geben uns die
praktischen Ärzte. Sie sind unaufhörlich mit Krankheiten beschäftigt,
und Krankheit, Übelbefinden wird zuletzt der herrschende Gegenstand
ihres Denkens. Hier sollte also sehr leicht dasselbe auch der
herrschende Gegenstand ihres Ichs werden, und es müßten folglich alle
Ärzte endlich hypochondrisch werden. -- Und dennoch sehen wir, daß
gerade praktische Ärzte fast nie an Hypochondrie leiden. -- Warum?
Weil sie sich von Anfang an gewöhnen, alle Übel zu objektivieren,
wodurch sie am Ende dahin gelangen, sich selbst und ihre eignen Übel
zu objektivieren, sie von ihrem wahren Ich zu trennen und zum
Gegenstand der Außenwelt und der Kunst zu machen. -- Denn das wahre
Ich wird nie krank.