H.

Übrigens ist das Philosophieren, ohne darum eben Philosoph zu sein, auch

ein Mittel der Abwehrung mancher unangenehmer Gefühle, und doch zugleich

Agitation des Gemüts, welches in seine Beschäftigung ein Interesse

bringt, das von äußern Zufälligkeiten unabhängig und ebendarum, obgleich

nur als Spiel, dennoch kräftig und inniglich ist und die Lebenskraft

nicht stocken läßt. Dagegen Philosophie, die ihr Interesse am Ganzen des

Endzwecks der Vernunft -- der eine absolute Einheit ist -- hat, ein

Gefühl der Kraft bei sich führt, welches die körperlichen Schwächen des

Alters in gewissem Maße durch vernünftige Schätzung des Werts des Lebens

wohl vergüten kann. -- Aber neu sich eröffnende Aussichten zur

Erweiterung seiner Erkenntnisse, wenn sie auch gerade nicht zur

Philosophie gehörten, leisten doch auch ebendasselbe, oder etwas dem

Ähnliches; und, sofern der Mathematiker hieran ein unmittelbares

Interesse (nicht als an einem Werkzeuge zu anderer Absicht) nimmt, so

ist er insofern auch Philosoph und genießt die Wohlthätigkeit einer

solchen Erregungsart seiner Kräfte in einem verjüngten und ohne

Erschöpfung verlängerten Leben.

Aber auch bloße Tändeleien in einem sorgenfreien Zustande leisten, als

Surrogate, bei eingeschränkten Köpfen fast ebendasselbe, und, die mit

Nichtsthun immer vollauf zu thun haben, werden gemeiniglich auch alt. --

Ein sehr bejahrter Mann fand dabei ein großes Interesse, daß die vielen

Stutzuhren in seinem Zimmer immer nacheinander, keine mit der andern

zugleich, schlagen mußten; welches ihn und den Uhrmacher den Tag über

genug beschäftigte, und dem letztern zu verdienen gab. Ein anderer fand

in der Abfütterung und Kur seiner Sangvögel hinreichende Beschäftigung,

um die Zeit zwischen seiner eigenen Abfütterung und dem Schlaf

auszufüllen. Eine alte begüterte Frau fand diese Ausfüllung am

Spinnrade, unter dabei eingemischten unbedeutenden Gesprächen, und

klagte daher in ihrem sehr hohen Alter, gleich als über den Verlust

einer guten Gesellschaft, daß, da sie nunmehr den Faden zwischen den

Fingern nicht mehr fühlen konnte, sie für Langerweile zu sterben Gefahr

liefe.

Doch, damit mein Diskurs über das lange Leben Ihnen nicht auch

Langeweile mache und ebendadurch gefährlich werde, will ich der

Sprachseligkeit, die man als einen Fehler des Alters zu belächeln,

wenngleich nicht zu schelten pflegt, hiemit Grenzen setzen.

Von der Hypochondrie.

Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne ein

bestimmtes Objekt, mutlos zu überlassen -- mithin ohne den Versuch zu

machen, über sie durch die Vernunft Meister zu werden -- die

Grillenkrankheit (_hypochondria vaga_(6)), welche gar keinen bestimmten

Sitz im Körper hat und ein Geschöpf der Einbildungskraft ist und daher

auch die dichtende heißen könnte -- wo der Patient alle Krankheiten, von

denen er in Büchern liest, an sich zu bemerken glaubt, -- ist das gerade

Widerspiel jenes Vermögens des Gemüts über seine krankhaften Gefühle

Meister zu sein, nämlich Verzagtheit, über Übel, welche Menschen

zustoßen könnten, zu brüten, ohne, wenn sie kämen, ihnen widerstehen zu

können; eine Art von Wahnsinn, welchem freilich wohl irgend ein

Krankheitsstoff (Blähung oder Verstopfung) zum Grunde liegen mag, der

aber nicht unmittelbar, wie er den Sinn affiziert, gefühlt, sondern als

bevorstehendes Übel von der dichtenden Einbildungskraft vorgespiegelt

wird; wo dann der Selbstquäler (_Heautontimorumenos_), statt sich selbst

zu ermannen, vergeblich die Hilfe des Arztes aufruft; weil nur er

selbst, durch die Diätetik seines Gedankenspiels, belästigende

Vorstellungen, die sich unwillkührlich einfinden, und zwar von Übeln,

wider die sich doch nichts veranstalten ließe, wenn sie sich wirklich

einstellten, aufheben kann. -- Von dem, der mit dieser Krankheit

behaftet, und solange er es ist, kann man nicht verlangen, er solle

seiner krankhaften Gefühle durch den bloßen Vorsatz Meister werden.

Denn, wenn er dieses könnte, so wäre er nicht hypochondrisch. Ein

vernünftiger Mensch statuiert keine solche Hypochondrie: sondern, wenn

ihm Beängstigungen anwandeln, die in Grillen, d. i. selbst ausgedachte

Übel, ausschlagen wollen, so fragt er sich, ob ein Objekt derselben da

sei. Findet er keines, welches gegründete Ursache zu dieser Beängstigung

abgeben kann, oder sieht er ein, daß, wenn auch gleich ein solches

wirklich wäre, doch dabei nichts zu thun möglich sei, um seine Wirkung

abzuwenden, so geht er mit diesem Anspruche seines inneren Gefühls zur

Tagesordnung, d. i. er läßt seine Beklommenheit (welche alsdann bloß

topisch ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie ihn nichts anginge) und

richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geschäfte, mit denen er zu thun

hat.

(6) Zum Unterschiede von der topischen (_hypochondria abdominalis_).

Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein · 第 3 / 19 题