2) Lange oder (wiederholentlich, durch Mittagsruhe) viel schlafen ist
freilich ebensoviel Ersparnis am Ungemache, was überhaupt das Leben im
Wachen unvermeidlich bei sich führt, und es ist wunderlich genug sich
ein langes Leben zu wünschen, um es größtenteils zu verschlafen. Aber
das, worauf es hier eigentlich ankömmt, dieses vermeinte Mittel des
langen Lebens, die Gemächlichkeit, widerspricht sich in seiner Absicht
selbst. Denn das wechselnde Erwachen und wieder Einschlummern in langen
Winternächten ist für das ganze Nervensystem lähmend, zermalmend und in
täuschender Ruhe krafterschöpfend: mithin die Gemächlichkeit hier eine
Ursache der Verkürzung des Lebens. -- Das Bett ist das Nest einer Menge
von Krankheiten.
3) Im Alter sich zu pflegen oder pflegen zu lassen, bloß um seine
Kräfte, durch die Vermeidung der Ungemächlichkeit (z. B. des Ausgehens
in schlimmem Wetter) oder überhaupt die Übertragung der Arbeit an
andere, die man selbst verrichten könnte, zu schonen, so aber das Leben
zu verlängern, diese Sorgfalt bewirkt gerade das Widerspiel, nämlich das
frühe Altwerden und Verkürzung des Lebens. -- -- Auch daß sehr alt
gewordene mehrenteils verehelichte(4) Personen gewesen wären, möchte
schwer zu beweisen sein(5). -- In einigen Familien ist das Altwerden
erblich, und die Paarung in einer solchen kann wohl einen Familienschlag
dieser Art begründen. Es ist auch kein übles politisches Prinzip zu
Beförderung der Ehen, das gepaarte Leben als ein langes Leben
anzupreisen; obgleich die Erfahrung immer verhältnisweise nur wenig
Beispiele davon an die Hand gibt, von solchen, die nebeneinander
vorzüglich alt geworden sind; aber die Frage ist hier nur vom
physiologischen Grunde des Altwerdens, -- wie es die Natur verfügt,
nicht vom politischen, wie die Konvenienz des Staats die öffentliche
Meinung seiner Absicht gemäß gestimmt zu sein verlangt.
(4) Hierwider möchte ich doch die Beobachtung anführen: daß
unverehelichte (oder jung verwitwete) alte Männer mehrenteils länger
ein jugendliches Aussehen erhalten, als verehelichte, welches doch auf
eine längere Lebensdauer zu deuten schein. -- Sollten wohl die
letztern an ihren härteren Gesichtszügen den Zustand eines getragenen
Jochs (davon _conjugium_), nämlich das frühere Altwerden verraten,
welches auf ein kürzeres Lebensziel hindeutet?
(5) Ich habe mich bei Aufstellung dieses Grundsatzes in meiner
Makrobiotik bloß durch die Erfahrung leiten lassen. Es stießen mir bei
meinen Nachforschungen über das höchste Alter so viele Verheiratete
auf, daß ich dadurch zuerst aufmerksam gemacht wurde. Ich fand nämlich
bei allen Alten einen sehr beträchtlichen Überschuß auf seiten der
Verheirateten: von den außerordentlich hohen Alten (d. h.
120-160jährigen) fand ich durchaus gar keinen unverheiratet; ja sie
hatten alle mehrmals und größtenteils noch in den letzten Zeiten ihres
Lebens geheiratet. Dies allein bewog mich zu den Vermutungen von
Einfluß der Zeugungskraft und des Ehestands aufs lange Leben, für die
ich dann erst die theoretischen Gründe aufsuchte.