Lege auch einen Abschnitt aus der »Kölnischen Zeitung« bei, aus dem Du
lernst, wie überfüllt alles und wie schwer hier das Fortkommen für die
jungen Leute ist.
Du kannst Dir kaum denken, wie deprimierend das auf den Charakter
der jungen Leute wirkt, so bis an die dreißig Jahre herumzulungern,
äußerlich den hoffnungsvollen Mann spielen zu müssen, und inwendig
einen Placken an den anderen setzen, um nur die Blöße decken zu können.
So sind viele Siegburger Apotheker geworden und finden sich nicht
besonders wohl dabei. Ohne die Fonds, eine eigene Apotheke erwerben zu
können, soll das Fach sehr schlechte Stellungen bieten.
»~Homo sum~«[19] habe in den Weihnachtstagen gelesen und mich recht
dabei amüsiert. Verstand dadurch auch um so viel besser die Philosophie
Deines letzten Briefes. Es ist mir sehr lieb, wenn Du Dich derart über
Deine innersten Gedanken öfters aussprichst. Dergleichen vermindert den
Raum, der zwischen uns liegt.
Der Anachoret Paulus hat mir viel Vergnügen gemacht, aber auch die
Episode zwischen Polykarp und Vater und Mutter.
Die freiwillige Armut und Abstinenz hat gewiß ihre gute Seite, nur mußt
Du Dich erinnern, daß sie aus der heidnischen Völlerei hervorgegangen,
und daß die Armut so einseitig ist wie die Völlerei, die Wahrheit
oder Vernunft nun aber die Umfassung beider Extreme erfordert, nicht:
entweder -- oder, sondern: sowohl -- als auch. Sowohl reich wie
arm. Wir wollen unsere Begierden mäßigen, unsere Lebensart auf das
einfachste reduzieren, ohne zu vergessen, daß solche Reduktion den
Zweck hat, uns reicher zu machen, reicher sowohl an materiellen wie an
geistigen Gütern. Beide Güterarten gehören durchaus zusammen und sind
nur Formen oder Arten eines Guts, des Guten schlechthin.