1. Januar 1882.

Lege auch einen Abschnitt aus der »Kölnischen Zeitung« bei, aus dem Du

lernst, wie überfüllt alles und wie schwer hier das Fortkommen für die

jungen Leute ist.

Du kannst Dir kaum denken, wie deprimierend das auf den Charakter

der jungen Leute wirkt, so bis an die dreißig Jahre herumzulungern,

äußerlich den hoffnungsvollen Mann spielen zu müssen, und inwendig

einen Placken an den anderen setzen, um nur die Blöße decken zu können.

So sind viele Siegburger Apotheker geworden und finden sich nicht

besonders wohl dabei. Ohne die Fonds, eine eigene Apotheke erwerben zu

können, soll das Fach sehr schlechte Stellungen bieten.

»~Homo sum~«[19] habe in den Weihnachtstagen gelesen und mich recht

dabei amüsiert. Verstand dadurch auch um so viel besser die Philosophie

Deines letzten Briefes. Es ist mir sehr lieb, wenn Du Dich derart über

Deine innersten Gedanken öfters aussprichst. Dergleichen vermindert den

Raum, der zwischen uns liegt.

Der Anachoret Paulus hat mir viel Vergnügen gemacht, aber auch die

Episode zwischen Polykarp und Vater und Mutter.

Die freiwillige Armut und Abstinenz hat gewiß ihre gute Seite, nur mußt

Du Dich erinnern, daß sie aus der heidnischen Völlerei hervorgegangen,

und daß die Armut so einseitig ist wie die Völlerei, die Wahrheit

oder Vernunft nun aber die Umfassung beider Extreme erfordert, nicht:

entweder -- oder, sondern: sowohl -- als auch. Sowohl reich wie

arm. Wir wollen unsere Begierden mäßigen, unsere Lebensart auf das

einfachste reduzieren, ohne zu vergessen, daß solche Reduktion den

Zweck hat, uns reicher zu machen, reicher sowohl an materiellen wie an

geistigen Gütern. Beide Güterarten gehören durchaus zusammen und sind

nur Formen oder Arten eines Guts, des Guten schlechthin.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 47 / 78 题