... Daß die Amerikaner angespannter arbeiten wie die Leute hier,
weiß ich wohl aus eigener Erfahrung; aber was die Entschädigung
durch Vergnügen anbelangt, dünkt mir doch, daß diese Sucht hier noch
schlimmer ist. Die Bierbank und öde Gesellschaft ist wohl nirgends
mehr gepflegt wie in unserem deutschen Philisterium. New York und die
Großstädte machen eine Ausnahme, sonst im Innern des Landes ist nach
meiner Erfahrung der Amerikaner ein sehr ernster Mann, der mehr die
Einsamkeit liebt und pflegt wie irgendeine andere Nation.
Leider lebt in aller Welt die Volksmasse noch immer in einer geistigen
Wüste. Mit der Tatsache, daß Du an Deiner inneren Ausbildung mehr
arbeiten möchtest, als Dir die Stellung vergönnt, mußt Du Dich eben
abfinden, so gut es angeht. Es ist das ein Weltleiden. Darum war bisher
auch alle geistige Entwicklung hauptsächlich das Werk der bevorzugten
Klassen, und fand die aristokratische Konstitution der Gesellschaft
früher auch ihre Berechtigung darin, daß die Masse arbeiten mußte,
damit die wenigen Muße hatten zur Förderung der Kultur. Jetzt darf auch
die Masse Muße fordern, weil eben die Kultur so weit gediehen ist, daß
der nötige Proviant in einem Viertel der alten Zeit beschafft werden
kann.
Das Reisen im Staate New York muß Dir doch Vergnügen machen. Die
Natur ist da ja wirklich besonders schön, namentlich zwischen Albany
und Buffalo sind sehr schöne felsige Gebirgspartien. Aber auch die
Gegend am Hudson hat mir gefallen. Empfehle Dir, Washington Irvings
»Sketchbook« zu lesen, und wenn Du etwas Ernstes studieren willst,
rate Dir sehr an, Dich mit der Literaturgeschichte aller Zeiten und
Völker zu beschäftigen. Die englische Literatur, die Dir am leichtesten
zugänglich, ist wohl die schönste von allen; aber natürlich hat jedes
Volk seine besonderen reizvollen Eigentümlichkeiten. Mit Zeitungen und
dergleichen rate ich Dir nicht, die schöne gute Zeit zu vertrödeln.