22. Dezember 1881.

... Daß die Amerikaner angespannter arbeiten wie die Leute hier,

weiß ich wohl aus eigener Erfahrung; aber was die Entschädigung

durch Vergnügen anbelangt, dünkt mir doch, daß diese Sucht hier noch

schlimmer ist. Die Bierbank und öde Gesellschaft ist wohl nirgends

mehr gepflegt wie in unserem deutschen Philisterium. New York und die

Großstädte machen eine Ausnahme, sonst im Innern des Landes ist nach

meiner Erfahrung der Amerikaner ein sehr ernster Mann, der mehr die

Einsamkeit liebt und pflegt wie irgendeine andere Nation.

Leider lebt in aller Welt die Volksmasse noch immer in einer geistigen

Wüste. Mit der Tatsache, daß Du an Deiner inneren Ausbildung mehr

arbeiten möchtest, als Dir die Stellung vergönnt, mußt Du Dich eben

abfinden, so gut es angeht. Es ist das ein Weltleiden. Darum war bisher

auch alle geistige Entwicklung hauptsächlich das Werk der bevorzugten

Klassen, und fand die aristokratische Konstitution der Gesellschaft

früher auch ihre Berechtigung darin, daß die Masse arbeiten mußte,

damit die wenigen Muße hatten zur Förderung der Kultur. Jetzt darf auch

die Masse Muße fordern, weil eben die Kultur so weit gediehen ist, daß

der nötige Proviant in einem Viertel der alten Zeit beschafft werden

kann.

Das Reisen im Staate New York muß Dir doch Vergnügen machen. Die

Natur ist da ja wirklich besonders schön, namentlich zwischen Albany

und Buffalo sind sehr schöne felsige Gebirgspartien. Aber auch die

Gegend am Hudson hat mir gefallen. Empfehle Dir, Washington Irvings

»Sketchbook« zu lesen, und wenn Du etwas Ernstes studieren willst,

rate Dir sehr an, Dich mit der Literaturgeschichte aller Zeiten und

Völker zu beschäftigen. Die englische Literatur, die Dir am leichtesten

zugänglich, ist wohl die schönste von allen; aber natürlich hat jedes

Volk seine besonderen reizvollen Eigentümlichkeiten. Mit Zeitungen und

dergleichen rate ich Dir nicht, die schöne gute Zeit zu vertrödeln.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 46 / 78 题