22. September 1881.

So angenehm, wie unter guten Umständen das Leben in einem kleinen

deutschen Landstädtchen ist, so heillos verpestet ist die Luft darin,

wenn der »Kampf ums Dasein« gefordert wird.

Du schreibst, daß Du gern an das ideale Leben zurückdenkst, das Du hier

geführt. Es wäre schade, wenn es anders wäre, doch auch schade, wenn

eine krankhafte Sehnsucht Dir den Reiz der Gegenwart verkümmerte und

Dein Streben erschlaffte. Muß gestehen, ich habe in diesem Punkte so

etwas Furcht und Sorge um Dich und freue mich deshalb ungemein, wenn

ich aus Deinen Briefen zuweilen sehen kann, daß Dein Gemüt heiter und

Deine Stimmung durchgehends energisch ist. Sentimentale Augenblicke

hat jeder. Du mußt Dir einmal klar vorstellen, worin der Reiz des

hiesigen Lebens denn eigentlich besteht. Von den Leuten nach Herkommen,

Stand und Aufführung gekannt zu sein und dadurch Achtung, Vorzug,

Teilnahme und Entgegenkommen zu genießen, das ist gleichsam eine Würze

des Lebens, die einen Pulsschlag hineinbringt, der gewiß nicht zu

verachten ist. Aber solche Ingredienzien sind auch nur wirksam, wenn

der +Stoff+ gut ist, dem sie beigemischt werden. Um diesen Stoff zu

erhalten -- erhalten im Sinne von konservieren +und+ erwerben -- bist

Du hinausgegangen, und wenn Du nun auch von der Würze einstweilen viel

entbehren mußt, so sollst Du doch nicht verkennen, daß man, wenn nur

der Lebens+stoff+ gegeben ist, sich das andere auch anderswo leicht

verschaffen kann.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 44 / 78 题