16. Oktober 1880.

Dein Gedanke, eventuell auch Anstreicher und Dekorateur werden zu

können, hat mich froh gemacht. Der Reichtum aller Länder entwickelt

sich stark und der Amerikas doppelt schnell; das sichert dem

dekorativen Bedürfnis eine steigende Zukunft. Die Kunst soll dem

Menschen dienen, mithin praktische Verwendung finden. Wenn Du Dich auf

solchem gleichsam handwerkmäßigem Wege zum Künstler ausbilden kannst,

das wäre ein rechter Weg. Aber nur ja nicht voreilig! Der kaufmännische

Weg, auf dem Du gegenwärtig wandelst, gehört mit dazu und würde auch

dazu später unberechenbare Vorteile gewähren. Ebenso der Umgang mit der

Färberei in K.s Fabrik.

Versäume nichts, wo es etwas zu lernen gibt. Auch den mechanischen,

maschinellen Teil betrachte nicht als außerhalb der Sphäre. In der

modernen Industrie hängt alles mit den Maschinen zusammen. Denke nicht,

ich mute Dir zuviel zu. Nur ein paar Handtäste, eben wissen, wie man

eine Sache angreift, ist oft von großem Wert.

Nun möchte ich Dir noch warm empfehlen, unter allen Umständen wahre

Bildung, nicht die mit Gänsefüßchen, nicht die »Bildung«, hochzuhalten

und besonders in Amerika nicht zu vergessen, daß man schachern soll für

das Leben, aber nicht leben für den Schacher. Auch im Urteil gegen

und über Deine Umgebung nie hart, sondern stets human zu sein. Um

liebenswürdig zu handeln, muß man liebenswürdig denken; Tugenden und

Fehler stecken immer ineinander; auch der Bösewicht ist ein guter Kerl,

und der Gerechte sündigt des Tages siebenmal.

Mich verfolgt seit früher Jugend ein logisches Problem, »die letzten

Fragen alles Wissens«. Das sitzt mir wie ein Stein im Kopf. Wenn im

Laufe meiner vergangenen Jahre die Not herantrat, konnte ich es auf

ein paar Jahre verlieren; aber nach hergestellter Ordnung der Dinge

kam es immer wieder, und immer verstärkter und klarer, so daß mir

erst in den letzten Jahren die Überzeugung gewachsen ist, es sei

meine Lebensaufgabe, sowohl innerer Seelenfriede wie die sittliche

Pflicht fordern Hingabe und Arbeit für dasselbe. Daher kommt es auch,

daß ich immer danach strebe, einen Associé zu finden, der mir helfen

soll, die ökonomische Bürde zu tragen. Daher meine Unfähigkeit, das

Detailgeschäft hier ohne Hilfe zu betreiben. Mein Sinnen geht überall

dahin, den Kopf leer zu halten, damit ich dem Problem nachhängen kann.

Seit den letzten Jahren bin ich gar übel daran, es steht mit mir auf

und geht mit mir schlafen, und die leiblichen Sorgen gestatten mir doch

keine Ruhe, um viel daran zu tun.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 36 / 78 题