23. November 1880.

Du hast sicher noch zuviel des verkehrten europäischen Spleens im

Kopf. Eugen! Eugen! sei klug! Ich helfe gern, doch hilf Du auch.

Verschiedenen Arbeiten einen verschiedenen Rang beilegen und nicht das

für das Höchste halten, was just der Zweck erfordert -- ohne weitere

Rücksicht --, das ist ein heilloser europäischer Spleen, der noch

von der alten Gewohnheit herrührt, das Volk in Herren und Knechte

einzuteilen. Ich merke, Du bist unwillig und räsonierst in Dir über

Dinge, die doch gar natürlich sind und nicht anders sein können. Daß K.

seinen Sohn protegiert und ihm mehr glaubt wie Dir, auch dessen Fehler

leichter übersieht wie die Deinigen, ist gar zu natürlich. Du läßt

Dich zuviel von Deinen Sympathien und Antipathien mitnehmen. Dem muß

man widerstehen. Wenn K.s Sohn auch mürrisch und launisch ist, laß ihn

sein; es ist nicht Deine Aufgabe, ihn zu ändern, sondern zu ertragen

und das möglichst Beste daraus zu machen.

Du scheinst auch überempfindlich zu sein. Denke doch, daß die Leute

uns nichts schuldig sind und es immerhin für den Anfang angenehmer

für Dich ist, unter Bekannten als unter Wildfremden zu sein. Ist K.

einsilbig und verschlossen, nun, das ist eben seine Weise; die legt er

ja nicht an, Dich zu verletzen, und kannst nicht verlangen, daß er sie

um Deinetwillen ablegt. Ich weiß, die Amerikaner sind übermäßig von

sich eingenommen und sehen auf Europa und speziell auf die Deutschen

übermütig herab. Das kränkt anfangs, aber Du mußt überwinden und das

Heilmittel in Dir, nicht an anderen suchen. Stolz und selbstbewußt,

das ist recht und dabei doch zart sein. Dir selber nichts vergeben und

anderen alles.

Das kleine mobile Vermögen, das ich noch besitze, sind Blutstropfen,

die wohl müssen zu Rat gehalten werden. Wenn Du von K. aufbrichst,

darf es nicht im Trotz geschehen; nicht Dich überwerfen mit K.,

kein unartiges Wort: ~suaviter in modo, fortiter in re~! Wenn Du

so handelst, bin ich bei Dir bis zum letzten Cent. Aber nur nicht

rappelig! Versuch es noch ernstlicher mit dem jungen K. als bisher.

Nimm Dir vor, durch ein hartes Wort Dich nicht aus dem Konzept bringen

zu lassen. Ist er unartig, die Unartigkeit fällt auf ihn zurück -- sei

Du deshalb doppelt artiger. Zeige Dich immer unabhängig, dabei nie

beleidigt; Du mußt Deinen Stolz demütigen um der Sache willen, und ihn

doch behalten und ihn gebrauchen, +wenn Du die Macht hast+; aber nie

etwas wollen, was man nicht kann. Das Recht ist nur ein Begriff, aber

das Faktum die Wahrheit -- also immer nach dem Faktischen handeln, nie

nach Gefühlen und Reizbarkeiten. Sprich Dich mit K. aus. Sage ihm

alles, was Du auf dem Herzen hast, mit Abwälzung alles Kleinlichen.

Strebe unabhängig und selbständig nach Deinem Zweck, welcher vorerst

nur dahin geht, eine Stellung zu haben, worin Du 6 oder 8 Dollar

wöchentlich verdienst; kannst Du das nicht beim jetzigen Prinzipal,

bei K. erreichen, dann gebe Dir wohl den Anschein der Geduld, aber

strebe ungeduldig danach, anderweitig Dein Heil zu versuchen, und

benachrichtige mich zur rechten Zeit, daß ich Dir Geld schicke.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 37 / 78 题