Dietzgens pädagogische und Lebensweisheit.
Der dritte Band von Josef Dietzgens Sämtlichen Schriften führt den
Titel »Erkenntnis und Wahrheit«, weil er eine erweiterte Ausgabe
des gleichnamigen Buches ist, das Eugen Dietzgen im Jahre 1908 --
zum zwanzigsten Todestag seines Vaters -- erscheinen ließ; es ist
eine Sammlung von Briefen, Zeitschriftartikeln und kleinen Aufsätzen
vermischten, teils philosophischen, teils nationalökonomischen,
teils feuilletonistischen Inhalts; ein anderer Teil ist speziell der
Propaganda des Sozialismus gewidmet. (»Zehn Briefe über Sozialismus
an eine Jugendfreundin«.) Eine auszugsweise Wiedergabe des dritten
Bandes in der vorliegenden Publikation erübrigt sich, weil unseres
Autors naturmonistische Denklehre und Weltanschauung, deren Verbreitung
dieses Büchlein dienen soll, in den die ersten zwei Bände umfassenden
Schriften enthalten und in den sie resümierenden Abschnitten dieses
Buches dargelegt ist. Wer die ersten zwei Bände studiert hat, wird an
den vermischten Schriften des dritten Bandes um so größeres Vergnügen
finden, als die Lektüre desselben dem mit des Autors Philosophie
nunmehr Vertrauten keine schwere Denkarbeit fortan auferlegt, sondern
ihn befähigt, die Wirksamkeit von Josef Dietzgens Lehren in ihrer
Anwendung auf das allgemeine Denkgebiet wie auf die Lebenspraxis,
einschließlich der politischen Taktik, zu beobachten.
Wenn der Marxist Josef Dietzgen nationalökonomische Themata behandelt,
über die soziale Frage spricht und über den Sozialismus, ist es
naturgemäß etwas anderes und etwas +mehr+ -- zumindest durch die
philosophische Beleuchtung --, als was der +Nur+marxist zu geben hat,
wenn ihm weder Poesie die Flügel beschwingt, noch Philosophie den
Horizont erweitert. Der Monismus des Alls, der Universalzusammenhang,
wie ihn Dietzgen lehrt, ist bisher von der sozialdemokratischen Partei
so gut wie gar nicht fruktifiziert worden, obwohl unser Autor am
Schluß seiner Vorrede zum »Akquisit« ausdrücklich darauf hingewiesen
hat, wie »der Zusammenhang und Ineinanderfluß der Dinge auch auf die
Frage von >mein und dein< einen mächtigen und klärenden Bezug hat«.
So vernachlässigte man bisher in der sozialdemokratischen Partei eins
der ausgiebigsten Mittel zur Vertiefung sozialistischer Erkenntnis:
die Übertragung der monistischen Lehre auf das soziale Gebiet, auf das
Verhältnis der Menschen zueinander.
Kein Autor ist besser geeignet, als Dietzgen, Sozialisten zu Monisten
-- wenn sie es noch nicht sind -- und aus Monisten Sozialisten zu
machen. Letzteres gilt nicht zum wenigsten vom dritten Band, dessen
sämtliche Stücke, was kaum besonders hervorgehoben zu werden braucht,
in der Auffassung wie im Stil sich durch die Originalität, die unserem
Autor überhaupt zu eigen ist, auszeichnen und Anregung zum Selbstdenken
reichlichst bieten.
Als von einer in hervorragender Weise wertvollen Gabe darf hierbei
die Rede sein von den »Privatbriefen Josef Dietzgens an seinen Sohn
in Amerika« (1880 bis 1884), die den dritten Band eröffnen, nebst
dem Geleitwort Eugen Dietzgens hierzu. Es ist anzunehmen, daß jeder,
der für den Philosophen Josef Dietzgen Interesse gewonnen hat, sich
freuen wird, daß ihm Gelegenheit geboten ist, den merkwürdigen Menschen
etwas näher kennen zu lernen, aus dessen »Autodidaktenfeder« die
unvergleichlich schönen und erhabenen Preisungen der Einheit des Alls
geflossen sind. In Verbindung mit dem den ersten Band einleitenden
Lebensabriß Josef Dietzgens durch seinen Sohn Eugen geben jene
Privatbriefe des Vaters an ihn ein völlig klares Bild des seltenen
Mannes, der seine Handwerker-Mußestunden der Lösung schwierigster
philosophischer Probleme erfolgreich gewidmet hat; und sie zeigen uns
nicht nur das unablässige Ringen des +Philosophen+ um die Erkenntnis,
sondern auch den +Menschen+ Josef Dietzgen und besonders ihn als
Familienvater und Musterpädagogen; wir sehen, wie er seine und der
Seinigen Existenzfrage ventiliert und sie in großzügiger Weise zu lösen
versteht -- kurz, einen Denker, den die Theorien nicht für die Praxis
verdorben hatten.
Josef Dietzgen, der Arbeiterphilosoph, war dreimal in Amerika; von Juni
1849 bis Herbst 1851, von 1859 bis 1861 und von Ende Juni 1884 bis zu
seinem am 15. April 1888 erfolgten Tode.
Im Frühjahr 1880 schickte er seinen ältesten Sohn Eugen, nachdem dieser
mit dem Reifezeugnis für die Prima das Progymnasium seiner Heimat
Siegburg absolviert hatte, als »Quartiermacher« für die Familie nach
den Vereinigten Staaten. Der junge Mann wäre lieber daheim geblieben,
um das Gymnasialabiturientenexamen zu machen, die Universität zu
beziehen und Gymnasiallehrer zu werden. Der Vater aber riet ihm, nach
Amerika auf »die Hochschule des Lebens« zu gehen; dort könnte er sich
eine bessere Existenz gründen und zugleich die jüngeren Geschwister
mitversorgen helfen, um deren Zukunft Josef Dietzgen sehr besorgt
war, weil sein kleinbürgerliches Geschäft, eine Lohgerberei, von
Jahr zu Jahr durch kapitalistische Konkurrenz uneinträglicher wurde.
Eugen sollte in Amerika irgendeinen kaufmännischen oder technischen
Erwerbszweig erlernen; in einigen Jahren wollte der Vater mit den
anderen Kindern nachfolgen und ihn eventuell mit dem Rest seines
Vermögens bei Begründung eines eigenen Geschäfts unterstützen.
Dieser Plan wurde mit glänzendem Erfolg durchgeführt.
Aus den Briefen des Vaters an den Sohn (1880 bis 1884) sollen hier
einige der wichtigsten Stellen mitgeteilt werden. Wir lernen aus
ihnen den ganzen +Josef Dietzgen+ kennen: wie er schafft, für seine
Familie sorgt, seine Kinder erzieht, und wie er das Martyrium des
philosophischen Forschers trägt, der in seiner schwierigen Denkarbeit
durch die Notwendigkeit, zunächst die materielle Existenz der Seinigen
sicherzustellen, sich zeitweilig gehindert sieht, aber keine der beiden
unerläßlichen Aufgaben über der anderen vergißt.
Voll Rührung und Bewunderung liest man diese Briefe, die uns +die
pädagogische Kunst und die Lebensweisheit Josef Dietzgens+ zeigen, in
zweiter Linie aber auch allen denen von Nutzen sein werden, die -- ohne
die väterliche Fürsorge eines so weisen Ratgebers -- das Experiment
unternehmen, im fernen Ausland ihr Glück zu suchen.
Der hier vorliegende Auszug bildet etwa den vierten Teil der im
dritten Band der »Sämtlichen Schriften Josef Dietzgens« abgedruckten
»Privatbriefe an den Sohn in Amerika«.