27. Mai 1880.

Hoffentlich sind bei Ankunft dieses die Gemütsmucken so ziemlich

überwunden und die Seele wieder frisch. Ohne alles Weh kann so etwas

nicht hergehen. Gefühle hat und muß der Mensch haben, aber sie müssen

dem Verstand unterworfen werden. Wenn Dir also, lieber Eugen, für den

Augenblick die Fremde nicht blitzt und schimmert und wenig Anregung

bieten will, wenn Dir die fremden Menschen nicht gefallen wollen

und nur immer an die Lieben und Bekannten traurig erinnern, die Du

zurückgelassen, dann vertreibe Dir und kannst Du Dir die Traurigkeit

recht schnell mit dem Gedanken vertreiben, daß es eben nur Stimmung,

vorübergehende Stimmung ist; daß das, was Dir monatelang ein guter Plan

geschienen hat, nicht durch eine momentane Gemütsfarbe schlecht werden

kann.

Schiffe Dich nur getrost auf meine Verantwortung ein. Wenn Du Dir Land

und Leute angesehen und dann zurückverlangst, werde ich jederzeit alles

tun, was möglich ist, um Deine Wünsche zu befriedigen. Wenn mich aber

meine Hoffnung nicht trügt, wirst Du Quartiermacher für uns alle sein.

Sieh her! Der Gedanke, daß Du eine Mission hast, muß Dir Mut machen.

Und es ist eine ernste Mission. Was hilft uns alle Schönheit des

Vaterlandes, wenn es das tägliche Brot nicht geben will. Mit diesem

Gedanken mußt und kannst Du der Fremde, den fremden Menschen, dem

fremden Sonnenschein, den fremden Häusern, Zimmern und Eckchen, worin

Du Dich kauern mußt, Poesie, Romantik abgewinnen. Ich habe immer viel

davon gehabt, und Du hast auch davon, ich weiß es, hast von mir davon

geerbt. Poesie und Romantik verklären das Leben unendlich, verklären

den Genuß wie die Entbehrung. Nimm sie zur Hilfe, lieber Eugen, und

lebe wohl und schreibe oft und ausführlich.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 27 / 78 题