X.

Das Akquisit der Philosophie.

Das »Akquisit der Philosophie« ist 1887 -- in Dietzgens letztem

Lebensjahr -- in Chicago geschrieben. In der Vorrede erzählt unser

Autor, wie er in den vierziger Jahren aus der Lektüre von Zeitungen

und Schriften der extremen Lager -- der preußischen Reaktion und

der freidenkerischen Revolutionäre -- zur Erkenntnis kam, daß »der

Geist beider Heerlager aus dem Akquisit der Philosophie, zunächst aus

der Hegelschen Schule stammte«. Damit wollte er wohl sagen, daß die

fundamentalen Prämissen der Gerlach, Stahl und Leo das historisch

+Gewordene+ als Bleibendes zur Voraussetzung hatten, während dasselbe

für Feuerbach, Marx und Engels etwas +fortschreitend+ Veränderliches

war; das eine wie das andere läßt sich »hegelisch« etikettieren, je

nachdem man es mit dem +Sein+ oder dem +Werden+ hält; in Hegel ist Raum

für Konservativismus wie für Fortschritt.

Nach Dietzgens Vorhaben sollte das »Akquisit der Philosophie« eine

verbesserte Auflage des »Wesens der Kopfarbeit« sein -- alter Wein in

einem neuen Schlauch; darin hat er sich wohl getäuscht; das »Akquisit«

ist zwar eine Fortsetzung und Ergänzung, aber kein Ersatz seines ersten

Werkes, das vielmehr sein Hauptwerk geblieben.

Im ersten Abschnitt »Die Erkenntnis als Spezialobjekt« (der

Philosophie) sagt er: Im griechischen Altertum hatte das Wort

Philosophie (Weisheitsliebe) eine andere Bedeutung als heute.

Bei den Griechen war es gänzlich unentschieden, ob der Philosoph

(Weisheitsliebender) Mathematiker oder Astronom, ob er sich die

Arzneiwissenschaft, die Redekunst oder die Lebenskunst zum Gegenstand

seiner Forschungen machte. Die Fächer lagen da ineinandergerollt wie

der Embryo im Mutterschoß. Als die Menschheit noch wenig wußte, konnte

man schon ein Weiser sein; aber heute muß man sich spezialisieren,

muß man sich einer +speziellen+ Wissenschaft befleißigen, weil das

Forschungsgebiet zu reich geworden ist. Der Philosoph ist heute kein

Weiser mehr, sondern ein Spezialist.

Die Philosophie hat auch heute noch die Erkenntnis zu ihrem Gegenstand;

aber nicht mehr die unbestimmte, welche +alles+ erkennen will, sondern

-- wie soll ich es populär ausdrücken? -- sie hat die Erkenntnis

als solche, die Methode der Erkenntnis zu ihrem Zwecke erwählt, sie

will erkennen, +wie es gemacht wird+, andere Objekte mit dem Lichte

des Verstandes zu durchleuchten. Um es recht deutlich zu sagen:

nicht mehr die Erkenntnis, die alles wissen will, wie zur Zeit des

Sokrates, sondern der Verstand als Spezialobjekt, das Denk- oder

Erkenntnisvermögen ist zum Forschungsgegenstand der Philosophie

geworden.

Die heutige Erkenntnistheorie ist eine wirkliche Wissenschaft. Die

Altväter zum Beispiel suchten die Erkenntnis ~à la~ Sokrates und

Platon, mit Verachtung der äußeren Erfahrung, in den Eingeweiden des

Menschenkopfes. Sie glaubten durch +Grübeln+ die Wahrheit zu erforschen.

Schon Aristoteles hatte mehr Sinn für die äußere Welt.

Mit der alten Kultur ging natürlich auch die alte Philosophie unter,

bis sie vor einigen hundert Jahren, im Anfang der neueren Zeit, endlich

wieder frisch auflebte.

Von Aristoteles bis Bacon hat die Philosophie geschlafen, wenigstens

kein merkliches Akquisit gefördert. Erst nachdem die gesamte Kultur

die menschliche Erkenntnis so weit gefördert hat, daß nunmehr das

intellektuelle Licht von allen Disziplinen der Wissenschaft ausstrahlt,

wird sich die Philosophie ihres Spezialobjektes bewußt und vermag ihr

Akquisit aus dem Wuste der Vergangenheit herauszuschälen.

Das Akquisit der Philosophie, die erforschte Erkenntnis oder das

erforschte Erkenntnisvermögen, ist daher neben den Gütern der

Wissenschaft ein ebenso wertvoller Schatz der Menschheit wie die

Methodik der modernen Produktion neben den materiellen Gütern des

Nationalreichtums.

Im zweiten Abschnitt wird Dietzgens aus den früheren Schriften

bekannter Hauptlehrsatz »Das Erkenntnisvermögen hängt mit dem Universum

verwandtschaftlich zusammen« erörtert:

Die +Technik der Erkenntnis+ wurde von der gesamten Kulturbewegung

zutage gefördert -- als philosophisches Akquisit. Die gesamte

Kulturbewegung hat den Philosophen auf die Strümpfe geholfen.

Die Geschichte der Philosophie ist ein saures Ringen mit der Frage: was

ist und was tut, aus welchen Teilen besteht und welcher Natur ist die

Erkenntnis oder Intelligenz, die Vernunft, der Verstand usw?

Das vornehmlichste Akquisit bei der Lösung dieses Problems ist die sich

in unseren Tagen immer heller und präziser geltend machende Erkenntnis,

daß die Natur des menschlichen Intellekts mit der Gesamtnatur von

+einer+ Gattung, von +einer+ Art oder +einem+ Geschlecht ist; der

Menschengeist ein bestimmter, begrenzter Teil des unbegrenzten Kosmos,

der Natur oder des Universums ist.

Wie ein Stück Eichenholz die zwieschlächtige Eigenschaft besitzt, neben

seiner eichenen Spezialnatur nicht nur an der allgemeinen Holznatur,

sondern auch +an der unendlichen Allgemeinheit+ der Generalnatur

teilzunehmen, so ist auch der Intellekt eine begrenzte Spezialität,

welche zugleich die Eigenschaft besitzt, als ein Teil des Universums

selbst universal zu sein und sich seiner und aller Universalität

bewußt zu werden. Die unendliche universelle, kosmische Natur steckt

im Intellekt, im menschlichen sowohl als im tierischen, wie sie im

Eichenholz, in allen anderen Hölzern, in allen Stoffen und Kräften

steckt. Die weltliche, monistische Natur, welche vergänglich und

unvergänglich, begrenzt und unbegrenzt, speziell und generell zugleich

ist, befindet sich in allem und alles befindet sich in dieser Natur

-- die Erkenntnis oder das Vermögen der Erkenntnis macht davon keine

Ausnahme.

»Inwiefern ist der Intellekt beschränkt und unbeschränkt?« lautet die

Überschrift des dritten Abschnitts.

Die Erkenntnis ist ein Vermögen neben anderen, und alles, was neben

anderem liegt, ist davon beschränkt und begrenzt. Wir können alles

erkennen, aber wir können auch alles betasten, sehen, hören, riechen

und schmecken; wir haben auch das Vermögen herumzuwandeln und

dergleichen Vermögen noch mehr. Eine Kunst beschränkt die andere,

und doch ist jede in +ihrem Gebiet+ unbeschränkt. Die verschiedenen

menschlichen Vermögen gehören zusammen und machen zusammen den

menschlichen Reichtum aus.

Der Verstand des Menschen ist beschränkt, wie sein Gesicht beschränkt

ist. Das Auge kann durch eine Glasscheibe hindurchsehen, aber nicht

durch ein Brett; gleichwohl werden wir es für keine Beschränktheit

irgendeines Auges halten, wenn es die Bretter nicht durchschauen

kann. Diese drastischen Gleichnisse sind zeitgemäß, weil es gelehrte

Herren gibt, die mit der bedächtigsten Miene von der Welt den Finger

an die Nase legen und auf die Beschränktheit unseres Intellekts +in

dem Sinne+ aufmerksam machen, als +sei das+ Erkennen, das auf dieser

Erde wissenschaftlich produziert wird, +nur so ein nominelles, aber

gar kein eigentliches+ Wissen und Kennen. Der menschliche Intellekt

wird so zum »Surrogat« irgendeines »höheren« Intellekts herabgewürdigt,

der ahnungsvoll in dem kleinen Kopfe eines Heinzelmännchens oder in

dem großen eines allmächtigen Wolkenschiebers nicht entdeckt, aber

»geglaubt« werden soll. Jetzt ist der Intellekt erkannt als eine

begrenzte, beschränkte, natürliche Erscheinung, Kraft oder Potenz,

welche nicht unermeßlich, wohl aber gleich allen anderen Kräften und

Stoffen ein Teil des Unermeßlichen, Ewigen und Unbegrenzten ist.

Die Kenntnis des Universums, des Unbegrenzten ist uns sowohl angeboren

als durch Erfahrung gegeben. Angeboren ist dem Menschen diese

Kenntnis, ähnlich wie ihm die Sprache angeboren ist, nämlich in der

Keimform, und die Erfahrung gibt uns das Unbegrenzte in negativer

Weise; wir erfahren nirgends und von keinem Dinge Anfang oder Ende.

Ganz im Gegenteil hat uns die Erfahrung positiv darüber aufgeklärt,

daß alle vermeintlichen Anfänge und Enden nur Zusammenhänge des

unendlichen, unermeßlichen, unerschöpflichen und unauskenntlichen

Universums sind. Gegenüber dem kosmischen Reichtum ist der Intellekt

allerdings ein armer Schlucker, was ihn nicht hindert, andererseits das

vollkommenste Instrument zu sein, um die begrenzten Erscheinungen des

unbegrenzten Naturwesens in klarster und deutlichster Weise konterfeien

zu können.

Das Thema wird im vierten Abschnitt »Von der Allgemeinheit der Natur«

fortgesetzt:

Was sich in der Natur widerspricht, soll unser Kopf auflösen. Wenn er

so viel Selbstkenntnis besitzt, zu wissen, daß er keine Ausnahme von

der allgemeinen Natur, sondern ein natürliches Stückchen desselben

Stoffes ist (trotzdem er sich »Geist« nennt), so weiß er und muß

er zugleich wissen, daß seine Klarheit sich von der natürlichen

Verworrenheit, daß sich die Lösung des Rätsels vom Rätsel selbst

nur ganz mäßig unterscheiden kann. Nur durch mäßige Unterscheidung

lösen sich die Widersprüche, nur durch die erkenntnistheoretische

Wissenschaft, daß überschwengliche Grundverschiedenheiten eben nur

+Überschwenglichkeiten+ sind.

Behufs dessen müssen wir uns vergegenwärtigen, daß es nur +ein+ Wesen

gibt und alle anderen sogenannten Wesen als unwesentliche Formen des

Generalwesens zu erkennen sind, welches letztere mit den Namen Natur

oder Universum bezeichnet wird.

Ursprünglich also zu Übertreibungen im Unterscheiden geneigt, hat

man das menschliche Erkenntnisvermögen für ein Wesen von anderer

Natur angesehen als die natürlichen Wesen, welche neben und außer dem

Intellekt existieren. Nun ist aber zu bemerken, daß jedes Stückchen

der Natur ein »anderes« individuelles Naturstückchen ist, und ferner,

daß jeder andere und anders geartete individuelle Teil trotzdem und

zugleich auch +kein anderer, sondern ein gleichartiges+ Stück der

Generalnatur ist. Die Sache ist gegenseitig: das allgemeine Naturwesen

besteht nur mittels der unendlich vielen individuellen Spezialitäten,

und diese wieder bestehen nur in dem, mit dem und durch das allgemeine

kosmische Gesamtwesen.

Unser Intellekt ist ein Teil des Unerschöpflichen und hat also auch

teil an seiner unerschöpflichen Natur. Der Naturteil, welcher den Namen

Intellekt führt, ist nur insofern beschränkt, wie der Teil kleiner ist

als das Ganze.

Der fünfte Abschnitt »Wie das Erkenntnisvermögen ein Stück der

Menschenseele ist« knüpft an die Theorie des Psychophysikers Fechner

an, nach der alle leblosen wie lebenden Wesen eine Seele haben:

Fechner ist ein Dichter, und der Dichter sieht Ähnlichkeiten, die der

nüchterne Kopf nicht sieht; dabei müssen wir aber zugeben, wie der

nüchterne Kopf, der überall +nur die Unterschiede+ sieht, ein sehr

erbärmlicher Kopf ist.

Wenn der Unterschied zwischen Menschen und Steinen nicht so groß ist,

daß solch ein genialer Kopf wie Fechner sie als gemeinsam beseelt mit

Fug und Recht darstellen kann, so wird doch auch -- was Fechner noch

entgangen -- der Unterschied zwischen Leib und Seele nicht so groß

sein, daß gar keine Ähnlichkeit, keine Gemeinschaft stattfände. Ist die

Luft und der Duft nicht ein ätherischer Leib?

Alle Dinge sind so ähnlich, daß ein guter Dichter aus allem alles

machen kann. Kann das vielleicht auch die Naturwissenschaft? Ah! Diese

Herren sind auch auf dem besten Wege. Sie machen das Trockene flüssig

und das Flüssige gasförmig, machen aus der Schwerkraft Wärme und

aus der Wärme wieder Triebkraft; aber dabei vergessen sie nicht den

Unterschied der Dinge, wie es unserem Fechner passiert ist.

Es ist nicht genug, zu wissen, daß der Leib beseelt und die Seele

beleibt ist, nicht genug, zu wissen, daß alles eine Seele hat, es

wollen auch die Menschen-, Tier-, Pflanzen- usw. Seelen in ihren

Einzelheiten und Eigentümlichkeiten gehörig getrennt, eingeteilt,

markiert und unterschieden sein; man hüte sich nur, den Unterschied zu

übertreiben und exorbitant zu machen, damit er nicht sinnlos werde.

Wir machen es uns nicht zur Aufgabe, der Allerweltsseelentheorie weiter

zu folgen. Fechner erklärt selbst: »Von vornherein ist zu gestehen, die

ganze Seelenfrage ist und bleibt eine Glaubensfrage.«

Jedoch steht seit Cartesius fest, wenigstens in der philosophischen

Welt, daß das Bewußtsein der menschlichen Seele von ihrem Dasein das

Sicherste ist, das sie weiß. Die positivste Wissenschaft von der Welt

ist die erfahrungsmäßige Wahrnehmung der denkenden Seele von sich

selbst. Dieses Subjekt ist das evidenteste Objekt, das sein kann, und

das Leben und Treiben dieses Seelenstückchens, das sich Bewußtsein

oder Erkenntnisvermögen nennt, trefflich geschildert zu haben, ist das

Akquisit der Philosophie.

Hieran reiht sich als sechster Abschnitt das Thema »Dem Bewußtsein

ist nicht nur die Möglichkeit oder das Vermögen überhaupt zu wissen,

sondern auch das Bewußtsein von der Universalität der Generalnatur

angeboren«.

Im geschichtlichen Verlauf der Philosophie ist namentlich viel Disput

darüber gewesen, wie unsere Kenntnisse zustande kommen, ob und was

davon angeboren und was durch Erfahrung erworben ist. Ohne +angeborene+

Fähigkeit war auch mit aller Erfahrung keine Kenntnis zu sammeln, und

ohne alle Erfahrung mußte das beste Vermögen leer bleiben. Die zustande

gebrachte Wissenschaft auf allen Gebieten ist also die Folge einer

Wechselwirkung von Subjekt und Objekt.

Ohne daß etwas Objektives zu sehen vorhanden wäre, könnte auch kein

subjektives Gesichtsvermögen da sein. Ein Gesichts+vermögen+ besitzen,

bedeutet zugleich die faktische Ausübung der Gesichtsfunktion. Man

hat nicht das Vermögen zu sehen, ohne daß man etwas sieht. Zwar läßt

sich beides trennen, doch nur in der Theorie, nicht in der Praxis, und

es ist und soll die theoretische Trennung von dem Bewußtsein begleitet

sein, daß das getrennte Vermögen nur ein von der Ausübung abgeleiteter

Begriff ist. Vermögen und Ausübung stecken ineinander und gehören

zusammen.

Der Mensch bekommt erst ein Bewußtsein, ein Vermögen zu wissen, nachdem

er etwas weiß, und es wächst die Kraft mit der Ausübung.

Wenn wir jetzt behaupten, daß der Begriff des Universums ein

angeborener Begriff sei, darf der geneigte Leser nicht schließen, daß

wir deshalb das alte Vorurteil pflegten, wonach der Menschenverstand

oder die Vernunft gleichsam eine Büchse sei, mit Begriffen gefüllt über

das Wahre, Schöne, Gute und dergleichen Dinge. Nein, der Intellekt

kann seine Begriffe, Vorstellungen, Urteile usw. nur selbsttätig durch

Produktion hervorbringen, wozu die anderweitige Welt das Material

hergeben muß; aber dies Produzieren setzt die angeborene Fähigkeit dazu

voraus. Das Bewußtsein, das Wissen vom Sein, muß gegeben sein, bevor

ein anderes spezielleres Wissen praktiziert werden kann.

Das Bewußtsein ist ~per se~ das Bewußtsein des Grenzenlosen. Das dem

Menschen angeborene Bewußtsein ist die Wissenschaft des unbegrenzten

Daseins. Wenn ich weiß, daß ich da bin, weiß ich mich als ein Stück des

Daseins. Daß nun dies Dasein, diese Welt, wovon ich wie jedes andere

Partikelchen nur ein Stück bin, eine +unbegrenzte+ Welt sein muß,

werde ich allerdings erst gewahr, wenn ich den Begriff des Seins mit

einem gewitzigten Denkinstrument analysiere. Begriffs-, Erkenntnis-,

Denkvermögen heißt vor allem das Vermögen, den Universalbegriff zu

fassen. Der Intellekt kann keinen Begriff bilden, keine Vorstellung

haben, denen nicht die Vorstellung oder der Begriff des Universums mehr

oder weniger dunkel oder hell zugrunde liegt.

Daß unserem Denkvermögen die Denkfähigkeit, die universale, angeboren,

ist doch keineswegs unbegreiflicher als auch, daß die Kreise rund,

zwei Berge mit einem zwischenliegenden Tale, Wasser flüssig und

Feuer brennend auf die Welt gekommen. Alle Dinge besitzen gewisse

Beschaffenheit ~per se~; sie sind damit geboren. Bedarf das noch einer

Erklärung? Die Blumen, welche den Pflanzen mit der Zeit, und die Kräfte

und Weisheit, welche den Menschen mit den Jahren anwachsen, sind nicht

erklärlicher als die angeborenen Eigenschaften, und die angeborenen

nicht wunderbarer als die später erlangten. Die beste Erklärung vermag

den Wundern der Natur nicht die +natürliche+ Wunderbarkeit zu nehmen.

Ich und mancher meiner Leser finden in unseren Köpfen das tatsächliche

Bewußtsein, daß die Generalnatur, wovon der Intellekt ein Stück

ist, eine endlose, unbegrenzte Natur ist. Diesen Begriff von der

Universalität nenne ich »angeboren«, obgleich er ein erworbener ist.

Ich versuche nämlich beim Leser geltend zu machen, wie der Unterschied,

den man gemeiniglich zwischen angeborenen und erworbenen Eigenschaften,

Fähigkeiten und Besitzungen macht, kein so extravaganter ist, daß nicht

das Angeborene der Erwerbung bedürfe und das Erworbene eine angeborene

Natur voraussetze.

Die Philosophie hat sich darum bemüht, den Intellekt zu erkennen.

Bei der Darstellung ihres Akquisits haben wir zu erläutern, daß die

Erkenntnis, die philosophische sowohl als jede andere, nicht aus

dem +isolierten+ Erkenntnisvermögen, sondern aus der Gesamt+natur+

entspringt. Die Gebärmutter unserer Kenntnisse und Erkenntnisse ist

nicht nur im Menschenkopf, vielmehr in der Gesamtwelt zu suchen, welche

nicht nur Universum heißt, sondern auch universal ist.

Das menschliche Bewußtsein ist zunächst ein individuelles. Jedes

menschliche Individuum hat sein eigenes. Jedoch ist es eine

Eigentümlichkeit meines, deines und jedes anderen Bewußtseins,

nicht nur das Bewußtsein des betreffenden Individuums, sondern

das Generalbewußtsein des Universums zu sein -- wenigstens seinem

Beruf und der Möglichkeit nach. Nicht jedes Individuum hat sich die

Universalität der Generalnatur klar gemacht -- woher käme sonst der

vertrackte Dualismus? Woher die Notwendigkeit, daß erst die bändereiche

Philosophie uns belehren mußte, wie eine Grenze, ein Ding oder eine

Welt, außerhalb der universalen, ein unsinniger Gedanke, ein Gedanke

ist, der sich mit Sinn und Verstand gar nicht verträgt? Wir mögen

deshalb wohl die positive Erklärung abgeben, daß unser Bewußtsein,

unser Intellekt nur »+sozusagen+« der unserige, +eigentlich+ und

wahrhaft jedoch ein Bewußtsein, ein Intellekt ist, welcher der

universellen Welt oder Generalnatur angehört.

Wenn nicht zu leugnen, daß Sonne, Mond und Sterne eine Zubehör der

endlosen, unermeßlichen Welt sind, so ist diese Eigenschaft doch auch

unserem Bewußtsein nicht abzusprechen. Da also dies intellektuelle

Vermögen dem Unermeßlichen angehört und sein Kind ist, dürften wir

es nicht wunderlich finden, daß dies der Universalität angehörige

Begriffsvermögen mit der Möglichkeit des Universalbegriffs zur Welt

kommt. Und wer das nicht mehr wunderlich findet, muß es doch wohl

erklärlich finden, muß finden, daß diese Tatsache des Bewußtseins

erklärt ist.

In logischem Anschluß hieran handelt der siebte Abschnitt »von der

Verwandtschaft, auch Identität genannt, zwischen Geist und Natur«.

»Es gibt ein Naturgesetz der Analogie, welches erklärt, daß alle

Dinge, die das Universum vereinigt, zu derselben Familie gehören,

daß sie durch die Verwandtschaft verbunden sind, welche die größte

Mannigfaltigkeit individueller Unterschiede verträgt und selbst

durch den Abstand der Extreme nicht aufgehoben wird.« Wenn wir diese

Worte bis in ihre letzte Konsequenz begreifen, so ist damit das

bisherige Akquisit der Philosophie erkannt. Sie belehren uns, wie

wir den Intellekt gebrauchen sollen, um uns ein treffliches Bild vom

Universum zu machen. Wenn alle Dinge verwandt, alle, ohne Ausnahme,

Sprößlinge des Universums sind, so müssen doch auch der Geist und die

Materie zwei Ellen Zeug von einem +Stoffe+ sein; es darf auch der

Unterschied zwischen dem menschlichen Erkennen und anderen menschlichen

und natürlichen Funktionen zu keinem überschwenglichen, keinem

extravaganten, keinem ~toto coelo~-Unterschied aufgebauscht werden.

Philosophie nennt sich die Bemühung, den menschlichen Denkprozeß

zu erhellen. Diese Arbeit ist unsagbar erschwert worden durch das

unvermeidliche Mißverständnis der soeben beschriebenen universalen

Verwandtschaft. Vor allem sollte, so verlangen die Überschwenglichen,

das Denken und dessen Produkt, der Gedanke, nicht in die familiäre

Physik, nicht in die physische Natur gehören, sondern das Geschöpf

einer anderen Natur sein, welche den mysteriösen Namen Metaphysik führt.

Auch die Materialisten sind einseitig versessen auf ihre »Materie« wie

die Idealisten auf ihre »Idee«. Streit und Zank ist Wirrsal, nur Friede

bringt Licht. Der Gegensatz zwischen dem Materiellen und Ideellen

findet in dem Akquisit der Philosophie seine Versöhnung, welche lehrt,

daß wir in allen Unterscheidungen mäßig sein müssen, weil weder

unser Denkinstrument, noch die anderweitige Natur zu extravaganten

Unterschieden berechtigt. Um Licht in die Streitfrage zu bringen,

bedarf es nur der Einsicht, daß die Ideen, welche die Natur in den

Menschenköpfen entwickelt, wenn auch kein Material für unsere Hände, so

doch ein Material für unsere Erkenntnis sind.

Stoffe, Kräfte, Ideen, Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse,

Kenntnisse und Erkenntnisse wollen gemäß der Aufklärung, welche

die Philosophie zutage förderte, als Verschiedenheiten oder

Mannigfaltigkeiten +einer+ monistischen Gattung erkannt sein. Die

Verschiedenheit dieser Dinge widerspricht ebensowenig der Einheit, als

die Einheit der Verschiedenheit widerspricht.

Um den Wurm und den Elefanten, das niedrigste und das höchste Tier,

Vegetabilisches und Animalisches, Anorganisches und Organisches als

Glieder einer Art oder Gattung verständnisinnig zu verbinden, ist

die Allmählichkeit, die Stufenordnung der Natur, sind die Übergänge,

die Mitteldinge und Mittelbegriffe vornehmlich zu beachten. Die

Embryologie, welche zeigt, wie das animalische Leben des höchsten

Tieres +die Stufen der Tiergattung+ durchläuft, hat das Verständnis

+der gemeinschaftlichen Art aller Tiere+ besonders gefördert.

Was Darwin für die Tierwelt begreifen lehrte, daß es innerhalb

derselben keine grundverschiedenen Arten gebe, lehrt die Philosophie in

betreff des Kosmos. Die Erkenntnis des letzteren wird gehindert durch

die Gewohnheit, zwischen Materie und Geist einen unmäßigen Unterschied

zu machen.

Vorstehende Lehre erhält einen prägnanten Ausdruck im Titel des achten

Abschnitts »Die Erkenntnis ist materiell«.

Gemäß der neueren Naturwissenschaft löst sich das ganze Dasein in

Bewegung auf. So viel ist ohnehin längst bekannt und notorisch, daß

selbst die Felsen nicht stillstehen, sondern immer in Tätigkeit, im

Entstehen und Vergehen sind.

Die Erkenntnis, der Intellekt, ist ein tätiger Gegenstand, eine

gegenständliche Tätigkeit, wie der Sonnenschein, wie der Wasserfluß,

wie der wachsende Baum, wie der verwitternde Stein oder irgendein

anderes Naturphänomen. Auch ist die Erkenntnis, ist das Denken, welches

im Menschenkopf, gleichviel ob willkürlich oder unwillkürlich, vorgeht,

+eine Wahrnehmung+, eine Wahrnehmung von ebenso unzweifelhafter

Gewißheit, als die allermateriellste. Daß wir die erkennende, denkende,

intellektuelle Tätigkeit durch den inneren Sinn und nicht durch

den äußeren wahrnehmen, kann unsere Behauptung von der sinnlichen

Wahrnehmbarkeit der Sache nicht im geringsten erschüttern. Ob der

Stein äußerlich vorhanden und das Denken innerlich -- was ändert

diese kleine Differenz an der unverrückbaren Tatsache, daß beide

Wahrnehmungen gleicher Art, und zwar sinnlicher Art sind? Warum soll

nicht die Denktätigkeit mit der Herztätigkeit in dieselbe Kategorie

gehören? Und wenn der Herzschlag auch ein innerer und der Zungenschlag

der Nachtigall ein äußerer, was kann uns hindern, diese beiden so

sehr differenten Schläge unter der höheren Einheit natürlicher oder

materieller Vorgänge zusammenzufassen? Wenn also die Herzfunktion

mit dem Namen einer materiellen beehrt werden darf, warum nicht die

Hirnfunktion?[14]

Nicht nur Tastbarkeiten sind »Dinge«, auch Sonnenstrahlen und

Blumendüfte gehören in diese Kategorie, und Erkenntnisse nicht

minder. Aber alle diese »Dinge« sind nur relative Dinge, insofern

sie Eigenschaften des Einen und Absoluten sind, welches das einzige

Ding, das »Ding an sich« ist, einem jeden wohlbekannt unter dem Namen

Universum oder Kosmos.

Dietzgen betrachtet nun im neunten Abschnitt, um sich mit der

schulmäßigen Logik abzufinden, die »vier logischen Grundgesetze«, das

Gesetz der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten

und des zureichenden Grundes. Er bedient sich hierzu eines Lehrbuchs

des berühmten Wiener Pädagogen Dittes, des damals freigeistigsten unter

den führenden Schulmännern deutscher Zunge. Zu den traditionellen »vier

logischen Grundgesetzen« bemerkt Dietzgen unter anderem:

Wenn das erste Gesetz lehrt: die Dinge sind sich selbst gleich, so

lehrt nun die Dialektik in ihrem ersten Paragraph: die Dinge sind nicht

nur sich selbst gleich und einerlei vom Anfang bis zum Ende, sondern

haben auch die widerspruchvolle Natur, einerlei und doch durchaus

mannigfaltig zu sein. Insofern es ein Denkgesetz ist, daß wir uns

mittels des Gedankens ein möglichst treffliches Bild von den Dingen

machen, müssen wir uns auch von dem Denkgesetz belehren lassen, wie

alle Dinge und Vorgänge ohne Ausnahme keine von jedem Standpunkt

aus sich gleichbleibende Dinge sind, sondern der Farbe jener Seide

gleichen, die, obschon sie sich selbst gleich oder einerlei bleibt,

dennoch sehr ungleich in den verschiedensten Schattierungen schillert.

Die Dinge, wozu das denkende Ding oder der menschliche Intellekt

mitgehört, sind sowenig nur einerlei, von Anfang bis Ende, daß sie in

der Tat und Wahrheit gar keinen Anfang und kein Ende haben, sondern als

Naturerscheinungen, als Erscheinungen der endlosen Natur +scheinen+ sie

nur Anfang und Ende zu haben, während es in Wahrheit nur Verwandlungen

sind, die zeitweise aus dem Unendlichen auftauchen und wieder darin

verschwinden.

Die anfang- und endlose natürliche Wahrheit oder wahre Natur ist

so widerspruchvoll beschaffen, daß sie nur in +Erscheinungen+ sich

äußert, welche dennoch durchaus wahr sind. Der alten Logik erscheint

dieser Widerspruch unsinnig. Sie steift sich auf ihr erstes, zweites

und drittes Gesetz, auf ihre Einerleiheit, ihre Widerspruchlosigkeit

und auf das ausgeschlossene Dritte, welches entweder krumm oder

gerade, entweder kalt oder warm sein muß und alles Dazwischenliegende

ausschließt. Sie hat recht! Im Hausgebrauch muß man mit Gedanken und

Worten so entschieden verfahren. Jedoch ist es zugleich zweckmäßig,

sich vom Akquisit der Philosophie belehren zu lassen, wie es in der

Wirklichkeit und Wahrheit nicht so exakt, nicht so ganz idealiter

zugeht. Die logischen Gesetze denken von den Gedanken und ihren Formen

und Anwendungen ganz richtig; aber sie erschöpfen das Richtige des

Denkens und seiner Gedanken nicht; es entgeht ihnen das Bewußtsein von

der Unerschöpflichkeit aller natürlichen Schöpfungen, wozu das Objekt

der Logik, das menschliche Erkenntnisvermögen mitgehört. Dies Objekt

ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist ein endlicher Teil des

Unendlichen, welcher tatsächlich die widerspruchvolle Natur besitzt,

in, mit und an seinem besonderen logischen Naturell das allgemeine

Naturwesen zu haben, welches über alle Logik erhaben ist. Die

unendliche Natursubstanz ist ein durchaus bewegliches Element, darin

alles Feste auftaucht und untergeht und deshalb wohl vorübergehend

etwas Festes und zugleich schließlich doch nichts Festes ist.

Erwägen wir nun noch kurz das vierte Grundgesetz der Logik, demnach

alles und jedes seinen zureichenden Grund haben muß. Auch dieses Gesetz

ist wohl achtbar und ehrenswert; aber dennoch sehr unzulänglich, indem

zu der Frage, wie wir die Welt zu denken haben und wie das höchst

entwickelte Denkvermögen beschaffen ist, nunmehr die Antwort gehört:

die Welt, worin alles seinen zureichenden Grund hat, ist dennoch

mitsamt dem Bewußtsein oder Denkvermögen, wie ein anfang- und endloses,

so auch ein +grundloses+, das heißt ein in sich und durch sich selbst

begründetes Wesen. Der Satz vom zureichenden Grunde gilt nur für die

menschliche Bildmacherei. In unseren logischen Weltbildern muß alles

seinen zureichenden Grund haben; das Original jedoch, der universale

Kosmos hat keinen Grund, er ist sich selbst Grund und Folge, Ursache

und Wirkung. Zu verstehen, daß alle Gründe auf dem Grundlosen fußen,

ist eine erhebliche dialektische Kenntnis, welche den Grundsatz von der

Notwendigkeit des zureichenden Grundes erst ins rechte Licht rückt.

Formaliter muß alles seine Ursache und seinen Grund haben; realiter

jedoch hat jedes Ding nicht einen Grund, sondern unendlich viele

Gründe. Nicht nur Vater und Mutter ist der Grund und die Ursache

meines Daseins, sondern auch Groß- und Urgroßeltern, nebst der Luft,

die sie geatmet, der Nahrung, die sie genossen, der Erde, auf der sie

gewandelt, der Sonne, welche die Erde bescheint, usw. Kein Ding, kein

Prozeß, keine Veränderung ist der +zureichende+ Grund eines anderen,

vielmehr begründet sich alles und jedes mittels des Universums, welches

+absolut+ ist.

Indem die alte Logik das Denken dem anderweitigen Sein gegenübersetzte,

hat sie den +Zusammenhang der Gegensätze+ vergessen, vergessen, wie

das Denken als eine Form, eine Art, eine Individualität ist, welches

in die Gattung des Seins gehört, wie der Fisch in die Gattung des

Fleisches, die Nacht in die Gattung des Tages, die Kunst in die Natur,

das Wort zur Tat und der Tod zum Leben gehört.

Weil also die alte Logik mit ihren vier Grundsätzen zu borniert war,

mußte von ihrer Fortentwicklung die Dialektik erzeugt werden, welche

das Akquisit der Philosophie ist. Diese also erweiterte Denklehre

begreift das Universum als das wahrhaft Universale oder Unendliche,

worin alle Widersprüche im Mutterschoß der Versöhnung schlummern. Ob

die neue Logik mit der alten +einen+ Namen oder die aparte Benennung

der Erkenntnistheorie oder Dialektik führen soll, ist ein Wortstreit,

der einfach durch Opportunität zu entscheiden ist.

Die Abschnitte zehn und elf, »Die Funktion der Erkenntnis auf

religiösem Gebiet« und »Die Kategorie der Ursache und Wirkung ist ein

Hilfsmittel der Erkenntnis«, lehnen an Aussprüche des Psychologen

Lazarus an, dessen Arbeiten (wie auch die von seinem Kollegen und

Schwager Steinthal) Dietzgen sehr wertschätzte, weshalb er gegen

manches Unzutreffende in Lazarus' Aussprüchen polemisierte. Doch von

größerer Bedeutung ist für uns der zwölfte Abschnitt »Geist und Materie

-- was ist das Primäre?«

Das Akquisit der Philosophie gipfelt in dieser Erkenntnis, daß die

Welt mannigfaltig und daß die Mannigfaltigkeit eins ist in ihrem

gemeinschaftlichen weltlichen Naturell. Die Wissenschaften müssen

uns ihre Objekte in dieser widerspruchvollen Weise darstellen, weil

eben alle Dinge in diesem Widerspruche tatsächlich leben. Was die

Museumszoologen und Herbariumsbotaniker auf dem +räumlichen+ Gebiet der

Tier- und Pflanzenwelt getan haben, akzeptieren die Darwinianer unter

Zuziehung der +zeitlichen+ Mannigfaltigkeit derselben Gebiete; die

einen wie die anderen kategorisieren, klassifizieren, systematisieren.

Dasselbe tun die Chemiker mit Kräften und Stoffen und Hegel mit

den kategorischen Verhältnissen von Sein und Nichts, Quantität und

Qualität, Substanz und Akzidenz, Ding und Eigenschaft, Ursache und

Wirkung usw. Er läßt alles ineinander überlaufen, werden, fließen,

sich bewegen, und tut sehr recht daran. Die ganze Welt bewegt sich und

gehört zusammen.

Was jedoch Hegel verfehlte und wir zusetzen, besteht in der weiter

gewonnenen Einsicht, daß der Fluß und die Beweglichkeit der namhaft

aufgeführten Denkkategorien nur ein Exempel ist für die notwendige

Beweglichkeit und den Ineinanderfluß aller Gedanken und Begriffe,

welche selbst nur ein Exempel und Abbild des universalen Lebens sind,

sein sollen und wollen.

Die idealistischen Philosophen, die alle wesentlichen Beiträge zu

dieser schließlichen Spezialkenntnis geliefert haben, sind doch alle

noch mehr oder minder in dem Wahne befangen, der Denkprozeß sei der

wahre Prozeß und das wahre Original, die Natur oder das materielle

Universum, nur ein sekundäres Phänomen. Jetzt ist nun zu begreifen, daß

der phänomenale kosmische Zusammenhang, die universale lebendige Welt,

die Wahrheit und das Leben ist.

Die zwei folgenden Abschnitte -- dreizehn und vierzehn -- sind der

Frage gewidmet, »Inwieweit die Zweifel an der Möglichkeit einer klaren

und deutlichen Erkenntnis überwunden sind« und »Über den Unterschied

zwischen zweifelhaften und evidenten Erkenntnissen«.

~Ad~ 1 gelangt Dietzgen zum Resultat:

Das Universum ist da, und zu seinem Dasein gehört alles; nichts oder

kein Ding ist davon ausgeschlossen, am wenigsten die Erkenntnis.

Letztere ist also nicht nur möglich, sondern ein Faktum, welches dazu

noch durch den Begriff des allervollkommensten Wesens bewiesen wird.

Das muß uns doch über den Zweifel der Kritiker und speziell auch über

den Kantschen Kritizismus oder besser Dualismus hinweghelfen. Kant

hat das Dogma von der Möglichkeit der Erkenntnis nicht so unbesehen

hinnehmen, sondern untersuchen wollen. Er hat dann entdeckt, daß wir

rechtmäßig erkennen können unter der Bedingung, daß wir mit der

Erkenntnis auf dem Felde der gemeinen Erfahrung bleiben, das heißt

im physischen Universum, und nicht ins metaphysische Himmelreich

abschweifen. Er hat aber nicht erkannt, daß die metaphysisch-himmlische

Gegend, von der er abrät, zu unserer Zeit eine abgetane Sache sein

würde.

Er läßt diese überschwengliche Möglichkeit noch bestehen und rät wohl

ab, mit der Erkenntnis dorthin zu gehen, aber nicht, daß wir auch mit

der +Ahnung+ dort wegbleiben sollen. Kant haspelt zwischen dem »Ding

als Erscheinung« und dem »Ding an sich«. Jenes ist irdisch und läßt

sich erkennen, dies ist übermenschlich und darf geglaubt und geahnt

werden. Mit dieser Lehre macht er wiederum die Erkenntnis, das Objekt

der neueren Philosophie, zu einem problematischen Wesen, das uns

auffordert, darüber weiter zu philosophieren.

Das ist geschehen, und ist es jetzt das Akquisit der Philosophie, »klar

und deutlich« zu wissen und von der Erkenntnis zu erkennen, daß sie

nicht nur ein Stück ist in dieser Welt der Erscheinungen, sondern ein

wahres Stück der Generalwahrheit, welch letztere keine andere Wahrheit

über sich noch neben sich hat und das allervollkommenste Wesen ist.

~Ad 2.~ Um aus dem Erkenntnisproblem klug zu werden, müssen wir davon

ablassen, den Blick auf +einzelne+ Meinungen, Gedanken, Kenntnisse oder

Erkenntnisse zu richten; wir müssen uns vielmehr den Erkenntnisprozeß

im großen ganzen ansehen. Da gewahren wir die Entwicklung vom Zweifel

zur Evidenz, von den irrigen zu wahren Erkenntnissen. Da gewahren wir

aber auch, wie töricht es gewesen, von dem Gegensatz zwischen Wahrheit

und Irrtum eine so überspannte Vorstellung gehabt zu haben.

Wer die Erkenntnis sucht, die wahre und evidente, findet sie nicht

in Jerusalem, nicht in Jericho, auch nicht im Geiste; in keiner

Einzelheit, sondern im Universum.

Da geht das Erkannte aus dem Unerkannten so allmählich und stufenweise

hervor, daß gar kein Anfang zu ermitteln; sie wird und erwächst,

ist halb irrig und halb trefflich und wird evident und evidenter;

aber sowenig es jemals eine absolut irrige, sowenig kann es jemals

eine absolut wahre Erkenntnis geben; absolut, fest, unvergänglich und

unerschütterlich ist nur das Weltganze, aber keine Spezialität.

Ein +Schlußwort+ unseres Autors ist der +Bejahung des Seins+ gewidmet:

Das Begreifen, das Vermögen zu begreifen, war der modernen Menschheit

von abergläubischen Altvordern als Ding einer »anderen Welt«

überkommen. Der Wahn einer »anderen Welt« jedoch ist ein metaphysischer

Wahn, der den Begriff des Seienden in Mißhelligkeiten brachte.

Das philosophische Akquisit versichert und beweist uns, daß es +nur

eine+ Welt gibt, daß diese Welt der Inbegriff alles Seins ist, daß dies

Dasein wohl unendlich viele Arten hat, aber alle Arten dennoch von

einer gemeinsamen natürlichen Natur sind. So hat die Philosophie den

Begriff des Seienden zu einem einhelligen Begriff gemacht und mit der

metaphysischen Mißhelligkeit auch die Metaphysik überwunden.

Das Sein, das allgemeine, hat nur eine Qualität: die natürliche des

allgemeinen Daseins. Zugleich aber ist diese Eigenschaft der Inbegriff

aller besonderen Qualitäten. Wie der Begriff des Krautes alle Kräuter

umfaßt, auch die Unkräuter, so umfaßt der Begriff des Seienden nicht

nur alles, was ist, sondern auch, was nicht ist, was einstmals war und

künftig sein wird.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 25 / 78 题