IX.

Erkenntnistheoretische Streifzüge.

Die »Streifzüge eines Sozialisten in das Gebiet der Erkenntnistheorie«

(Chicago 1886) erschienen zuerst in der »Sozialdemokratischen

Bibliothek« (Hottingen-Zürich 1887). Genaue Kenntnis des »Wesens der

menschlichen Kopfarbeit« und der »Logischen Briefe« erster Teil ist

unbedingtes Erfordernis zu leichtem Verständnis und vollem Genuß dieser

Schrift.

Der erste Abschnitt behandelt die Frage, ob wir +alles+ erkennen

können? Der Autor wählt als Überschrift dieses Abschnitts den

»oft zitierten Dichterspruch«: »Ins Innere der Natur dringt kein

erschaffener Geist.«

Vollständig lautet das Zitat:

»Ins Innere der Natur -- Dringt kein erschaffener Geist.«

»Glücklich, wem sie nur -- Die äußere Schale weist.«

Es stammt von dem im Jahre 1777 verstorbenen Dichter (und Botaniker,

Zoologen, Anatomen) Albrecht v. Haller.

Goethe hat (in »Gott und Welt«) sehr ergrimmt folgendes darauf erwidert:

+Allerdings.+

Der Physiker.

»+Ins Innere der Natur+ --

O du Philister! --

+Dringt kein erschaffener Geist+.«

Mich und Geschwister

Mögt ihr an solches Wort

Nur nicht erinnern;

Wir denken: Ort für Ort

Sind wir im Innern.

»+Glücklich, wem sie nur

Die äußere Schale weist+.«

Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen,

Ich fluche drauf, aber verstohlen;

Sagt mir tausend, tausend Male:

Alles gibt sie reichlich gern;

Natur hat weder Kern

Noch Schale;

Alles ist sie mit +einem+ Male.

Dich prüfe du nur allermeist,

Ob du Kern oder Schale seist.

Auch das nächstfolgende Gedicht Goethes »Ultimatum« bezieht sich

hierauf.

Ich weiß nicht, ob Dietzgen durch Goethes Polemik gegen Haller angeregt

wurde, an des letzteren Ausspruch anzuknüpfen; im übrigen ist es völlig

gleichgültig, da unseres Autors Anschauungen über die pantheistischen

des Altmeisters weit hinausgehen.

Mit dem angeblich von einem höheren Geist »erschaffenen Geist« des

Menschen, dem geistigen Organ, das dem Menschen von Natur im Kopfe

angewachsen ist, hat es Dietzgen hier zunächst zu tun, und sodann mit

dem Thema des Eindringens unseres Intellekts ins Innere der Natur.

Unser Autor sagt:

Wie die Fetischdiener die gemeinsten Dinge, Steine und Hölzer,

verhimmeln, so ist auch der »erschaffene Geist« verhimmelt und

mystifiziert worden; zuerst religiös und danach philosophisch. Was die

Religion Glaube und übernatürliche Welt, das nannte die Philosophie

+Metaphysik+. Bevor die Philosophie in das Innere des erschaffenen

Geistes eindringen konnte, mußte ihr von der Naturwissenschaft durch

praktische Betätigung erwiesen werden, wie das geistige Instrument des

Menschen die bezweifelte Fähigkeit wohl besitzt, das Innere der Natur

erhellen zu können.

Auch die unbekannteste Welt und die geheimnisvollsten Dinge gehören

mit allen bekannten Gegenden und Gegenständen in eine und dieselbe

Kategorie, nämlich in den universellen Naturverband. Der »erschaffene

Geist« macht keine Ausnahme von diesem wissenschaftlichen Gesetz.

Der alte religiöse Vorstellungskreis ist der Erkenntnis hinderlich,

daß die Natur nicht nur eine nominelle, sondern eine wahrhaftige Monas

ist, welche +nichts+ anderes, auch keinen +unerschaffenen Geist+, weder

über sich, noch in sich, noch neben sich hat. Der Glaube an einen

unerschaffenen, monströsen, religiösen Geist hindert die Erkenntnis,

daß der Menschengeist von der Natur selber geschaffen und erzeugt

wurde, also deren eigenes Kind ist, demgegenüber sie keine besondere

Sprödigkeit kennt.

Dennoch ist die Natur spröde; sie erschließt sich nie auf einmal

und nie ganz und gar. Sie kann sich nicht +ganz+ hingeben, weil sie

+unerschöpflich+ ist an Gaben. Dennoch ist der »erschaffene Geist«,

dies Kind der Natur, eine Lampe, welche nicht nur das Äußere, sondern

auch das Innere der Natur erhellt. Inneres und Äußeres sind +gegenüber

dem physisch unendlichen und unerschöpflichen einzigen Naturwesen+

verzopfte Begriffe. Ebenso ist der »erschaffene Geist« ein verzopfter

Begriff, insofern derselbe auf einen unerschaffenen großen, monströsen,

metaphysischen Geist hinweisen soll, der seinen Sitz über den Wolken

hat.

»Der große Geist« der Religion ist die Ursache von der Verkleinerung

des Menschengeistes, welcher sich der Dichter schuldig macht,

der letzterem die Fähigkeit abspricht, in das »Innere der Natur«

einzudringen. Und zugleich ist doch der unerschaffene, monströse Geist

nur ein +phantastisches Abbild+ des »erschaffenen« physischen Geistes.

Die Erkenntnistheorie in ihrer entwickeltsten Gestalt vermag diesen

Satz gründlichst zu beweisen. Sie zeigt uns, daß der »erschaffene

Geist« seine sämtlichen Vorstellungen, Gedanken und Begriffe der

einen monistischen Welt entlehnt, welche die Naturwissenschaft

»physische« Welt nennt. Die gute Mutter Natur hat ihm etwas von ihrer

Unerschöpflichkeit angeerbt. Er ist so unbeschränkt und unerschöpflich

an Erkenntnissen, wie sie unbeschränkt ist in der Willfährigkeit, ihre

Brust zu öffnen. Beschränkt ist das Kind nur durch den unbeschränkten

Reichtum der Mutterliebe: es kann die Unerschöpfliche nicht erschöpfen.

Der »erschaffene Geist« dringt mit seiner Wissenschaft bis in das

Allerinnerste der Natur, aber darüber hinaus kann er nicht dringen,

nicht weil er ein beschränkter Geist ist, sondern weil die Mutter eine

unendliche Natur, eine natürliche Unendlichkeit ist, die nichts außer

sich hat.

Die wunderbare Mutter hat ihrem natürlichen Kinde das +Bewußtsein+

angeerbt. -- Der erschaffene Geist kommt mit der Anlage zur Welt, sich

bewußt zu werden, daß er das Kind seiner guten Mutter Natur ist, welche

ihm die Fähigkeit anerschaffen, sich von allen anderen Kindern seiner

Mutter, von allen seinen Geschwistern treffliche Bilder zu entwerfen.

Die von der philosophischen Wissenschaft im Laufe der Jahrhunderte

zusammengetragenen Kenntnisse vom »erschaffenen Geiste« gipfeln in

der Lehre, daß dieser Geist eine Kraft, eine Naturkraft ist, wie die

Schwerkraft, wie Wärme, Licht, Elektrizität usw.; und dann auch neben

seiner allgemeinen Natur, ganz wie die anderen Kräfte, ein spezielles

Naturell besitzt, welches ihn allein auszeichnet und kennbar macht.

Prüfen wir diese Spezialnatur des »erschaffenen Geistes« näher, so

findet sich, daß ihm die, wenn man will »wunderbare« Eigenschaft

angeboren ist, ohne weiteres und mit zweifellosester Sicherheit zu

wissen, daß zwei Berge nicht ohne Tal sind, der Teil kleiner ist als

das Ganze, Kreise nicht viereckig und Bären keine Elefanten sind.

Solche Wissenschaft ist uns durch die objektive Untersuchung des

»erschaffenen Geistes« gegeben.

Der überschwengliche Geist ist ein phantastischer Begriff.

Ebenso phantastisch ist denn auch der Naturbegriff derjenigen, welche

von einer Natur reden wollen, die dem »erschaffenen Geist« ihr Inneres

verschließt. Die Natur ist das Unendliche. Wer das begreift, begreift

auch, wie man bei ihr nicht vom Inneren oder Äußeren reden kann. Alle

diese Bezeichnungen gelten nicht von der Natur überhaupt, welche das

Absolute ist, sondern nur von ihren Teilen, von ihren Produkten, ihren

Kindern, den einzelnen Dingen.

Wollen wir uns ein rechtes Bild machen von der Natur und ihrem

»erschaffenen Geiste«, so müssen wir dem letzteren vor allem

das Bewußtsein beibringen, daß er sich nicht über seine Mutter

erheben darf, wie er damals getan, als er noch von einem über- und

außernatürlichen Geist gefabelt. Ein rechter Begriff vom Menschengeist

ist nur zu gewinnen, wenn wir uns das klare und deutliche Bewußtsein

von der +Universalität+ der Natur aneignen. Unser Geist ist ihr eigenes

Produkt. Sie hat ihm die Gabe und die Bestimmung angeerbt, sich

Einsicht von ihr und allen ihren Erscheinungen zu verschaffen. -- »Von

allen«, sage ich und spreche im verständig-mäßigen Sinne des Wortes,

ohne zu verkennen, wie unerschöpflich die Natur in der Produktion ihrer

Erscheinungen ist, und wie der »erschaffene Geist«, sofern er ein Stück

der Natur, trotz all seiner Universalität im Begreifen, doch nur ein

beschränktes Naturgeschöpf sein kann.

Wer sich die Resultate der Naturwissenschaft betrachtet, kann die Natur

keiner mysteriösen Verschlossenheit beschuldigen, und wer dabei die

Resultate der Philosophie in Betracht zieht, kann nicht verkennen, daß

der Menschengeist berufen ist, alle möglichen Rätsel zu lösen. Das

Unmögliche aber hat weder Sinn noch Verstand und darf also kein Objekt

unserer Betrachtung und Beachtung sein.

So innig wie das Gesichtsvermögen mit Licht und Farbe, oder das

subjektive Tastvermögen mit der objektiven Tastbarkeit, so innig

hängt der »erschaffene Geist« mit dem Rätsel der Natur zusammen.

Diesen Zusammenhang der Dinge übersehen zu haben, ist der Fehler jener

rückständigen Erkenntnistheoretiker, welche derart über Geist und Natur

im unklaren schweben, daß sie Rettung jenseits der Wolken suchen.

Die überschwengliche Verkleinerung des Geistes, dem man abspricht, das

Innere der Natur erhellen zu können, und ebenso die überschwengliche

Mystifizierung der Natur, deren Inneres unbegreiflich sein soll --

beide entspringen einer Denkweise, welche naturwüchsig jahrtausendelang

den Menschen beherrscht hat, während die philosophische Bemühung

es endlich dahin gebracht, daß nunmehr umgekehrt der Mensch seine

Denkweise beherrscht, wenigstens so weit, daß er mehr regel- und

kunstgerecht die ihm aufgegebenen Rätsel zu lösen weiß.

Es ist ein Gesetz der natürlichen Logik und der logischen Natur, daß

jedes Ding in seiner Gattung bleiben muß, daß sich die Gattungen und

ihre Arten zwar verändern können, aber nicht so übermäßig, daß sie aus

der Generalgattung, aus der natürlichen, herauswachsen. Es kann deshalb

keinen Geist geben, der so tief in das Innere dringt, daß er die Natur

zusammenklappen und gleichsam in die Tasche stecken könnte.

Im zweiten Abschnitt »Die absolute Wahrheit und ihre natürlichen

Erscheinungen« schildert Dietzgen, wie er durch das Studium von

Feuerbach und Marx' ersten Schriften in seinem Streben unterstützt

wurde, einen Maßstab zur Beurteilung dessen, was wahr und recht ist, zu

erlangen.

Zur näheren Erkenntnis der Natur der absoluten Wahrheit ist vor allem

dem eingewurzelten Vorurteil entgegenzutreten, als sei dieselbe

geistiger Natur. Nein: die absolute Wahrheit läßt sich sehen, hören,

riechen, fühlen, allerdings +auch erkennen; aber sie geht nicht auf in

Erkenntnis+; sie ist kein purer Geist. Die absolute Wahrheit hat keine

+besondere+ Natur, vielmehr die Natur des Allgemeinen; die allgemeine

natürliche Natur und die absolute Wahrheit sind identisch. Es gibt

keine zwei Naturen, eine körperliche und eine geistige; es gibt nur

eine Natur, worin alle Körper und alle Geister enthalten sind.

Das Universum ist identisch mit der Natur, mit dem Weltall und der

absoluten Wahrheit.

Was wir +erkennen+, sind Wahrheiten, relative Wahrheiten oder

Naturerscheinungen. Die Natur selbst, die absolute Wahrheit, läßt sich

nicht erkennen, nicht direkt, sondern nur +mittels+ ihrer Erscheinungen.

Da die menschliche Erkenntnis nicht das Absolute ist, sondern nur

ein Künstler, der sich von der Wahrheit Bilder macht, wahre, echte,

rechte und treffende Bilder, so ist doch selbstredend, daß das Bild

den Gegenstand nicht erschöpft und der Maler hinter seinem Modell

zurückbleibt. Es ist niemals etwas Geistloseres von der Wahrheit noch

von der Erkenntnis gesagt worden, als das, was die gebräuchliche Logik

seit Jahrtausenden davon sagt: Wahrheit sei die Übereinstimmung unserer

Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Wie kann das Bild mit seinem Modell

»übereinstimmen«? -- Annähernd, ja. Welches Bild stimmt nicht annähernd

mit seinem Gegenstand? Mehr oder minder treffend ist doch jedes

Porträt. Aber ganz getroffen und ganz trefflich -- abnormer Gedanke!

Also nur relativ können wir die Natur und ihre Teile erkennen; denn

auch jeder Teil, obgleich nur eine Relation der Natur, hat doch auch

wieder die Natur des Absoluten, die mit der Erkenntnis nicht zu

erschöpfende Natur des Naturganzen an sich.

Die wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht nach absoluter Wahrheit

begehren, weil letztere, die absolute Wahrheit, ohne weiteres sowohl

sinnlich als geistig +gegeben+ ist. Was wir zu erkennen verlangen,

sind die Erscheinungen, die Besonderheiten der allgemein gegebenen

Wahrheit. Sie gibt sich uns in ihren Spezialitäten willfährig.

Was unsere Erkenntnis zu besorgen hat, sind treffliche Bilder,

Erkenntnisbilder. Dabei handelt es sich nur um relative Trefflichkeit

oder Vollständigkeit. Mehr darf der Menschenverstand nicht wollen.

Ein Verlangen nach einer anderen absoluten Wahrheit ist eine von der

Geschichte der menschlichen Erkenntnis überwundene Schwärmerei; während

die Bescheidenheit, die sich mit Erkenntnis relativer Wahrheiten

begnügt, vernünftige Bildung genannt wird.

Die Philosophie hat wie die Religion in dem Glauben an eine

überschwengliche absolute Wahrheit gelebt. Die Auflösung des Problems

liegt in der Erkenntnis, daß die absolute nichts weiter als die

generalisierte Wahrheit ist, daß dieselbe nicht im Geiste wohnt, dort

wenigstens nicht mehr zu Haus ist als anderswo, sondern im +Objekt+ des

Geistes, welches wir mit dem Generalnamen »Universum« bezeichnen.

Wie unser Auge alles sehen kann, wenn auch mit Hilfe von Gläsern, und

doch nicht alles, denn es kann weder Töne noch Gerüche, überhaupt

nichts Unsichtbares sehen, so kann unser Erkenntnisvermögen alles

erkennen und doch nicht alles. Das Unerkennbare kann es nicht erkennen.

Das ist aber auch überschwenglich oder ein überschwengliches Begehren.

Wenn wir erkennen, daß die absolute Wahrheit, woran Religion und

Philosophie im Überschwenglichen oder Transzendenten gesucht haben,

realiter als leibliches Universum vorhanden ist, und der Menschengeist

nur ein leiblicher oder realer oder wirklicher und wirkender Teil

der Generalwahrheit ist, der den Beruf hat, andere Teile der

Generalwahrheit wahrhaft abzubilden, so ist damit das Problem des

Beschränkten und des Unbeschränkten vollkommen gelöst. Absolutes und

Relatives ist nicht überschwenglich getrennt, beides hängt zusammen, so

daß das Unbeschränkte aus unendlichen Beschränktheiten zusammengesetzt

ist und jede beschränkte Erscheinung die Natur des Unendlichen an sich

hat.

Der dritte Abschnitt »Materialismus kontra Materialismus« zeigt den

Unterschied des sozialdemokratischen oder dialektischen Materialismus

vom metaphysischen, speziell französischen des achtzehnten Jahrhunderts

und den Gegensatz dieser beiden Richtungen zum metaphysischen deutschen

Idealismus von Kant, Fichte, Schelling, Hegel.

Der Idealismus leitet die Körperwelt aus dem Geiste ab, nach dem

Vorgang der Religion, wo der große Geist über den Wassern schwebt und

nur zu sagen hat »es werde!«, auf daß es ward. Solche idealistische

Ableitung ist metaphysisch. Jedoch waren die letzten berühmten

Ausläufer des deutschen Idealismus sehr abgeschwächte Metaphysiker.

Von dem außerweltlichen übernatürlichen, himmlischen Geiste hatten

sie sich ziemlich emanzipiert, aber nicht von der Schwärmerei für den

diesseitigen natürlichen Geist. Sie mühen sich unendlich ab, über das

Verhältnis zwischen unseren geistigen Vorstellungen und den materiellen

Dingen, welche vorgestellt, begriffen und gedacht werden, ins klare zu

kommen.

Die metaphysischen Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts und

ihre heutigen Nachzügler unterschätzen den Menschengeist und die

Forschung nach seiner Beschaffenheit und seiner rechten Anwendung

ebensosehr, als die Idealisten diese Dinge überschwenglich hochstellen.

Sie, die Materialisten, erklären zum Beispiel die Naturkräfte als

+Eigenschaften+ des tastbaren Stoffes und speziell die geistige Kraft,

die Gedankenkraft, als eine Eigenschaft des Hirns. Die Materie oder

das Materielle, das heißt das Wägbare und Tastbare, ist in ihren

Augen die Hauptsache der Welt, das Primäre oder die Substanz, und die

Denktätigkeit, gleich allen anderen untastbaren Kräften, nur sekundäre

Eigenschaft. Mit anderen Worten, den alten Materialisten ist die

Materie das erhabene Subjekt und alles Weitere untergeordnetes Prädikat.

Im dialektischen Materialismus haben die Stoffe nicht mehr zu bedeuten

als die Kräfte, die Kräfte nicht mehr als die Stoffe.

Das unterscheidende Merkmal zwischen den mechanischen Materialisten

des achtzehnten Jahrhunderts und den durch die Schule der deutschen

Idealisten gewitzigten sozialdemokratischen Materialisten besteht

darin, daß letztere den bornierten Begriff der Materie von der +nur

tastbaren+ und wägbaren Materie auf alle vorkommenden Materialien

erweiterten: auf das Sichtbare, Riechbare, Hörbare und, da schließlich

die ganze Natur Material der Forschung und demnach alles materiell

genannt werden darf, sogar den Menschengeist; denn auch dieses Objekt

dient der Erkenntnistheorie als Material.

Wir neueren Materialisten sind nicht der beschränkten Meinung, daß

die wäg- und tastbare Materie die Materie ~par excellence~ sei; wir

halten dafür, daß auch der Blumenduft, auch Töne und Gerüche Materien

seien. Wir fassen nicht die Kräfte als ein bloßes Anhängsel, als pures

Prädikat des Stoffes auf und den Stoff, den tastbaren, als das »Ding«,

welches alle Eigenschaften dominiere. Wir denken von Stoffen und

Kräften demokratisch. Da sind die einen soviel wert als die anderen;

alle einzelnen sind nichts als Eigenschaften, Anhängsel, Prädikate oder

Attribute des großen Natur-Ganzen. Da ist nicht das Hirn der Matador

und die geistige Funktion der untergeordnete Diener. Nein, wir modernen

Materialisten behaupten, daß die Funktion ebensoviel und ebensowenig

ein selbständiges Ding ist als die tastbare Hirnmasse oder als

irgendeine andere Materialität. Auch die Gedanken, ihr Herkommen und

ihre Beschaffenheit sind ebenso reale Materien und erforschungswerte

Materialien als irgendwelche.

Materialisten sind wir, weil wir aus dem Geiste keine »metaphysische«

Monstrosität machen. Die Denkkraft ist uns ebensowenig ein »Ding

an sich« als die Schwerkraft oder der Erdkloß. Alle Dinge sind nur

Zusammenhänge des großen Universalzusammenhangs, welcher allein

dauerhaft, wahrhaft, bleibend, keine Erscheinung, sondern das einzige

»Ding an sich« und die absolute Wahrheit ist.

Weil wir sozialistische Materialisten nun einen +zusammenhängenden+

Begriff von der Materie und dem Geiste haben, sind uns auch die

sogenannten geistigen Verhältnisse, wie die der Politik, der Religion,

der Moral usw., materielle Verhältnisse, und die materielle Arbeit,

ihre Stoffe und die Magenfrage sehen wir nur insofern an als die

Unterlage, als die Voraussetzung und den Grund aller geistigen

Entwicklung, als das Tierische der Zeit nach früher ist als das

Menschliche, was nicht hindert, den Menschen mit seinem Intellekt hoch

und höher zu schätzen.

Der sozialistische Materialismus zeichnet sich dadurch aus, daß er

den Menschengeist nicht unterschätzt, gleich den Materialisten alter

Schule, und auch nicht überschätzt, gleich den deutschen Idealisten,

sondern in seiner Schätzung +mäßig+ verfährt und den Mechanismus

wie die Philosophie mit kritisch-dialektischem Auge ansieht, als

Zusammenhänge des untrennbaren Weltprozesses und -progresses.

»Darwin und Hegel« betitelt sich der vierte Abschnitt.

Dietzgen will »dem beinahe verschollenen Hegel, der bei der Nachwelt

seine verdiente Anerkennung finden wird«, die ihm gebührende Würdigung

als Vorläufer Darwins zollen:

Darwin ist ein genialer Ausarbeiter der Hegelschen Erkenntnistheorie.

Letztere ist eine Entwicklungslehre, die nicht nur die Entstehung

der Arten alles animalischen Lebens, sondern auch die Entstehung und

Entwicklung aller Dinge umfaßt; sie ist eine kosmische Theorie der

Entwicklung überhaupt. Die ihr bei Hegel noch anklebenden Dunkelheiten

fallen der Person des Philosophen so wenig zur Last, als dem Darwin zur

Last fällt, daß er über seine »Entstehung der Arten« nicht das letzte

Wort gesagt hat.

Der Darwinsche Gegenstand ist ein ebenso unendlicher und

unausforschlicher wie der Hegelsche. Der eine suchte nach der

Entstehung der Arten, der andere nach der Erklärung des menschlichen

Denkprozesses. Das Resultat beider ist die +Entwicklungslehre+. Sie

haben die +monistische Weltanschauung+ auf eine Höhe gehoben und mit

positiven Entdeckungen unterstützt, die vorher unbekannt waren.

Die Darwinsche Entwicklungslehre beschränkt sich auf die Tierarten;

sie beseitigt die Klüfte, welche die religiöse Weltanschauung zwischen

den Klassen und Arten der Geschöpfe aufrichtet. Darwin emanzipiert

die Wissenschaft von dieser religiösen Klassenanschauung und weist

die göttliche Schöpfung +in bezug auf diesen speziellen Punkt+ aus

der Wissenschaft hinaus. In diesem Punkt setzt er an die Stelle

der transzendenten überschwenglichen Schöpfung die hausbackene

Selbstentwicklung. Um zu zeigen, daß Darwin nicht aus den Wolken

gefallen, erinnern wir an Lamarck, der bekanntlich Darwin die Priorität

streitig macht. Damit wird keineswegs das Darwinsche Verdienst

geschädigt, indem Lamarck nur auf den philosophischen Lichtblick,

Darwin aber auf spezialisierten Nachweis Anspruch hat.

Hegel gebührt das Verdienst, die Selbstentwicklung der Natur auf

+umfassendster+ Grundlage aufgestellt, die Wissenschaft in generellster

Weise von der Klassenanschauung emanzipiert zu haben. Darwin kritisiert

die überkommene Klassenanschauung zoologisch, Hegel universell.

Hegel lehrt die Entwicklungstheorie; er lehrt, daß die Welt nicht

gemacht wurde, keine Schöpfung, kein unveränderliches +Sein+, sondern

ein +Werden+ ist, das sich selbst macht. Wie bei Darwin die Tierklassen

ineinanderfließen, so fließen bei Hegel alle Klassen der Welt, Nichts

und Etwas, Sein und Werden, Quantität und Qualität, Zeit und Ewigkeit,

Bewußtes und Unbewußtes, Fortschritt und Bestand, unvermeidlich

ineinander. Er lehrt, daß Unterschiede überall bestehen, aber nirgends

übertriebene, »metaphysische« oder überschwengliche Unterschiede.

Dinge, die »+wesentlich+« voneinander unterschieden sind, gibt es nach

Hegel nicht. Das Unterscheiden zwischen wesentlich und unwesentlich ist

nur auf relativer Stufenleiter zu verstehen. Es gibt nur ein absolutes

Wesen, das ist der +Kosmos+, und alles, was da drin und drum und dran

hängt, sind flüssige, vergängliche, wandelbare Formen, Akzidenzen oder

Eigenschaften des Generalwesens, welches in Hegelscher Sprache den

Namen des Absoluten führt.

Hegel hat die Entwicklungslehre viel universeller vorgetragen als

Darwin. Wir wollen deshalb einen nicht dem andern vorziehen oder

subordinieren, sondern einen mit dem andern ergänzen. Wenn uns

Darwin lehrt, wie die Amphibien und Vögel keine ewig separierten

Klassen, sondern Lebewesen sind, die aus einander hervorgehen und

ineinanderfließen, so lehrt Hegel, wie +alle+ Klassen, wie die ganze

Welt ein lebendiges Wesen ist, die nirgends feste Grenzen hat, so daß

selbst das Kennbare und Unkennbare, das Physische und Metaphysische

ineinanderfließt, und etwas absolut Unbegreifliches eine Sache ist,

die nicht in die monistische, sondern in die religiöse, dualistische

Weltanschauung gehört.

Hegel hat viel Verwandtschaft mit dem alten Herakleitos, welcher den

Beinamen »der Dunkle« führt. Beide lehren, daß die Dinge der Welt nicht

feststehen, sondern fließen, das heißt, sie entwickeln sich; und beide

verdienen auch den dunklen Beinamen.

Die Arbeiten von Darwin und Hegel, ob noch so verschieden, haben den

Kampf wider die Metaphysik, wider das Unsinnliche und Unsinnige gemein.

Indem wir uns vorsetzen, sowohl den Unterschied als die Gemeinschaft

der genannten Forscher klarzustellen, können wir nicht umhin, die

große Seeschlange ernstlich in den Kreis der Erörterung zu ziehen.

Der Spaß wird aber erschwert durch die vielen Namen, die im Laufe der

Geschichte dem Ungeheuer beigelegt wurden. -- Was ist Metaphysik?

Sie ist dem Namen nach eine wissenschaftliche Disziplin -- gewesen,

die ihre Schatten in die Gegenwart wirft. Was sucht sie, was will

sie? Natürlich Aufklärung! -- aber worüber? -- Über Gott, Freiheit

und Unsterblichkeit; -- das klingt in unseren Tagen gar pastoral.

Und nennen wir ihren Inhalt mit dem klassischen Namen des Wahren,

Guten und Schönen, so ist dennoch gar viel daran gelegen, daß wir

uns und dem Leser klarmachen, was denn eigentlich die Metaphysiker

suchen und wollen; ohne das läßt sich weder Darwin noch Hegel, weder

was sie geleistet, noch was sie zu leisten unterlassen und was daher

der Nachkommenschaft zu leisten obliegt, hinlänglich ermessen und

darstellen.

»Was die Metaphysiker suchen und wollen«, erklärt uns der fünfte und

letzte Abschnitt »Das Licht der Erkenntnis«:

Wo Erleuchtung hernehmen? Moses hat sie vom Berg Sinai geholt; aber

nachdem Juden und Christen länger als dreitausend Jahre gebetet:

»Du sollst nicht stehlen«, stehlen sie heute noch wie die Raben;

das heißt die +Offenbarung+ hat sich nicht bewährt. Dann kamen die

+Philosophen+ und wollten die Erleuchtung aus dem Innern des Kopfes,

~a priori~, wie sie es nennen, herausspekulieren. Was aber der eine

zutage förderte, wurde vom andern verworfen. Die +Naturwissenschaft+

beschritt einen dritten, den induktiven Weg, sie schöpfte die Weisheit

aus der Beobachtung; sie endlich erwarb wahre, wirkliche, dauerhafte

Wissenschaft, eine Wissenschaft, die alle Welt akzeptiert, die

niemand bestreitet, niemand bestreiten kann und mag. Daraus folgt

denn unzweifelhaft klar, daß wir die Erleuchtung auf dem betretenen

naturwissenschaftlichen Wege zu suchen haben.

Dennoch gibt es viele Leute, viele auch mit gelehrtester Ausrüstung,

welche mit diesem Lichte sich nicht zufrieden geben. Sie sprechen vom

»metaphysischen Bedürfnis«, bemühen sich unablässig, darzutun, daß

alles naturwissenschaftliche Erklären und Erkennen, wie fruchtbar auch

in den einzelnen Disziplinen, doch im großen und ganzen unzureichend

ist. »Das Wesen der Materie«, heißt es da, »ist schlechthin

unbegreiflich; alle mechanische Naturerklärung erstreckt sich nur auf

die an diesem rätselhaften Substrate wahrzunehmenden +Veränderungen+

und läßt unser Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde unbefriedigt.«

Der Materialismus, der das Erkennen und Erklären der verschiedensten

wissenschaftlichen Materien wohl zu praktizieren weiß, hat es bisher

unterlassen, die +Materie der Erkenntnis+ zu erklären. Das Erkenntnis-

oder Erklärungsvermögen ist die einzige in der Welt vorhandene Kraft,

welche immer noch verhimmelt wird. Sie ist in der Welt und soll

nicht weltlich, nicht physisch, nicht mechanisch sein. Was denn?

Metaphysisch! Und niemand kann doch Aufklärung geben, was das heißt.

Alle Bestimmungen, die wir erlangen, sind negativ. Das Metaphysische

ist nicht physisch, nicht handgreiflich und nicht begreiflich. Was

sollte es anders sein als ein +Gefühl+, das begnadete Idealisten mit

sich herumtragen, ohne zu wissen, wo es sitzt.

Alles will der Mensch wissen, und doch hat man etwas, was nicht zu

wissen, nicht zu erklären, nicht zu begreifen ist. Dann resigniert man

und zeigt hin auf die Beschränktheit des menschlichen Instruments.

»Zwei Stellen sind es,« sagt Lange, »wo der Geist haltmachen muß.

Wir sind nicht imstande, die +Atome+ zu begreifen, und wir vermögen

nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringste

Erscheinung des Bewußtseins zu erklären ... Man mag den Begriff der

Materie und ihrer Kräfte drehen und wenden, wie man will, immer stößt

man auf ein letztes Unbegreifliches ... Nicht mit Unrecht geht daher

Du Bois-Reymond so weit, zu behaupten, daß unser ganzes Naturerkennen

in Wahrheit noch kein Erkennen ist, daß es nur das +Surrogat+ einer

Erklärung gibt ... Das ist der Punkt, an welchem die Systematiker und

Apostel der mechanischen Weltanschauung so unachtsam vorübergehen:

-- die Frage nach den Grenzen des Naturerkennens.« (F. A. Lange,

Geschichte des Materialismus, 2. Band, S. 148 bis 150.)

Die Sozialdemokraten aber hat Lange nicht gründlich gekannt, sonst

würde er gewußt haben, daß von ihnen auch in diesem Punkt die

mechanische Weltanschauung komplettiert ist.

Wo soll es hinführen, wenn unser Wissen und Erkennen, wenn das in

den letzten Jahrhunderten von der Wissenschaft mit so großem Erfolg

angewendete Geistes-Instrument nur noch ein »+Surrogat+« sein soll?

Wo sitzt denn der wahre Jakob? Und wenn wir alle Folianten der

Philosophie durchstöberten, würden wir darüber keine positive Angabe

finden, weil gerade die Philosophen es sind, welche den Glauben an

einen persönlichen Herrscher des Himmels und der Erde soweit zerstört

haben. Die unphilosophische +religiöse+ Welt besaß in der Tat höheren

Orts einen wahren Verstandeskasten, welcher dem dreckigen Lehm ein

Häuchlein hatte mitgeteilt, und waren sie deshalb berechtigt, den

heiligen vom profanen Geiste, die echte Substanz von ihrem Surrogat zu

unterscheiden. Aber wie solche Unterscheidung von denen zu verteidigen

ist, welche den großen All- und Ur-Geist den Köhlern überlassen haben,

das ist unerfindlich.

Der metaphysische Gedanke von den »Grenzen der Erkenntnis« darf nur

ein klein wenig auf seinen Inhalt geprüft werden, um sofort als

gedankenlose Phrasenmacherei erkannt zu werden. »Die Atome sind nicht

zu begreifen, und das Bewußtsein ist nicht zu erklären.« Nun aber

besteht die ganze Welt aus Atomen und Bewußtsein, aus Materie und

Geist. Wenn beides unverständlich ist, was bleibt dann dem Verstande zu

begreifen und zu erklären übrig?

Das Licht der Erkenntnis macht den Menschen zum Herrn der Natur. Mit

seiner Hilfe vermag er im Sommer das Eis des Winters und im Winter

die Früchte und Blumen des Sommers darzustellen. Aber stets bleibt

die Herrschaft beschränkt. Alles, was man kann, kann man nur mit

Hilfe der natürlichen Kräfte und Materialien. Die Natur mit bloßen

Worten, mit einem »es werde!« +unbeschränkt+ beherrschen wollen,

kann nur dem Phantasten einfallen. Wie Kinder und Naturvölker

unbeschränkt herrschen, so möchten unsere kindischen Gelehrten

unbeschränkt erkennen. »Das System des Begnügens mit der gegebenen

Welt«, meint Lange, »steht im Widerspruch mit den Einheitsbestrebungen

der Vernunft, mit Kunst, Poesie und Religion, in welchen der Trieb

liegt, sich über die Grenzen der Erfahrung hinauszuschwingen.« -- Nun

sind Kunst und Poesie als Phantasien bekannt, wenn auch als schöne

und anbetungswürdige, und wenn die Religion und der metaphysische

Trieb nicht mehr sein und in dieselbe Kategorie gehören wollen, so

hat kein Verständiger etwas dagegen einzuwenden. Der Mensch mag den

metaphysischen Trieb, über alle Grenzen zu schnappen, wirklich haben,

wenn er nur einsieht, daß es ein unwissenschaftlicher Trieb ist. Das

Licht der Vernunft hat durchaus seine Grenzen, wie alle Dinge, wie Holz

und Stroh, wie Technik und Verstand, also verständige Grenzen, die

jeder Teil haben muß, wenn er keine Narretei sein will.

Wie der Mensch alles machen kann, so kann er auch alles erkennen

-- innerhalb verständiger Grenzen. Wir können nicht schaffen wie

der liebe Gott, der die Welt aus Nichts gemacht. Wir müssen uns am

Gegebenen, an den vorhandenen Kräften und Stoffen halten und ihren

Eigenschaften Rechnung tragen; sie lenken und leiten, sie formen,

nennen wir schaffen; die vorhandenen Materialien in Ordnung und Regel

bringen, generalisieren oder klassifizieren, die mathematischen Formeln

der natürlichen Wandlungen abstrahieren -- das nennen wir erkennen,

begreifen, erklären.

Demnach ist unsere ganze geistige Erleuchtung eine formelle Geschichte,

eine mechanische Wirtschaft. Wie in der technischen Produktion die

Naturerscheinungen leiblich verwandelt, so sollen in der Wissenschaft

die Naturwandlungen geistig erscheinen. Wie die Produktion das

überspannte Schöpfungsbedürfnis, so läßt die Wissenschaft oder das

»Naturerkennen« das überspannte Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde

unbefriedigt. Aber sowenig ein verständiger Mensch darüber lamentieren

wird, daß wir zum Schaffen ewig Materialien bedürfen und aus Nichts

und frommen Wünschen nichts machen können, sowenig wird derjenige, der

Einsicht in die Natur des Erkennens hat, damit über die Erfahrungen

hinausfliegen wollen. Zum Erkennen oder Erklären bedürfen wir, wie zum

Schaffen, Material. +Demnach kann keine Erkenntnis Aufklärung geben,

wo das Material herkommt oder anfängt+. Die Erscheinungswelt oder das

Material ist das Primitive, das Substantielle, das weder Anfang, Ende

noch Herkommen hat. Das Material ist da, und das Dasein ist materiell

(im weiteren Sinne des Wortes) und das menschliche Erkenntnisvermögen

oder Bewußtsein ist ein Teil dieses materiellen Daseins, welches

wie alle anderen Teile nur ein bestimmte, begrenzte Funktion, das

Naturerkennen, ausüben kann.

Warum sollte nicht, wie das Erkennen, so auch das Blech, die Bretter

und das Rindfleisch verhimmelt werden? Die Aufgabe der Radikalen

besteht in dem Nachweis, daß auch der letzte subtilste metaphysische

Rest von »etwas Höherem« mit dem abgeschmacktesten Aberglauben in

dieselbe Rumpelkammer gehört.

Formen, Veränderungen oder Wandelbarkeiten bietet die Welt. Wem das

zu wenig ist, der sucht Ewiges über den Sternen, wie die Religion,

oder hinter den Erscheinungen, wie die spekulative Philosophie. Die

»kritischen« Philosophen aber haben dunkel geahnt, daß das, was man

sucht, ein Sparren ist, den die Bildung aus dem Menschenkopf zu

entfernen hat. Die Forschung nach der Substanz haben sie deshalb

aufgegeben und ihr Interesse dem +Organ+ der Forschung, dem

Erkenntnisvermögen zugewandt. Da hat man recht kritisch gearbeitet.

Wenn vormals hinter jedem Busch und Strauch »etwas Höheres« stecken

mußte, so ist das jetzt doch, wenigstens in den maßgebenden Kreisen,

bis in die letzte Heimlichkeit, bis hinter die unerfindlichen Atome und

bis hinter das noch heimlichere Bewußtsein verdrängt.

Dort sind die »Grenzen unseres Erkennens«, und dort steckt der

Sparren. Sich davon zu befreien, ist um soviel schwerer, weil seit den

Forderungen des vierten Standes unsere offiziellen Gelehrten angewiesen

sind, eine konservative, reaktionäre Politik zu verfolgen.

Wenn nun die zeitgenössischen Philosophen mit dem Geschichtschreiber

des Materialismus (F. A. Lange) an der Spitze herankommen und sagen,

die Welt bietet Erscheinungen, das sind die Objekte des Naturerkennens;

letzteres hat es mit den Veränderungen zu tun, wir aber suchen an einer

höheren Erkenntnis oder an ewigen, wesenhaften Objekten, dann ist klar,

daß es mystizistisch Unersättliche sind, welche mit sämtlichen Körnern

eines Sandhaufens sich nicht begnügen wollen, sondern hinter allen

Körnern extra noch einen körnerlosen Sandhaufen suchen.

Wer mit dem Jammertal der Erscheinungswelt so durchaus zerfallen ist,

mag sich mit der unsterblichen Seele in einen feurigen Wagen setzen

und gen Himmel fahren. Wer aber hier bleiben und an das Heil des

wissenschaftlichen Naturerkennens glauben will, soll sich mit der

materialistischen Logik vertraut machen. Da lautet

§ 1: Das intellektuelle Reich ist nur von dieser Welt.

§ 2: Die Operation, welche wir Erkennen, Begreifen, Erklären nennen,

soll und kann nichts als diese Welt des sinnlichen, zusammenhängenden

Daseins klassifizieren nach Gattungen und Arten, sie soll und kann

nichts als das formale Naturerkennen praktizieren. Anderes Erkennen

gibt es nicht.

Aber dann kommt der »metaphysische Trieb«, der mit dem »formalen

Erkennen« sich nicht begnügt und nun, er weiß selbst nicht wie,

erkennen will. Ihm ist es nicht genug, mit dem Verstand die Erfahrungen

zu klassifizieren. Was die Naturforschung Wissenschaft nennt, ist

ihm nur ein Surrogat, ein armes, begrenztes Wissen; er verlangt nach

unbegrenzter Vergeistigung, so daß die Dinge rein aufgehen sollen im

Verständnis. Warum will denn der liebe Trieb nicht einsehen, daß er nur

eine überspannte Forderung stellt? Die Welt geht nicht aus dem Spiritus

hervor, sondern umgekehrt. Das Sein ist keine Art des Intellekts,

sondern der Intellekt eine Art des empirischen Daseins. Dasein ist

das Absolute, das überall und ewig ist; das Denken nur eine besondere

beschränkte Form desselben.

Der Trieb, über die Erscheinungen hinauszugehen bis zur Wahrheit

und zum Wesen, ist wissenschaftlicher Trieb. Aber er darf nicht

überschnappen; er muß seine Grenzen kennen. Er soll seine Wahrheiten

und Wesenheiten nicht separieren von der Erscheinung; er darf nur nach

subjektiven Objekten, nach +relativer+ Wahrheit forschen.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 24 / 78 题