Sozialdemokratische Philosophie.
»Sozialdemokratische Philosophie« betitelt sich die nun folgende
Artikelserie (aus dem »Volksstaat« von 1876), der sich drei Aufsätze
(aus dem »Vorwärts« von 1877 bis 1878) anschließen.
Unter »sozialdemokratischer Philosophie« versteht Dietzgen die
auf sinnlicher Erfahrung beruhende Erkenntnis -- im Gegensatz zur
spekulativen Philosophie, zur Metaphysik, zum Übersinnlichen und auch
zur Ideologie, wie zur »phantastischen Projektmacherei« der frühen
französischen und englischen Sozialisten zu Ende des achtzehnten und im
ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts.
Erst unserem Marx und Engels hatte -- sagt Dietzgen -- die Philosophie
das Fundamentalprinzip offenbart, daß in letzter Instanz sich die
Welt nicht nach Ideen, sondern umgekehrt die Ideen sich nach der
Welt zu richten haben. Marx war der erste, welcher erkannte, daß das
Menschenheil im großen und ganzen nicht von irgendwelchem erleuchteten
Politiker, sondern von der Produktivität der sozialen Arbeit abhängt.
Da diese teils mechanischer, teils geistiger Art ist, fragt es sich:
wer von beiden ist Primus?
Wir erkennen in Wissenschaft und Bildung überaus wertvolle Mittel, aber
nur Mittel, während die Ergiebigkeit der leiblichen Arbeit der höhere
Zweck ist. Die Bildung wirkt dann allerdings sehr erheblich zurück auf
die produktive Verwendung der Arbeit.
Der unwiderstehliche Weltprozeß, der die Planeten geballt, aus ihren
feuerflüssigen Substanzen Kristalle, Pflanzen, Tiere und Menschen
nacheinander hervorgetrieben, treibt ebenso unwiderstehlich zu einer
rationellen Verwendung unserer Arbeit, zur stetigen Entwicklung der
Produktivkraft.[9] Die Produktion verlangt unter allen Umständen
in rationeller Weise betrieben zu werden. In allen Kulturepochen,
mögen sie noch so verschieden sein, muß man, so will es die Vernunft
der Dinge, in möglichst kurzer Zeit das Massenhafteste leisten.
Dieser von der materiellen Leiblichkeit uns angetane Trieb ist
also das +Allgemeine+, das Ursächliche, ist Grund oder Fundament
aller sogenannten höheren, geistigen Entwicklungen, Bildungen und
Fortschritte. Weil die fortentwickelte Produktivkraft heute nicht
weiterkommen kann, darum muß dem Volke Teil gegeben werden am Konsum,
Absatz muß verschafft, die Sittlichkeit, Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit vervollkommnet werden.
Auf dem +Mechanismus+ des Fortschritts beruht die Zuversicht der
Sozialdemokratie. Wir wissen uns unabhängig vom guten Willen. Unser
Prinzip ist ein mechanisches, unsere Philosophie materialistisch. Doch
ist der sozialdemokratische Materialismus viel reicher und positiver
begründet als irgend ein Vorgänger. Die Idee, seinen Gegensatz, hat
er mittels klarer Durchschauung in sich aufgenommen, hat die Welt der
Begriffe bemeistert, den Widerspruch zwischen Mechanik und Spirit
überwunden. Der Geist der Verneinung ist in uns zugleich positiv, unser
Element ist dialektisch.[10]
Im zweiten Artikel erklärt unser Autor, wie die »sozialdemokratische
Philosophie« aus der bürgerlichen, von der sie »legitim abstammt«, sich
entwickelt hat:
Wer sind wir, woher kommen und wohin gehen wir? Sind die Menschen
Herren und Gebieter, sind sie die »Krone der Schöpfung« oder hilflose
Kreaturen, allem Winde, Wetter und Ungemach unterworfen? Wie verhalten
wir oder wie sollen wir uns verhalten zu den Dingen und Menschen der
Umgebung? Das ist die große Frage der Philosophie wie der Religion.
Das Charakteristikum der Philosophie ist es, die »große Frage« dem
religiösen Gemüt entwunden und sie dem Organ der Wissenschaft,
dem Erkenntnisvermögen zur Lösung heimgegeben zu haben. Indem die
Philosophie die große Lebensfrage wissenschaftlich lösen wollte,
verdrehte sich ihr die Sache, die sie nicht anzugreifen wußte, und die
wissenschaftliche Lösung, die Theorie der Kopfarbeit, wurde ihr zum
eigentlichen Gegenstand, zur Lebensfrage.
Aber schockweise sind die Belege, daß das Verständnis kein helles,
kein konsequentes ist, daß die Professoren und Privatdozenten ganz
konfus sind in betreff der Aufgabe, des Zweckes oder der Bedeutung der
Philosophie.
Zum Beweis zitiert Dietzgen einen Philosophen von anerkanntem Ruf,
Herrn v. Kirchmann, der 1876 in einem Vortrag die Philosophie als
das beste Schutzmittel für die zurzeit herrschende Autorität und die
bürgerliche Moral erklärte.
Diese Philosophie kann also die Frage »Woher kommen wir?« sicherlich
nicht beantworten, zumal sie auf materiallosem oder voraussetzungslosem
Denken beruht. Ohne Material, wie die Spinne ihre Fäden aus dem
Hintern, ja noch weit material- oder voraussetzungsloser, will der
Philosoph seine spekulative Weisheit aus dem Kopfe ziehen. So haben
denn die philosophischen Hirngespinste auch weniger realen Zusammenhang
als die Spinngewebe.
Einer der Professoren -- sagt unser Autor im dritten Artikel --
verlangt von den Sozialisten »statt vager und unklarer Andeutungen ein
klares Bild von dem Zustand der Gesellschaft, wie er nach ihrer Ansicht
sein +müßte+ und nach ihren Wünschen eintreten +soll+. Namentlich nach
seinen praktischen Konsequenzen ausgeführt.«
Wir sind keine Idealisten, die sich einen Zustand der Gesellschaft
+erträumen+, »wie er sein muß und soll«. Wenn wir unsere Gedanken über
die künftige Gestaltung spinnen, nehmen wir Material zur Hand. Wir
denken materialistisch. »Der liebe Gott hatte die Welt im Kopfe, bevor
er sie machte, seine Ideen waren souverän und hatten sich nach nichts
Vorhandenem zu richten.« Dieser Aberglaube an die Souveränität der Idee
spukt den Philosophen im Kopfe; er liegt dem Verlangen zugrunde, daß
wir die künftige Welt in all ihren Details erst projektieren sollen,
bevor wir die gegenwärtige angreifen und »zerstören«. Fourier, Cabet
usw. haben diese Verkehrtheit begangen. Wir behandeln die Zukunft
nicht wie spekulative Philosophen, sondern wie praktische Männer,
bauen keine Luftschlösser und machen keine Rechnungen ohne die Wirte.
Es ist kopflos, in ein Geschäft, in ein Unternehmen, in die Welt zu
rennen ohne Projekt; aber noch kopfloser und nur die Art sanguinischer
Phantasten ist es, wenn man die näheren Bestimmungen sich nicht
reserviert.
Daß die kleine Wirtschaft wenig leistet und der Privatbesitz ~en
gros~ die Arbeiter ausbeutet, ist eine empirische Spezialkenntnis,
welche aus der Erfahrung induziert und nicht aus der philosophischen
blauen Allgemeinheit uns in den Kopf geregnet ist. Daraus folgt als
»praktische Konsequenz« die Forderung des genossenschaftlichen, des
staatlichen oder kommunalen Betriebes.
Aber der +Arbeitszwang+ -- »die Beschränkung der persönlichen Freiheit
verträgt sich nicht mit dem idealen Staate«. +Der Arbeitszwang ist
ein Naturgesetz+ und ist nur so lange eine Beschränkung unserer
persönlichen Freiheit, als ein Herr Prinzipal vorhanden ist, der die
Früchte unserer Arbeit eigennützig einsackt. Sollte wohl der gut
salarierte Beamte seinen vorschriftsmäßigen Dienst als »Beschränkung
der persönlichen Freiheit« empfinden?
Dietzgen nimmt nun im vierten Artikel das im zweiten begonnene Thema
wieder auf »Woher kommen wir?«, das Rätsel des Daseins, das Religion
und Philosophie zu lösen sich die Aufgabe gestellt.
Die religiöse Schöpfungsgeschichte ist der Philosophie zu kindisch; sie
wendet sich deshalb an den menschlichen Geist; aber solange der, vom
religiösen Dunst umnebelt, sich selbst mißversteht, fragt und hantiert
er verkehrt, voraussetzungslos, spekulativ oder in die unbestimmte
Allgemeinheit.
Die »Voraussetzungslosigkeit« seiner Methode weiß der Philosoph damit
zu begründen, daß er auf die vielen Possen oder Täuschungen der Sinne
hinweist, die uns mannigfach in der Irre herumführen. Folgedessen fragt
er: Was ist Wahrheit und wie kommen wir zur Wahrheit?
Seine Philosophie sucht nicht, wie alle besonderen Wissenschaften, an
bestimmten grünen und empirischen Wahrheiten, sondern wie die Religion
an einer ganz besonderen Art von Wahrheit, an der absoluten, blauen,
voraussetzungslosen oder übergeschnappten. Was aller Welt wahr ist, was
wir sehen, fühlen, hören, schmecken und riechen, unsere +leibhaftige
Empfindung+, ist ihr nicht wahr genug. Naturerscheinungen sind nur
Erscheinungen oder »Schein«, und davon will sie nichts wissen.
Weil der Philosoph, vom religiösen Wahne befangen, über die
Naturerscheinung hinaus will, weil er hinter dieser Welt der
Erscheinung noch eine andere Welt der Wahrheit sucht, mittels deren die
erstere erklärt werden soll, darum hat er sich die voraussetzungslose
Methode angeschafft, welche Gedanken ohne bestimmtes Material spinnt
oder, mit anderen Worten, in die unbestimmte Allgemeinheit fragt.
Erst ein +unbefangener+ Grübler, der das Cartesianische Experiment
(»~Cogito, ergo sum~«, ich denke, daher existiere ich) wiederholt,
findet, daß, wenn sich im Kopfe Gedanken und Zweifel umtreiben, es die
+leibliche+ Empfindung ist, welche uns das Dasein des Denkprozesses
versichert.[11] Der Philosoph verdrehte die Sache, er wollte die
+unleibliche+ Existenz des abstrakten Gedankens bewiesen haben;
er vermeinte, die übergeschnappte Wahrheit einer religiösen oder
philosophischen Seele wissenschaftlich beweisen zu können, während in
der Tat er die gemeine Wahrheit der leiblichen Empfindung konstatierte.
Aus der Empfindung des profanen Daseins wollte Cartesius ein höheres
Dasein herleiten. Sein Malheur ist das Generalmalheur der Philosophie,
sie ist idealistisch.
Idealisten im guten Sinne des Wortes sind alle braven Menschen. Die
Sozialdemokraten erst recht. Unser Ziel ist ein großes Ideal. Die
Idealisten im philosophischen Sinne dagegen behaupten, was alles wir
sehen, hören, fühlen usw., die ganze Welt der Dinge rund um uns sei
nicht vorhanden, es seien Gedankenspäne. Sie behaupten, unser Intellekt
sei die einzige Wahrheit, alles andere sollen »Vorstellungen«,
Phantasmagorien, traumhafte Nebelbilder, Erscheinungen im bösen
Sinne des Wortes sein. Was immer in der äußeren Welt wir wahrnehmen,
behaupten sie, sind keine objektiven Wahrheiten, keine wirklichen
Dinge, sondern ist subjektives Getriebe unseres Intellektes.
Die Dinge der Welt sind nicht »an sich«, sondern besitzen alle ihre
Beschaffenheiten nur durch den +Zusammenhang+. Im Zusammenhang mit
dem Sonnenlicht und mit unseren Augen sind die Wälder im Sommer grün.
In einem anderen Lichte und unter anderen Augen möchten sie dann blau
oder rot sein. Flüssig ist das Wasser nur im Zusammenhang mit einer
gewissen Temperatur, in der Kälte wird es hart und fest, in der Hitze
unsichtbar; läuft gewöhnlich bergab, und wenn es an einen Zuckerhut
herankommt auch bergauf. Es hat »an sich« keine Eigenschaften, kein
Dasein, sondern erhält dasselbe durch den +Zusammenhang+. Wie dem
Wasser ergeht es allen anderen Dingen.
Die ganze Wahrheit und Wirklichkeit beruht auf dem Gefühl, auf der
leiblichen Empfindung. Seele und Leib oder Subjekt und Objekt, wie der
alte Witz neuerdings heißt, ist von demselben irdischen, sinnlichen,
empirischen Kaliber.
Die Wahrheit nicht auf das »Wort Gottes« und nicht auf überkommene
»Prinzipien«, sondern unsere Prinzipien auf die leibliche Empfindung
gründen, das ist die philosophische Pointe der Sozialdemokratie.
Der liebe Gott formte des Menschen Leib aus einem Lehmklumpen, und
die unsterbliche Seele hauchte er hinein. Seit dieser Zeit besteht
der Dualismus oder die Zweiweltentheorie. Die eine, die leibliche,
materielle Welt, ist Dreck, und eine andere, geistliche oder geistige
Geisterwelt, ist Gotteshauch. Dieses Histörchen wurde von der
Philosophie säkularisiert, das heißt dem Zeitgeist angepaßt. Das
Sichtbare, das Hör- und Fühlbare, die leibliche Wirklichkeit wird immer
noch wie dreckiger Lehm behandelt; dem denkenden Geiste dagegen hängt
man das Reich einer überspannten Wahrheit, Schönheit und Freiheit an.
Wie in der Bibel »die Welt« einen üblen Beigeschmack hat, so auch in
der Philosophie. Unter allen Erscheinungen oder Objekten, welche die
Natur bietet, findet sich nur eines, welches sie ihrer Aufmerksamkeit
würdigt, den Geist nämlich, den alten Gotteshauch; und das nur darum,
weil derselbe ihrem vertrackten Sinne wie ein unnatürliches, wie ein
überweltliches, metaphysisches Ding erscheint.
Es soll der Odem Gottes als eine Wahrheit demonstriert werden. Zwar ist
der Name in Verruf: von der unsterblichen Seele darf vor aufgeklärten,
liberalen Leuten keine Rede sein. Man tut materialistisch nüchtern,
spricht vom Bewußtsein, Denk- oder Vorstellungsvermögen. Aber daß dies
ein Ding von gemeiner und nicht übergeschnappter Natur ist, darf kein
»Gebildeter« denken, das denken nur sozialistische Volksaufwiegler.
Anderen ist die überschwengliche Natur des menschlichen Geistes ein
ausgemachtes Dogma.
Wir fühlen in uns das leibhaftige Dasein der denkenden Vernunft,
und ebenso und mit demselben Gefühl empfinden wir außer uns die
Lehmklumpen, die Bäume und Sträucher. Und das, was wir in uns, und das,
was wir außer uns fühlen, liegt nicht weit voneinander. Beides gehört
zur sinnlichen Erscheinung, zum empirischen Material.
Die sozialdemokratische Gleichheit der Natur, des Leibes und der
Seele ist es, welche den »Philosophen« nicht in den Kopf will. Das
Erfahrungsmäßige nennen wir Wahrheit und machen es allein zum Objekt
der Wissenschaft.
Seit Kant sich die Kritik der Vernunft zur Spezialität gemacht,
ist konstatiert, daß unsere fünf Sinne allein nicht ausreichen, um
Erfahrungen zu machen, daß der Intellekt dabei sein muß. Und ferner
hat die Kritik der Vernunft dargetan, daß der alte Gotteshauch künftig
nur im Gebiet der materiellen, das heißt erfahrungsmäßigen Welt
funktionieren darf, daß die Vernunft ohne unsere fünf Sinne keinen
Sinn und Verstand hat und also ein Ding ist von demselben gemeinen
Zusammenhang wie andere Dinge.
Jedoch ist es dem großen Philosophen zu schwer geworden, die
Geschichte vom Lehm +ganz+ zu vergessen, den Geist aus der geistlichen
Nebelkappe ganz zu erlösen, die Wissenschaft total von der Religion
zu emanzipieren. Die »dreckige« Anschauung von der Materie, das »Ding
an sich« hat alle Philosophen mehr oder minder gefangen gehalten im
idealistischen Schwindel, der einzig und allein auf dem Glauben an
die metaphysische Natur des menschlichen Geistes beruht. Abgötterei,
Religion und Philosophie sind drei wenig verschiedene Arten von einer
Sache, welche sich Metaphysik nennt.
Der Schub, durch welchen Kant die Metaphysik zum Tempel hinausbrachte,
und das Hintertürchen, das er ihr offen ließ, sind bündig in einen
einzigen Satz gefaßt, er lautet: Unsere Erkenntnis beschränkt sich auf
die +Erscheinung+ der Dinge. Was sie +an sich+ sind, können wir nicht
wissen. Gleichwohl müssen auch die Dinge etwas »an sich« sein, denn
sonst würde der ungereimte Widerspruch folgen, daß Erscheinung wäre,
ohne etwas, was erscheint.
Nicht zu leugnen: wo Erscheinungen sind, da ist auch ein Etwas, was
erscheint. Aber wie wäre es, wenn dies Etwas die Erscheinung selbst
wäre, wenn einfach Erscheinungen erschienen? Es läge doch durchaus
nichts Unlogisches oder Vernunftwidriges vor, wenn überall in der
Natur die Subjekte wie die Prädikate von +derselben Art+ wären. Warum
soll denn das, was erscheint, von einer durchaus anderen Qualität
sein wie die Erscheinung? Warum können die Dinge »für uns« und die
Dinge »an sich«, oder Schein und Wahrheit, nicht von demselben
empirischen Stoffe, von derselben Natur sein? Das Interesse der
Sozialdemokratie fordert, daß sie mit der Weltweisheit dieselbe
Prozedur vornimmt, daß sie die Gesamtgattung der Gedanken in zwei Arten
teilt, in glaubensbedürftige, idealistische Faselei und nüchterne,
materialistische Denkarbeit.
Wir können mit unserem Intellekt die materielle Welt nur +formell+
beherrschen. Im Kleinen mögen wir ihre Veränderungen und Bewegungen
nach dem Willen lenken, aber im Großen ist die Substanz der Sache,
die Materie ~en général~ erhaben über alle Geister. Es gelingt der
Wissenschaft, die mechanische Kraft in Wärme, Elektrizität, Licht,
chemische Kraft usw. zu verwandeln, und es mag ihr gelingen, alles
Stoffliche und alles Kräftige, eines in das andere überzuführen
und als verschiedene Formen eines einzigen Wesens darzustellen;
aber doch vermag sie nur die Form zu verwandeln, das Wesen bleibt
ewig, unvergänglich und unzerstörbar. Der Intellekt kann die Wege
der physischen Veränderungen ablauschen, aber es sind +materielle+
Wege; der stolze Geist kann ihnen nur nachschleichen, sie aber nicht
vorschreiben. Das religiöse Gebot: Du sollst Gott über alles lieben,
das heißt in sozialdemokratischem Deutsch: Du sollst die materielle
Welt, die leibliche Natur oder das sinnliche Dasein lieben und verehren
als den Urgrund der Dinge, als das Sein ohne Anfang und Ende, welches
war, ist und sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Wie das Verständnis der Ökonomie, so ist auch unser Materialismus eine
wissenschaftliche, eine historische Errungenschaft. Wie wir uns scharf
unterscheiden von den Sozialisten der Vergangenheit, so auch von den
ehemaligen Materialisten. Mit den letzteren haben wir nur gemein,
die Materie als Voraussetzung oder Urgrund der Idee zu erkennen. Die
Materie ist uns die Substanz und der Geist die Akzidenz, die empirische
Erscheinung ist uns die Gattung und der Intellekt eine Art oder Form
derselben, während alle religiösen und philosophischen Idealisten in
der Idee die erste, die ursächliche oder substantielle Kraft erblicken.
Es ist nicht genug, wie die alten Materialisten tun, alles aus wägbaren
Atomen abzuleiten. Die Materie ist nicht nur schwer, sondern auch
duftig, hell und klingend, warum nicht intelligent? Wenn das Riech-,
Sicht- und Hörbare spiritueller ist als das Tastbare, wenn also der
Komparativ natürlich, warum nicht der Superlativ? Die Schwere läßt sich
nicht sehen, Licht nicht riechen und der Intellekt nicht betasten,
aber empfinden läßt sich alles, was da ist. Den Geist oder unsere
Gedanken fühlen wir doch wohl ebenso physisch wie Schmerzen, Licht,
Wärme oder Steine. Das Vorurteil, daß die Objekte des Tastgefühls
begreiflicher seien als die Erscheinungen des Gehörs oder des Gefühls
überhaupt, verleitete die alten Materialisten zu ihren atomistischen
Spekulationen, verleitete sie, das Tastbare zum Urgrund der Dinge
zu machen. Der Begriff der Materie ist weiter zu fassen. Es gehören
dazu alle Erscheinungen der +Wirklichkeit+, auch unser Begriffs- oder
Erkenntnisvermögen.
Das Ganze regiert den Teil, die Materie den Geist, wenigstens in der
Hauptsache, wenn auch nebensächlich wiederum die Welt vom Menschengeist
regiert wird. In diesem Sinne also mögen wir die materielle Welt als
höchstes Gut, als erste Ursache lieben und ehren.
Damit ist denn ganz und gar nicht bestritten, daß unter den Objekten
der Welt wir unserem Intellekt den ersten Rang zuerkennen mögen.