Die Religion der Sozialdemokratie.
»Die Religion der Sozialdemokratie« betitelt sich eine Reihe von
durch Gedankenfülle und vielfach durch Schönheit der Sprache sich
auszeichnenden sieben Artikeln, sogenannten »Kanzelreden«, die zuerst
in dem von Liebknecht redigierten Leipziger »Volksstaat« 1870 bis 1875
erschienen und seitdem Verbreitung in Zehntausenden von Exemplaren
gefunden haben. Das auf fünf Jahre verteilte Entstehen dieser
Abhandlungen schließt naturgemäß Anlage nach einem systematischen
Plane aus; es sind daher in ihren Fortsetzungen teilweise Ergänzungen
des Früheren und zu diesem Zwecke Exkurse auf verwandtes Nebengebiet
enthalten. »Die Religion der Sozialdemokratie« wird dem Leser um so
mehr Vorteil und Genuß gewähren, je tiefer die Ideen des Sozialismus
bereits Wurzel in ihm geschlagen haben und je emanzipierter er
sich vom sogenannten »positiven Glauben« weiß. Denn er begegnet in
diesen »Kanzelreden« Gedanken, die zum Teil im Unterbewußtsein jedes
freidenkerischen und geschulten Sozialisten schlummern und nur der
Erweckung durch den Laut eines Zauberworts bedürfen, das aus dem Munde
eines philosophischen Hellsehers kommt. Darin liegt der wesentliche
Reiz von Dietzgens »Kanzelreden« für die Massen der sozialistischen
Arbeiter; um Dietzgen aber in allen seinen Gedankengängen gründlich
zu verstehen, sollten Sozialisten unbedingt mit seiner im »Wesen der
menschlichen Kopfarbeit« niedergelegten Denklehre sich vertraut machen
-- wenn auch die populären Schriften unseres Autors als Einführung in
das genannte Hauptwerk benutzt werden dürfen.
Dietzgen führt in den »Kanzelreden« aus, sagt sein Sohn im Geleitwort
von 1906, »daß die Religion ein geschichtlich notwendiges Gedankenbild
ist, welches aus dem menschlichen Bedürfnis nach materieller
und geistiger Befriedigung und nach einer diesem Glücksstreben
entsprechenden Gesellschaft und Welt entstehen mußte, und zwar auf
jeder Kulturstufe, auf der der Mensch in Ermanglung von hinreichendem,
erfahrungsmäßigem Wissen und Können gegenüber den natürlichen
Zusammenhängen sich nicht anders als mit phantastischer Spekulation
helfen konnte. Er weist an der natürlichen Begrenzung des Denkvermögens
nach, daß alle Religion und jeder Glaube an Übernatürliches auf
phantastischer Spekulation beruhen, die ihrerseits wiederum in ihrer
Eigenart bestimmt wird durch den Entwicklungsgrad der sozialen
Produktivkräfte und Lebensbedingungen.«
Das Wort »Religion« in Verbindung mit »Sozialdemokratie« ist natürlich
nicht im landläufigen Sinne desselben zu verstehen; denn die Tendenzen
der Sozialdemokratie enthalten, wie Dietzgens einleitende Worte lauten,
den Stoff zu einer +neuen+ Religion, die nicht, wie alle bisherige,
nur mit dem Gemüt oder Herzen, sondern zugleich auch mit dem Kopf, dem
Organ der Wissenschaft, erfaßt sein will.
Und die Moral dieser neuen Religion faßt er am Schluß des zweiten
Artikels in folgenden Satz zusammen: Sie verlangt, und ihr ganzes Wesen
beruht auf diesem Verlangen, daß wir die Gegensätze der Liebe und
Selbstsucht miteinander versöhnen, daß sich die Gesellschaft aus dieser
Versöhnung konstituiere, daß der Mensch dem Menschen die Hand reiche,
um mit vereinter Kraft und Arbeit die Natur zur reichlichen Hergabe
unserer Lebensmittel zu zwingen.
Da die Sozialdemokratie eine »neue Religion« ist, bedient sie sich
zur Erreichung ihres Zweckes naturgemäß anderer Methoden als die alte
Religion. Dies führt unser Autor in folgendem aus:
Die Religion, ganz im allgemeinen, hat den Zweck, das bedrängte
Menschenherz vom Jammer dieses irdischen Lebens zu erlösen. Sie hat das
bisher nur in idealer, träumerischer Weise vermocht, durch Anweisung
an einen unsichtbaren Gott und an ein Reich, das nur von Toten bewohnt
ist. Das Evangelium der Gegenwart verspricht, unser Jammertal endlich
in realer, wirklicher, greifbarer Weise zu erlösen. »Gott«, das ist
das Gute, Schöne, Heilige, soll Mensch werden, aus dem Himmel auf die
Erde kommen, aber nicht wie einst, auf religiöse, wunderbare Art,
sondern auf natürlichem, irdischem Wege. Wir verlangen den Heiland, wir
verlangen, daß unser Evangelium, das Wort Gottes, Fleisch werde. Doch
nicht in einem Individuum, nicht in einer bestimmten Person soll es
sich verkörpern, sondern wir +alle+ wollen, das +Volk+ will -- +Sohn
Gottes+ sein.
Die Religion war bisher Sache des Proletariats. Jetzt, umgekehrt, fängt
die Sache des Proletariats an, religiös zu werden, das heißt eine
Sache, welche die Gläubigen mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit
ganzem Gemüt ergreift.
Im alten Glauben diente der Mensch dem Evangelium, im neuen Glauben ist
das Evangelium dazu da, der Menschheit zu dienen. Das Evangelium der
Neuzeit fordert eine Umkehr unserer ganzen Denkweise. Nach der alten
Offenbarung war das Gesetz das Erste, Höchste, Ewige und der Mensch das
Zweite. Nach der neuen Offenbarung ist der Mensch das Erste, Höchste,
Ewige und sein Gesetz, das Zweite, zeitlich und wandelbar.
Wir sind heute nicht dazu da, dem Gesetze zu dienen, sondern das Gesetz
hat den Zweck, uns zu dienen, nach unseren Bedürfnissen modifiziert
zu werden. Der Alte Bund verlangte Geduld und Ergebung in unsere
Leiden; der Neue Bund fordert Energie und Tatkraft. An die Stelle der
Gnade setzt er die bewußte Werktätigkeit. Das alte Buch nannte sich
»Autoritätsglaube«, das neue setzt die Wissenschaft, die revolutionäre,
auf sein Titelblatt.
Glauben und Wissen, das sind die beiden Gegensätze, welche den Alten
und Neuen Bund trennen. Einen weiteren Unterschied zwischen der alten
und der neuen Religion konstatiert Dietzgen wie folgt:
Beten und Fasten sind die Heilmittel, welche das Christentum empfiehlt
wider die angeborene Hilflosigkeit des Menschen ... +Arbeit+ heißt der
Heiland der neueren Zeit.
Wie Christus schon eine große Anzahl Proselyten gemacht hatte, bevor
sich seine Kirche organisierte, so hat auch der neue Prophet, die
Arbeit, schon seit Jahrhunderten gewirkt, bevor sie in der Gegenwart
daran denken kann, sich auf den Thron zu setzen und das Zepter in die
Hand zu nehmen.
Mit den Attributen der Gottheit, mit Macht und Wissenschaft, ist sie
nunmehr ausgerüstet. Aber nicht auf unbefleckte, wunderbare Weise
ist sie dazu gekommen. Sie ist unter Schmerzen geboren, unter Kampf
und Qual und Sorgen groß gewachsen. Obgleich sie es ist, welche den
Menschen so weit kultiviert hat, welche jetzt mit der Verheißung kommt,
ihn vollständig aus aller Knechtschaft zu erlösen, und ihn das ersehnte
Land Kanaan wirklich schon aus der Ferne mit Augen sehen läßt, so liegt
doch heute noch die Dornenkrone des Elends auf ihrem Haupte, das Kreuz
der Verachtung auf ihren Schultern.
Doch unsere Hoffnung auf Erlösung ist nicht auf ein religiöses Ideal,
sondern auf einen massiven materiellen Grundstein gebaut.
Was das Volk berechtigt, an die Erlösung von tausendjähriger Qual
nicht nur zu glauben, sondern sie tatkräftig zu erstreben, das ist die
feenhaft produktive Kraft, die wunderbare Ergiebigkeit seiner Arbeit.
+Die Befreiung vom Joche sklavischer Arbeit, die Befreiung von Not,
Elend und Sorge, von Hunger, Kummer und Unwissenheit, die Befreiung
von der Plage, Lasttier der »höheren Gesellschaft« zu sein, -- diese
Freiheit, und zwar für die Masse, für das Volk+, das ist der heilige
Zweck, den zu erfüllen die so unendlich reich gewordene menschliche
Arbeitskraft den Beruf hat.
Vom Beten und Dulden sind wir übergegangen zum +Denken+ und +Schaffen+.
Das Resultat dieser veränderten Methode steht vor Augen in den
Errungenschaften der Industrie, deren Seele die produktive Kraft
unserer Arbeit ist.
Das Volk verlangt nach der realen Erlösung, weil endlich die
Bedingungen dazu vorhanden sind. Armut, Hunger und Elend der
Vergangenheit waren vielfach durch Mangel an Lebensmitteln verursacht.
Gegenwärtig, und seit Dezennien schon, ist es umgekehrt überschüssiger
Reichtum, wie er sich in Geld-, Handels- oder Industriekrisen
offenbart, der die Arbeitskraft des Volkes brachlegt. Mögen dann die
Speicher noch so gefüllt und die Magazine mit Waren gepfropft sein, das
Volk hungert und friert, weil die besitzenden Klassen, mit Produkten
übersättigt, seine Arbeitskraft nicht kaufen oder unterkaufen.
Die Kultur war bisher Zweck und der Mensch Mittel. Jetzt gilt es die
Dinge umzukehren, den Menschen zum Zweck und die Kultur zum Mittel zu
machen. Die erste Bedingung, das Werk der Entwicklung fortzusetzen, ist
die Freiheit des Volkes, seine Teilnahme am Konsum.
Die Sozialdemokratie unterscheidet sich von der bisherigen kopflosen
Wirtschaft, welche ohne Ziel und Maß produziert, gerade dadurch, daß
sie den Volkshaushalt mit Bewußtsein organisiert. +Bewußte planmäßige
Organisation der sozialen Arbeit nennt sich der ersehnte Heiland der
neueren Zeit+.
Die dreieinige Gottheit des Christentums hat die Not des Volkes nur
dadurch lindern können, daß sie gelehrt hat, daraus eine Tugend zu
machen. Daß diese Lehre zu ihrer Zeit heilsam war, sei nicht verkannt.
Wo der Mensch noch die Fähigkeit und Mittel nicht besitzt, sein
Kreuz abzuwerfen, ist der Geist ergebener Resignation nicht nur ein
göttlicher Balsam, sondern auch eine triftige Zuchtrute, die wohl
vermag, ihn vorzubereiten für die sinnige Verstandesarbeit der Kultur.
Wirklich und leibhaftig aber wird der Zweck der Religion erst durch
materielle Kultur, durch Kultur der Materie erreicht. +Arbeit+ nannten
wir den Heiland, den Erlöser des Menschengeschlechts. Wissenschaft und
Handwerk, Kopf- und Handarbeit sind nur zwei verschiedene Gestalten
derselben Wesenheit. Wissenschaft und Handwerk sind wie Gott-Vater und
-Sohn, zwei Dinge und doch nur +eine+ Sache.
Das im letzten Satze enthaltene Thema wird in nachstehendem weiter
behandelt:
Ähnlich wie unkultivierte Völker das politische und soziale Gesetz als
ein übernatürliches Gnadengeschenk abgöttisch verehren und damit sich
der Macht begeben, es dem Laufe der Entwicklung nach zu gestalten,
ähnlich betrachtet heute eine verehrungssüchtige, untertänige,
knechtische Anschauungsweise die Kopfarbeit der Wissenschaft als ein
höheres Wesen, nicht als den Diener, sondern als den Götzen der Kultur.
Die Menschen sollen nicht zur Wissenschaft hinaufsehen, sondern sie
zu sich herabziehen. Wir sollen die geistige zu einem Instrument der
materiellen Arbeit machen. Die erfahrungsmäßige Resultatlosigkeit
der spekulativen Forschung, die erwiesene Unfruchtbarkeit der reinen
Vernunft belehre die Gelehrtenzunft, daß leibliche Sinnentätigkeit
zur Wissenschaft erfordert ist. Umgekehrt lerne der Handwerker an den
bewunderten Resultaten der modernen Industrie, daß nur der Verbindung
mit der Wissenschaft die Wunder der Arbeit zu danken sind.
Die gegenseitige Durchdringung der beiden Arbeitsformen hat im Verlauf
der Jahrhunderte endlich die Menschheit auf den Punkt gebracht, wo
nunmehr der Grundstein zum Tempel der Sozialdemokratie niedergelegt
ist. Alle unsere +materiellen+ Reichtümer haben, ebenso wie alle in
der Literatur deponierten geistigen Errungenschaften, nur mittels
+gemeinschaftlicher Arbeit+ der verschiedensten Generationen,
Geschlechter, Länder und Völker produziert werden können. Sie sind
also, wenn auch individuelles Eigentum, doch ein generelles, ein
gemeinschaftliches, ein kollektives Produkt.
Dann zu seinem eigentlichen Thema zurückkehrend, sagt Dietzgen:
Die Lehre unserer sozialdemokratischen Kirche betrachtet den
aufgehäuften Reichtum, den materiellen sowohl wie den geistigen, als
ihren Grundstein und lehrt, zu glauben, daß dieser schwere Stein
wohl nicht ohne, aber auch nicht durch einzelne Herren oder vornehme
Geschlechter, sondern mit überaus angestrengter Kopf- und Handarbeit
des gesamten Volkes zutage gefördert ist. Schelme und Narren nennen
dies Evangelium rohe Gleichmacherei. Nein! Die Gleichheit der
Sozialdemokratie ist keine phantastische Gleichheit, welche ihren
Gegensatz, die Verschiedenheit, ausschließt. Unsere menschliche Natur
hat uns allen das gleiche Bedürfnis gegeben, auf diesem Erdboden
unseren Hunger zu stillen, unseren Leib zu kleiden, alle unsere
verschiedenen Kräfte zu entwickeln. Die Menschenkinder haben von Natur
+alle das gleiche+ Verlangen, ihr Leben zu verbringen in tätiger Lust,
ohne Elend und Knechtschaft. Die Gleichheit des Verlangens ändert die
Verschiedenheit nicht, welche jeden von uns mit Kräften und Talenten
eigener Art ausgerüstet hat. Wie also der Gegensatz zwischen Gleichheit
und Mannigfaltigkeit in der Natur der Dinge +faktisch+ vereint und
überwunden ist, so soll auch das soziale Leben der Zukunft die
Menschen +gleich+ machen an gesellschaftlichem Rang und Wert, ihnen
den +gleichen+ Anspruch geben auf Genuß des individuellen Lebens, ohne
deshalb die Verschiedenheit aufzuheben, welche jedem seine besondere
Aufgabe zuteilt, jedem gestattet, nach seiner eigenen Fasson selig zu
werden.
Solange die Natur als unbezwingbares Verhängnis, als allmächtige
Gottheit gewaltet hat und die Menschheit mit Armut knechtete, durfte
einzelnen oder einzelnen Klassen die Herrschaft gestattet sein, um als
Führer zu dienen. Nun aber ist das Volk durch die errungene reiche
Ergiebigkeit seiner Arbeit auf dem Punkte angekommen, wo es verlangt,
daß alle Herrschaft endige. Es fühlt sich berufen, die geschichtliche
Entwicklung der Dinge fortzusetzen, ohne Beihilfe unumschränkter Führer.
Wir fordern von der Gesellschaft, und vermöge des geschichtlich
erworbenen Reichtums können wir es fordern, daß sie uns nicht nur die
Arbeit, sondern das »tägliche Brot« garantiere, daß sie die Hungrigen
speise, die Nackten kleide, die Kranken pflege, kurz, alle Werke der
Liebe und Barmherzigkeit übe. Wir verlangen von der Gesellschaft, daß
sie nicht nur menschlich heiße, sondern menschlich sei. An Stelle der
Religion setzt die Sozialdemokratie +Humanität+, welche fortan nicht
mehr auf einer moralischen Satzung, sondern auf der Erkenntnis ruhen
wird, daß nur in der sozialen brüderlichen Arbeit, in der +ökonomischen
Gemeinschaft+ der Erlöser lebt, der uns vom leibhaftigen Bösen befreien
kann. Die wahre Erbsünde, an der das Menschengeschlecht bisheran
leidet, ist die Selbstsucht. Moses und die Propheten, alle Gesetzgeber
und Moralprediger haben zusammen nicht vermocht, es davon zu befreien.
»Die Sünde sitzt im Fleische, wie der Nagel in der Mauer«, sagt die
Bibel. Keine schöne Redensart, keine Theorie und Satzung konnte sie
ausmerzen, weil die Konstitution der ganzen Gesellschaft an diesem
Nagel hängt. Die bürgerliche Gesellschaft fußt auf dem selbstsüchtigen
Unterschiede von +Mein+ und +Dein+, fußt auf dem sozialen Krieg, auf
der Konkurrenz, auf der Überlistung und Ausbeutung des einen durch den
anderen.
Hieraus ergibt sich der oben bereits zitierte Moralsatz, daß die
Gesellschaft sich auf einer neuen Grundlage konstituieren muß, welche
die Gegensätze von Liebe und Selbstsucht miteinander versöhnt und die
Gemeinsamkeit der Arbeit wie des Genusses involviert.
Hiermit schließt der zweite Abschnitt; der dritte nimmt das zu
Beginn des ersten behandelte Thema wieder auf, daß die Religion
wie die Sozialdemokratie die Tendenz nach +Erlösung+ hat, um einen
neuen Gesichtspunkt zu eröffnen: wie die Sehnsucht nach Erlösung
die +Ursache+ der Religion war, so hat sie auch im Laufe der
geschichtlichen Entwicklung, durch die neue Auffassung von »Erlösung«
im Sinne der Sozialdemokratie, zur +Auflösung+ der Religion geführt.
Dietzgen sagt: Wir sahen die Sozialdemokratie in ihrer Tendenz nach
Erlösung darin weiter gehen als die Religion, daß sie die Erlösung
nicht im Geiste, sondern nur mittels des menschlichen Geistes recht
eigentlich im Fleische, in der fleischlichen, materiellen Wirklichkeit
sucht. Das Bedürfnis der Erlösung, die erbärmliche Not des anfänglichen
unkultivierten Menschen ist der Urschleim der Tiefe, aus dem sich
die Religion erzeugte. Die unbeholfene Rat- und Hilflosigkeit in
einer Welt von Drangsal treibt den Menschen, anderwärts Allmacht und
Vollkommenheit zu suchen, treibt zur Verehrung von Tieren, Gestirnen,
Bäumen, Blitz, Wind, einzelnen Menschen usw. Die nachfolgende
unvermeidliche Erfahrung, daß alle diese Dinge selbst macht- und
hilflos sind, veranlaßte den Fortschritt, das höchste Wesen, statt in
einem nahen, greifbaren, demnach in einem geistigen Wesen zu suchen,
das weitab über den Wolken thront. Von dieser, also der Erfahrung
entrückten Gottheit sich näher zu unterrichten, war schwieriger.
Die neuere Wissenschaft jedoch, welche hinter so manches verborgene
Mysterium gekommen ist, hat endlich auch das Geheimnis der Religion
offenbart.
Es ist die Natur der Materie, welche sie, ohne Ansehen der Zeit, zu
stetiger +Entwicklung+ getrieben hat und forttreibt; durch Feuer-
und Wasserepochen hindurch zur Bildung des ersten Lebens, das mit
den geringsten Pflanzen, mit den niedrigsten Tieren begonnen hat und
weiter hinaufsteigt in unaufhörlicher Veränderung und Erweiterung der
Formen, bis zur selbsttätigen Zeugung des Menschengeschlechts. Und
derselbe Naturinstinkt, der die Welt, hat dann auch sein höchstes
Produkt, das mit Vernunft begabte ~genus homo~, +geschichtlich
entwickelt+. Was immer nun in diesem geschichtlichen Prozeß zeitweilig
eine hervorragende Stelle eingenommen, sei es Tier, Pflanze, Gestirn,
Mensch oder Gesetz, wurde von dem religiösen Gefühl schwärmerisch
+vergöttert+. Gott, das ist der Inhalt der Religion, hatte also keinen
bleibenden, ewigen, sondern einen veränderlichen, zeitlichen Charakter.
Die Religiösen pochen darauf, daß alle Völker, wilde wie zahme,
Religion haben, an Gott glauben. Sie halten deshalb dafür, daß der
Glaube dem Menschen angeboren sei, und wollen darin einen Beweis seiner
Wahrheit finden. Aber wahr ist nur, daß der Unerfahrene leichtgläubig
und um so leicht- und vielgläubiger, je unerfahrener und unkultivierter
er ist. Ein Blick belehrt, daß nicht eine, sondern viele Religionen
da sind, nicht Gott, sondern Götter geglaubt werden. Weil nur nach
und nach dem Menschen die Welt verständlich wird, vergöttert er das
Mannigfaltigste, heute die Sonne und morgen den Mond, bald den Hund,
wie die Perser, bald die Katze, wie die Ägypter.
Die Essenz der Religion besteht darin, diejenige Erscheinung des Natur-
und Menschenlebens, welche je nach Zeit und Umständen von eminenter
Bedeutung ist, zu personifizieren und im Glauben auf eine so hohe Säule
zu stellen, daß sie über alle Zeit und Umstände hinwegsieht.
Wie unsere Zeit so nahe daran ist, die Religion gänzlich aufzugeben,
wird augenfällig an den vagen, im höchsten Grade konfusen Ideen, die
sie über Gott und seine Eigenschaften hegt. Während von allen anderen
Dingen die Menschen nur darum wissen, daß sie sind, weil sie vorher
wissen, wie und was sie sind, wollen sie vom Dasein einer göttlichen
Persönlichkeit überzeugt sein, ohne irgend zu wissen, welcher Art sie
ist, ob menschlicher oder unmenschlicher Gestalt, ob klein oder groß,
ob schwarz- oder blauäugig, ob Mann oder Weib. Ist es nun aber nicht
schmählich kopflos, von jemand wissen zu wollen, daß er ist, wenn ich
zugleich eingestehen muß, gar nichts davon zu wissen, wo, wie und
welcher Art er ist? Je weiter die Gottesidee in der Entwicklung zurück
ist, um so +leibhaftiger+ ist sie, je moderner die Form der Religion,
um so konfuser, um so erbärmlicher sind die religiösen Ideen. Die
geschichtliche Entwicklung der Religion besteht in ihrer allmählichen
+Auflösung+.
Im vierten Abschnitt wird der zu Beginn der sozialdemokratischen
Agitationsära häufig und heute noch von religiösen Anhängern der
Arbeitersache manchmal verteidigte Satz, daß »Christus der erste
Sozialist gewesen«, einer interessanten Kritik unterzogen:
Sozialismus und Christentum sind so verschieden wie Tag und Nacht.
Wohl haben beide übereinstimmendes. Aber was stimmt nicht überein? Was
ist unähnlich? Tag und Nacht gleichen sich durchaus darin, daß sowohl
das eine wie das andere ein Stück der allgemeinen Zeit ist. Der Teufel
und der Erzengel, obgleich der erste eine schwarze und der zweite
eine weiße Haut hat, sind doch wieder sehr gleich, indem jeder von
ihnen überhaupt in einer Haut steckt. Es ist die spezielle Kapazität
unseres Kopfes, +alle+ Mannigfaltigkeit unter einen generellen Hut zu
bringen. Ob Christentum und Sozialismus noch so viel Gemeinschaftliches
haben, so verdient doch der, der Christus zum Sozialisten macht, den
Titel eines gemeinschädlichen Konfusionsrats. Es ist nicht genug,
das Gemeinschaftliche der Dinge zu kennen, auch der Unterschied will
verstanden sein. Nicht was der Sozialist mit dem Christen gemein,
sondern was er eigen hat, was ihn auszeichnet und unterscheidet, sei
Gegenstand unserer Beachtung.
Neuerdings ist das Christentum Religion der Knechtseligkeit genannt
worden. Das, in der Tat, ist seine treffendste Bezeichnung.
Knechtselig ist allerdings alle Religion, aber das Christentum ist
die knechtseligste der knechtseligen. Nehmen wir ein christlich Wort
von der Straße. An meinem Wege steht ein Kreuz mit der Inschrift:
»Barmherzigkeit, huldreichster Jesu! H. Maria bitt für uns.« Da
haben wir die unmäßige Demut des Christentums in ihrer vollen
Erbärmlichkeit. Denn wer so seine ganze Hoffnung auf Erbarmen baut, ist
doch in Wahrheit eine erbärmliche Kreatur. Der Mensch, der vom Glauben
an den allmächtigen Gott ausgeht, vor den Schicksalen und Mächten
der Natur sich in den Staub wirft und nun im Gefühl der Ohnmacht um
Erbarmen winselt, ist kein brauchbares Mitglied unserer heutigen Welt.
Wenn die modernen Christen andere Leute sind, wenn sie den Unwettern,
die überlegene Mächte herabdonnern, kühn in die Augen sehen und nun
durch tatkräftige Arbeit das Unheil zu heilen suchen, so bekunden sie
mit solcher Tat ihren Abfall vom Glauben. Obgleich die Christen ihren
Namen, ihre Gesangbücher und frommen Gemütsschmerzen beibehalten,
sind sie doch in ihrem Tun und Treiben vollendete Antichristen. Wir
religionslose Sozialdemokraten wollen das klare Bewußtsein der Sachlage
voraus haben. Wir wollen Wissen und Willen, in der Theorie wie in der
Praxis tatkräftige Widersacher der lammfrommen, gottseligen Ergebenheit
sein. Das Christentum fordert +Entsagung+, während heute rüstige
Arbeit zur +Befriedigung+ unserer materiellen Bedürfnisse gefordert
ist. Gottvertrauen ist die vornehmlichste Qualität eines Christen,
Selbstvertrauen, das gerade Gegenteil, zu einer erfolgreichen +Arbeit+
nötig.
Eine Charakterisierung der Würde geistiger wie körperlicher +Arbeit+
gibt unser Autor im zweiten Teil dieses vierten Abschnitts:
Nachdem von der Wissenschaft alles Himmlische materialisiert wurde,
blieb den Professoren übrig, ihre Profession, die Wissenschaft zu
verhimmeln. Die akademische soll anderer Qualität, anderer Natur
sein, wie zum Beispiel die Wissenschaft des Bauern, des Färbers oder
Nagelschmieds. Die wissenschaftliche Agrikultur zeichnet sich von der
gewöhnlichen Bauernwirtschaft nur dadurch aus, daß ihre Regeln, ihre
Kenntnisse der sogenannten Naturgesetze genereller oder umfassender
sind.
Das sozialistische Bedürfnis nach gerechter, volkstümlicher Verteilung
der wirtschaftlichen Produkte verlangt die Demokratie, verlangt die
politische Herrschaft des Volkes und duldet nicht die Herrschaft
einer Sippe, die mit der Prätension des Geistes nach dem Löwenanteil
schnappt. Um diesen anmaßlichen Eigennutz in vernünftige Schranken
zurückweisen zu können, ist es geboten, das Verhältnis des Geistes zur
Materie klar zu verstehen. Der eminente Wert der Kopfarbeit wird von
den Handarbeitern noch vielfach verkannt. Ein unfehlbarer Instinkt
bezeichnet ihnen die tonangebenden Federfuchser unserer bürgerlichen
Zeit als natürliche Widersacher. Sie sehen, wie das Handwerk der
Beutelschneiderei unter dem Rechtstitel der geistigen Arbeit betrieben
wird. Daher die leicht erklärliche Neigung, die geistige Arbeit
zu unter- und die körperliche zu überschätzen. Diesem brutalen
Materialismus ist entgegenzuwirken. Physische Kraft, materielle
Überlegenheit war von jeher das Vorrecht der arbeitenden Volksklassen.
Mangels geistiger Ausbildung haben sie bisher sich übertölpeln
lassen. Die Emanzipation der Arbeiterklasse fordert, daß letztere der
Wissenschaft unseres Jahrhunderts sich ganz bemächtige. Das Gefühl der
Entrüstung über die Ungerechtigkeiten, welche wir erleiden, reicht
trotz unserer Überlegenheit an Zahl und Körperkraft zur Befreiung nicht
aus. Die Waffen des Geistes müssen Hilfe leisten. Unser Körper ist mit
seinem Geist derart verbunden, daß physische Arbeit absolut unmöglich
ist ohne geistige Zutat. Der simpelste Handlangerdienst erfordert die
Mitbeteiligung des Verstandes. Andererseits ist der Glaube an die
Unkörperlichkeit der geistigen Arbeit eine Gedankenlosigkeit. Auch die
reinste Forschung ist unleugbar eine Anstrengung des Körpers. Alle
menschliche Arbeit ist geistig und körperlich zumal. Am Produkt der
Arbeit läßt sich nie ermitteln, wieviel davon der Geist und wieviel
der Körper geschaffen hat; sie schaffen in solidarischer Gemeinschaft,
einer nicht ohne den anderen. Mag sich eine Arbeit als geistig oder
körperlich charakterisieren, das Produkt, ich wiederhole, ist von
Geist und Körper zumal geschaffen. Da läßt sich der Beitrag der Idee
nicht separieren vom Beitrag des Materials. Wer könnte in einem
Gemüsegarten die Teile bestimmen, die der Spaten, der Arm des Gärtners,
der Boden, der Regen und der Dünger gefördert hat?
Große Männer, die die Leuchte der Erkenntnis vorantragen, mögen wir
ehren, aber nur so lange und so weit auf ihre Sprüche bauen, als
dieselben materiell in der Wirklichkeit begründet sind.
So weit 1 bis 4 der Kanzelreden.
Die Stücke 5 und 6 sind weniger »populär« gehalten, weil wesentlich
philosophischen Charakters; sie behandeln der »neuen Religion«, der
Sozialdemokratie +Denkweise+, im Gegensatz zur altreligiösen, der
»primitiven Weltweisheit«:
Wer das phantastische, das religiöse System der Welterklärung absetzen
will, der muß doch wieder ein System, diesmal ein rationelles, an die
Stelle setzen.
Wir nennen uns Materialisten. Wie die Religion ein genereller Name
ist für mannigfache Konfessionen, so ist auch der Materialismus ein
dehnbarer Begriff.
Philosophische Materialisten kennzeichnen sich dadurch, daß sie die
leibhaftige Welt an den Anfang, an die Spitze und die Idee oder den
Geist als Folge setzen, während die Gegner nach religiöser Art die
Sache vom Wort (»Gott sprach, und es ward«), die materielle Welt von
der Idee ableiten. Wir dürften uns ebenso füglich auch Idealisten
nennen, weil unser System auf dem Gesamtresultat der Philosophie
fußt, auf der wissenschaftlichen Erforschung der Idee, auf der klaren
Einsicht in die Natur des Geistes. Wie wenig die Gegner kapabel sind,
uns zu begreifen, bezeugen denn auch die widerspruchsvollen Namen, die
man uns gibt. Bald sind wir grobtastige Materialisten, die nur nach
Hab und Gut ausgehen, bald, wenn von der kommunistischen Zukunft die
Rede ist, werden wir unverbesserliche Idealisten genannt. In der Tat
sind wir beides zugleich. Sinnliche, wahrhaftige Wirklichkeit ist unser
Ideal, das Ideal der Sozialdemokratie ist materiell.
Dietzgen reklamiert nun als Bedingung sozialdemokratischer Denkweise
dreierlei: die von Bacon gelehrte »+induktive+ Methode« der Forschung
-- des Schlusses vom Besonderen aufs Allgemeine; ferner Gedankenaufbau
auf Grundlage sinnlichen Materials; drittens die Voraussetzung
+gegebenen+ Anfangs der Welt -- unter Abweisung der metaphysischen
Frage Kants nach »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«, und unter
Ablehnung der transzendentalen Deduktion, das heißt apriorischer
Grundlegung der objektiven Erfahrung durch den reinen Geist. Dietzgen
sagt:
Anwendung der induktiven Methode auf alle Probleme vom Anfang bis zum
Ende der Welt, also die systematische Anwendung der Induktion macht
die sozialdemokratische Weltanschauung zu einem System. »Du sollst«,
lautet das Gesetz, »nicht anfangen zu grübeln ohne Material, du darfst
deine Schlüsse, Regeln, Erkenntnisse nur auf Tatsachen, auf sinnliche
Wahrheit bauen. Zum Denken gehört ein gegebener Anfang.« Wir also
fangen wohl an zu grübeln, aber grübeln nie über den Anfang. Wir wissen
ein für allemal, daß alles Denken mit einem Stück der weltlichen
Erscheinung, mit +gegebenem+ Anfang anfangen muß, daß also die Frage
nach dem Anfang des Anfangs eine gedankenlose Frage ist, die dem
allgemeinen Denkgesetz widerspricht. Wer vom Anfang der Welt redet,
setzt den Weltanfang in die Zeit. Da darf man fragen, was war vor
der Welt? »Nichts war«, sind zwei Wörter, von denen eines das andere
ausschließt. Daß jemals etwas gewesen sei, was nicht war, kann nur ein
schlauer Tollpatsch sagen, der viereckige Kreise zieht. Nichts kann nur
heißen: nicht dies oder jenes.
Unsere Dränger, die Mächtigen und Besitzenden, »Kulturkämpfer« und
Fortschrittsmänner, Liberale und Freimaurer sind auch Fürsprecher der
Induktion -- nur soweit sie ihnen zum Kram paßt. Sie teilen alles: Die
Leute in Herren und Diener, das Leben in Dies- und Jenseits, die Person
in Leib und Seele und die Wissenschaft in Induktives und Deduktives.
Das Teilen ist gut und recht, wenn dabei System, wenn das Geteilte
unter einem Hut gehalten, wenn die Verschiedenheit als eine nur
graduelle bekannt ist. Auch die Sozialdemokraten haben Leib und
Seele. Unser Leib ist die Summe der leiblichen und die Seele Summe
der seelischen oder geistigen Eigenschaften. Aber, wohlgemerkt! die
empirische Erscheinung ist das einhellige Material, die gemeinsame
Rubrik für Leib und Seele, für Körper und Geist. Seele oder Geist ist
uns ein Attribut der Welt und nicht, wie umgekehrt der Pfaff will, die
Welt ein Attribut oder Machwerk des Geistes.
Nach religiösem System ist der liebe Gott »letzter Grund«.
Idealistische Freimaurer glauben alles mit der Vernunft begründen zu
können. Befangene Materialisten suchen in heimlichen Atomen den Grund
alles Bestehenden, während die Sozialdemokraten alles +induktiv+
begründen. Wir besitzen die prinzipielle Induktion, das heißt wir
wissen, daß nicht rein deduktiv, aus der bloßen Vernunft irgendeine
Belehrung zu schöpfen, sondern nur +mittels Vernunft aus der Erfahrung+
Kenntnisse zu holen sind.
An Stelle der Religion setzt die Sozialdemokratie systematische
Weltweisheit.
Diese Weisheit findet ihre Begründung, ihren »letzten Grund« in den
+faktischen Verhältnissen+. Die Erfahrung, daß sowohl die feudale wie
die liberale und klerikale Gerechtigkeit und Freiheit und politische
Wahrheit und Weisheit nach dem leiblichen Interesse der betreffenden
Parteien modelliert ist, hat uns das Verständnis nahegelegt, daß sich
überhaupt die Weisheit nicht aus dem Kopfe, sondern nur mittels des
Kopfes aus empirischem Material ziehen läßt.
Zufolge dessen modellieren wir mit +Bewußtsein+, mit systematischer
Konsequenz unsere Begriffe über Gerechtigkeit und Freiheit nach
unseren leiblichen Bedürfnissen, ~nota bene~ sind es die Bedürfnisse
des Proletariats, der großen Volksmasse. Das faktische leibliche
Bedürfnis einer »menschenwürdigen« Existenz ist der »letzte
Grund«, womit wir die Rechtmäßigkeit, Wahrheit, Vernünftigkeit der
sozialdemokratischen Bestrebungen erweisen. Im System der Induktion
geht der Leib dem Geiste, das Faktum dem Begriffe voran. Wie die Wärme
kalt und die Kälte warm, beides sich nur dem Grade nach unterscheidet,
so relativ ist das Gute bös und das Böse gut. Alles sind Relationen
desselben Stoffes, Formen oder Arten der physischen Empirie (Erfahrung).
Mancher möchte fragen: Wie ist es möglich, empirisches Material als
Grundbestandteil aller Objekte der Wissenschaft nachzuweisen? Gibt es
denn da keine Dinge, wie das Wesen Gottes, reine Vernunft, sittliche
Weltordnung usw.?
Gott, reine Vernunft, sittliche Weltordnung und viele andere Dinge
bestehen nicht aus empirischem Material, es sind keine Formen der
physischen Erscheinung, wir leugnen deshalb auch ihr Dasein. Jedoch die
Begriffe dieser Gedankendinge sind faktisch vorhanden; sie mögen wir
sehr wohl unserer induktiven Forschung als Material unterbreiten.
Im Schlußartikel, dem siebten, befaßt sich unser Autor mit dem viel
ventilierten Religionsthema der »sittlichen Weltordnung«:
Sitte und Ordnung muß sein, nicht weil, wie der Pastor sagt, diese
Dinge vom Himmel stammen, sondern weil sie ein allgemeines, lebhaftes
Bedürfnis sind. Da wir Sozialdemokraten alle unsere Gedanken mit
leibhaftigen oder empirischen Tatsachen begründen, soll auch das
Sittengesetz nicht weiter gelten, als es sich materialistisch fundiert
findet.
Die Sittlichkeit beruht auf dem sozialen Trieb des Menschengeschlechts,
auf der materiellen Notwendigkeit des gesellschaftlichen Lebens.
Weil die Tendenz der Sozialdemokratie vornehmlich auf ein soziales,
auf ein gesellschaftliches Leben in höherem Grade gerichtet ist,
darum kann sie nicht anders, als ganz wahrhaftig eine moralische
Tendenz sein. Sacken und Packen und der dazu benötigte juristische
Apparat nennt sich »sittliche Weltordnung«. Menschen, die über Nacht
reich werden, haben ein anderes Sittengesetz als solche, die noch
das Brot kümmerlich im Schweiße des Angesichts kneten. Heute weiß
man nicht, ob fünf, fünfundzwanzig, hundert oder fünfhundert Prozent
ein »ehrlicher Verdienst« ist. Die kapitalistische Wirtschaft wirkt
zersetzend auf die Moral und das Vermögen. Wie in der Türkei kauft man
in höheren Ständen sich der Frauen, soviel man Geld hat. Vielweiberei
und Mätressenwirtschaft werden Sitte, sind ein sittliches Faktum. Und
in der Tat und in der Wahrheit ist die »freie Liebe« nicht minder
sittlich wie auch die christliche Beschränkung auf nur ein einziges
Ehegesponst. Was uns an der Vielweiberei empört, ist nicht so sehr die
reiche Mannigfaltigkeit der Liebe, als die Käuflichkeit des Weibes, die
Degradation des Menschen, die schandbare Herrschaft des Mammons.
In der Weltgeschichte, liebe Mitbürger, geht es mit der Moral wie in
der Natur mit dem Stoff: die Formen ändern sich, aber das Wesen bleibt.
Hier muß ich kurz und bündig auseinandersetzen, was das eigentliche
Wesen der Sittlichkeit, was wahre Moral ist. Die Feinde schlachten,
braten und verspeisen, heißt dort moralisch, und hier: sie lieben und
ihnen Gutes tun. Wie sollen wir nun unter solchen Widersprüchen die
Kastanien der Wahrheit aus dem Feuer holen? Einfach, indem wir aus
dem Verschiedenen das Allgemeine, indem wir extrahieren, was +unter
allen Umständen+ moralisch, sittlich oder recht ist. Es kann das
nichts Spezielles, es muß das Generelle, das Abstrakte des gesamten
moralischen Materials sein. Mittels eines solchen induktiven Verfahrens
findet sich, daß die sittliche Weltordnung im allgemeinen aus den
Rücksichten besteht, verschieden je nach Zeit und Umständen, welche
das gesellschaftliche Bedürfnis der Menschen erheischt. Ferner findet
sich die unleugbare Tatsache, daß dieses Bedürfnis mit der Kultur
sich entwickelt, daß der soziale Trieb des Menschen wächst, daß die
menschliche Assoziation breiter und inniger, daß die Moral moralischer
wird.
Kein Orakel des Himmels, kein Gewissen der Brust und keine Deduktion
des Kopfes darf uns die sittliche oder irgend eine andere Wahrheit
dozieren. Auf diesen idealen Wegen findet sich nur die bekannte
Schnapperei nach »dem wahren Jakob«. Das einhellige wissenschaftliche
Resultat wird induktiv gewonnen; es gründet sich immer auf empirische
Tatsachen, hier auf das exakte Faktum, daß Menschen einander
dienstlich sind. So ewig wie einer des anderen bedarf, so ewig ist
dem einen recht, was dem andern billig. Je mehr sich die gegenseitige
Bedürftigkeit der Menschen entwickelt, um so extensiver und intensiver
wird ihre Verbindung, um so rücksichtsvoller die Moral, um so größer
und wahrer die Moral.
Die religiöse Wahrheit ist eine ideale Phantasterei. Sie hat die
Nächstenliebe auf Gottesglauben und sittliche Freiheit gründen wollen.
Und was haben wir davon? Den sozialen Krieg. Wir wollen umgekehrt den
ewigen Frieden bezwecken mittels einer brüderlichen Gestaltung der
politischen Ökonomie. Wie in der Familie, wo der Mann den Kohl baut,
die Frau ihn kocht und die Kinder das Reisig herbeiholen, wie da
die häusliche Liebe gegründet ist auf die häusliche Wirtschaft, die
geistige auf die materielle Eintracht, so wird sich auch bei uns die
wahre Nächstenliebe erst einfinden, nachdem die Erwerbsverhältnisse
sozialistisch gestaltet sind. Gewiß hat die Natur schon dem Menschen
die Nächstenliebe ins Herz gepflanzt. Aber dies Herz ist ein durchaus
unzuverlässiger Kompaß, und Wille und Erkenntnis, überhaupt der ganze
ideale Apparat ist ohne materielle Basis ein sehr niedriger Wegweiser.
Es müßte sonst besser stehen mit der Nächstenliebe unserer herrschenden
Klassen.
Mit der faktischen Welt stimmt die sozialdemokratische Moraltheorie
überein, sie anerkennt im politischen Staate den berechtigten Wächter
und Hüter der Sittlichkeit, aber fühlt sich auch berufen, dem Staat
auf die Finger zu sehen, daß er nicht aus einer vergänglichen und
veränderlichen Institution einen ewigen und heiligen Popanz mache,
daß er nicht statt dem sittlichen Fortschritt eine unsittliche
Reaktion, statt kommunistischer Moral egoistische Laster treibe.
Indem die Sozialdemokratie alle Privatinteressen dem Allgemeinen, der
sozialistischen Organisation unterordnet, bekundet sie wahre, echte
Moral.
(Dieses Schlußkapitel der Kanzelreden ist beiläufig als eine populäre
Erweiterung des Schlußkapitels vom »Wesen der menschlichen Kopfarbeit«
zu betrachten.)