VII.

Drei polemische Abhandlungen.

Die nun folgenden, einander ergänzenden drei Aufsätze: »Das

Unbegreifliche« (Vorwärts 1877), »Die Grenzen der Erkenntnis«

(Vorwärts 1877), »Unsere Professoren auf den Grenzen der

Erkenntnis« (Vorwärts 1878) sind zwar in polemischer Form gehalten,

lediglich aber Illustrationen der im vorhergehenden niedergelegten

erkenntniskritischen Lehren, insbesondere Beispiele von Metaphysik und

ihrer Abwehr.

Im ersten Artikel sagt Dietzgen:

Es ist viel Unbegriffenes vorhanden, wer will es bestreiten? Daß aber

in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Gelehrten noch

allen Ernstes von den Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens

sprechen und an das effektive Dasein von wunderbaren Dingen oder

Wundern glauben, die nicht mir oder dir, sondern dem Menschengeschlecht

über den Horizont gehen, das darf ein Ungläubiger wunderbar,

unbegreiflich und unerklärlich finden.

Die Fähigkeit des menschlichen Intellektes ist so unbegrenzt, daß

sie im Fortschritt der Zeit stets neue Ermittlungen macht, welche

regelmäßig alle vergangene Gelehrsamkeit im Lichte der Stümperei

erscheinen lassen.

Bekanntlich ist der Intellekt ein Organ, mit dem wir wahrnehmen. Von

den anderen Wahrnehmungsorganen, von Augen, Ohren usw., unterscheidet

er sich als der +wesentlichste+ Faktor. Ohne Augen läßt sich noch

hören, schmecken und riechen, aber ohne Bewußtsein, ohne Spiritus im

Kopfe ist die Welt zu Ende. Ein Bewußtsein jedoch, das keine Sinne

hätte, würde auch nichts wissen. Also gehört eins zum anderen. Der

Intellekt mag Hauptmann sein, aber er ist das nur in Verbindung mit den

Gemeinen, mit unseren fünf Sinnen und den Dingen der Welt.

Allerdings gibt es Unverständliches, Unbegreifliches, es gibt Grenzen

unseres Erkenntnisvermögens, aber nur in dem hausbackenen Sinne, wie

es Unsichtbares und Unhörbares, wie es Grenzen für Auge und Ohr gibt.

Jedes Ding hat seine natürliche Grenze, so auch der Intellekt. Wenn das

Auge keine Musiktöne, keine Wohlgerüche oder die Schwere der Körper

nicht zu sehen vermag, so ist das eine verständige Grenze des Auges,

aber keine Grenze in dem unverständigen Sinne der Metaphysik, welche

mit dem Namen Grenze oder Schranke einen +Mangel+ ausdrückt. Mangelhaft

ist das Exemplar einer Sache im Verhältnis zu anderen Exemplaren

derselben Gattung; aber generaliter sind die Dinge vollkommen. Ein

vollkommeneres Holz, wie das Holz im +allgemeinen+ auf der Erde ist,

kann auch in der Metaphysik nicht wachsen.

Um dem gruseligen Gerede vom Unbegreiflichen, von den »Grenzen unseres

Naturerkennens« ein Ende zu machen, sollen wir uns klar werden über

die Frage: Was heißt erkennen, erklären, begreifen? Ich wiederhole:

eine überspannte Idee vom Intellekt, unverständige Anforderungen an

unser Begriffsvermögen, also erkenntnistheoretische Unwissenheit ist

der Grund alles Aberglaubens, aller religiösen und philosophischen

Metaphysik.

Genau so wie der Bauer das Prinzip der Mechanik, genau so mißversteht

unsere Professoralweisheit das Prinzip der Intelligenz. Alles

Erkennen, Begreifen oder Erklären ist ein nur ganz formelles Tun.

Die Erscheinungen der Welt und des Lebens sind erkannt oder erklärt,

wenn wir sie +einteilen+ in Klassen, Gattungen, Familien, Arten usw.

und also das, was zueinander gehört und nacheinander folgt, in ein

formelles wissenschaftliches Schema bringen.

All unsere Vernunft, unser ganzes Erkennen oder Erklären kann nicht

mehr und darf nicht mehr wollen. Wer vom Intellekt mehr verlangt,

gleicht dem unwissenden Mechanikus, der das ~Perpetuum mobile~ sucht.

Im zweiten Artikel entscheidet Dietzgen die noch heute sehr vielen

hervorragenden Führern des Sozialismus unklare Sache, ob sich die

Sozialdemokratie um den Streit »Metaphysik oder keine?« überhaupt zu

kümmern brauche.[12]

Dietzgen sagt:

Allerdings gibt es viele wissenschaftliche Disziplinen, die das

sozialistische Streben nach Befreiung der geknechteten Menschheit

weniger tangieren. Aber die philosophische Frage, die Frage, ob etwas

Metaphysisches, »etwas Höheres« hinter oder über der Welt haust,

welches zu begreifen für unseren Intellekt zu monströs, das zu erklären

den menschlichen Verstand übersteigt, also die Spezialfrage der

Philosophie nach den »+Grenzen der Erkenntnis+«, berührt ganz fühlbar

die Knechtschaft des Volkes.

Die Sozialdemokratie erstrebt keine ewigen Gesetze, keine bleibenden

Einrichtungen oder festgeronnenen Formen, sondern im allgemeinen

das Heil des Menschengeschlechts. +Geistige Erleuchtung ist das

unentbehrliche Mittel dazu.+ Ob das Erkenntnisinstrument ein

begrenztes, das heißt ein untergeordnetes, ob die wissenschaftlichen

Erforschungen wahre Begriffe, Wahrheit in höchster Form und letzter

Instanz liefern, oder ob nur armselige »Surrogate«, welche +das

Unbegreifliche+ über sich haben -- die +Erkenntnistheorie+ also ist

eine eminent sozialistische Angelegenheit.

Alle Herrschaften, welche die Völker ausgebeutet haben, stützten sich

bis heute auf eine höhere Mission, auf eine Abstammung von Gottes

Gnade, auf heilige Salben und metaphysischen Weihrauch. Und wenn

sie auch die Aufklärung, die religiöse Freiheit, den politischen

Fortschritt und die kritische Philosophie im Munde führten, so wußten

sie doch sehr wohl, daß ohne »etwas Höheres«, etwas Unbegreifliches,

ohne etwas Metaphysisches, und wäre es auch nur eine »sittliche

Weltordnung«, die Zügel nicht mehr haltbar sind, welche das Volk in

Rand und Band und die Herrschaften in Besitz und Würde erhalten.

Nicht als wenn die Sozialdemokratie die Gegnerin der sittlichen

Weltordnung wäre. Auch wir wollen die Welt sittlich ordnen; aber

wir wollen die Ordnung nicht von oben, sondern von unten haben, das

heißt, wir wollen sie selbst machen. Wer mit dem sozialdemokratischen

Programm die Befreiung der arbeitenden Klasse durch die Arbeiter selbst

erstrebt, der muß das närrische Harren und Hoffen, das philosophische

Spintisieren und Forschen, insofern es auf eine +andere Welt+ gerichtet

ist, gründlich ablegen.

Und zum Thema des »Unbegreiflichen« oder der »Grenze der Erkenntnis«

zurückkehrend, sagt Dietzgen:

Der Welt ist wohlbekannt, daß nicht nur der Geist, das Bewußtsein

oder die Empfindung, sondern +alle Dinge+ »im letzten Grunde«

unbegreiflich sind. »Wir sind nicht imstande, die Atome zu begreifen,

und wir vermögen nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur

die geringste Erscheinung des Bewußtseins zu erklären,« sagt Lange in

seiner »Geschichte des Materialismus«, oder ein anderer: »das Wesen

der Materie ist schlechthin unbegreiflich«. Dies Kausalitätsbedürfnis

nennt sich mit anderem Namen auch »Trieb des Forschens«, der, unbändig,

es nicht unterlassen kann, auch dem »Unbegreiflichen« an den Federn zu

rupfen.

Dagegen behaupten wir, was sich möglicherweise begreifen läßt, ist

nicht unbegreiflich. Wer das Unbegreifliche begreifen will, treibt

Eulenspiegelei. Wie mit dem Auge nur das Sichtbare, mit dem Ohr nur

das Hörbare, so kann ich mit dem Begriffsvermögen nur das Begreifliche

greifen. Und wenn auch die sozialdemokratische Philosophie lehrt, daß

alles, was da ist, +vollkommen+ zu begreifen ist, so soll doch auch das

Unbegreifliche nicht geleugnet sein. Das sei anerkannt.

Die sozialdemokratische Philosophie ist mit der »zünftigen«

einverstanden: »das Sein läßt sich auf keine Weise im Denken auflösen«,

auch kein Teil des Seins. Aber wir erkennen es auch nicht als Aufgabe

des Denkens, das Sein aufzulösen, sondern nur formell zu ordnen,

die Klassen, Regeln und Gesetze zu ermitteln, kurz das zu tun, was

man »Naturerkennen« nennt. Alles ist begreiflich, insofern es zu

klassifizieren ist, alles ist unbegreiflich, insofern es sich nicht in

Gedanken auflösen läßt. Dies können, sollen und wollen wir nicht, und

bleiben ihm darum fern. Wohl aber können wir das Umgekehrte: das Denken

in Sein auflösen, das heißt, das Denkvermögen als eine von den vielen

Arten des Daseins klassifizieren.

Der rationelle Forschungstrieb will das Dasein regeln, die +Gesetze

des Daseins+ ermitteln. Wo er über das Dasein hinaus soll, soll er

über seine und über alle Natur hinaus. In dieser Zumutung besteht

Überschwenglichkeit, die sie von der Religion geerbt hat. Philosophie

und Religion verkennen die »letzten Gründe« aller Begreiflichkeit:

nämlich die Empirie oder Tatsache. Auf sinnliche Tatsachen und

Erfahrungen sollen sich wesentlich die Gedanken gründen. Wer umgekehrt

auf den Geist oder die Logik Tatsachen gründen will, darf das nur

+formell+ verstehen. Der letzte Grund, warum der Stein fällt oder die

Wärme sich ausdehnt, ist die Tatsache, und das Gesetz der Schwere und

das Gesetz der Wärme sind Abstraktionen, sind +formelle+ Gründe. Nicht

nur läßt sich das Sein nicht im Denken auflösen, sondern es versteht

sich klar, daß das philosophische Begehren nach solcher Auflösung eine

idealistische Überspannnug ist.

Das nämliche Thema wird im dritten Aufsatz, in einer Polemik gegen

die Professoren v. Nägeli und Du Bois-Reymond, behandelt. Letzterer

hatte einen anregenden Vortrag über das Naturerkennen und »die letzten

Gründe« mit den Worten geschlossen: »~ignoramus et ignorabimus~« (wir

wissen nicht und werden nicht wissen), während ersterer das Nichtwissen

oder Nichterkennen für ganze Gebiete des Naturlebens voraussetzt: »Über

die Beschaffenheit, die Zusammensetzung, die Geschichte eines Fixsterns

letzter Größe, über das organische Leben auf seinen dunklen Trabanten,

über die stofflichen und geistigen Bewegungen in diesen Organismen

werden wir nie etwas wissen.«

Dietzgen erwidert hierauf:

Jawohl, die Natur ist dem menschlichen Geiste überlegen, sie ist sein

unerschöpfliches Objekt. Aber unser Forschungsvermögen ist nur insoweit

beschränkt, als sein Objekt, die Natur, unbeschränkt ist. Wir können

an kein Ende kommen, weil kein Ende vorhanden. Wo aber ein Ende ist,

da kommen wir möglicherweise hin. Kein Professor kann wissen, wie

vieles von den Fixsternen und ihren Trabanten wir und unsere Nachkommen

noch ausforschen, wie unendlich tief wir in die Vergangenheit, in die

Zukunft und in die kleinsten Teilchen hineindringen.

Das Forschen kommt an kein Ende, weder objektiv noch subjektiv,

das heißt, die Unendlichkeit der Welt läßt es nicht zu und die

Unendlichkeit des Intellekts auch nicht. Daß aber doch wieder

der Intellekt nur ein beschränkter Teil der Welt ist, wird der

sozialdemokratische Materialist nie leugnen. Nur wollen wir aus dem

Dualismus heraus. Nur eine, nur eine einzige Welt erkennen wir an,

»wovon uns die sinnlichen Wahrnehmungen Kunde geben«. Wir halten

dafür, daß wo wir nichts sehen und hören, nichts fühlen, schmecken und

riechen, da auch nichts wissen können.

Ich will hier nochmals positiv auf die Beschränktheit der menschlichen

Erkenntnis zurückkommen. Wir können mit diesem Vermögen +nur erkennen+;

singen und springen und hundert andere Dinge können wir damit nicht;

insofern ist die Vernunft beschränkt. In ihrem Element aber, im

Erkennen ist sie unbeschränkt, und so unbeschränkt, daß sie mit ihrer

Arbeit nie ans Ende kommt. Alles Erkennbare steht ihr offen. Das

Unerkennbare, das den Sinnen absolut Unerreichbare ist für uns nicht

vorhanden, und ist auch insofern »an sich« nicht vorhanden, als wir

ohne Phantasterei nicht einmal davon reden können.

Wer das »geistige Bedürfnis« hat, etwas von Erscheinungen zu erfahren,

»die uns verborgen bleiben«, uns unserer Natur nach verborgen bleiben

müssen, der hat kein geistiges, sondern ein mystisches Bedürfnis. Die

elektrischen Erscheinungen sind nicht zufälliger gefunden worden wie

der Tabak. Und es ist ein starker Tabak für einen Naturforscher, von

Erscheinungen zu sprechen, die niemand wahrgenommen hat und niemand

wahrnehmen wird. Es +ist möglich+, daß Mephisto in Gestalt einer

unsichtbaren Fledermaus mich umschwirrt; was ich aber nicht weiß, macht

mich nicht heiß, und sollte auch die Naturforscher nicht heiß machen.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 22 / 78 题