IV.

Dietzgens Ethik.

Das Schlußkapitel von Dietzgens »Wesen der menschlichen Kopfarbeit«

behandelt die +Ethik+: »Praktische Vernunft« oder Moral. (Seite 61 bis

87, 1. Band der Sämtlichen Schriften.)

Siebenunddreißig Jahre später erschien Kautskys »Ethik« (und

materialistische Geschichtsauffassung) -- das erste und bis jetzt

einzige deutsche sozialistische Werk auf diesem Gebiet.[7] In der

Vorrede sagt Kautsky: »Ich fuße bei meiner Entwicklung der Ethik auf

der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung -- auf jener

materialistischen Philosophie, wie sie einerseits Marx und Engels und,

in anderer Weise, aber in gleichem Sinne, Josef Dietzgen begründet

haben.«

Kautskys Arbeit in allen Ehren, aber sie ist im Grunde keine

erkenntniskritisch begründete, sondern eine historisch-ökonomisch

orientierende Darlegung, daher macht sie die Lektüre Dietzgens zu

einer notwendigen Voraussetzung. Bei Kautsky erfahren wir nicht --

wie bei Dietzgen -- die philosophische Methode, durch welche man

zur Erforschung der Sinnlichkeit als Grundlage der Moral gelangt.

Dietzgen kommt zu seinem Befunde -- zum Erkennen des Vernünftigen,

Weisen, Rechten, Sittlichen -- durch »+Entwicklung des Allgemeinen

aus dem Besonderen+«. Das gelingt ihm mit seinem Schlüssel -- wie im

vorangegangenen Kapitel die Lösung des »Stoff-und-Kraft«-Problems

-- sozusagen spielend. Unter tunlichster Beibehaltung des logischen

Zusammenhangs lasse ich die Hauptstellen des Moral-Kapitels (in

Auswahl von etwa einem Achtel des Originals) hier folgen:

Das menschliche +Bedürfnis+ gibt der Vernunft das Maß zur Ermessung des

Guten, Rechten, Schlechten, Vernünftigen usw. Was unserem Bedürfnis

entspricht, ist gut, das Widersprechende schlecht. +Das leibliche

Gefühl des Menschen+ ist das Objekt der Moralbestimmung, das Objekt

der »praktischen Vernunft«. Auf die widerspruchsvolle Verschiedenheit

menschlicher Bedürfnisse gründet sich die widerspruchsvolle

Verschiedenheit moralischer Bestimmungen. Weil der feudale Zunftbürger

in der beschränkten und der moderne Industrieritter in der freien

Konkurrenz prosperiert, weil sich die Interessen widersprechen,

widersprechen sich die Anschauungen, und es findet der eine mit Recht

dieselbe Institution vernünftig, welche dem andern unvernünftig ist.

Wenn die Vernunft einer Persönlichkeit rein aus sich das Vernünftige

schlechthin zu bestimmen versucht, kann sie nicht anders, als ihre

Person zum Maß der allgemeinen Menschheit machen. Wenn man der

Vernunft das Vermögen zuspricht, in sich selbst die Quelle der

moralischen Wahrheit zu besitzen, verfällt man in den spekulativen

Irrtum, ohne Sinnlichkeit, ohne Objekt Erkenntnisse produzieren zu

wollen ... Sinnliche Bedürfnisse sind das Material, aus welchem die

Vernunft moralische Wahrheiten anfertigt. Unter sinnlich gegebenen

Bedürfnissen von verschiedener Dringlichkeit oder verschiedenem Umfang

das Wesentliche, Wahre vom Individuellen zu scheiden, +Entwicklung des

Allgemeinen ist die Aufgabe der Vernunft+. Der Unterschied zwischen dem

scheinbar und wahrhaft Vernünftigen reduziert sich auf den Unterschied

zwischen dem Besonderen und Allgemeinen.

Wie die Aufgabe der Physik die Erkenntnis des +wahren+, so ist die

Aufgabe der Weisheit die Erkenntnis des +vernünftigen+ Seins. Überhaupt

hat die Vernunft zu erkennen, was ist -- als Physik, was wahr, als

Weisheit, was vernünftig ist. Wie wahr mit allgemein, so übersetzt

sich vernünftig mit zweckmäßig, so daß wahrhaft vernünftig soviel

wie +allgemein zweckmäßig+ heißt. Wie das Wahre, das Allgemeine

die Beziehung auf ein besonderes Objekt, auf ein gegebenes Quantum

der Erscheinung, bestimmte Grenzen unterstellt, innerhalb deren es

wahr oder allgemein ist, so setzt das Vernünftige oder Zweckmäßige

gegebene Verhältnisse voraus, innerhalb deren es vernünftig oder

zweckmäßig sein kann. Das Wort expliziert sich selbst: Der Zweck ist

+das Maß+ des Zweckmäßigen. Nur auf Grund eines gegebenen Zweckes

läßt sich das Zweckmäßige bestimmen. Ist erst der Zweck gegeben, dann

heißt die Handlungsweise, welche denselben am weitesten, breitesten,

allgemeinsten verwirklicht, die vernünftige, der gegenüber jede minder

zweckmäßige Weise unvernünftig wird.

Fordert demnach unsere Aufgabe die Ermittlung des

Menschlich-Vernünftigen +schlechthin+, so verdienen ein solches

Prädikat +nur Handlungsweisen, welche ohne Ausnahme allen Menschen,

zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen zweckmäßig sind+ --

folglich widerspruchslose und insofern nichtssagende, unbestimmte

Allgemeinheiten. Daß physisch das Ganze größer ist als der Teil, daß

moralisch das Gute dem Schlechten vorzuziehen, sind solche allgemeine,

deshalb bedeutungslose, unpraktische Kenntnisse. Der Gegenstand der

Vernunft ist das Allgemeine, aber -- das Allgemeine eines besonderen

Gegenstandes. Die praktizierende Vernunft hat es mit dem Einzelnen,

Besonderen zu tun, mit dem Gegensatz des Allgemeinen, mit bestimmten,

besonderen Kenntnissen ... Vernünftig im allgemeinen ist nur das, was

jede Vernunft anerkennt. Wenn die Vernunft einer Zeit, Klasse oder

Person vernünftig heißt, wovon anderwärts das Gegenteil anerkannt

ist, wenn der russische Adelige die Leibeigenschaft und der englische

Bourgeois die Freiheit seines Arbeiters eine vernünftige Institution

nennt, so ist etwa keine von beiden schlechthin, sondern jede nur

+relativ+, nur in ihrem mehr oder minder beschränkten Kreise

vernünftig ... Die »+absolute+ Wahrheit« ist der Urgrund der Intoleranz.

Die heidnische Moral ist eine andere als die christliche. Die feudale

Moral unterscheidet sich von der modern bürgerlichen wie Tapferkeit und

Zahlungsfähigkeit ...

Jedes wirkliche Recht ist ein besonderes. Recht nur unter gewissen

Umständen, für gewisse Zeiten, diesem oder jenem Volke. »Du sollst

nicht töten« ist Recht im Frieden, Unrecht im Kriege; Recht für die

Majorität unserer Gesellschaft, welche ihrem dominierenden Bedürfnis

die Mucken der Leidenschaft geopfert wissen will, doch Unrecht dem

Wilden, der nicht so weit gekommen, ein friedliches, geselliges Leben

zu schätzen, der deshalb das angeführte Recht als unrechte Beschränkung

seiner Freiheit empfindet.

Wollte ein Gesetz, eine Lehre, eine Handlung absolut recht, Recht

überhaupt sein, so müßte sie dem Wohle aller Menschen, unter allen

Verhältnissen, zu allen Zeiten entsprechen. Dieses Wohl ist jedoch so

verschieden wie die Menschen, ihre Umstände und die Zeit. Was mir gut,

ist einem anderen schlimm, was in der Regel wohl, tut ausnahmsweise

leid; was einer Zeit frommt, hemmt eine andere. Das Gesetz, welches

Anspruch darauf machen wollte, Recht überhaupt zu sein, dürfte

nie und niemanden widersprechen. Keine Moral, keine Pflicht, kein

»kategorischer Imperativ«, keine Idee des Guten vermag den Menschen zu

lehren, was gut, was böse, was recht, was unrecht sei. Gut ist, was

unserem Bedürfnis entspricht, böse, was ihm widerspricht. Aber was ist

wohl gut überhaupt?

Der Unterschied zwischen guten und bösen, rechten und schlechten

Bedürfnissen findet, wie Wahrheit und Irrtum, wie Vernunft und

Unvernunft, seine Auflösung in dem Unterschied des Besonderen und

Allgemeinen. Die Vernunft vermag aus sich so wenig positive Rechte,

absolut moralische Maximen zu entdecken wie irgend eine andere

spekulative Wahrheit. Erst wenn ihr sinnliches Material gegeben ist,

wird sie der Zahl nach das Allgemeine und Besondere, dem Grade nach

das Wesentliche und Unwesentliche zu ermessen wissen. Die Erkenntnis

des Rechten oder Moralischen will, wie die Erkenntnis überhaupt, das

Allgemeine.

+Die Moral ist der summarische Inbegriff der verschiedensten einander

widersprechenden sittlichen Gesetze, welche den gemeinschaftlichen

Zweck haben, die Handlungsweise des Menschen gegen sich und andere

derart zu regeln, daß bei der Gegenwart auch die Zukunft, neben dem

einen das andere, neben dem Individuum auch die Gattung bedacht sei.

Der einzelne Mensch findet sich mangelhaft, unzulänglich, beschränkt.

Er bedarf zu seiner Ergänzung des anderen, der Gesellschaft, und muß

also, um zu leben, leben lassen. Die Rücksichten, welche aus dieser

gegenseitigen Bedürftigkeit hervorgehen, sind es, was sich mit einem

Worte Moral nennt.+

Die Unzulänglichkeit des einzelnen, das Bedürfnis der Genossenschaft

ist Grund oder Ursache der Berücksichtigung des nächsten, der Moral.

So notwendig nun der Träger dieses Bedürfnisses, so notwendig der

Mensch immer individuell ist, so notwendig ist auch das Bedürfnis

ein individuelles, bald mehr und bald minder intensiv. So notwendig

der nächste verschieden ist, so notwendig sind die erforderlichen

Rücksichten verschieden ...

In diesem Satze ist eine so bündig überzeugende Klärung des

Pflichtbegriffes enthalten, wie sie vor Dietzgen keinem Denker

erkenntniskritisch gelungen ist.

Besagt sie doch, daß es namentlich die Berücksichtigung der Gebote der

beiden uns regierenden Hauptmächte ist, solche der Gesellschaft und

Natur, die das Pflichtverhalten des Menschen bedeuten und bestimmen,

und zwar aus dessen wohlverstandenem Eigeninteresse heraus, sobald er

seine organische Abhängigkeit von Gesellschaft und Natur einsieht.

Solche Berücksichtigung mag gewiß häufig genug mit unseren momentanen

Wünschen kollidieren, aber sie ist es, die unser dauerndes Interesse

fördert, zumal wenn wir freiwillig und bewußt das besondere und

flüchtigere Bedürfnis dem allgemeinen und dauernderen Wohlergehen

unterordnen. Kein mystisches »inneres Gefühl«, auch kein »kategorischer

Imperativ« klärt uns über unsere Pflicht auf, wohl aber Einsicht

in das »Allgemeine«, das heißt in die Zusammenhänge und Gesetze

der Gesellschaft und Natur, deren Anordnungen wir nicht einmal

unbewußt ohne empfindliche Strafe verletzen können, während bewußtes

Zuwiderhandeln uns außerdem notwendig Einbuße an Selbstachtung

bringt, sofern wir Gebote übertreten, welche der jeweiligen sozialen

Entwicklungsstufe entsprechen.

Dietzgens Ethik entspricht offenbar den Anschauungen vieler

Vertreter der modernen Intelligenz und speziell der allermeisten

wissenschaftlichen Sozialisten -- mit Ausnahme der auf den Kantschen

»kategorischen Imperativ«[8] eingeschworenen Revisionisten --, wenn

auch der philosophische Weg, auf dem unserem Autor seine Schlüsse sich

ergaben, einem großen Teile derselben fremd geblieben ist. Bekannt ist,

daß man vor langer Zeit schon in Deutschland durch das Wort »+Mitleid+«

die Ethik auf den Egoismus zurückführte: »Wir haben Mitgefühl mit dem

Elenden, weil wir beim Anblick seiner Leiden +mitleiden+ -- durch die

Reflexion, daß auch wir in seine Lage geraten könnten.«

In starrer Opposition gegen diese utilitarische oder

Zweckmäßigkeitsmoral finden wir die kantische Ethik (Pflicht) und die

des religiösen Idealismus (Liebe).

In Wirklichkeit aber stellen Zweckmäßigkeit (rationeller, begrenzter

Egoismus oder legitimes, persönliches Interesse), Pflicht, Liebe

+zusammen+ das Moralgebilde dar. Indem (nach Dietzgen) die Moral so

beschaffen sein soll, daß »neben dem Individuum auch die Gattung

bedacht ist«, betätigt, wer dieser Morallehre nachlebt, die von Kant

verlangte »Pflicht«, und indem er ihr dauernd und gern nachkommt, nimmt

sie ganz automatisch den Charakter der »Liebe« an.

Ich erlaube mir daher zu sagen:

Für die Moral ist die Zweckmäßigkeit die Wurzel, die Pflicht der Baum

und die Liebe die Frucht.

Am deutlichsten läßt sich der Dreistufenpfad der Moral »Egoismus,

Pflicht, Liebe« im Verhältnis der Eltern zum Kinde erkennen: Ursprung

der Freude am Kinde ist die natürliche, elterliche Eigenliebe, der

gewiß niemand sich zu schämen braucht; sofort tritt das Pflichtgefühl

an die Eltern heran, und bei Ausübung der Pflicht verwandelt sich die

Eigenliebe der Eltern in wahre Liebe. So vermag überall -- wenn auch

nicht so rasch wie in diesem Falle -- die in Zweckmäßigkeit wurzelnde

Moral durch das Medium der Pflicht sich zu hehrer Sittlichkeit, zur

Tugend, zur Güte, zur Liebe auszuwachsen.

Es ist keine beleidigende Insinuation, wenn dem Schönsten und

Erhabensten -- das bisher der Urzeugung in Engelsregionen glaubte sich

rühmen zu dürfen -- Abkunft aus niederem Stande aufgezeigt wird; daß es

in zweckmäßigem Egoismus, im Eigeninteresse des Menschen seine Wurzel

hat und dem Mutualismus, der Gegenseitigkeitspflicht, sein Höhendasein

verdankt.

Entrüste man sich nicht über diese neue Ethikformel, die Moraltrilogie

»Egoismus, Pflicht, Liebe«!

Auch der Brotfrucht Wurzeln stecken nicht in balsamisch gedüngtem Boden.

Mit dieser einfachen Korrektur der Kantschen und der religiösen

Moralbegründung dürfen wir uns hier begnügen, da die letztere, als eine

theologische, unserer gegenwärtigen Betrachtung allzu fern liegt, und

der Nachweis von Kants teils fehlerhafter, teils widerspruchsvoller

Argumentierung seines Sittengesetzes längst von kompetenten Autoren

(auch in Kautskys »Ethik«) geliefert worden ist.

Nur aus des Monistenführers Ostwald »Sonntagspredigt« vom 20. Dezember

1913 »Die wissenschaftlichen Grundlagen der Ethik« möchte ich einige

Zeilen hier anführen, weil sie eine wohlbegründete +Entschuldigung für

Kants Irrtum+ enthalten:

»Kant glaubte auch die Quelle der Ethik in einem inneren Sittengesetz

zu finden, welches dem Menschen ~a priori~ eigen ist, und hat damit

allerdings in etwas versteckter Weise diese Quelle gleichfalls in

einen irrationalen, der wissenschaftlichen Forschung nicht zugänglichen

Punkt gelegt. Es läßt sich darum erklären, daß jenem großen Denker

das +Entwicklungsgesetz+ der Lebewesen nicht nur nicht bekannt war,

sondern daß er sogar eine ausgesprochene Abneigung dagegen hatte,

das menschliche Denken unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung

zu betrachten. So behauptete er das absolute Vorhandensein des

inneren Sittengesetzes bei dem Menschen und begnügte sich mit diesem

Vorhandensein, ohne weitere Nachforschungen darüber anzustellen, woher

es stammte.«

Unsere Revisionisten aber +kennen+ das Entwicklungsgesetz.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 19 / 78 题