III.

Dietzgens monistische Erkenntnislehre.

Zeige man mir, wer +vor+ oder +nach+ Dietzgen (1868) das »Stoff- und

Kraft«-Problem besser oder auch nur ebenso mustergültig behandelt

hat -- in rein philosophischer und sprachmeisterlicher Beziehung.

Dietzgens +allgemein verständliche Lösung+ eines der allerschwierigsten

Menschheitsprobleme gehört zu den erstklassigen +Kunstwerken+ der

»Kopfarbeit«.

Zur Wertung von Dietzgens Arbeit dürfte das Nachstehende wohl am Platze

sein:

Daß sinnliche Erfahrung der Erkenntnis zugrunde liegt, haben schon

viele Philosophen des Altertums angenommen und außerdem vermutlich

ungezählte Millionen nachdenklicher Menschen, die +vor+ Lockes und

David Humes Untersuchungen über den menschlichen Verstand (1690

respektive 1748) an Tieren und kleinen Kindern das allmähliche Wachsen

des Intellekts der jungen Lebewesen mit Interesse beobachtet haben,

wie die meisten von uns heute. Gleichwohl wurde uns keine Theorie der

Bewußtseinsbewegung, keine Theorie der menschlichen Erkenntnis aus

jener Zeit hinterlassen.

Schuld daran war in erster Linie die aus den frühesten Perioden

überkommene Vorstellung vom Doppelwesen des Menschen, seiner

Zusammensetzung aus Leib und Seele. Für »Seele« hielt man des Menschen

Empfindungs- und Denkvermögen, einschließlich Ausdrucks unserer

Empfindungen und Gedanken durch Sprache oder Gebärde oder einen

Willensakt. Die »Seele« hieß auch der »Geist«, ein Ausfluß göttlichen

Geistes, und deshalb mußte die Seele nach des Menschen Tode fortleben,

unsterblich sein; daher gab es ein »Jenseits«.

Zum Unterschied von der Menschenseele erhielt das Empfindungs- und

Denkvermögen der (ebenfalls »von einem Gott erschaffenen«) Tierwelt die

Bezeichnung »Instinkt«.

Die »Unsterblichkeit der Seele« erstreckte sich über die gesamte

Menschheit; das eine Stunde nach seiner Geburt verstorbene Kind

hat ebenso Anteil daran wie die Seele der Kannibalen, obwohl das

Menschenkind in seinen ersten Daseinstagen viel weniger »Seele«, das

heißt Intellekt verrät als manches sich rasch entwickelnde Tier, und

obwohl die Menschen im Urzustand der Wildheit und Wildnis mit dem Tier

mehr Ähnlichkeit haben als einer »im Ebenbild Gottes« gedachten Kreatur.

Aus der Anatomie und Physiologie von Mensch und Tier kannte man

zwar schon lange das mehr oder minder Gemeinsame beider; aber die

kardinalen Verschiedenheiten von Mensch und Tier gestatteten immerhin

die Voraussetzung einer göttlichen Menschenseele -- als Ursache des

Denkvermögens -- in der »Krone der Schöpfung«.

Die erste naturwissenschaftliche Begründung der Deszendenz- oder

Abstammungslehre durch Lamarck ist nur wenig über hundert Jahre alt.

Bis dahin mußte die Tradition des Seelenglaubens, also die Annahme,

daß der Mensch nur infolge des ihm eingeflößten göttlichen Geistes

zu denken vermag, den Wert der Locke-Humeschen Erkenntnislehre als

sekundär, wenn nicht gar unwesentlich erscheinen lassen.

Was liegt daran, wie der Denkprozeß sich vollzieht, wenn er ganz und

gar eine göttliche Gnadenerscheinung ist?

Zudem lag vor hundert Jahren die Anatomie und Physiologie des +Gehirns+

noch sehr im argen. Zwar ist das Gehirn als Sitz des Denkvermögens

seit mehr als 2200 Jahren anerkannt, wenn auch Aristoteles den Sitz

der Seele in das Herz verlegte und der hebräische Pentateuch ins

Blut. Aber der Stand der Gehirnanatomie und -physiologie zu Lamarcks

Zeit gestattete noch keine genaue Vorstellung von der Mechanik

des Geisteslebens: wie die Dinge der Außenwelt, die durch unsere

Sinnesorgane mit uns in Beziehung treten, bestimmte Vorgänge in unserem

Nervensystem veranlassen. Gegen Mitte des siebzehnten Jahrhunderts

kannte man erst sieben, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts neun, zu

Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zwölf Paare von Gehirnnerven. Die

Ganglienzellen und Nervenfasern, elementare mikroskopische Bestandteile

der Nervenzellen, kennt man erst seit etwa siebenundsiebzig Jahren.

»Die Nervenfasern«, sagt Professor Verworn in seinem oben genannten

Buche: Die Mechanik des Geisteslebens, »haben die Funktion, gewisse

Vorgänge, die sich in den Zellen der Sinnesorgane und in den Nerv- oder

Ganglienzellen abspielen, zu übertragen nach anderen Ganglienzellen

und peripherischen Organen, wie den Muskeln, den Drüsen usw. Man

kennt jetzt seit vierzig Jahren die Lokalisation in der motorischen

Sphäre des Gehirns so genau und kann die Reizung so fein lokalisieren,

daß man mit Sicherheit eine Bewegung im Daumen oder im Augenmuskel

oder im Fußgelenk vorhersagen kann. Im Anschluß daran sind noch

weitere Zonen auf der Großhirnrinde bekannt geworden, die mit unseren

Sinnesempfindungen im engsten Zusammenhang stehen.

Klinische Erfahrungen der Psychiater ergaben, daß Krankheitsprozesse,

die bestimmte Teile der Gehirnoberfläche zerstört hatten, von

Ausfallssymptomen im Bewußtsein der betreffenden Menschen begleitet

waren, und durch Experimente an Tieren -- Exstirpationen gewisser Zonen

der Gehirnrinde -- lokalisierte man die Seh-, Hör-, Fühl-, Geruchs- und

Geschmackssphäre.

Vorstellungen sind Bewußtseinsbewegungen, die ihren Ursprung im engsten

Anschluß an Sinnesempfindungen haben. Ohne Sinnesempfindungen keine

Vorstellung. Wir können direkt die Vorstellungen als Erinnerungsbilder

von Empfindungen bezeichnen.«

Dietzgens »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« ist somit, obwohl bald

fünfzig Jahre alt, ein hochmodernes Buch.

Dietzgen behandelt den Geist, das Denkvermögen als »Organ des

Allgemeinen«, das heißt der Natur, und weil der Geist ein Stück Natur,

ist er, wie unser Autor sich in einer späteren Schrift ausdrückt, kein

größeres Naturwunder als der Magnetismus, die Elektrizität usw.

Nach dem heutigen Stande der Naturwissenschaften und in Verbindung

mit unserer Erkenntnis, daß Kraft Stoff und Stoff Kraft ist, darf man

Dietzgens Satz, daß das »Denken eine Eigenschaft der Generalnatur« ist,

ohne Vorbehalt unterschreiben.

Wenn nun das Denkvermögen das »Organ des Allgemeinen« ist, muß es uns

in erster Linie darum zu tun sein, das Allgemeine herauszufinden,

das heißt namentlich was allgemein der Menschheit frommt, allen

zugute kommt; wir sollen mithin Zustände ermöglichen, unter denen

die Allgemeinheit oder doch die größte Zahl der Menschheit sich

wohlbefinden kann.

Dietzgens Naturmonismus begnügt sich demnach nicht mit der Anschauung

von der Einheitlichkeit des Weltalls minus Mensch; +dieser+ mit seinem

Körper und Geist gehört, wie jedes andere Naturstück aus Stoff und

Kraft, in die Betrachtung des monistischen Weltorganismus hinein. Wie

durch das Denkvermögen, als »Organ des Allgemeinen«, beziehungsweise

des Universalzusammenhangs, die Widersprüche überhaupt vermittelt

werden -- durch Entwicklung des Allgemeinen aus dem Besonderen --,

sollten wir dieselbe monistische Denkmethode ganz speziell zur Lösung

der Ungereimtheiten der +sozialen+ Welt anwenden. Dann erst haben wir

den Sozialmonismus erreicht. Daraus nun, daß es dem richtigen Denken

in erster Linie darum zu tun sein muß, das +Allgemeine+ herauszufinden

-- auf das soziale Gebiet angewandt: das allgemein Nützliche zu

ermitteln --, zieht Dietzgen (in seiner Vorrede) einen Schluß, der auf

einen für unseres Autors Betrachtungsweise noch nicht vorbereiteten

Leser verblüffend wirken mag, aber gleichwohl jedes wirklichen

Monisten Billigung finden muß: daß die wahren Träger des »+Organs des

Allgemeinen+« nicht in den von Sonderinteressen beherrschten Kreisen

zu suchen sind, vielmehr in den Reihen der nach Beseitigung aller

Vorrechte hinstrebenden Arbeiterklasse.

Dietzgen sagt: »Ich entwickle in dieser Schrift das Denkvermögen als

Organ des Allgemeinen. Der leidende, der vierte, der Arbeiterstand ist

insoweit erst der wahre Träger dieses Organs, als die herrschenden

Stände durch ihre besonderen Klasseninteressen verhindert sind, das

Allgemeine anzuerkennen. Wohl bezieht sich diese Beschränkung zunächst

auf die Welt der menschlichen Verhältnisse. Aber solange diese

Verhältnisse nicht allgemein menschlich, sondern Klassenverhältnisse

sind, muß auch die Anschauung der Dinge von diesem beschränkten

Standpunkt bedingt sein. Objektive Erkenntnis setzt subjektiv

theoretische Freiheit voraus. Bevor Kopernikus die Erde sich bewegen

und die Sonne stehen sah, mußte er von seinem irdischen Standpunkt

abstrahieren. Da nun dem Denkvermögen alle Verhältnisse Gegenstand

sind, hat es von allem zu abstrahieren, um sich selbst rein oder

wahr zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche so

weit fortgeschritten ist, um die Auflösung der letzten Herr- und

Knechtschaft zu erstreben, kann soweit der Vorurteile entbehren, um

das Urteil im allgemeinen, das Erkenntnisvermögen, die Kopfarbeit wahr

oder nackt zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche

die direkte allgemeine Freiheit der Masse im Auge haben kann -- und

dazu gehören wohl sehr verkannte historische Voraussetzungen -- erst

die neue Ära des vierten Standes findet den Gespensterglauben soweit

entbehrlich, um den letzten Urheber alles Spuks, um den reinen Geist

entlarven zu dürfen. Der Mensch des vierten Standes ist endlich

>+reiner+< Mensch. Sein Interesse ist nicht mehr Klassen- sondern

Masseninteresse, Interesse der Menschheit. Die Tatsache, daß zu allen

Zeiten das Interesse der Masse mit dem Interesse der herrschenden

Klasse verbunden war, daß nicht nur trotz, sondern gerade mittels

ihrer stetigen Unterdrückung durch jüdische Patriarchen, asiatische

Eroberer, antike Sklavenhalter, feudale Barone, zünftige Meister,

besonders durch moderne Kapitalisten und auch selbst noch durch

kapitalistische Cäsaren die Menschheit stetig >fortgeschritten< --

diese Tatsache nähert sich ihrem Ende. Jetzt ist diese Entwicklung

an einem Standpunkt angekommen, wo die Masse selbstbewußt wird. Sie

ist damit so weit gekommen, daß sie nunmehr sich unmittelbar selbst

entwickeln will.«

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 18 / 78 题