II.

Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit.

(Erkenntnislehre.)

In seinem »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« zeigt Josef Dietzgen,

»was die Philosophie positiv Wissenschaftliches gefördert hat«, und

zwar, wie er sich ausdrückt, »langstielig und größtenteils unbewußt«.

Er will »die allgemeine Natur des Denkprozesses enthüllen, weil diese

Erkenntnis uns die Mittel an die Hand gibt, alle die allgemeinen

Rätsel der Natur und des Lebens wissenschaftlich zu lösen und zu einem

fundamentalen Standpunkt, zu einer systematischen Weltanschauung

zu gelangen, welche das langerstrebte, aber nie erreichte Ziel der

spekulativen Philosophie war«.

Unser Autor behandelt zunächst »die reine Vernunft oder das

Denkvermögen im allgemeinen«, die allgemeine Natur des Denkprozesses,

in dessen Erkenntnis, wie er in einer späteren Schrift mit Recht sagen

darf, »das Fundament aller Wissenschaft liegt«. Dann geht er zum »Wesen

der Dinge« über unter begründeter Abweisung von Kants »Ding an sich«,

das heißt der Kantschen Theorie, daß hinter dem von uns Wahrgenommenen,

hinter seiner Erscheinung, noch ein »Ding an sich« steckt. Dietzgen

zeigt, daß eine Erscheinung nur vorhanden ist, sofern sie unserem

Denkvermögen, beziehentlich unseren Sinnen sich offenbart; ein »Ding an

sich«, das außerhalb der Erscheinungswelt existieren sollte, führt zum

Köhlerglauben. Dietzgen weist Kants »Ding an sich« überzeugend auf als

nichts Übersinnliches, beziehentlich von der Sinnlichkeit Unabhängiges

(wie Kant das »Ding an sich« auffaßte), vielmehr erstens als absolut

identisch mit dem Universum, dem einzigen »Ding an sich«, das alle

anderen Dinge in sich trägt und nur absolut »an sich« durch dieses

»in sich« ist; und zweitens als relativ identisch mit dem allgemeinen

Bild der Vorstellung oder dem Begriff, die der Mensch mittels Denkens

aus dem sinnlich Besonderen entwickelt. Dietzgen behandelt dann »die

Praxis der Vernunft in der physischen Wissenschaft« -- Ursache und

Wirkung, Geist und Materie, Kraft und Stoff -- und im Schlußabschnitt

die »praktische Vernunft oder Moral« -- das Weise, Vernünftige, das

sittlich Rechte, das Heilige.

In folgendem gebe ich, und zwar in Dietzgens Wortlaut, das

Wesentlichste seiner Erörterungen und Befunde über den +Denkprozeß+:

Der Mensch denkt zunächst nicht, weil er will, sondern weil er muß;

allgemeiner Zweck des Denkens ist die Erkenntnis ... Der Denkakt

vollzieht sich in Kontakt mit anderen, mit sinnlichen Erscheinungen und

ist dadurch selbst eine sinnliche Erscheinung geworden, die in Kontakt

mit einer Hirnfunktion den +Begriff+ des »Denkvermögens« erzeugt.

Mit der reinen Denkkraft, ohne die Hilfe der Objekte (oder der

Erfahrung darum), die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens zu

erforschen, dieser vergeblichen Mühe widmete sich die spekulative

Philosophie. Wissenschaftliches Denken heißt nur das Denken, welches

das Wirkliche, Sinnliche, Natürliche zum bewußten Gegenstand hat.

Sowenig es ein Denken, eine Erkenntnis gibt ohne Inhalt, sowenig

existiert ein Denken ohne +Gegenstand+ oder ohne Objekt, ohne ein

anderes, das gedacht oder erkannt wird. Objektloses Denken ist eine

Unart der »spekulativen« Philosophie, welche Erkenntnisse ohne

Begattung mit einem sinnlichen Gegenstand erzeugen will.

Denken ist eine Arbeit und bedarf wie jede andere Arbeit ein Objekt,

an dem es sich äußert. Das Denken erstreckt sich +allgemein+ auf alle

Objekte.

Das Denkvermögen erforscht aller Dinge Wesen, wie das Auge alle

Sichtbarkeit. Wie nun das Sichtbare im allgemeinen in der Theorie des

Gesichts, so ist das Wesen der Dinge im allgemeinen in der Theorie des

Denkvermögens zu finden.

Das Denkvermögen trennt Ursache und Wirkung.

Wir erkennen wohl alle Objekte, aber kein Objekt läßt sich ganz

erkennen, wissen oder begreifen.

Denken ist eine Tätigkeit des Gehirns, wie Gehen eine Tätigkeit der

Beine. Wir nehmen das Denken, den Geist ebenso sinnlich wahr wie

den Gang, wie wir die Schmerzen, wie wir unsere Gefühle sinnlich

wahrnehmen. Das Denken ist uns fühlbar als ein subjektiver Vorgang,

als innerlicher Prozeß ... Aus einem immateriellen, unfaßbaren Wesen

wird nunmehr der Geist zu einer körperlichen Tätigkeit. Seinem +Inhalt+

nach ist der Denkprozeß +verschieden+ in jedem Augenblick und bei jeder

Persönlichkeit, seiner +Form+ nach bleibt er +überall derselbe+. Beim

Denkprozeß unterscheiden wir, wie bei allen Prozessen, zwischen dem

+Besonderen+ oder +Konkreten+ und dem +Allgemeinen+ oder +Abstrakten+.

Hierauf erläutert Dietzgen den Begriff des Denkvermögens.

Wie die Analyse des Begriffs überhaupt in der Erkenntnis des

+Gemeinschaftlichen+, dem +Allgemeinen+ der +besonderen+ Teile seines

Gegenstandes besteht, so ergibt die Analyse des Denkvermögens »das

letztere als Fähigkeit, aus dem +Besonderen+ das +Allgemeine+ zu

erfassen«.

Ist die Entwicklung des Allgemeinen aus dem Besonderen die generelle

Methode, die Art und Weise überhaupt, mit welcher die Vernunft

Erkenntnisse fördert, so ist die Vernunft vollständig damit erkannt als

die Fähigkeit, dem Besonderen das Allgemeine zu entnehmen.

Die Vernunft besteht »rein« in der Entwicklung des Allgemeinen aus

dem Besonderen. Erkenntnisse können nicht wahr an sich, sondern nur

relativ, nur mit Bezug auf einen Gegenstand, nur auf Grund äußerlicher

Tatsachen wahr sein; ihre Aufgabe besteht in der Entwicklung des

+Allgemeinen+ aus dem +Besonderen+. Das Besondere ist das Maß

(Bedingung, Voraussetzung) des Allgemeinen.

Gedanken, Begriffe, Theorien, Wesen, Wahrheiten stimmen darin überein,

daß sie einem Objekt angehören. Objekte sind Quanta der mannigfaltigen

Sinnlichkeit. Ist das Quantum des Seins, das Objekt, das erkannt,

begriffen oder verstanden werden soll, durch den Sprachgebrauch eines

Begriffs vorher bestimmt oder begrenzt, so besteht die Wahrheit in der

Entdeckung des +Allgemeinen+ dieser also gegebenen sinnlichen Quantität.

Entwicklung des Allgemeinen ist die Aufgabe der Vernunft. Der

Unterschied zwischen dem scheinbar und wahrhaft Vernünftigen reduziert

sich auf den Unterschied zwischen dem +Besonderen+ und +Allgemeinen+.

Das +Allgemeine+ ist die +Wahrheit+. Das Allgemeine ist das,

was allgemein ist, das heißt Dasein, Sinnlichkeit. Sein ist das

allgemeine Kennzeichen der Wahrheit, weil das Allgemeine die Wahrheit

kennzeichnet. Nun ist aber das Sein nicht da im allgemeinen, das heißt

das Allgemeine existiert in der Wirklichkeit oder Sinnlichkeit nur auf

+besondere+ Art und Weise. Die Sinnlichkeit hat ihr wahres sinnliches

Dasein in den flüchtigen, vielgestaltigen Erscheinungen der Natur und

des Lebens. Demnach erweisen sich alle Erscheinungen als +relative+

Wahrheiten, alle Wahrheiten als besondere zeitliche Erscheinungen.

Gegenüber dem Denkvermögen werden alle Eigenschaften zu wesenhaften

Dingen, alle Dinge zu relativen Eigenschaften.

Der Unterschied zwischen Mittel und Zweck reduziert sich auf den

Unterschied zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen. Und alle

abstrakten Unterschiede reduzieren sich auf diesen einen Unterschied,

weil die Abstraktions- oder die Unterscheidungskraft selbst sich

reduziert auf das Vermögen, zwischen dem Besonderen und Allgemeinen zu

unterscheiden.

Wir werden später sehen, wie Dietzgen mit der »Entwicklung des

Allgemeinen aus dem Besonderen« manche der bisher strittigsten Fragen,

manches der schwierigsten Probleme löst.

Verweilen wir noch einen Augenblick beim »Denken«. Dietzgen sagt:

Das Denkvermögen ist der Vermittler aller Gegensätze, weiß in aller

Verschiedenheit Einheit zu finden.

Das Bewußtsein generalisiert den Widerspruch; es erkennt, daß alle

Naturstücke in Widerspruch leben, daß alles, was da ist, das, was

es ist, nur durch Mitwirkung eines andern, eines Gegensatzes ist.

Die Wissenschaft des Denkvermögens löst, durch Generalisation des

Widerspruchs, alle besonderen Widersprüche auf. Gegensätze bedingen

sich wechselseitig; Wahrheit und Irrtum sind wie Sein und Schein, wie

Tod und Leben, wie alle Dinge der Welt, nur komparativ, nur dem Maße,

dem Volumen oder Grade nach verschieden.

Die letzten drei Sätze enthalten in Kürze die grundlegende, monistische

Lehre von der physischen und psychischen +Relativität+ aller Dinge

im Universum, ihrer Abhängigkeit vom Universum und voneinander; die

Lehre vom +Universalzusammenhang+ des +Kosmosinhalts+ -- eine Lehre,

die sich wie ein roter Faden in zahlreichen Variationen durch alle

Schriften unseres Autors zieht. Diese Wiederholungen der an praktischen

Beispielen demonstrierten Lehre erweisen sich nicht nur als sehr

nützlich, sondern erscheinen mir durchaus notwendig zur Verbreitung

und Festigung der monistischen Weltanschauung, die sich gegen die

traditionelle dualistische doch nur sehr mühselig durchringt.

Der aufmerksame Leser wird hier schon bei der flüchtigen Erwähnung

des »Universalzusammenhangs alles Kosmosinhalts« diesen Gedanken

auf das +soziale+ Gebiet zu übertragen und die hohe Bedeutung der

Dietzgenschen Lehre für die sozialistische Propaganda zu würdigen

wissen, insbesondere wenn er aus der Naturwissenschaft mit dem

kosmischen Universalzusammenhang vertraut ist.[4] Die +Relativität+ der

Erkenntnis, des Wissens, der Werte, speziell der Wahrheit, des Rechts

und der Sittlichkeit ist zwar Weisen aller Zeiten bekannt gewesen.

Schwerlich aber hat vor Dietzgen ein Denker -- und es sind bald

dritthalbtausend Jahre, seit Heraklit die erste Anregung hierzu gegeben

-- das Ineinanderfließen der Dinge so klar und überzeugend gelehrt und

auf alles Dasein ohne Ausnahme angewandt; schwerlich hat ein Denker

vor Dietzgen den im Universalzusammenhang liegenden Grundgedanken des

Monismus auf das +ökonomisch-soziale+ Gebiet übertragen.

Aber der stärkste Gehalt des Dietzgenschen Naturmonismus (in des Autors

Darlegungen der +Einheitlichkeit+ alles +Seins+) liegt meines Erachtens

in seiner Erläuterung des +Zusammenhangs des Geistes mit dem Weltall+:

Die Frage nach dem Wesen des Geistes ist ein populäres Objekt, das

nicht nur von Philosophen vom Fach, das von der Wissenschaft überhaupt

kultiviert ist, sagt Dietzgen, und er fährt also fort:

Wir unterscheiden zwischen +Sein+ und +Denken+. Wir unterscheiden den

sinnlichen Gegenstand von seinem geistigen Begriff. Gleichwohl ist

doch auch die unsinnliche Vorstellung sinnlich, materiell, das heißt

+wirklich+. Ich nehme meinen Schreibtischgedanken ebenso materiell

wahr, das heißt als ein wirkliches Gefühl, wenn auch ein innerliches,

wie ich den Schreibtisch selbst äußerlich fühle. Allerdings wenn man

nur das Greifbare materiell nennt, dann ist der Gedanke immateriell.

Dann ist aber auch der Duft der Rose und die Wärme des Ofens

immateriell. Wir nennen besser vielleicht den Gedanken +sinnlich+, oder

noch besser +wirklich+. Der Geist ist +wirklich+, ebenso wirklich wie

der greifbare Tisch, wie das sichtbare Licht, wie der hörbare Ton. Der

Geist ist nicht weiter vom Tisch, vom Licht, vom Ton verschieden, wie

diese Dinge untereinander verschieden sind.

Wir leugnen nicht die Differenz, wir behaupten nur die

+gemeinschaftliche Natur+ dieser Dinge. Wenigstens wird mich der Leser

nun nicht mißverstehen, wenn ich das Denkvermögen ein materielles

Vermögen, eine +sinnliche Erscheinung+ nenne.

Jede Funktion des Geistes setzt einen Gegenstand voraus, von dem sie

erzeugt ist, der den geistigen Inhalt abgibt.

Der Geist ist eine körperliche Tätigkeit, Denken eine Funktion des

Gehirns.

Durch Entlarvung des »reinen Geistes« enthüllen wir den letzten Urheber

alles Spuks.

Die Materie, das heißt das fühlbare Sein überhaupt, ist die Schranke

des Geistes; er kann nicht über sie hinaus. Sie gibt ihm den

Hintergrund zu seiner Beleuchtung, aber sie geht nicht auf in der

Beleuchtung.

Man hat sich gewöhnt, materielle und geistige Interessen als absolute

Gegensätze zu unterscheiden, obwohl die materiellen Interessen nur der

abstrakte Ausdruck für unser Dasein sind ... Das Höhere, Geistige,

Ideale ist nur eine +besondere+ Art der menschlichen Interessen;

geistige und materielle Interessen unterscheiden sich, wie zum Beispiel

Kreis und Viereck; letztere sind Gegensätze und doch nur verschiedene

Klassen der +allgemeineren+ Form ... Der christliche Gegensatz von

Geist und Fleisch ist im Zeitalter der Naturwissenschaft +praktisch+

überwunden. Es fehlt die theoretische Lösung, die Vermittlung, der

Nachweis, daß das Geistige sinnlich und das Sinnliche geistig ist, um

die materiellen Interessen vom bösen Leumund zu befreien.

Ähnlich beschwert sich Dietzgen an anderer Stelle unseres Buches

über das Nichtverständnis des Denkprozesses in den Kreisen der

Naturwissenschafter:

Die Praxis der Vernunft, den Gedanken aus der Materie, die Erkenntnis

aus der Sinnlichkeit, das Allgemeine aus dem Besonderen zu erzeugen,

ist in der physischen Forschung auch allgemein, jedoch nur praktisch

anerkannt. Man verfährt induktiv und ist sich dieses Verfahrens

bewußt, aber man verkennt, daß das Wesen der Naturwissenschaft das

Wesen des Wissens, der Vernunft überhaupt ist. Man +mißversteht den

Denkprozeß+. Man ermangelt der Theorie und gerät daher nur zu oft aus

dem praktischen Takte. Das Denkvermögen ist der Naturwissenschaft immer

noch ein unbekanntes, geheimnisvolles, mystisches Wesen. Entweder sie

verwechselt materialistisch die Funktion mit dem Organ, den Geist

mit dem Gehirn, oder denkt idealistisch das Denkvermögen als ein

unsinnliches Objekt außerhalb ihres Gebiets gelegen.

Um die Dinge ganz zu nehmen, müssen wir sie praktisch und theoretisch,

mit Sinn und Kopf, mit Leib und Geist ergreifen. Mit dem Leibe können

wir nur das Leibliche, mit dem Geiste nur das Geistige ergreifen. Auch

die Dinge haben Geist. Der Geist ist dinglich, und die Dinge sind

geistig. Geist und Dinge sind nur in Relationen (in ihren Beziehungen

zum Gesamtzusammenhang, auch Natur und Universum genannt) wirklich.

So schrieb Dietzgen 1868, Jahrzehnte vor der monistischen Rebellion von

Ernst Mach und seiner Physikerschule, gegen den Dualismus.[5]

Allerdings unterstützen die modernen Physiker die Lehre, daß

wir die geistigen Vorgänge objektiv sinnlich wahrnehmen, durch

naturwissenschaftliche und physiologische Beweise, die zu Dietzgens

Zeit nicht vorhanden waren. Siehe zum Beispiel +Verworn+, Die Mechanik

des Geisteslebens, 1910, der ebenfalls von Dietzgen keine Kenntnis

hatte. So erhält denn unseres Autors philosophische Genialität durch

die spätere, von ihm unabhängige, naturwissenschaftliche Forschung eine

glänzende Anerkennung, wenn auch die Philosophen vom Fach sich noch

lange besinnen werden, einem Manne, der »nur Lohgerber« gewesen, ein

Wort der Würdigung, sei es auch oppositioneller, in ihrem Hörsaale zu

widmen.[6]

Für sehr bedeutend halte ich Dietzgens Behandlung der »Kraft- und

Stoff«-Frage mittels der Lehre von der Entwicklung des Allgemeinen

aus dem Besonderen. Ich lasse daher das Wesentlichste in des Autors

Wortlaut hier folgen:

Der Idealismus sieht nur die +Verschiedenheit+, der Materialismus nur

die +Einheit+ von Körper und Geist, Erscheinung und Wesen, Inhalt und

Form, Stoff und Kraft, Sinnlichem und Sittlichem -- alles Unterschiede,

die in dem +einen Unterschied des Besonderen und Allgemeinen+ ihre

+gemeinschaftliche+ Gattung finden ...

Wie verhält sich das Abstrakte zum Konkreten? So stellt sich das

gemeinschaftliche Problem derjenigen, welche in spiritueller Kraft,

und derjenigen, welche im materiellen Stoff den Impuls der Welt, das

Wesen der Dinge, das Nonplusultra der Wissenschaft finden zu können

glauben ... Wir haben da zwei Parteien, welche mit differenten Worten

sich in einer unbestrittenen Sache herumzanken. Um so lächerlicher ist

der Streit, je ernsthafter er genommen wird. Wenn jener die Kraft vom

Stoffe unterscheidet, so will er damit nicht leugnen, daß die wirkliche

Erscheinung der Kraft unzertrennlich an Stoff gebunden ist. Wenn der

Materialist behauptet, daß kein Stoff ohne Kraft, keine Kraft ohne

Stoff ist, so will er damit nicht leugnen, was der Gegner behauptet,

daß Kraft und Stoff different sind. Der Streit hat seinen guten Grund,

seinen Gegenstand, aber der Gegenstand kommt im Streite nicht zum

Vorschein. Er wird von den Parteien instinktiv verhüllt, um sich nicht

die +gegenseitige+ Unwissenheit gestehen zu müssen. Jeder will dem

andern beweisen, daß dessen Erklärungen nicht ausreichen -- ein Beweis,

der von beiden hinreichend dargetan wurde. Büchner gesteht in den

Schlußbetrachtungen zu »Kraft und Stoff«, daß das empirische Material

nicht ausreiche, bestimmte Antworten auf transzendente Fragen zu geben,

um diese Fragen positiv beantworten zu können; dagegen, sagt er ferner,

»reicht es vollkommen aus, um sie negativ zu beantworten und die

Hypothese zu verbannen«. Mit anderen Worten heißt das: die Wissenschaft

der Materialisten reicht zu dem Beweise aus, daß der Gegner nichts weiß.

Der Spiritualist und Idealist +glaubt+ an ein geistiges, das heißt

gespenstiges, unerklärbares Wesen der Kraft. Die materialistischen

Forscher sind +ungläubig+. Eine wissenschaftliche Begründung des

Glaubens oder Unglaubens ist nirgends vorhanden. Was der Materialismus

voraus hat, besteht darin, daß er das Transzendentale, das Wesen, die

Ursache, die Kraft nicht +hinter+ der Erscheinung, nicht +außerhalb+

des Stoffes sucht. Darin jedoch, daß er einen Unterschied zwischen

Kraft und Stoff verkennt, das Problem leugnet, bleibt er hinter

dem Idealismus zurück. Der Materialist pocht auf die tatsächliche

Untrennbarkeit von Kraft und Stoff und will für die Trennung nur

einen »+äußerlichen+, aus den systematischen Bedürfnissen unseres

Geistes hervorgegangenen Grund« (Büchner) gelten lassen. Die Trennung

der Kräfte von den Stoffen ist aber keine »äußerliche«, sondern eine

innerliche, das heißt wesentliche Notwendigkeit, welche allein uns

befähigt, die Erscheinungen der Natur zu erhellen und zu verstehen.

Die erste Vermittlung des Gegensatzes zwischen Idealismus und

Materialismus vollbrachte die +Phantasie+ durch den +Glauben an

Geister+, welche sie allen natürlichen Erscheinungen als deren

geheimes ursächliches Wesen substituierte.

Wenn es uns gelungen ist, den Dämon des +reinen+ Geistes zu erklären,

wird es uns nicht schwer, den besonderen Geist der Kraft überhaupt

durch die generelle Erkenntnis ihres Wesens auszutreiben und somit

auch diesen Gegensatz zwischen Spiritualismus und Materialismus

wissenschaftlich zu vermitteln.

Am +Gegenstand+ der Wissenschaft, am +Objekt+ des Geistes ist Kraft

und Stoff ungetrennt. In der leibhaften Sinnlichkeit ist Kraft Stoff,

ist Stoff Kraft. »Die Kraft läßt sich nicht sehen.« Ei doch! Das Sehen

selbst ist pure Kraft. Das Sehen ist so viel Wirkung des Gegenstandes

als Wirkung des Auges, eine Doppelwirkung, und Wirkungen sind Kräfte.

Wir sehen nicht die Dinge selbst, sondern ihre Wirkungen auf unsere

Augen: wir sehen ihre Kräfte. Und nicht nur sehen läßt sich die Kraft,

sie läßt sich hören, riechen, schmecken, fühlen. Wer wird leugnen, daß

er die Kraft der Wärme, der Kälte, der Schwere zu fühlen vermag? ...

Ebenso wahr, wie sich sagen läßt, ich fühle den Stoff und nicht

die Kraft, läßt sich umgekehrt sagen, ich fühle die Kraft und

nicht den Stoff. In der Tat, am Objekt, wie gesagt, ist beides

ungetrennt. Vermöge der Denkkraft aber trennen wir an den neben- und

nacheinanderfolgenden Erscheinungen das Allgemeine vom Besonderen.

Aus den verschiedenen Erscheinungen unseres Gesichtes zum Beispiel

abstrahieren wir den allgemeinen Begriff des Sehens überhaupt und

unterscheiden ihn als Sehkraft von den besonderen Gegenständen oder

Stoffen des Gesichtes. Aus sinnlicher Vielfältigkeit entwickeln wir

mittels der Vernunft das Allgemeine. Das Allgemeine mannigfaltiger

Wassererscheinungen, das ist die vom Stoffe des Wassers unterschiedene

Wasserkraft. Wenn stofflich verschiedene Hebel gleicher Länge dieselbe

Kraft besitzen, ist es wohl augenscheinlich, daß hier die Kraft nur

so weit vom Stoffe verschieden ist, als sie das Gemeinschaftliche

verschiedener Stoffe darstellt. Das Pferd zieht nicht ohne Kraft,

und die Kraft zieht nicht ohne Pferd. In der Tat, in der Praxis ist

das Pferd die Kraft, ist die Kraft das Pferd. Aber dennoch mögen

wir die Zugkraft von anderen Eigenschaften des Pferdes als etwas

Apartes unterscheiden, oder mögen das Gemeinschaftliche verschiedener

Pferdeleistungen als allgemeine Pferdekraft abtrennen, ohne uns deshalb

einer anderen Hypothese schuldig zu machen, als wenn wir die Sonne von

der Erde unterscheiden; obgleich in der Tat die Sonne nicht ohne Erde,

die Erde nicht ohne Sonne ist.

Die Sinnlichkeit ist uns nur durch das Bewußtsein gegeben, aber das

Bewußtsein setzt dennoch die Sinnlichkeit voraus. Die Natur, je nachdem

wir sie, vom Standpunkt des Bewußtseins, als bedingungslose Einheit

oder, vom Standpunkt der Sinnlichkeit, als unbedingte Mannigfaltigkeit

gelten lassen, ist grenzenlos vereint und grenzenlos getrennt. Wahr

ist beides: Einheit und Vielheit, doch jedes nur unter gewissen

Voraussetzungen, relativ. Es kommt darauf an, ob wir vom Standpunkt

des Allgemeinen oder des Besonderen, ob wir mit geistigen oder mit

körperlichen Augen umschauen. Mit geistigen Augen gesehen, ist der

Stoff Kraft. Mit körperlichen Augen gesehen, ist die Kraft Stoff.

Der abstrakte Stoff ist Kraft, die konkrete Kraft ist Stoff. Stoffe

sind Gegenstände der Hand, der Praxis. Kräfte sind Gegenstände der

Erkenntnis, der Wissenschaft.

Die Wissenschaft ist nicht beschränkt auf die sogenannte

wissenschaftliche Welt. Sie reicht über alle besonderen Klassen hinaus,

gehört dem Leben in seiner ganzen Breite und Tiefe. Die Wissenschaft

gehört dem +denkenden Menschen überhaupt+. So auch die Trennung

zwischen Kraft und Stoff. Nur die stumpfsinnigste Leidenschaft kann

sie +praktisch+ verkennen. Der Geizhals, der Geld anhäuft, ohne seinen

Lebensprozeß zu bereichern, vergißt, daß die vom Stoffe verschiedene

Kraft des Geldes das wertvolle Element ist; er vergißt, daß nicht der

Reichtum als solcher, nicht die schlechte goldene Materie, sondern

ihr geistiger Gehalt, die ihr inwohnende Fähigkeit, Lebensmittel zu

kaufen; es ist, was das Streben nach ihrem Besitz +vernünftig+ macht.

Jede wissenschaftliche Praxis, das heißt jedes Tun, welches mit

vorausbestimmtem Erfolge, mit durchschauten Stoffen agiert, bezeugt,

daß die Trennung von Stoff und Kraft, wenn auch mit dem Gedanken

vollzogen, also ein Gedankending, doch deshalb keine leere Phantasie,

keine Hypothese, sondern eine +sehr wesentliche Idee+ ist. Wenn der

Landmann sein Feld düngt, geht er insofern mit reiner +Düngkraft+ um,

als es gleichgültig ist, in welchem Stoffe, ob in Kuhmist, Knochenmehl

oder Guano sie sich verkörpert. Beim Abwägen eines Warenballens wird

nicht der Stoff der Gewichtsstücke, nicht das Eisen, Kupfer oder der

Stein, sondern die +Schwerkraft+ pfundweise gehandhabt.

Allerdings, keine Kraft ohne Stoff, kein Stoff ohne Kraft. Kraftlose

Stoffe und stofflose Kräfte sind Undinge. Wenn idealistische

Naturforscher an ein immaterielles Dasein von Kräften glauben, welche

gleichsam im Stoffe ihren Spuk treiben, die wir nicht sehen, nicht

sinnlich wahrnehmen und dennoch glauben sollen, so sind es in diesem

Punkte eben keine Naturforscher, sondern Spekulanten, das heißt

Geisterseher. Doch ebenso kopflos ist andererseits das Wort des

Materialisten, das die intellektuelle Scheidung zwischen Kraft und

Stoff eine Hypothese nennt.

Damit diese Scheidung nach Verdienst gewürdigt sei, damit unser

Bewußtsein die Kraft weder spiritualistisch verflüchtigt, noch

materialistisch verleugnet, sondern +wissenschaftlich begreift+,

dürfen wir nur das Unterscheidungsvermögen überhaupt oder an sich

begreifen, das heißt seine abstrakte Form erkennen. Der Intellekt

kann nicht ohne sinnliches Material operieren. Um zwischen Kraft und

Stoff zu unterscheiden, müssen diese Dinge sinnlich gegeben, müssen

sie erfahren sein. Auf Grund der Erfahrung nennen wir den Stoff

kräftig, die Kraft stofflich. Das zu begreifende sinnliche Objekt ist

also ein Kraftstoff, und da nun +alle+ Objekte in ihrer leiblichen

Wirklichkeit Kraftstoffe sind, besteht die Unterscheidung, welche

das Unterscheidungsvermögen daran vollbringt, in der +allgemeinen+

Art und Weise der Kopfarbeit, in der Entwicklung des Allgemeinen aus

dem Besonderen. Der Unterschied zwischen Stoff und Kraft summiert

sich unter den allgemeinen Unterschied des Konkreten und Abstrakten.

Den Wert dieser Unterscheidung absprechen, heißt also den Wert der

Unterscheidung, des Intellekts überhaupt verkennen.

Benennen wir die sinnlichen Erscheinungen Kräfte des allgemeinen

Stoffes, so ist dieser einheitliche Stoff nichts weiter als die

abstrakte Allgemeinheit. Verstehen wir unter der Sinnlichkeit

die verschiedenen Stoffe, so ist das Allgemeine, welches die

Verschiedenheit inbegreift, beherrscht oder durchzieht, die das

Besondere erwirkende Kraft. Ob Kraft, ob Stoff genannt, das

Unsinnliche, das, was die Wissenschaft nicht mit den Händen, sondern

mit dem Kopfe sucht, das Wesenhafte, Ursächliche, Ideale, höhere

Geistige ist die +Allgemeinheit, welche das Besondere umfaßt+.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 17 / 78 题