I.

Einleitendes.

Nicht alles ist Gold, was unter dem Namen »Philosophie« bisher

geglänzt hat. Und nicht einmal ist +alles+ Gold, was die wirklichen

Philosophen aus dem Schachte ihres tiefen Geistes hervorgeholt und

vor der wißbegierigen Menschheit ausgebreitet haben. Gar vieles war

von vornherein gegenstandslos, anderes ist von der Zeit überholt, als

abgetan durch die moderne Wissenschaft zu betrachten, und von manch

hochanspruchvollem Satze darf man sagen: »~Lasciate ogni speranza!~

Laßt die Hoffnung draußen, ihn zu verstehen!«

In noch höherem Grade gilt dies von den Darstellern der philosophischen

Systeme. An Lehrschriften der Philosophie besitzen wir eine Unzahl

-- strotzend von Gelehrsamkeit, von mehr oder minder verständlichen

Theorien und Begriffsdefinitionen -- über das Denkergebiet aller

Zeiten sich erstreckend. So unentbehrlich diese Bücher auch für das

philosophische Fachstudium sind -- den, der nicht von Hause aus

besondere Vorliebe für die Wissenschaft der Wissenschaften hegt,

vermögen sie in den seltensten Fällen zu verlocken, sich ihr mehr als

dilettantisch zu widmen.

So kommt es denn, daß nur wenige Intellektuelle, deren

Berufswissenschaft kein eingehendes Studium der Philosophie erfordert,

ihr ein mehr als oberflächliches Interesse zuwenden.

Die Philosophen und ihre Erklärer haben zum allergrößten Teil

für die Ausprägung ihrer Gedanken eine Redeweise gewählt, deren

Aneignung für viele weit schwieriger ist als das Erlernen irgendeiner

europäischen Sprache. Hierdurch verleideten sie den Lesern die Lust

zum Eindringen in die Wege und Irrwege der Erkenntnisforschung, so daß

die Gedankenoperationen der Philosophen eine ~Terra incognita~ (ein

unbekanntes Land) für diejenigen blieben, die der bescheidenen Ansicht

sind, daß klares Denken nicht durch unklare Wiedergabe der Gedanken

bezeugt wird.

Zugegeben, daß das Sichten des Urwalds der menschlichen Erkenntnis

eine außergewöhnlich schwierige Arbeit war und an die Pioniere dieser

Bemühungen nicht Ansprüche gestellt werden dürfen, die der moderne

Literaturgeschmack gezeitigt hat. Immerhin sollten die Philosophen

unserer Tage wenigstens sich bemühen, in gefälligerem Sprachgewande vor

uns zu erscheinen als die meisten ihrer großen Vorgänger.

Daß +Anmut+ des Ausdrucks mit Schärfe und Klarheit desselben

wohl vereinbar ist, daß speziell die +Würde+ der Philosophie

durch Herabsteigen des Weltweisen vom hohen Kothurn der

Schwerverständlichkeit keine Einbuße erleidet -- zeigen unter anderem

die Schriften +Josef Dietzgens+.

Eine Charakteristik des Mannes und seines Lebens liest man besser in

der von Eugen Dietzgen den nur drei Bände umfassenden »Sämtlichen

Schriften«[1] seines Vaters beigegebenen Biographie. Ich will lieber

gleich ans Thema gehen und die wissenschaftliche Arbeit unseres

Autors, die in seine letzten zwanzig Lebensjahre (1868 bis 1888) fiel,

skizzieren.

Dietzgens erste und Hauptschrift, die er in seiner Petersburger

Periode als technischer Fabrikleiter einer Lohgerberei verfaßte und

auf eigenes Risiko herausgeben ließ, trägt den schlichten Titel:

»Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit« und den weiteren Vermerk:

»Eine abermalige Kritik der reinen und praktischen Vernunft«. Mit dem

letzten Wort im ersten Titel wollte Dietzgen vermutlich andeuten, daß

er weder »Materialist« im Sinne der französischen Materialisten des

achtzehnten Jahrhunderts, die den »Stoff« zum Fetisch machten, noch

der »Ideenlehre« Hegels verfallen ist, der alles aus dem »Gedanken«

ableitete. Aus dem Nebentitel erfahren wir deutlich, daß Dietzgens

Weise von der des Königsberger Weisen erheblich abweicht.

Was Dietzgen von den früheren Philosophen in sich aufgenommen, brauchte

er nicht ausdrücklich aufzuzählen, da das Neue und Originelle,

das in seiner Behandlung des Gegenstandes sich mit dem Alten,

Bekannten organisch verknüpft, dem sachkundigen Leser sich direkt

offenbart. Man vergleiche zum Beispiel, wie Dietzgen vom dogmatischen

Monismus Spinozas fortzuschreiten wußte zu einem erkenntniskritisch

nachgewiesenen und erfahrungsmäßig kontrollierbaren Monismus, und

man vergleiche ferner die Leibnizsche Lehre, daß keine absoluten

Gegensätze im Weltall vorhanden sind, mit der Dietzgenschen. Leibniz

wußte aus mystischer Befangenheit gegenüber dem persönlichen

Gottesdasein keine erfahrungsmäßig nachweisbare Brücke zwischen dem

Relativen und Absoluten zu finden und daher auch keine Versöhnung

zwischen gedanklicher und sinnlicher Wirklichkeit aufzudecken; hier

blieb er in einem absoluten Gegensatz noch stecken. Dietzgen geht mit

Kant in der Erkenntnistheorie die schon +vor+ Kant wegbar gemachte

»~a posteriori~«-Strecke, das heißt er hält es mit Kant darin, daß

Erkenntnis nur durch +Erfahrung+ möglich; er verläßt Kant aber bei

dessen »~a priori~«-Rückschritten, das heißt bei dessen Lehre, daß es

auch Erkenntnisse +ohne+ Erfahrung gibt.[2] Ebenso kritisch-induktiv

steht Dietzgen der Philosophie Hegels gegenüber. Während dieser den

Seinzusammenhang zum Entwicklungsprodukt der absoluten Erkenntnis

macht, weist Dietzgen umgekehrt das Denken als ein relatives

Entwicklungsresultat des absoluten Naturzusammenhangs nach. Aus

diesem Grunde bleibt Hegels Dialektik[3] eine idealistisch-mystische

Entwicklungslehre gegenüber der +naturmonistischen+ Dialektik

Dietzgens, welche induktiv nachweisbar fortschreitet bis zum letzten

Vermittler aller Widersprüche, dem Universalzusammenhang.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 16 / 78 题