Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen
heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte
er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen,
und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht
haben!“
Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens
mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
Heuaufladen zugegen zu sein.
„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer
Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!
„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die
aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und
Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“
„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse.
„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher
Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die
Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung
einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht,
über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“
Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
„erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja
auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten
umsehend.
In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem großen,
mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen,
eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben
in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der
Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken
setzte.
Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel
vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!
Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den
gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden,
während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß
man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen
konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
ihr eine große Zukunft. –
Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich
überhastend erzählte sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und
als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten
gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz
ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug
glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“
„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn
der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte
Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis
zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr
unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon
August den Kiesweg heraufgegangen.
Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige
Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war.
Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts
Fremdes.
Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und
Ilse.
„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir
vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“
Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
„O, haben Sie Ärger gehabt?“
„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die
dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei
davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte
seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend
zusammenschlug.
„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm
besänftigend über die Stirn.
„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte
der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch
geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß
tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen auch die
Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
worden in der letzten Nacht.“
„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole
dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus
schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß
aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau
werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich
eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel
ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine
innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der
Grundzug von Floras Charakter. –
Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen
und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft,
Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der
Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten
ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder
die Rede darauf kam.
Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man
merken.
„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne
und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
und Mutter doch nicht zu versäumen.“
„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen
können, das ist die Hauptsache.“
Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden
sie sich ja doch nicht einigen.
Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie
blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie
in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin
mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
stundenlang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden
Fred nicht verglichen werden.
Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und
neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und
wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann
kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner
berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse.
Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen
Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding
den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern
ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und
Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten.
Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
Fall war. –
Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie
begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.
So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen
genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
die Dorfstraße schritt.
Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war;
begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in
den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg
schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die
Höhe nahmen.
Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald
hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre
Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und
Nellie bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief
innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie
sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.
Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben
eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten
Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich
Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder
Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im
zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da
aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.
Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die
junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war
und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser
armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine
warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Türe zu
dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
zurück.
„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“
sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen
schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes
Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.
„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe;
aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie
sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige
Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch
gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so
gut, die war ihr keine Fremde.
„Schlecht, schlecht,“ antwortete sie leise, „es geht immer schlechter.“
„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen,“ tröstete Flora
sanft und liebevoll.
Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die
Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem
zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten
Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief
über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger
Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen
Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
Füßchen streichelte.
„O, wie süß ist das _baby_,“ sagte sie zu Ilse. „Wie heißt du?“ fragte sie
das Kind.
„Ännchen,“ antwortete die ältere Schwester.
„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“ fragte sie weiter.
Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen
Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den
Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe
genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
Müde und apathisch dankte die Frau.
Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die
Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.
„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend.
„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge
Witwe.
„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in
Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“
„Die Kinder sind ja da.“
„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu
achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora.
„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“
„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen
diese Worte.
„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem
Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
Abend und recht, recht gute Besserung.“
Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte
menschlichen Elends.
Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft
empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen
Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die
Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle
drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor
sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte
Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“