Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien

wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die

Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und

nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch

die Lust und Begeisterung wieder ein.

Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und

trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben

teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen

konnte.

Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe

Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.

Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung

ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde

gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute

Kritiken nicht mehr übel.

Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet

und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei

der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als

das erste Mal.

So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich

nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung

stattfinden.

Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch

konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur

verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort

sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie

fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.

Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl

von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge

daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.

Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst

einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle

möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie

daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch

– welcher Zauber lag in dem Gedanken!

In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.

Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten

wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine

Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte

über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit

aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm

bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem

Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten

löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem

Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom

Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in

den Händen und memorierte fortwährend.

„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als

Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch

wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“

[Illustration]

„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe

ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen.

Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas

fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie

sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst

die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß,

wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht,

diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets

ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche

der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.

In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander.

Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so

vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören;

besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur

hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur

heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das

blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den

Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife

zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das

sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des

Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein

Borns Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen.

Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung

würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken

bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher

Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus

zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein,

zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,

Fragen, Schwatzen ohne Ende!

In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei

Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter

die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch

verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.

Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort

förmlich umringt.

„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“

„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst

frisieren!“

„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so

richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“

Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und

Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;

endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.

„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben

waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter,

etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem

angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler

versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die

Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch

Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das

reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher

Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.

In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born

stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“

zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben,

als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken

noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.

„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als

die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen

Dienstmädchenkleid erschien.

„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,

sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte

dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun

sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“

Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von

den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem

Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten

fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die

weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und

keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.

Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor

sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand

hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das

sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte

Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die

Wange.

„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön

von Ihnen abstechen!“

Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“,

das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher

und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war

eigentlich zu ärgerlich.

Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,

deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,

jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender

Blick in den Spiegel.

„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel –

schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber

fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“

Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten

Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt

der Muse das volle Weinglas an die Lippen.

„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, –

dann rauschte es hinaus.

Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne

versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins

Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in

dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch

strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden

Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den

bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen

mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die

Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!

Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den

Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders

laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten

einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine

Instrumente stimmte.

Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen

zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.

Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die

allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum

ersten Male hebt, nachfühlen!

Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde

im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll

Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände

und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige

Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des

Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder

weniger ergriffen hatte.

Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte

Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein

Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe.

Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war

demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den

Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das

vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten

Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern

über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme

wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber.

„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den

Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,

und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des

„Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder

heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines

solchen Augenblicks beschreiben!

Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die

tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit

hielt.

„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich

wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden

helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln.

Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare

wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und

unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.

„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“

sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.

„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte

der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen

kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.

„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das Kind, mit hoheitsvoller

Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen

widerlichen, unverschämten Menschen.

Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika

entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und

auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt

und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube

Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit

lachte.

Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende

war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß,

ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant

überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke

konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.

„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den

Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen

steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“,

so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er

wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen

bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber

beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben

mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören.

Sie wußte ja natürlich, von „wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es

nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.

Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen

eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich

und würde es sicher nicht tun.

Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,

sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt

die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten

ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja

darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.

„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch

ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und

die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt.

Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“

Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien,

erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.

Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und

sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel

zupfte und zur Ruhe verwies.

Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der

wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar

einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse

Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,

wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch

auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik

getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die

Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die

guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.

„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“

sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte,

aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war.

„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie

ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“

Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.

„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld

ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem

vollen Hause um.

Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige

Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner

Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt

hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die

Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der

Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz.

Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die

„Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke

gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie

diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,

als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und

zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen;

unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte

dankten sogar mit lauten Bravorufen. –

Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden

Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren

Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen

übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife

und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und

wieder in das alltägliche verwandelt.

Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches

Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie

schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das

bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig

versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.

Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß die aufgeregte Zeit

ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war –

vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer

gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“

Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der

Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800

Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes

Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die

Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes

Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so

viel Jammer und Elend zu lindern.

In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur

dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten

klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in

Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos,

daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur

wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache

eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches

anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte

trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die

oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr

würde darüber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen

triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft

haben. –

Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und

hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im

Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge,

die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes

mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll

etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn

Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand

nehmen.“

Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet

und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung

zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in

der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber

für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum

ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz

und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten

nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse

fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen

und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit

Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte

stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder

besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den

beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind,

Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.

Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an.

Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte

sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst

Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie,

welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten.

Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn

vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.

Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen

„Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl

gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er

noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können,

aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich

vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen

übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.

Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte

wohl mal wieder!“

„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse

später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung

äußerte, daß der Professor zürne.

„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit

abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen

er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.

„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am

meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine

Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit

langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders

geworden, nicht wahr?“

Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß

sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil

sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran

erinnern ließ.

Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief

sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie

erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch

immer so reizen!“

Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung

verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer

Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige

Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.

Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und

mußte sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend

heimkehrte.

Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz

von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des

einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er

auch nicht zu ihnen geschickt!

„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und

doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“

rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,

als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer

leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz

nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.

Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen

und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe.

Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor

durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche

wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,

deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie

mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.

„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse

hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt

empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der

sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn

nächst ihren Eltern am meisten liebten.

Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,

einen Brief hoch in der Luft schwenkend.

„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen –

heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig

abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller

Freude.

Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb

er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit

Mutter und Schwester erwarten würde.

Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,

ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz

geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.

„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben.

Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft.

Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer

wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr

geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die

Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.

„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine

Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.

„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung.

Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen

mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie

allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und

Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie

alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen

die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte.

Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der

Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:

„Lieber Onkel Heinz!

„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest

du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern

aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick

besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber

gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen

ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh

Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig

gegeben für den weg.

Es grüst Dich

Deine libe Ruth.“

Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein

erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs

Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie

war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel

Heinz.

Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief

sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie

einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd

brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine

leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er

sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.

„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber

auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig

gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!

Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren

beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in

einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da

viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr

Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie

schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe

standen und die Glocke gezogen hatten.

Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen

öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.

Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich

hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem

milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere

Anmeldung die Treppe hinauf.

Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll

still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an

Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend

nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der

gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche

Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen

blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen

etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.

Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach

einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr

Professor bitten ließe einzutreten.

Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand

haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen

musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz

wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie

zaghaft und scheu.

Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem

Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von

jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten

Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu

jedem Spaße bereit war.

Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,

besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen

Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu

machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann

wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn

betrachtete.

„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich.

Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm

hin und warf sich stürmisch in seine Arme.

„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie

zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich

noch enger an ihn.

Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von

ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm

den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug

berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.

„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz.

Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit

den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.

„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner

Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse

Verlegenheit nicht verbergen.

„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.

Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging

nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,

denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich

eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.

Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit

poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war

nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht

die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so

verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu

wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation

geschickt zu benehmen.

Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich

leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie

ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder

täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte

sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts

brauche, als seine Arbeit, seine Bücher.

Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz,

das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen

ein, wie es niemand besser verstand.

„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die

letzte?“ fragte er in diesem Augenblick.

„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte

gewesen!“

„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die

Dümmste in der ganzen Klasse ..“

„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“

„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“

„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“

Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau,

daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine

solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat

Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch

noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen

Kampf einlassen zu können.

Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein

ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte

ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.

„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in

ihrem sanftesten Tone.

„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“

„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort.

„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann

sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.

Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien

ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung?

Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und

mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so

verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte,

er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte

bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie

schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem

Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.

Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres

Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf

Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war;

daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.

„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor.

„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß

die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel

besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“

Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er

unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo

seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung

unterwarfen.

„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“

fragte Ilse wieder.

„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“

antwortete er nicht gerade liebenswürdig.

Dann schwiegen wieder beide.

Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß

deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.

„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an.

Er antwortete nicht.

„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort.

„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer

merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig.

Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize

und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese

Bemerkung.

„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts

dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.

„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein.

„Ja, aber wieso denn?“

„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder

Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich

würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten

mehr!“

„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“

Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft

zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft

zumute.

„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den

Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief

sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.

Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.

Nach einer Weile fuhr er fort:

„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn

offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht

richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort.

„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie

doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es läge Ihnen nichts

daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“

„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male

voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken

mußte.

„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“

fing er wieder an.

„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“

erwiderte Ilse etwas verlegen.

„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit

über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas

natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß

Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann,

und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“

Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.

„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn

für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“

fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann

behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“

„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel

Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie

hätten ganz anders erzogen werden müssen.“

„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf

ein Haar dem Trotzkopf von früher, „Ich bin doch kein Kind mehr, das

‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“

„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir

dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem

Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite

statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er

ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so

dachte und fühlte er oft!

„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum

nicht?“

Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.

Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie

instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.

„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer

Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“

„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach,

„sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,

nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es

auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das

nicht?“

Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe

er mit seinen Gefühlen.

„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu

absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie

seine Wissenschaft manchmal herunter!“

Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.

„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“

„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind,

dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur

sagen.“

„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun

wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.

Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja

doch Ausnahmen unter den Juristen!“

„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell.

„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck

zur Antwort.

Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich

hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine

wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit

denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde

mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die

Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War

es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu

retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,

sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu

verlieren?

Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar

erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht

ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,

jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es

gegen seine Überzeugung ging.

Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute,

in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in

solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen

hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,

hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?

Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber

erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter

seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie

wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.

Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?

Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder

aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und

das war gut.

Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen

gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als

mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem

wahren Galgenhumor.

Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,

sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.

Laut rief er sie bei Namen.

„Ruth, Marianne, kommt herein!“

Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins

Zimmer.

„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“

Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,

als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!

„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang

– weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie

schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du

erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit

herunter?“

Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm

verlangten.

„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen

Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen,

die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“

„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, „was soll man

denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik

schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“

„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,

Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“

„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“

Streiten mußte er nun einmal immer.

„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell

erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal

wiederkommen?“

Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl,

daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe;

so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte,

ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste

Freundlichkeit.

So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.

Beim Fortgehen sagte Ilse leise:

„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“

Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen

zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm

ihre Worte.

„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.

Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärtlicher, namentlich von Ruth,

die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.

Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still

und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen.

Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den

Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie

er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und

sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf

einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab,

sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf

der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen,

möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben

sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.

So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die

undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem

Blicke verbarg.

Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,

und brachte seine Abendmahlzeit.

„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst

erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich.

Er erwachte wie aus einem Traume!

„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet

nichts, will mich nicht verpimpeln.“

Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken

gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie

schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im

Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –

Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,

um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte

sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.

Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,

und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu

behandeln als bisher.

Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen

machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann

einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf

einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein,

dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit,

Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn

künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten

Vertrauens würdig war.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen

Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und

nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu

sein. –

Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,

hielt zum Glück nicht lange an.

Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes

mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben

an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu

bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit

den Tatsachen abzufinden.

So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte

Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich

Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die

ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören.

* * *

Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische

Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer

war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.

Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie

kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.

Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit

vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte

von sich hören lassen.

Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine

Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu

sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine

Feder an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit

überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht

spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das

Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften

Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr

eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den

Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun

Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte

sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr

an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe

daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben,

wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und

Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und

Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.

So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem

Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein

Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie

oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese

sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur

selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei

kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillingspärchen, schrieb sie

glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu

können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die

Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien

nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in

der schweren Zeit beigestanden hatten.

Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen

hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie

herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten

habe, mitzukommen.

Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem

Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,

daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern

eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und

auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut

tun.

Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst

als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte

Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das

Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund

heraus.

Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den

Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm

dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau

erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er

plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine

Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie

meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so

abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine

dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,

er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und

arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn

er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für

ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu

erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben,

nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn

denken.

Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich

heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen

erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen

Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer

Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau

besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu

sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts

auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht wisse und

beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die

Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.

„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort

soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine

Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“

Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen

gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred

hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und

durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös

und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein

Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb

ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen

für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine

Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück

und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß

der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.

Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo

begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige

Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie

von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;

aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Düte heraus, die von den Kindern

mit Jubel begrüßt wurde.

„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich

amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen

Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur

Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.

„Siehst du wohl,“ lachte Ilse.

Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in

vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig

vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu

viel getan hätte.

„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem

Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“

„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen

Worten gut herausfühlte. –

Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die

Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße

zu.

Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der

beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu

zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,

kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um

sie zufrieden zu stellen.

So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der

letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.

Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an

Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer

wieder.

Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen

untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht

verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel

wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden

ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger

Trennung wiedersieht.

Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die

Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch

paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der

Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der

Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den

Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder

den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob

sie von dort etwas Besonderes erwarte.

Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.

Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur

war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in dem eine

Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.

Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen

Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die

staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes

erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.

Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren

blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,

während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen

herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu

fühlen.

Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,

und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.

„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen,

daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte

sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem

Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in

diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“

Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen

Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen

stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren

nun in den Gutshof ein.

„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza.

Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten

führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das

sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung

gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen

Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne

jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür

ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.

„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die

Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam

betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein

schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen

Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine

Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das

verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt,

Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die

Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und

erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er

ihnen geschenkt hatte.

Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben

keine Antwort.

„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie

sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.

Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,

sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“

und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,

hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.

Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in

diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen

standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten!

So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,

aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch

unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und

Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen

hätten.

„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an

Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt

gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die

Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen

in Locken verwandeln.

„Aber nun kommt herein,“ sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und

fragte ihre Kinder: „Wo ist denn der Papa?“

„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“ berichtete

Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.

Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft

nicht verbergen.

„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie

gerne sehen,“ bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick

hochinteressant war.

„Später, später,“ antwortete Flora flüchtig.

Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die

Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die

weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle

Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine

Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen

soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn

ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten

die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder

an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel,

mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die

Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine

weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer

Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.

Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten

Städtern eine Wohltat, und mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche

Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.

Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es

euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.

„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den

Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“ erwiderte Flora und zeigte

dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. „Aber nun will ich nicht

weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,

erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“

Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen

Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen

Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel

mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie

meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und

sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet

wären.

Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches

Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu

Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.

Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer,

einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und

den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise

höchst neugierig waren.

Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an

den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet

haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften,

neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die

ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, –

einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten

Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen

kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und

seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken

Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde

der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?

Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob

ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie

strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl

sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?

Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von

Nellie vermuten.

„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte

sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen

niedersetzte.

[Illustration]

„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die

hellen Perlen von der Stirn. „War wohl auch ’ne nette Temperatur in den

Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen.

„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es

ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns

deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“

„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die

Umgegend ist so schön,“ sagte Flora.

„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste

Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,

alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs

Vieh mehr haben.“

„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch

keinen Regen wünschen,“ erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar

peinlich, daß er so sprach.

Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:

„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er

nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es

bedeutet: kein Regen!“

„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“ fragte der Gutsbesitzer voll

Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.

„Aber, August,“ rief Flora, „ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und

Frau Althoff erzählt.“

„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so

vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“

„August!“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.

„O, das kenne ich von Fred genau,“ tröstete Nellie. „Der arme Mann ist oft

so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind

seine Nerven auch sehr herunter.“

Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen

vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen,

da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.

Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.

Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere

Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig

zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen

verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde

ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen

Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu

derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das

Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin

seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,

die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte ihm

unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit

Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben

eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle

Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr

interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner

Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen

landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein

Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner

Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden

würde.

Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie

die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine

Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte,

daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da

beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger

Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen

gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber

auszufragen.

Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr

so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.

Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick

nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war

niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der

Kaffee unter der großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden

sollte.

Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum

schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die

kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle

Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke,

auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen

niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den

Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein

Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der

Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.

Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen

Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung,

die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn

und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im

Zimmer taten.

In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße

Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder

eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes

ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.

Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum

auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun

doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.

Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt

waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja

fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren

und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.

Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof,

alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers

erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein

strenges, aber gerechtes Regiment führte.

„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora

scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der

Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude

verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang

über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die

Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller

Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen

die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend

roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine

Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran

vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen

tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken

war für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter

Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im

Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete

sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der

Kastanie stellte.

Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte

heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch

unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig

umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr

wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett

geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die

offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken

um die Wette durch die abendliche Stille.

Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,

worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie

schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es

ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie

fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.

„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn

Werner.

„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora.

„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends

natürlich müde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht

wahr?“ wandte sie sich an die beiden.

„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort.

„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den

jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie

geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine

Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume!

Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht,

morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die

mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter

nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch

etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“

„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht

errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.

Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies

verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit

dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.

„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;

das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren

Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in

diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher

Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze

eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.

„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte

dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,

vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.

„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer

Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und

fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen

werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah

ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle

Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das

weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den

Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und

Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten

Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann

und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe

versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig

abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe

ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die

Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem

praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“

„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals

sprechen hören.

„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie.

„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes

Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie

über alles.“

„Wie schön für dich,“ sagte Nellie.

„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch,

sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen

nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem

Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem

überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.

„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis

in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas

hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten

wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich

nach etwas Höherem.“

Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,

diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln

verständig war und blieb.

„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die

Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine

Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod

eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes

Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges

Leben führen.“

„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe

ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“

„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja,

das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla

nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche

Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich

fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem

geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr,

kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie

eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“

„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt

in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der

Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als

Nihilistin eine Rolle?“

„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte

sie dazu.“

„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf

hier Nellie ein.

„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht.

Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt

würde.“

„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.

Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen

anfangen!“

„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit

erfahre ich ja gar nichts.“

„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage

ich dir,“ antwortete Ilse.

„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr

Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“

„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu

neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas

Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher

kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren

Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß

diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der

ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und

Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige

Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –

Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch

immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,

die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte

auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich

in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der

bunten Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den

herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen

Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in

ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise

malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das

anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die

Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und

die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.

Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –

Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach

langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten

Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem

Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal

geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau

Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen

haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes

wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz

gerühmt.

Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen

noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch

gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,

als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es ihr plötzlich ein,

daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde

beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren

Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.

Aus Trotzkopf's Ehe · 第 3 / 6 题