Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –

Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige

Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche

Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen,

und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche

Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde

liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so

empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.

Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die

Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen

für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –

Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie

mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich

auf dem Platze unter der Kastanie.

„O, die armen Kinder, das süße _baby_, was wird daraus?“ rief Nellie mit

Tränen in den Augen.

„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er

seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“

„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen

Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus

übergeben – es ist zu traurig!“

„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann.

„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben

Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke

ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich

mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s

zufrieden.“

„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu

wonniges _baby_!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger

Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras

Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.

Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich,

und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die

letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich

ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier

erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie

ihre Betrachtungen.

„Höre, Nellie,“ rief Ilse plötzlich, „wenn dir das Kind so gut gefällt, so

nehmt ihr es doch zu euch.“

So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn

auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es

schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;

doch heftig schüttelte sie den Kopf.

„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“ rief sie aus.

„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“

„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“

„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtest _du_ es

denn?“ fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.

„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die _babys_ so

sehr,“ erwiderte Nellie leise. „Aber es geht nicht, es geht nicht!“ fuhr

sie lauter fort. „Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred

nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und

das ginge doch nicht.“

Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen

wurde, Nellie blieb dabei, „es ginge nicht.“ Ganz aufgeregt begaben sich

die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

Aber Ilse ließ sich von ihrem „guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht

abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie

gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.

Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner

merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine

Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog

sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.

Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte

einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während

Ilse diktierte.

„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann

wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel

geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.

Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es

fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es

diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich

und pünktlich zu besorgen.

Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die

beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit

Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.

Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den

Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts,

aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.

„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus

ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die

Episteln von ihrem Fred studierte.

Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der

Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein

kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.

Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der

Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora

klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie

vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen

Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre

Lippen.

„O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du für

mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer

Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren

fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte

sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,

freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred

und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: daß er nichts

dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es

wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie

einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung

hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr

stilles Haus bringen würde.

Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm

geschrieben hatte.

„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als

diese zu Ende gelesen hatte.

„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb

Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte,

fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und

wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus

mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“

„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was

du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder

vergelten.“

Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.

Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen

Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen

den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit

Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine

Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –

Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter

über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen,

sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut

wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und

wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.

So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte

eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie

ihrem bisherigen Elend zu entreißen.

Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß

gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal

ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die

vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,

daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.

* * *

Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre

Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was

sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden

besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause

kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,

was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und

darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine

nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug

rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“

hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel

Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über

Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu

wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche

Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber

sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber

trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,

es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und

fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein

junges Leben hierher verpflanzt worden war.

* * *

So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und

Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach

Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre

mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern

später und manchem nie.

Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und

trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem

andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart

war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,

schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.

Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu

müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein

stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden

durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch

immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu

großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An

seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den

letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie

nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit

geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen

zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.

Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die

Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er

fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen.

Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr

Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen

Blicken. –

Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals

fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die

angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war

und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:

„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe

machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem

Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz

niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte

sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die

Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie

ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie

sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe

so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen

kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle

herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren

noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten

sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –

Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,

jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und

Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie

herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden

Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig,

zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden

Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne

schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth

dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den

Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,

aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo

necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die

Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es

einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel

schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz

und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte

sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem

jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine

beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit

mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den

rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor

geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren

frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und

innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten

sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles

drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie,

wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter

und Freundin zugleich.

So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als

Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf

den ersten Ball führen konnte.

Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne

und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum

Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse

schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz

unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die

Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in

ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas

ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen

Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.

Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein

großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu

tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine

Kleinigkeit.

„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die

Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette

zu beginnen.

„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch

früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch

lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei

waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch

ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen

sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne

nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.

„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt,

als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau,

daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber

würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen,

Marianne?“

„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber

als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder

aufgebraust.

„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur

Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche

Geschmacklosigkeit!“

„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone

erwidert.

„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das

ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein

Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke

dir eine solche Farbenzusammenstellung!“

Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie

nun auf alle Weise zu trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde

Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde

immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie

wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem

Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie

habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,

Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche

Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber

hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt

werden können.

Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden,

wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt

in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne

standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen.

Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen

Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der

Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon

erzählten.

Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus

dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.

„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar

nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am

Flügel. Es ist ja die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse,

aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die

vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin,

fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie

von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In

ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,

ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.

Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu

einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,

die andre zu Blumen im Haar.

Ruth lehnte alles ab.

„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie.

In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets,

das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie

mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.

„Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße

Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.

Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor

einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein

bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus

einführt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,

wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner

Töchter eingeladen worden.

Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den

Händen.

„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne

zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien

in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der

Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald

hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.

Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der

Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung

dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie

angewurzelt in derselben stehen.

„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut.

Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,

wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen

Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem

alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl

darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein

schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.

Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt

ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.

„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir

wohl gut?“

„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“ So rief und fragte es

von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen

umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte

schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren

zu.

„Scheußlich seht ihr alle aus,“ platzte er endlich hervor und hoffte

wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu

werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.

„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“ –

„Ist das dein Ernst?“ – „Gefallen wir dir nicht?“ so schwirrte es von

neuem durcheinander.

„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“ fragte Marianne, und ihre Augen

hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht

widerstehen konnte.

„Na, es geht!“ antwortete er und betrachtete sie eingehend. „Aber sage

mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr

Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In

euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem

bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“

Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.

„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“ fragte Thusnelda.

Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;

er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.

„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“ riefen sie alle.

„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher

gefunden?“ fragte Marianne.

„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß

ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“

„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“ fragte Marianne.

Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.

„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag

keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“

„Weißt du was, Onkel Heinz,“ schlug Ruth vor, „komm mit auf den Ball, denn

bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht

darüber urteilen.“

„Ja, ja, komm mit!“ riefen nun auch die andern.

„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“

„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“

„Mich darfst du zu Tische führen.“

„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“

Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der

Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.

„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“

rief er, sie zurückdrängend.

Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die

Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der

Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,

und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden

Mädchenkranze.

Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten

auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber

stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch

bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des

Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu

fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme

entgegen.

„Du bist zu beneiden, Onkel,“ sagte er halblaut.

Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer

Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.

„Ja, nun macht nur,“ mahnte sogar Onkel Heinz, „Tänzer werdet ihr wohl

nicht mehr bekommen.“

„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt

habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“ meinte Ruth.

„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens

mal ein vernünftiges Wort,“ erwiderte der Professor. „Aber es geht nun

doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“

„Onkel Heinz,“ rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten

Einfall bekommen, „weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,

und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das

wäre reizend!“

„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“ fragte Herr Jansen.

„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“ gab sie zur Antwort und

schmiegte sich zärtlich an den Professor. „Onkel Heinz, ich bleibe bei dir

und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“

Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und

seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:

„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als

mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,

dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze

Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.

Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei

berichten. Alte, gute Kröte du!“

Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.

Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was

für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese

Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine

große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die

geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief

es:

„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“

„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“

„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“

„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn

fortgenommen?“

Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse

schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf

Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren

Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den

Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer

gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,

sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende

gefunden.

„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem

Staube,“ sagte Onkel Heinz. „Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel

Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“ fragte

er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch

tiefer in die Stirn.

Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch

oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die

beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:

„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“

„Wir kommen, wir kommen!“

Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der

Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen

der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –

Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die

Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er

die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig

zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten

Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten

einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den

Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er

legte sie aber beiseite und schaute – die eine Hand am Henkel seines

Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den

Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen

erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,

der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt

an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend,

verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem

ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und

glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,

der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen

und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen

knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle

Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel

Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte,

und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es

erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen

Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.

Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel

Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen

Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.

Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr

entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie

gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt.

Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl

versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es

gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich

vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.

„Unsinn, Unsinn,“ murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich

doch einschlief.

Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin

geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich

darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt

Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu

klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte

er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der

Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt

werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas

bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht

gewesen.

Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine

Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.

Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal

betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden

Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald überhoben,

denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen

dicht besetzten Ballkarten.

„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“ sagte Ilse lachend, als sie in

den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.

„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“ sagte Nellie;

aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen,

sahen sie durchaus noch nicht aus wie „alte Mütter“. Das Glück, das aus

beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen

vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und

verschönte sie merkwürdig.

Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen

sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier

gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang

bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.

Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke

suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden

hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und

lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth

auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie

alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen

er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder

tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf

ihre Schwester zu bringen.

Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen

möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.

In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz

Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen

eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr

und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,

seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh

und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!

So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,

neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die

Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.

Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und

erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und

tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und

Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach

deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem

hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie

nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen

hatte, mit Behagen verzehrte.

„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens

herrlich, Sie auch?“ fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an

ihrer Seite niedergelassen hatte.

„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“

erwiderte er.

„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es

wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich.

„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der

schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck.

„So, und warum denn?“

Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich

gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.

Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins

Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem

Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber

daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr

noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten

Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:

„Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben

Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“

Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf

und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.

„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige

Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“

Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten

rasch voraus.

Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre

Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester

und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen

Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund

tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an

ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber

schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?

Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn

ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,

ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich

mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher

Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig

harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung

ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen

Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. Mit

diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald

vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine

freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.

Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu

schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr

Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste

jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner

Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr

eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät

gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem

holden Mädchenantlitz.

So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht

lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre

Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte,

wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche

Gefühle hegen möchte. –

Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt

wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie

fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er

einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand

hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und

bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und

legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf

er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte.

Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort

entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts

anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne

Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend.

Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe,

und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also

eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male

bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften,

daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den

Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war,

in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und

Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und

betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er

wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen

Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische

nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht

gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern

verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er

hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich

deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz

nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.

[Illustration]

Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte

er sich getäuscht.

Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging

vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen

führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.

„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“

Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn

geschehen sei.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.

„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen

geschlossen hatte.

Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem

Professor.

„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der

eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und

fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß

nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern

hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,

Onkel Heinz?“

„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“

unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen

begann.

„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“ klagte sie, während er

las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt

im Zimmer auf und ab wandelte.

„Ja,“ – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über

seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.

„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“ fragte sie

angstvoll.

„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“ gab er lächelnd zur

Antwort.

„Was soll ich denn aber tun?“

„Ja –“ sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,

indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; „da ist nun schwer

etwas zu sagen.“

Ruth hing sich an seinen Arm.

„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch

immer alles,“ sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.

Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, „daß er

besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“ hatte

aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von

einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu

werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings

nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war

die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er

einige Male im Zimmer auf und ab.

„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“ fragte er endlich.

„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“ lautete die Antwort.

„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“

„Aber, Onkel Heinz,“ unterbrach ihn Ruth hastig, „wenn man jemand auch

leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder –

meinst du doch?“

Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf

einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine

Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb –

überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei

den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem

Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte

auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.

„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“ wiederholte sie

ihre Frage noch einmal dringlich.

Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die

nichtssagenden Worte heraus:

„Ja, das ist nicht so leicht,“ und fuhr dann plötzlich fort, als wäre ihm

auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: „Wie kommt denn Jansen überhaupt

dazu, dich heiraten zu wollen?“

„Das war so, Onkel Heinz,“ begann Ruth; „gestern abend auf dem Balle

fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es

ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es

mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn

nun wohl heiraten?“

Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel

schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch

so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus,

und Ruth wurde immer dringender.

„Ach, gib mir doch eine Antwort,“ bat sie flehentlich.

„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich

den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“ fuhr er barsch heraus; als er

aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen,

lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am

wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.

„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“ sagte er zärtlich, „was in dieser

Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf

einläßt.“

Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch

wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,

denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.

„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel

Heinz, hilf mir doch,“ rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen

Arm.

„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“ fragte er und

empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges

gesagt habe.

„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr

gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt

will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich

tun muß.“

Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.

Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des

Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß

dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt

herein.

„Na, was ist denn schon wieder los?“ fragte Onkel Heinz.

„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“ jammerte sie laut.

„Ja, was ist denn zu spät?“ fragte er.

„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,

als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll

ich nun tun, was soll ich anfangen?“

Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz

unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr

vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie

richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem

Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen

begleitete.

„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“ fing sie an.

„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch

Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“ sagte

er.

„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und

unglücklich machen,“ fuhr sie fort.

Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen

Seele.

„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die

schlechteste,“ sagte er.

„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht

verheiratet, Onkel Heinz!“

Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank

nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein

Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand

wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder

die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames

Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im

Verhältnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon

von manchem Silberfaden durchzogen war.

„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen,

braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest

nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“

Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und

ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –

Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder

nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch

heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser

neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und

hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen

blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;

zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen

Arm um ihre Taille.

In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In

solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und

ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch

noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem

forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich

fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das

geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mußte. Daß Ruth

ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung

doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie

ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der

richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und

Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den

Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß

man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte.

„Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte

Ruth.

Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl

solche Kröten so etwas!

„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht

heiraten könnte,“ drängte Ruth.

„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht

erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große

Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse.

„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte

Ruth.

„Bewahre.“

„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“

„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen

wollte,“ setzte Ilse auseinander.

„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm,“ sagte Onkel Heinz,

„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“

In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,

indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert

atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele

gelastet hatte, von ihr genommen wurde.

Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte

zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen

einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball

nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.

Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder

Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht

machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem

Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.

Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung

in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr

Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm,

worauf sie auch das Jäckchen auszog.

Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an

Ilse und Ruth.

„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte

sie die Schwester dabei an.

Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten Brief hin, den Marianne

ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es

sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise

an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben

durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die

Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den

Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar

umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und

hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –

Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer

stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide

befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;

er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der

Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte.

Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die

Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der

bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich

Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:

„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“

Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.

Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das

Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.

„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu

sich,“ sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen

hatte.

„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“ meinte Ilse besorgt.

„Ach was, der kann auch nichts helfen,“ erwiderte der Professor.

„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“ fragte Ruth

voller Angst.

„Woher das kommt?“ wiederholte er bedeutungsvoll. „Woher das kommt? An

allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng

geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die

Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten

gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und

dergleichen, das ist kein Wunder.“

Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,

welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder

der Ohnmächtigen zu.

„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er

wieder an.

„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse

ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.

„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt

und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben

Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es

doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres

Heulkonzert aufführten.

„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer

augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war

jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.

„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“

erwiderte er ruhig.

Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn

nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze

Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort

wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich

auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst

du aber auch für Geschichten!“

Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie

erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.

„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme,

– einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der

Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie

schweigen möchten, zurück.

Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen,

Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von

Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde

bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er

Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf

einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich

zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges

Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –

Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,

betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte.

Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die

Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen

Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben

stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch

vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche

antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz

abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden

waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es

wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den

Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer

Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.

Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der

schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen

lustig knackte und knisterte.

Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit

sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach

Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm

zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus

seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was

sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die

eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den

verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste

Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte

nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er

dasselbe erwidere.

Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt

und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein

Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an

diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!

Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz

konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der

Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen

erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt

habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte

Ruhe anempfohlen habe.

„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut

jammernd aus.

„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber

im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz.

„Sie ist aber so elend.“

„Wird sich schon wieder erholen.“

„Glaubst du wirklich?“

„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu.

„Warum mußte es auch so kommen?“ klagte Ruth. „Warum liebt Herr Jansen

nicht Marianne statt mich?“

Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.

„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“ fragte

das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.

Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.

Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.

„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“ fragte sie dann wieder.

Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.

„Dummes Zeug! Unsinn!“ sagte er dann ziemlich schroff.

„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“ Und als er nicht

antwortete, fuhr sie fort: „Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann

überhaupt nicht lieben.“

„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“ dachte der

Professor bei sich.

„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen

Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es

wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich

möchte – eine Künstlerin werden.“

Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte

ausgerufen.

„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“

fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten

Weise betonend.

Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.

Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:

„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft

so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas

heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und

unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann

wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der

Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich

edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht

beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche

Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“

Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem

Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche

Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er

empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden

Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es

eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, –

ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich

das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer

schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.

So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch

nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das

kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern

eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das

plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.

„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd.

Da erwachte er aus seinen Gedanken.

„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel

heißen, als: es ist nun einmal so.

„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte sich in zärtlicher

Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich,

aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“

„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch.

Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein

Frauenzimmer fertig bringen.

„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er

aber dennoch.

Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht

widerstehen konnte.

„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du

doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme

nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und

siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas

Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe

geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“

„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach

ihn ernsthaft.

„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so

spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum

Scherzen aufgelegt.“

Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in

die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.

„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch immer gleich flennen müßt,“

sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die

wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön

geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber

das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das

geht nicht, das geht auf keinen Fall.“

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

„Aber Onkel Heinz!“

„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa

Mummenschanz treiben? Hm?“ Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter

dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen

wolle. „Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du

nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht,

daraus wird nichts!“

Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth

vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer

Gedanke. „Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“ setzte er

wie im Selbstgespräche fort, „aber das ist es eben nicht, der bunte

Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,

Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“

Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal

versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt

sie ihn am Arme fest.

„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch

nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen

Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen.

Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie

es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich

fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“

„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel,

das ist wahr,“ sagte er einlenkend.

Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und

zuversichtlich:

„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“

„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“ sagte er

abwehrend.

„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“ bat sie und hing sich an seinen Arm.

Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer

Geschwindigkeit.

„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“ versprach sie.

„Will ich gar nicht,“ brummte er vor sich hin.

„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“ rief sie lächelnd und fragte

dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: „Wann willst du denn mit

den Eltern sprechen?“

„Gar nicht,“ erwiderte er kurz.

Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:

„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es

ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“

„Nein!“

„Bitte, bitte, sage ja.“

„Nein, nein, nein!“ widersprach er heftig.

„Onkel Heinz!“

Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können!

Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch

abwandte.

„Lieber Onkel Heinz.“

Er antwortete nicht.

„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“

Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er

schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen.

„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut.

Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich

sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –

Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag

krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder

erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der

unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und

nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß

die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über

diesen Punkt so weit auseinander gingen, so überzeugte sie sich jetzt von

dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am

Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie

sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie

früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der

Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,

zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was

der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie

niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten

gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein

Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.

Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und

Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,

wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien

zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,

weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches

Gefühl hervorgerufen haben würde.

Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein

Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen.

Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre

Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend

erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit

Fleiß und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des

Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.

Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz

hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu

entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten

Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte

Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren

Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr

so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das

Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,

aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war

glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr

verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den

Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den

Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach

Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er

kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und

beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den

Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden

Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke

der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen

Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden

hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf

seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse

voller Stolz.

Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen

eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an

schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer

Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber

hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die

Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer

Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen

denken, wie an einen fernen lieben Freund.

So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis

es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz

vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen

Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen

strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen

Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.

An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit

seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten

Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben,

roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über

ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und

wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und

leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und

Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des

Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose

geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte,

locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter

dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten

sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle

hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem

Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter

Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran

rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben.

Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien

abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.

Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden

Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.

„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor.

Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:

„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja

was.“

„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung

und Fleiß allein kann das nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen.

Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer

wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der

Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt,

sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn

guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige

Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige

Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten

Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es

lange.“

„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß

ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht

mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.

„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief

Atem.

„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie

es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte

einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.

Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar

an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde,

destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige

Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen

großen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft

erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre

Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie

lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich

hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren

Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in

sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war

und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht

zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man

einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte

Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den

Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an

seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit

beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute

abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb

beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu

bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche

Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke

Seite.

„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei

Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da

ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei

mir.“

„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank,

daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke

auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran

gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“

„Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein.

„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte

Ilse.

„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der

Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei,

entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die

amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher

sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft

interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die

Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die

denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die

Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute

eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith

sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem

Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“

„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er

hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter,

und bloß, weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des

Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“

„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach

Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine

Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen

ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte

Zeiten muß der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehört

dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter

diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“

„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine

brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse.

„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders

geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre,

unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur

Antwort.

„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre

hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein.

„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er

wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese

Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte

ganz anders behandelt werden müssen.“

„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für

die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse.

„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn

gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie

überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel

vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit

einem pfiffigen Seitenblick auf sie.

„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse

lachend.

Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie

er darüber dachte.

„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während

sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen

Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz

genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen

Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes

Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,

Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“

„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war

ja Bromkali –“

„Weiß schon, weiß schon,“ unterbrach er sie schnell. „Ich kenne das Zeugs

alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder

Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das

kann ihr eher schaden als nützen.“

„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“ sagte Ilse; „bei der ist es

nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“ fragte

sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause

angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann

später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch

nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.

[Illustration]

Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,

bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig

war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde,

vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß

es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er

für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung

sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den „wunderlichen

alten Herrn“ amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung

gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet

werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen

und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so

und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen

anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb

angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus

Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen

wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz

genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln

und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner

Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem

alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge

Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht,

das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam

war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten

Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber

auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig

und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie

jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand

vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren

mußte.

Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen

Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das

Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb

und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste

Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war

doch keine Kleinigkeit und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen

gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon

erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte,

schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die

große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und

trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige

Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter

warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren

Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der

Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und

betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf

seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,

Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst

Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,

bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir

erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner

Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden

Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der

Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.

Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er

sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu

verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die

Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung

hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man

die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her

bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,

so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes

Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte

er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang

konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre

gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine

Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine

Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der

Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die

Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in

reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den

Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,

ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die

herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit

besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich

die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der

seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und

flüsterte ihr zu: „Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben brauchten,

hatte ich nun nicht recht?“ Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts,

denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne

Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise

Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach

manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre

Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe

Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber

trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest

vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten

streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer

und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende

erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der

Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten

heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der

Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet,

um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von

den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen

dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm

vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner

Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser

übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die

Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen

und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel

Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade

in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er

klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel,

nur die Worte: „Alte, gute Kröte,“ wiederholte er immer wieder, und eine

rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der

grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann

machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte

es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den

Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle

die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder

wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war

ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche

ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.

Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte.

Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen;

Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und

der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz

ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch

freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.

„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“ sagte Nellie zu ihrem Manne, als

die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff

war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am

Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und

gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren

Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz

geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders

gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo

wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche

lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie

sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,

wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn

sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die

Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das

absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit

harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter

auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei,

heimzugehen.

Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche

ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an

einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.

Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,

die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.

„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“ sagte Ilse zu dem Professor, indem sie

auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem

Blick auf Ruth und Marianne: „Wie lange wird’s dauern, und eines Tages

fliegen beide aus dem Neste.“

„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“ erwiderte Onkel

Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes

Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu

müssen.

„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“

fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.

„Ja, was fangen wir an?“ wiederholte er und sah sie forschend an. Auf

einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte: „Dann

schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“

Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung

hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte

er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen

Vorschlag ein.

„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“ rief sie; „vielleicht tue ich das

wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie

haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit

vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin

spielen, Onkel Heinz.“

„Na, das wird was Schönes werden,“ gab der Professor zur Antwort, „eine

schreibende Frau? Brr!“

„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für

Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war

– eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf.

Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt

wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und

auch durch Sie, Onkel Heinz.“

„Durch mich?“ fragte er, sie ungläubig ansehend.

„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“ gab sie mit

ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies

ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.

Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen

haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem

Titel „Trotzkopf als Großmutter“ in gleichem Verlag erschienen ist.

Aus Trotzkopf's Ehe · 第 5 / 6 题