Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“

Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn

an.

„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt

und nicht an das Arbeiten denkt.“

„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein.

„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhnlich,“ unterbrach ihn

die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das

Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig

bist, immer diese vielen Fehler!“

Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte

darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen

Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu

sitzen.

„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken

gleich Kaffee.“

Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht

Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,

vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.

„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,

als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein

Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die

Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich

ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die

sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.

„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie

viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“

Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel

sie heute daran gearbeitet hatte.

„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick

glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“

Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den

Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem

öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine

hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.

„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,

als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte.

„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“

fragte sie freundlich.

Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen

großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln

an zu klappern.

„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das

faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung

bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter

und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie

als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im

Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische

keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein

allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war

noch dasselbe gutmütige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm

geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die

Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen

Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte

sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle

herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn.

„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie

den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den

Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“

Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.

„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“

fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“

„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat

wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch

einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht

nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen

Stoß, damit er etwas sagen solle.

„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies

immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn

das?“

„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete

der Junge offen.

„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie

etwas werden.“

„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten

das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich

ihm beruhigend über das blonde Haar.

Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß

Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß

aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves

Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl

im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen

verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen.

Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken.

Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,

schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten;

blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die

Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem

Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit

sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das

Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell

hinaus.

„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder,

unbekümmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefühl ihrer

Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der

Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.

„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der

Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl.

Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir

geworden.“

„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn

wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt.

Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie

hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber

das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden

um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war

dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch

genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern

aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das

Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.

„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit

deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.

„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das

Geschirr stehen ließ.

„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem

Tone nach.

„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als

Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll.

„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das

gehört sich nicht.“

„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so

etwas mit anhören.“

„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.

Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem

Blicke.

„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich,

wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“

„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen

schwach.“

„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz.

Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über

ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die

kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den

Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das

Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und

hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle

Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.

Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben

verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich:

„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ,

weil mich die dumme Sonne blendete.“

Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante

Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und

sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,

wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.

Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,

packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie

gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr

wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.

Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden

eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre

Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche,

wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin

bewahrte stets eine gewisse Steifheit.

„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies,

die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war.

„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen

Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen

sein.“

„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von

Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie

viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.

„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es

wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein.

„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat

zu tun.“

„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt

denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich,

daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so

wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das

ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu

habe.“

Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese

Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv

ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich

Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für

ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und

schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber

Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie

herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun

wieder für eine überspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu

steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war

sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging,

und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben.

„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst

überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“

Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich

will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.

„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie,

und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder

aus ihren Grübchen.

„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja

mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“

„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung.

„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“

rief Ilse begeistert.

Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie

eben nicht.

„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis

Einwände gar nicht gehört.

„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu

Ende, und sie kochte innerlich.

Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich

in sein Zimmer zurück, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten

nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins

Schloß.

„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun

willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“

„Ja, aber wie so denn, Rosi?“

„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie

denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist

und am besten gefällt.“

„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts

Freies.“

„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen

unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“

„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig.

„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi

fort.

„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann

laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“

„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“

Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese

Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,

gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.

„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die

Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine

Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“

Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre

Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen

Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem

Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte

seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies

war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren

Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er

blieb stumm.

„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal

anzufangen.

Keine Antwort!

„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“

das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“

Wiederum Schweigen!

Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange

nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der

Tischdecke.

Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.

„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger

gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit

Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von

dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den

Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung

doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“

Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und

erregt wandte sie sich zum Gehen.

„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du

keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“

Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel,

stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.

Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für

alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung

über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über

die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, über das freie

Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches

gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi

träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen

ebenso dachten, wie sie.

* * *

[Illustration]

Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer

Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl

hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel

Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es

bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes

Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu

bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer

gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika

gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe

verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze

Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er

und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen

gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse

dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe

noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie

merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die

Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.

Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem

Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für

eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet

sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,

den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich

seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen

nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort

schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann,

das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.

Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz

geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem

Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre

Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.

„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß

Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen

entnahm, die sie in den ihrigen steckte.

„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell

die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen

geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der

Hand.

„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast

gar nichts zu tragen hat?“

„Laß nur, _darling_, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in

letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das

Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.

„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du

lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die

Modekrankheit.“

Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte

nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wußte es aber besser.

„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus

dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare

Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die

Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in

neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.

Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus

der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester

Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune

und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr

dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden

Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.

Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,

nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer,

jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und

besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach

belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt

daran sehen.

„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit

seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche

Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht

nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls

stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,

schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und

stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.

Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.

Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die

Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen

wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den

Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben

prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige

Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel

genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der

Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik

anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein

Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des

eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und

wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als

die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe

hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrünen

Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen

tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.

„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele

und hing sich an seinen Arm.

Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein

wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur

sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.

Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen

Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer

und natürlich auch den von Onkel Heinz.

„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick

verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und

Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen

Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.

„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und

Gelb!“ rief Ilse.

„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend.

Ilse wandte sich ab.

„Na, denn nicht,“ meinte sie.

„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“ rief Onkel Heinz

nach einer Weile, „man kann ja gar nicht mitkommen.“

„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig

nicht schnell,“ sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo

seiner Schritte.

„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche

Bergtour gemacht, Gontrau?“ fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen

Lächeln.

„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol

habe ich den Ortler bestiegen.“

„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“ rief Onkel

Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen

in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern

reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen

einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine

interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam

zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge

war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war

durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.

Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm

nicht zugetraut hätte.

Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende

Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den

Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich

in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen

Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur,

als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und

die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die

durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.

Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die

Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über,

verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte

Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf

den Zweigen.

Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare

im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz

voran.

Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als

draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.

Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie

glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald

spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte

wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden

Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr

vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden

wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.

Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit

angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken

großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.

Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die

schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie

sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam –

ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung

zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse

atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr

zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren

auch die andern meistens still.

Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem

frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite

rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch

seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe

gehenden Natur ein Schlummerlied.

„Es wird feucht,“ sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.

„O, du frierst doch nicht?“ fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von

den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der

liebenswürdigsten Weise.

„Es geht dir doch gut, Fred?“ fragte sie wieder nach einer Weile, und

diesmal antwortete er liebevoller.

„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“

„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“

fragte Nellie eifrig.

„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“ rief da Onkel

Heinz’ Stimme. „Sie vergiften sich ja nur damit.“

„O, es hilft Fred aber so gut,“ meinte Nellie.

„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“ erwiderte Onkel Heinz mit

Achselzucken, „aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als

Gegengift.“

Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas

einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit

Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen

Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die „dummen Kerle“, die Ärzte,

schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.

Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und

rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf

einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume

blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes

erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen

mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten

majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe

Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters das den Wald abschloß, fiel mit

dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem

Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie

Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß

waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die

Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine

Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das

Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller

Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit

durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken

von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den

freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen

und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine

Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden

tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und

betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die

Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und

nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er

hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen

wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.

Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig

vor ihm standen.

„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da

oben wohl noch geben.“

„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und

warf ihren Rucksack auf den Stuhl.

„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich

in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn

ächzten.

„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu

genießen,“ rief er hinaus.

Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese

blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch

Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand

lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen,

krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden

Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie

gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen

Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.

Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie

hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben

wollte, eingehend den Weg besprochen.

Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den

dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,

silberglänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt

verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese

vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der

steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.

Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals

krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend

etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für

furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo

nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war

es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,

wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie

doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht

unterdrücken.

„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben.

„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“

Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen

und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem

Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die

spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das

Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die

Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt

gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.

„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und

sehen Sie es sich an!“ rief er laut.

Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie

ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller

Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend

schimmerte.

„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte

Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie

entschuldigen wollte.

„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an

Gespenster zu glauben?“

Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.

Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja,

Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.

Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben

konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie

wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.

[Illustration]

Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg

und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete

tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war

der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man

allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß,

ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem

steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter

Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als

hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die

Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn

unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird

nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle

Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.

Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im

Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame

Stille herrschte ringsumher.

„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie.

„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred.

„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“

erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel,

goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht

schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem

Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen

sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“

Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte

man nicht nach dem Äußeren beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu

lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft

Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.

Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets

absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es

sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das

härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der

sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und

drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.

Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses

auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf

welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus

immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer

Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den

Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die

krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im

tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine

Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im

Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten

Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,

bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl sein im

hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,

dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn

Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie

sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd,

lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.

Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut

zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,

durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten

Kognak.

Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die

Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die

Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die

Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall

aufgenommen wurde.

„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel

Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um

ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.

„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt.

„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch

sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten

nur über alles spotten und höhnen.“

Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja nicht, daß dieser Hieb

die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft

ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,

und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung

war es nun geschehen.

Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem

Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den

Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte

und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.

Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf

dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er

auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der

hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse

heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und

er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken,

vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen

Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß

am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender

Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder

verschwand.

Lange noch blieb der Professor draußen.

Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es

sollte früh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten

Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.

Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig

gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das

helle Mondlicht hätte ihn gestört.

„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch,

wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen

Frühlingsmorgen.

„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht

geschlafen,“ erwiderte er mißmutig.

„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“

fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.

„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“

Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen

Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft

bedauert wurde.

Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es

überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder

dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so

stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas

behauptete.

Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe,

hatte ihm innerlich schon die schönsten Beinamen gegeben, wie „alter

Junggeselle“, „Brummbär“ und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen

neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.

Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der

Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind

trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem

Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte

hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel

flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war

dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb

Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.

„Schneeluft,“ sagte Althoff.

Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont

bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber

wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht

legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur,

aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja

jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm

ihn wieder mit fort.

An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und

darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die

Füße bis über die Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand

diesen „Winter im Frühling“ herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut

genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich

höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,

so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,

wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von

Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten

Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.

„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“

rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter,

umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie

Diamanten darin funkelten.

„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd

und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.

„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und

wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.

„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und

schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher

gegangen,“ sagte er dann zu Leo.

Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner

Behauptung. Schließlich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die

drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß

er unrecht hatte.

„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er.

„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig,

Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der

Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“

„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“

entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.

Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle

Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie

jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede

Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette

Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen

in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er

sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies

schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie

keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie

ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie

lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.

Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts

dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die

Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.

„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen

es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu

scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in

sich versunken ging er weiter.

Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue

Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien

die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube

hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden

erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als

eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten

zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen

zu lächeln.

Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße

einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin

und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog.

Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein

Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den

Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in

letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz

nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem

zwanzig Häuser zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch

hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war

fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem

regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden

können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und

Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie

großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und

prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein

Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine,

war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher

versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die

Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört

sahen die Männer aus.

Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes

Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie

die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige

Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste.

Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten

Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war

mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein

Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus,

im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder

in hellster Aufregung gewesen war.

Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,

erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte

kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht

gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden

Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder

entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen

und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt,

der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem

Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und

sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich

verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn

lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja

herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine

Rede.

Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und

Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und

Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen,

die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten

alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,

denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder

bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war

die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die

Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand

Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem

Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der

Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel

Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war

schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz

aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt

hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem

neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb

keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei

dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch

keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine

Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf

Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.

„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die

übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches

Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war

Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das

mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater

gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen

Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die

Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich

auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach,

denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten

noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu

überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der

andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie

zum Schluß kamen.

„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen

könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die

Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen

hinaus.

Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der

Professor nie viel übrig gehabt.

„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu

tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte

Antwort.

Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit

davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte

darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor

einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –

Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der

schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des

milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen

Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das letzte Erlebnis.

Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der

heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die

über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt

lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen

Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen

Schimmer.

Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße,

die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die

stille Nacht.

* * *

Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der

Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste

besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden.

Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das

Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu

wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu

verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die

Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater

wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige

Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor

Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts

anderes gespielt als Theater. Leo hatte schließlich verboten, sie wieder

mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,

konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den

Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und

begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine

Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.

Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie

horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern

sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle

Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine

Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das

stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem

Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften

Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren

großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre

Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth

dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und

wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie

in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank

im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen

Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein

Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.

Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden:

„die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und

„die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch

jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich:

die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur

derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung

zustandegebracht hat.

Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie

erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige

Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für

einen so guten Zweck herzugeben.

Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas

viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen

zusammen zu holen.

Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und

Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen,

engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.

„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen

Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob

von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses

Blut in Wallung.

„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von

meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“

„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen

herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der

öffentlichen Kritik ausgesetzt?“

„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“

Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz

einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die

beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.

Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,

daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre

Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber

schön gespielt!“

„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie

stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie

brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre

Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“

„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile

solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will

mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“

„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch

keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über

solche Anschauungen.

Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun

einmal anders.

Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.

„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der

Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte

die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln

und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den

Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten

sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing

sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die

viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.

„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,“

tröstete sie.

Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die

Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas

für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet

hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder

Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in

den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu

werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und

ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das

Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte Natur, sie

dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater,

selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon

oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.

„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte

Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr,

bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.

„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte

Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit

der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern

sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr

gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.

Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit

keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze

zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“

nahte.

Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und

Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts

dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer

Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,

ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.

[Illustration]

Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich

besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging

es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache

war abgemacht.

Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen

ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses

Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon

herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren

Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten,

gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch

mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön

und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer

wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und

Requisitenmeister.

Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?

Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube

Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born

zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als

ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende

Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde.

„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste

Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die

Rolle der sanften „Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht

und wäre doch zu kurz.

Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich

bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache

etwas in Gang.

„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle

fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.

Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht

blamieren.“

Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es

wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten

Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden

Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv

mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer

Kritiker sein.

Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete

sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,

der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den

nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.

„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung.

„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht

spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche

nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie

später wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe,

könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja

nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“

jammerte sie.

Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,

Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt

der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte,

denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal

bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.

Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus

Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.

„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born

als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“

„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie.

„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das

übernehmen?“ fragte Leo.

„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“

sagte Ilse plötzlich. „Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel

hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“

„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“ sagte Nellie.

„Kann ich nicht das Mädchen spielen? Aber ein Dienstmädchen mit englischem

Akzent paßt doch wohl nicht?“

Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das

Dienstmädchen.

Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen

Kräfte wieder einzufangen.

Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem

Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften

Betty in der „Jugendliebe“ zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.

Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!

Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen

wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das „Kind“ war in der

Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen

die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete

einige Verlegenheit. Die „taube Tante“ flog wie ein Fangball zwischen

beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer

solchen Rolle sei denn das „Kind“ doch noch zu jung, warum gerade sie

diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge

derselben auseinandersetzte.

Das „Kind“ erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die „taube

Tante“ von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.

„O,“ rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, „mein Mann hat einen

schönen Prolog gedichtet und hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen

sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“

„Einen Prolog?“ fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging

es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,

weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem

griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!

Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor

dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,

die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete

sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle

einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder

aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.

Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen

versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend

beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere

Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die

Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte

eine große Angst, ob alles gut gehen würde.

Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte

nun die erste auf der Bühne stattfinden.

„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse

wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo

so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur

Generalprobe vertröstet.

Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser

leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –

Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der

Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.

Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen

im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und

tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige

Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen

überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte.

Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere

Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst

war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich

nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie

bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich

untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach

dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen

sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu

erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,

einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse

der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt

bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern,

öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die

meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über

Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die

Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur

täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,

ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden,

stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen

wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.

Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch

die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus,

die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen

Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im

Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen

sah sie in das leere Haus!

Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst

befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten

und Direktor Althoff saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch

leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.

Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises

Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte.

Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.

„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im

gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den

hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:

„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“

Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß

noch einmal von vorn anfangen.

Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und

der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und

nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der

Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung

herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen

nicht zurückhalten, das „Kind“ fing an, wie ein Kind zu weinen.

Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half

nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.

So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche

schluchzend in ihrer Garderobe saß.

„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fräulein, warum weinen Sie

denn?“ redete ihr Ilse zu.

„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“ gab das

Kind außer sich zur Antwort.

„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“ tröstete

Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.

„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht

mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine

Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber

wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“

Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen

wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher,

als zuvor.

In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine

Notiz genommen hatte.

„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös

zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht

mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“

„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab

er eilig zur Antwort.

„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“

„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte

jetzt keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur

„Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen.

Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von

Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“

auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer

erzürnten Göttin.

Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte

schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht

mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem

Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft

tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in

einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie

hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie

„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die

Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten

sie nicht aufrütteln.

„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief

Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an,

die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von

dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in

Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.

Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden

ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der

Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das

reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff

mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt

gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den

ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend

unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal

geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte

immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf

seinem Sitze unruhig hin und her rückte.

„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser

Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.

Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel

glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der

Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen

Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das

„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die

Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine

Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,

scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden,

seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.

„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, er verbesserte sich

schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“

Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung

– Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;

wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden

Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter

die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie

in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer

zwei an diesem Abend.

Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt

und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand

sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr

die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.

Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen,

sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.

„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben

doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser

machen.“

„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit

spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine

besondere Rücksicht.“

„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, wenn ich dran komme,“

meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“

„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie

eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber

aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“

„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein

Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung

doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht

deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu

glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“

Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen

mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein

Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich

sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht

mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem

Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für

zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder

durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder

an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden

Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein

Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem

Raum, und da war es denn kein Wunder, daß sich nicht nur die Gemüter,

sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden

einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll

zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie

sogar schon gelächelt.

Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich

Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen

werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die

Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes

Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer

Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln

an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen

überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll,

glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie

stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur

andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen.

Dann erst wurde die Türe geöffnet.

„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich,

aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes

Gesicht sah.

Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel

Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.

Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es

herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete

und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im

„ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher

zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch

keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen

Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge

Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle

werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit

bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei

Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen

die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch

ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft

gelacht.

Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen

den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach

und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals

nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht

in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am

liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt,

aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war

und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.

Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und

Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.

Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als

unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs

Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der

Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die

sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt

hatten.

Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne

es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.

Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös

von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.

„O, _darling_, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte

Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der

Garderobe!“

Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht

gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte

ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite

auffaßte.

„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen,“ sagte Ilse,

„und was machen wir dann?“

Leo lachte sie aus.

„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und

sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für

alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog

sie in seine Arme.

Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt

sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den

andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen

sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und

Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete,

erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts

noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein

entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die

Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber

nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von

ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in

diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle

Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich

erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,

Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten

geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen

Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der

Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit

Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen

Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt

umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und

Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen

– sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in

der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles

vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.

Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,

aber seine Türe war verschlossen gewesen.

Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen

Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich

nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie

ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie

nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.

Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten

Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis

zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.

„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen

Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde,

konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in

welcher Rosi danach fragte.

„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr

sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“

Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie

bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“

„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“

Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu

groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.

Aus Trotzkopf's Ehe · 第 2 / 6 题