In großem Gedränge kamen die Brautleute zu Hause an, wo das junge Paar

in sein Zimmer geführt wurde und bei Tee, Bouillon und Leckerbissen sich

von den Strapazen des Chuppeganges erholte. Es war auch hohe Zeit! Denn

das Brautpaar fastete bis nach der Trauung. Man nannte die erste

Bouillon, die man dem Brautpaar gab, die »goldene Suppe«. Nur die

intimeren Freundinnen und die Brautschwestern wurden in das Zimmer der

Brautleute hineingelassen. Die übrigen Gäste verabschiedeten sich, um

sich zwei Stunden später zum Abendbrot, das sich »chuppewetschere«

nannte, einzufinden. Bei diesem Mahle führte die Gesellschaft allerlei

leichtsinnige Gespräche, die nicht der Frivolität entbehrten. Nach der

luxuriösen Mahlzeit, die mit einer grossen Zecherei endete, blieb die

Gesellschaft noch bei Tisch sitzen. Es war Brauch, dass der Bräutigam

das Mahl durch eine talmudische Rede (Drosche) würzen musste. Nun wurden

die »Droschegeschenke«, d. h. Hochzeitsgeschenke, von den Verwandten,

Eltern und Freunden den Neuvermählten dargebracht. -- Der »batchen« trat

wieder in Aktion. Aber er zeigte sich jetzt von einer gemütlicheren

Seite. Er mußte das Publikum mit allen möglichen Possen und

improvisierten Anekdoten in Versen unterhalten, auf jeden Gast, je nach

der Spende, ein launiges »Wörtchen« sagen, und endlich auch dem

Brautpaar Scherze, aber auch bittere Wahrheiten in humoristischer Form

erzählen. Unter diesen Batchonim gab es oft geniale Leute. Einer, Sender

(Alexander) Fiedelmann, hat eine köstliche Sammlung seiner launigen

Verse hinterlassen. Fiedelmann hat in Minsk »gewirkt«, während in Wilna

ein gewisser Motche Chabad und Elijokum Batchen beliebt waren.

Der »batchen« stellte sich auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme,

das ihm eingehändigte Hochzeitsgeschenk in die Höhe haltend, den Namen

des Gebers und pries mit vielen Übertreibungen den Wert und die

besonderen Qualitäten des Geschenkes. Seine »Chochmes« brachte er in

singenden Rezitativen vor, wobei die angeheiterte Tischgesellschaft

herzlich lachte. Diese Possen dauerten bis spät in der Nacht. Das

Tischgebet wurde gesagt, das mit den »schiwo broches« über einem Becher

Wein endigte, von dem man dem Brautpaar zu nippen gab. Dann kam der

sogenannte Koschertanz an die Reihe. Die Braut unter ihrem Schleier

setzte man in die Mitte der Brautschwestern, von denen eine ein

seidenes, viereckiges Taschentuch in der Hand hatte. Der »batchen«

forderte einen der Herren auf, mit der Braut zu tanzen, wobei die

Brautschwester einen Zipfel des Tuches der Braut in die Hand gab und den

zweiten Zipfel dem Tänzer reichte. Auf diese Weise machten sie zweimal

die Runde und der Batchen rief: »Schon getanzt!« und die Braut setzte

sich wieder zwischen die Brautschwestern. Auf solche Weise tanzte die

Braut mit allen anwesenden Herren. Das dauerte bis spät nach

Mitternacht. Die arme Braut aber durfte den Schleier nicht lüpfen....

Endlich, vor Tagesanbruch, mahnte die große Müdigkeit zur Ruhe. Ein

jeder suchte sich irgend ein Plätzchen und nickte selig ein. Am nächsten

Morgen wurde es spät Tag. Die Braut blieb in ihrem Zimmer, bis meine

Mutter und die älteren Schwestern in Begleitung einer einfachen Frau,

der sogenannten »Gollerke«, kamen. Diese Frau war mit einer großen

Schere bewaffnet und nahm auf der Mutter Geheiß dreist den armen Kopf

meiner Schwester in Besitz, lehnte ihn gegen ihre Brust, und unter ihrer

mörderischen Schere fiel bald eine Strähne des schönen Haares nach der

andern vom Kopf meiner Schwester -- wie das Gesetz es befiehlt! Nach kaum

10 Minuten war das Lamm geschoren. Man ließ ihr nur ein wenig Haar über

der Stirn, um es besser nach hinten streichen zu können. Denn es durfte

keine Spur von ihrem eigenen Haar zum Vorschein kommen. Dann bekam sie

eine glatt anliegende seidene Haube, an der sich vorn ein breites,

seidenes Stirnband in der Farbe des Haares befand, wodurch nach

damaligen Begriffen das Haar sehr gut imitiert wurde. In den frommen

jüdischen Häusern, wie dem meiner Eltern, hat man die altjüdischen

Bräuche, die mit der Zeit als Gesetz betrachtet wurden, möglichst streng

beobachtet. Der Braut wurde ein hübsches, kokettes Häubchen aufgesetzt,

wenn auch darunter das jugendliche Gesicht bedeutend älter erschien. Man

führte sie in den Salon, wo bereits alle Herren des Hauses und viele

Gäste versammelt waren. Die Brautschwestern bedeckten ihr Gesicht mit

einem weißen, seidenen Tuch, und wer ihr Gesicht zum ersten Male unter

der Haube sehen wollte, mußte ein Almosen für die Armen geben; auch der

Bräutigam und die beiderseitigen Eltern mußten es tun. Da gab es

verschiedene Meinungen über ihr verändertes Aussehen, und bald war ein

gemütlicher Streit im Gange. --

Meine Schwester blieb auf Kosten der Eltern mit ihrem Manne bei uns

wohnen. Seine Eltern reisten, nachdem sie ihr viele hübsche Präsente

zurückgelassen hatten, nach ihrer Heimatsstadt Saßlaw zurück.

Und ein junges Paar lebte das alte Leben....

Nur noch diese Schwester wurde in der hier geschilderten Weise verlobt

und verheiratet. Schon meine Verlobung, zwei Jahre später hatte ein

wesentlich verschiedenes Gepräge, hatte doch die Reform unter der

Regierung Nicolaus I. die jüdische Lebensweise stark beeinflußt.

Die Veränderung der Tracht.

Es will mir scheinen, daß es kein Zufall sein kann, wenn heute das Wort

»Tracht« fast ganz aus dem Wortschatze verschwunden ist. Es ist

eigentlich nur noch in der Schriftsprache üblich. In der Umgangssprache

ist es kaum noch zu hören. Es hat dem Worte »Mode« weichen müssen. Darin

scheint mir aber mehr zu liegen als ein nur rein äußerlicher Ersatz des

einen Wortes durch ein anderes. Es liegt Psychologie, Zeitpsychologie in

diesem Wandel. Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, daß das Wort

»Mode« zumeist in einem ganz prägnanten Sinne gebraucht wird? Bezeichnet

es ursprünglich nur, daß irgendein Etwas -- ein Kleidungsstück, ein Buch,

ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt ist, so hat es

jetzt seinen Hauptsinn in der Vorherrschaft einer besonderen Kleidung!

Die Frühjahrsmode schlechtweg bezeichnet die neue Form, die die Kleidung

im Frühjahr hat. Und wenn wieder »eine neue Mode herauskommt«, so denkt

man lediglich an eine neue Tracht. Mit dem Begriff Mode ist uns wie

durch eine feste Ideenverbindung der Begriff des schnellen Wechsels

verknüpft. Was modern ist, will nur den Erfolg eines Tages haben. Mode

und Tracht stehen zueinander wie hastige Abwechslung und Dauer.

In einem Punkte freilich finden die Begriffe »Mode und Tracht« eine

gewisse Einigung! Sie haben beide einen imperatorischen Charakter. Sie

zwingen unter ein Joch. Und wenn auch dem einzelnen Menschen ein

Spielraum für die Betätigung seines individuellen Geschmacks bleibt, so

fordert das Gesetz der Tracht doch Einheitlichkeit und Uniformiertheit.

In früheren Zeiten hatte die Tracht freilich auch die Aufgabe, bestimmte

Gruppen von Menschen voneinander zu differenzieren. Die Pariser Mode

hatte noch nicht alle feineren und gröberen Nuancen verwischt. Jeder

Volksstamm, jede scharf abgesonderte Klasse von Menschen hatte ihre

eigene Tracht; man wollte nicht in den großen Menschheitsbrei

untertauchen, sondern sofort erkannt werden als das, was man ist. So

bekam die Tracht den Charakter des Zähen, Stabilen, Traditionellen, und

die Gloriole der Ehrwürdigkeit umleuchtete sie.

Nur so kann man verstehen, wie der im Jahre 1845 veröffentlichte Ukas

der russischen Regierung auf die russischen Juden wirkte, welcher die

Juden zwang, ihre alte Tracht abzulegen und sich der modernen zu fügen.

Die Wirkung auf die große Masse war so furchtbar wie die einer

Katastrophe. Eine wilde Erbitterung war die Folge. Und nur das Gefühl

der eigenen Ohnmacht, der Wehrlosigkeit, die Golusangst ließ diese

Erbitterung nicht zu rasender Wut sich steigern. Wären die Juden

damals stark, organisiert, mächtig gewesen, so hätte die Veränderung

der Tracht zu Aufständen und Revolutionen geführt. So aber blieb es

bei schmerzhafter Resignation. Man trauerte um die eigene Tracht wie

um einen lieben Toten. Und tiefer blickende Geister begriffen bald,

daß die Anpassung an die modische Kleidung nur der erste Schritt sei

auf dem Wege tiefer greifender Assimilationen, die nicht nur die

Lebenshaltung, sondern auch Kulturanschauungen und die überlieferten

Lehren einer spezifischen Religion, Sitte, Gewohnheit und der Bräuche

des jüdischen Volksstammes würden ummodeln müssen. Der Ukas wurde

als »Gesere« bezeichnet; nicht als eine von den vielen Geseraus, die

das jüdische Volk überfielen, sondern als die »Gesere« schlechtweg.

Viele waren der Ansicht, daß das jüdische Gesetz -- Jehorek wéal

ja'wor (man muß sich opfern) -- unter diesen Umständen erfüllt werden

müsse. Allein die russische Regierung kümmerte sich wenig um jüdische

Gesetze, um die erregten Debatten in den Gemeinden, um die Trauer und

das Wehklagen der Frommen, sondern setzte kurzerhand eine Frist fest,

nach deren Ablauf alle Juden in Rußland, Männer und Frauen, sich nur in

europäisch-russischer Tracht durften sehen lassen. Und diese Frist war

natürlich sehr kurz bemessen. So mußte denn die jüdische Bevölkerung

von ihrer liebgewordenen Tracht lassen. Und wer wie ich den hastigen

Wandel der Moden durch viele Jahrzehnte miterlebt hat, und wie ich

oft hat erkennen müssen, daß die Tyrannin Mode nicht immer gerade die

Ästhetik als Genossin hat, der muß gestehen, daß das Opfer der alten

Tracht in manchem Belange die Aufgabe einer nicht nur hygienischen,

sondern auch recht kleidsamen Tracht war.

Die Männer trugen ein weißes Hemd, dessen Ärmel durch Bändchen

geschlossen wurden. Am Halse lief das Hemd in eine Art Umlegekragen aus,

der aber nicht gesteift und gestärkt wurde. Auch am Halse war das Hemd

durch weiße Bändchen geschlossen und es wurde in der Art der

Schleifenbindung besondere Sorgfalt aufgewandt, wie auch ein gewisser

Luxus bei der Auswahl des Stoffes für diese Krawatten ähnlichen Bändchen

entfaltet wurde. Selbst ältere Herren aus vornehmen Häusern ließen eine

leise Koketterie bei dem Schlingen dieser Schleifen häufig erkennen.

Erst später kamen breite, schwarze Halstücher auf. Aber in den Familien,

die Gewicht auf die Tradition legten, waren diese Binden verfehmt, und

daß sie als »goijisch« bezeichnet wurden, zeigt schon die starke

Empfindlichkeit an, mit der selbst so kleine und doch eigentlich recht

harmlose Abweichungen von der üblichen Tracht aufgenommen wurden.

Die Beinkleider reichten nur bis zum Knie und waren gleichfalls durch

Bänder unten verschnürt. Die Strümpfe waren von weißer Farbe und

ziemlich lang. Den Fuß bekleideten niedrige Lederschuhe, die aber keine

Absätze hatten. Die Stelle des Rockes vertrat der lange Chalat -- der aus

kostbaren Wollstoffen bestand. Die niedere Klasse trug an Werktagen

Kleider aus Demi-cotton, an Festtagen aus Rissel -- einem billigen

Wollstoff --, während sich die Armen im Sommer mit Nanking, einem

Baumwollstoff mit schmalen, dunkelblauen Streifen, im Winter mit grauem,

dickem Tuch bekleideten. Dieser Chalat war sehr lang und reichte fast

bis auf die Erde. Allein der Anzug wäre nur unvollständig gewesen, wenn

nicht über die Hüften ein Gürtel herumgeschlungen wäre. Auf diesen

Gürtel wurde besondere Sorgfalt verwandt; galt er doch für die Erfüllung

eines religionsgesetzlichen Gebotes. Er sollte sinnfällig den reinen

Oberkörper von dem mehr unreinliche Funktionen ausübenden Unterkörper

scheiden. Besonders am Sabbath und an den Feiertagen wurde mit dem

Gürtel ein besonderer Luxus getrieben. Selbst Männer niedrigen Standes

pflegten zur Weihe der Feste einen seidenen Gürtel zu wählen.

Die Kopfbedeckung der Armen war an Wochentagen eine Mütze, die an beiden

Seiten Klappen hatte, die meistens aufgeschlagen waren, im Winter aber

über die Ohren heruntergezogen werden konnten. An der Stirnpartie hatten

diese Mützen ebenso wie an den Seitenflächen dreieckige Pelzflecke.

Diese Mütze nannte man »Lappenmütze«. Ich weiß nicht, woher dieser Name

stammt; vielleicht gaben die Ohrenklappen diese Bezeichnung, vielleicht

aber hat auch die Ähnlichkeit mit der Kopfbedeckung der Lappländer

diesen Namen gezeitigt. Unter dieser Mütze trug jeder Jude, welchen

Standes oder Berufes er auch sein mochte, ein Sammetkäppchen, das

eigentlich niemals vom Haupte verschwand, galt es doch fast als ein

schweres Vergehen, b'kalaus rosch, mit entblößtem Haupte umherzugehen.

Natürlich wurde dieses Käppchen vom Kopfe auch nicht entfernt, wenn man

bei Nachbarn zu Gaste war.

Sommer und Winter trugen die Wohlhabenden eine Zobelmütze, die

»Streimel« hieß. Sie war hoch, lief spitz aus und war eine, wenn nicht

immer mit Zobel, so doch mit teuren Pelzstreifen besetzte Sammetmütze.

Unter diesen Mützen lugten die Pejes hervor, breite Haarsträhnen, die

sich fast bis unters Kinn hinschlängelten. Als besonders schön galten

gekräuselte Pejes und es war ein edler Ehrgeiz, nicht nur der

glücklichen Besitzer von lockigem Haar, sondern auch der Straffhaarigen,

lieblich geringelte Pejes zu besitzen. Die Pejes waren direkt ein

Requisit des denkenden Menschen. Eine ernsthafte Diskussion war gar

nicht möglich, ohne daß die Männer mit dem Zeigefinger die Pejes

drehten. Und nun gar beim Lernen des Talmuds war dieses Spiel eine fast

automatische Beschäftigung. Man zog die besten Gedanken gewissermaßen

aus den Pejes. Und ich habe so manches Mal die Empfindung gehabt, als

habe das Talmudstudieren seine Intensität, seine logische Schärfe

deswegen verloren, weil die Pejes dem grübelnden Forscher nicht mehr

zur -- Hand sind.

Es gab Leute, die mit besonderem Wohlgefallen sich möglichst lange, bis

auf die Schultern reichende Pejes wachsen ließen. In unserer Stadt gab

es einen großen Gelehrten, einen Iluj, der den ganzen Tag die T'fillim

schel rosch trug, freilich bedeckt von den darüber gestrichenen langen

Pejes. So ähnlich trägt auch Reb Jankew Meyer aus Minsk die Pejes über

den T'fillim schel rosch, dieser fromme Mann, der fast wie ein Heiliger

verehrt wird und dessen Gespräche nie enden, ohne daß er mahne: »Kinder,

gibt Geld far orme Leut«.

Der lange Rock aus Seide, der Gürtel, die Pelzmütze und die berühmten

Pejes mußten nun entfernt werden. Schwer fanden die Männer sich in ihr

Schicksal. Sie hätten es vielleicht leichter getragen, wenn man ihnen

wenigstens die Schläfenlocken gelassen hätte. Sie erst gaben den

Juden -- in der damaligen Auffassung -- die Gottähnlichkeit. Nun war das

Zelem elohim dem jüdischen Volk genommen.

An die Stelle der alten Tracht trat nun eine modische. Die Männer mußten

einen schwarzen Rock tragen, der aber nur bis zu den Knien reichen

durfte. An die Stelle der kurzen Kniehosen traten lange Beinkleider, die

bis über die Stiefel fielen. Im Sommer mußten die Männer einen Hut

tragen, im Winter eine Mütze. Sie war aus schwarzem Tuche plump

gefertigt und hatte vorne einen Schirm. Man nannte sie Kartus. Die

strengen Befehle der russischen Regierung galten freilich nur den

Straßenkleidern. Bis ins Haus drang das Kleider-Reglement nicht. Und man

wird ohne weiteres begreifen, daß sich es sehr, sehr viele Juden nicht

nehmen ließen, daheim die Kleidung zu tragen, die ihnen allein

gefiel -- die alte Tracht. Auch wenn es dunkel war, sah man oft Juden

umherlaufen wie einst.

Dagegen wurden, scheints, von den russischen Behörden keine Einwendungen

erhoben. Bei der elenden Beleuchtung, die in jenen Zeiten die relativ

kleinen Städtchen abends und nachts hatten, konnte ja die Tracht ohnehin

nicht auffallen. Daß Ausnahmen von den allgemeinen Bestimmungen möglich

waren, kann bei der damaligen Verwaltungstechnik durchaus nicht Wunder

nehmen; konnte man sich doch durch eine bestimmte Abgabe für die Dauer

von zwei Jahren die Beibehaltung der alten Tracht erkaufen!

Ebenso tiefgreifende Änderungen wie die Tracht der Männer erfuhr die

Kleidung der Frauen. Und man kann wohl behaupten, ohne daß man dem

Vorwurfe eines Lobredners der alten Zeit zu verfallen braucht, daß der

Tausch nicht gerade ein günstiger war. Die Tracht der jüdischen Frauen

in litauisch Rußland wies bis dahin bis in viele Einzelheiten hinein

orientalischen Charakter auf. Sie war bunt und bei den Reichen sehr

kostbar, es wurden recht große Summen auf kostbare Stoffe und

künstlerisches Geschmeide verwandt. Das sehr lange Hemd war hoch

geschlossen und aus feinstem Linnen gefertigt. Unterröcke und

Beinkleider waren selbst den Frauen der vornehmsten Familien unbekannt.

Die langen Strümpfe der heutigen Mode waren damals nicht üblich. Sie

reichten nur bis zum Knie herauf. Ihre Farbe war immer weiß und bei den

Damen der reicheren Familien waren durchbrochene Strümpfe

beliebt. -- Gummiband war damals noch garnicht im Gebrauch. Und so hielt

man denn die Strümpfe durch breite Atlasbänder, die sich oft an mit

Kreuzstichen bestickten Strumpfbändern befanden. Auch gestrickte und

gehäkelte Strumpfbänder wurden vorn mit solchen Schleifen geschlossen.

Mechanische Verschlüsse aus bronziertem Blech oder anderm Metall

stellte die damals noch kaum entwickelte Eisenkurzwarenindustrie den

Damen nicht zur Verfügung. -- Die Schuhe hatten eine große Ähnlichkeit mit

Sandalen. Sie waren sehr niedrig und hatten keine Absätze. Am Fuß wurden

sie durch schmale, schwarze Bändchen festgehalten, die kreuzweis

verschlungen, oft bis zu den Waden hinaufgeführt wurden. Diese Schuhe

waren aus schwarzem Wollstoff oder Saffianleder gefertigt und wurden zu

allen Jahreszeiten getragen. Von hohen Stiefelchen und Galoschen hatte

damals niemand eine Ahnung. So sehr auch bis in alle Einzelheiten die

Fußbekleidung der alten Zeit verschieden war von den Formen, die man in

den nächsten achtzig Jahren im Gebrauch sah, so hatten sie doch eine

prinzipielle Übereinstimmung. Die weibliche Natur konnte sich auch

damals nicht verleugnen und, dem Charakter jener Tracht entsprechend,

die mit ihrem Goldschmuck die Eitelkeit besonders betonte, wählte man

die Sandalen sehr klein und sehr eng und manche Frauen hatten einen

etwas trippelnden Gang.

Über dem Hemd trugen die Frauen ein Mieder aus Seide. Rosa und rot waren

hierfür als Farben besonders beliebt. Vorne war das Mieder zum

Schließen. Durch große silberne Ösen wurde ein breites, seidenes Band

geführt mit Hilfe einer oft bis 8 cm langen silbernen Nadel, in die das

Band endigte.

Die Obertaille war sehr kurz. An ihrem unteren Rande waren drei Rollen

angenäht, die aus Watte bestanden, welche mit steifem Kattun überzogen

war. Auf diesen Rollen ruhte der Rock. Ruhte ist eigentlich falsch

gesagt: er war vielmehr von einer bösartigen Unruhe und hatte die

natürliche Tendenz, von diesen Rollen herabzugleiten. Und so wie bei der

heutigen Mode die Frauen vielfach gezwungen sind, an ihren Blusen

herumzunesteln, so mühten sich die damaligen Jüdinnen ab, den Rock auf

die Rollen zu ziehen. Und es war nichts seltenes, daß die Geplagten sich

bei dem ununterbrochenen Zurechtschieben des Rockes die Finger wund

rieben. Die Ärmel waren sehr eng und so lang, daß sie oft bis an die

Finger reichten. Die ganze Obertaille war ringsum mit Pelzwerk eingefaßt

und es war natürlich, daß mit diesem Pelzwerk ein besonderer Luxus

getrieben wurde. Vornehme Frauen wählten immer Zobel. Die Halspartie war

abgeschlossen durch einen Stehkragen, der auch im Sommer niemals fehlen

durfte.

Diese Obertaille hatte ungefähr die Form der heutigen Figaro- oder

Bolero-Jäckchen. Sie war vorn offen, so daß das Mieder so weit zu sehen

war, als es nicht von dem Brusttuch verdeckt war. Als Stoff für diese

Obertaille diente das Karpo-Voluska (Karpfenschuppen). Dieser Name war

durchaus zutreffend. Es waren silberne, mattvergoldete Schüppchen so

dicht nebeneinander befestigt, daß das Wollgewebe fast garnicht mehr zu

sehen war. Heut sieht man derartige Stoffe eigentlich nur noch an

Maskenkostümen.

Auf das Brusttuch wurde ganz besondere Sorgfalt verwandt. Man wählte

dazu silber- und goldgestickte Stoffe, die eine echt orientalische

Zeichnung hatten. Halbmonde waren eigentlich am beliebtesten.

Die obere Partie war mit weißen Spitzen bedeckt, die aus Frankreich

bezogen wurden. Diese Blonden waren meist aus Flock- und Cordon-Seide und

wiesen außerordentlich künstlerische Muster auf.

Einen ganz besonderen Schnitt hatte der Rock. Er war außerordentlich

eng, kaum einen Schritt weit und natürlich immer fußfrei. Am meisten

bevorzugt für diesen Rock wurde der Atlas. In Zwischenräumen von etwa

zwei Querfingern zogen sich Längsstreifen den Rock herab aus feinsten,

golddurchwirkten Stoffen. Ich entsinne mich noch ganz genau des Kleides

meiner Mutter. Da waren die Muster dieser Borte übereinandergereihte

Ellipsen, die ein feines Blättchen einschlossen. Nur die vorderen Teile

des Rockes waren nicht mit diesen kostbaren Goldborten versehen, soweit

sie von der Schürze überdeckt waren. Die Schürze war ein unbedingtes

Erfordernis für ein vollständiges Kostüm. Sie wurde auch auf der Straße

und selbstverständlich bei allen Festlichkeiten getragen. Sie war lang

und reichte bis zum Saum des Rockes. Die wohlhabenden Frauen verwandten

bunten Seidenstoff oder einen weißen, kostbaren Battist, der mit

Samtblumen und künstlerisch feinen Mustern und Goldfäden bestickt war.

(Die Ärmeren begnügten sich mit Wollstoffen oder farbigen Kattunen.) Den

Stoff des Rockes mit seiner Abwechslung zwischen bestickten

Längsstreifen und Atlasstreifen nannte man ganz allgemein in Littauen

»Güldengestick«.

Über diesem Anzug wurde eine Art Mantel getragen, die Katinka. Die Ärmel

dieses Kleidungsstückes hatten eine weite Glockenform. Sie waren oben

bauschig und unten schmal. Diese Katinka war sehr lang und hatte vorn

ganz glatte Breiten. Der Rücken war in der Taille anschließend. Als

Stoff wurde meistens Atlas verwandt, und da es sich bei der Katinka

meist um ein Kleidungsstück für die kältere Jahreszeit handelte, war sie

wattiert und mit Wollstoff gefüttert. Reichere Damen ließen sie mit

Atlas füttern. Und ich entsinne mich noch, daß meine Mutter, die

besonderen Wert auf sorgsame Kleidung legte, eine mit blauem Atlas

gefütterte Katinka trug.

Dieser Mantel wurde aber nur selten wie ein Überzieher getragen.

Wahrscheinlich, weil er den besonders kostbaren Anzug verdeckte und

nicht zur Geltung brachte. So war es üblich, den Mantel einfach über die

Schultern zu werfen, so daß die Ärmel auf dem Rücken herunterhingen.

Manche Frauen, besonders die Gabbetes, diese Helferinnen der Armen,

pflegten nur einen Ärmel überzuziehen, den andern aber über die Schulter

fallen zu lassen. Wir würden das heute als recht leger und einer

vornehmen Dame unwürdig bezeichnen. Damals galt es aber als

standesgemäß. So ändern sich eben die Zeiten und so wandelt sich der

Geschmack.

Weitaus die größte Aufmerksamkeit verwandten Reiche und Arme auf den

Kopfputz. Bei den Reichen stellte er sogar eines der wesentlichsten

Vermögensstücke dar. Dieser Kopfputz bestand aus einer schwarzen

Sammetbinde, die dem Kokoschnik der Russinnen sehr ähnlich sah. Der Rand

war in grotesken Formen ausgezackt und mit großen Perlen und

Brillantsteinen reich besetzt. Dieser Kopfputz wurde oberhalb der Stirn

getragen. Den Hinterkopf bedeckte eine glatt anliegende Haube, die man

Kopke hieß. In der Mitte dieser Kopke war eine Schleife aus Tüllband und

Blumen befestigt. Über den Nacken zog sich von einem Ohre bis zum andern

eine Spitzenkrause, an der in der Nähe der Augen, an den Schläfen kleine

Brillantohrringe angebracht waren. Natürlich fehlten auch Ohrringe

nicht, und es war bei den vornehmen Frauen üblich, sehr große Brillanten

in den Ohren zu tragen. Die hübschen Frauen sahen außerordentlich

vorteilhaft in diesem Schmuck aus, aber man muß auch gestehen, daß

die -- sagen wir: weniger hübschen durch den Kopfputz recht schmuck

erschienen. Diese kostbare Binde bildete einen Hauptbestandteil der

Ausstattung einer Frau. Und man konnte niemals eine Frau ohne diesen

Zierrat sehen.

Am Halse wurden Ketten aus großen Perlen getragen, die oft einen

wundersamen, silbergrauen Schimmer hatten. Daß die Finger mit

Brillantringen geziert waren, versteht sich nach alledem von selbst. Ja,

man kann sagen, daß oft des Guten und Schönen beinah zu viel war: die

Finger verschwanden ganz unter dem glitzernden, kunstvoll gearbeiteten

Geschmeide.

Man wird sich vielleicht über dieses Prunken mit Edelsteinen, Perlen und

kostbaren Metallen wundern und die jüdische Frau jener Zeit als

geschmacklos eitel und unerträglich putzsüchtig bezeichnen. Gewiß, sie

verstanden sich zu kleiden und zu schmücken. Aber die Überladenheit war

gewissermaßen aus geschäftlichen Gründen geboten. Da die ungewisse Lage

jener Zeit, dieses bohrende Gefühl der Unsicherheit und weiterhin die

unsicheren Rechtsverhältnisse den Besitz von Immobilien fast

ausschlossen, so wurde ein großer Teil des beweglichen Kapitals in

leicht transportablen Wertstücken angelegt. Nach dem Reichtum an

Schmuck, den die Frau trug, wurde die Kreditfähigkeit des Mannes

eingeschätzt.

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 13 / 14 段