Mein Vater, seiner Gewohnheit treu, wachte um 4 Uhr früh auf, da er

jedoch des Sabbats wegen, selbst kein Licht anzünden konnte, rief er den

Bedienten und befahl, daß er dem christlichen Nachtwächter auftragen

solle, Licht ins Haus zu bringen. Der Bediente brachte auch bald

»Michalka«, den bewährten Nachtwächter, der die Kerze in Vaters Kabinet

und in der Küche für den Bedienten anzündete. Vater sang seine

Morgengebete, blätterte ein wenig in dem großen Talmudfolianten, trank

seinen Tee, der, gestern zubereitet, auf dem großen Küchenofen im heißen

Sand bis zum Morgen heiß geblieben war. (Der Samowar wurde in meinem

elterlichen Hause nie am Samstag aufgestellt, auch kein Kaffee oder

sonst eine Speise gekocht oder gewärmt.) Und nun begab sich mein Vater,

in finsterer Nacht, im Winter des tiefen Schnees, des Frostes nicht

achtend, nach dem sogenannten »Chewra-thillim-bethamidrasch«, die ihren

Namen herleitet von der Übung, jede Woche alle Psalmen von Anfang bis zu

Ende zu sagen. Jeden Tag wurde ein Teil im Chor gesungen, wobei einer

von der Gemeinde mit dem ersten Satze im Kapitel anfing und die Gemeinde

ihm folgte. Mein Vater gehörte zu diesem Verein, beteiligte sich jedoch

an dem Gesange nur am Samstag. Die Mitglieder dieses Vereins bestanden

größtenteils aus Handwerkern, denen es die ganze Woche unmöglich ist,

sich in früher Morgenstunde diesen seelischen Genuß zu gönnen. Heute

aber ist der heilige Sabbatruhetag, der schon von gestern vor Abend

begonnen hat. Jeder Jude hat schon um 9 Uhr abends gestern in tiefem

Schlaf geruht, ist um 4 Uhr nach Mitternacht physisch und geistig

gestärkt erwacht und hat mit Wonne seiner Gemeinde im »bethamidrasch«

gedacht, wohin er unverzüglich sich begab, und wo er im hell

beleuchteten, gut durchwärmten, geräumigen Bethause seine Kameraden

traf. Es ist keine bestimmte Weise zu diesen Psalmen vorgeschrieben,

aber ein jeder Jude gibt den Worten der Psalmen, die er ganz versteht

und tief empfindet, und in denen er seine eigenen Erlebnisse findet, die

passende Melodie selbst, weil sie ihm aus innerster Seele kommt; und mit

diesen individuellen Tönen preist er und singt seinem Schöpfer

Hallelujah. So ging es bis Tagesanbruch, wo dann das Morgengebet

»Schachariß«, das Mittagsgebet »Musaph« gebetet wurden, und dazwischen

der Wochenabschnitt aus der Thora gelesen ward. Gegen 11 Uhr vormittags

ging dann jedes Mitglied der Gemeinde in der besten Stimmung nach Hause,

nicht zuletzt, weil es wußte, daß seiner schon von gestern her ein

schmackhaftes Mittagessen harrte. Jeder ergötzte sich an »Schalet« und

»Kugel«, den der Sabbatengel so prächtig abgekocht hat. Dieser Schalet,

von dem Heinrich Heine behauptet, daß die Bewohner des Olymp

Griechenlands nur deswegen Ambrosia speisten, derweil sie von Schalet

nichts wüßten! -- Wir Kinder waren schon in vollem Sabbatputz. Der Vater

segnete uns und machte Kidusch über einen Becher Wein. Wir mußten auch

davon nippen. Darauf wurde mit Honigkuchen und Konfitüren in Honig und

Zucker »angebissen«.

Unterdessen trug der Bediente gesalzene, kalte Fische auf, hartgekochte

Eier mit Zwiebelsalat, Gänseleber, Gänsefett, Rettig, Kalbsfüße mit

Eiern und Knoblauch; die bitteren, pikanten Kräuter, an denen sich

unsere Vorfahren schon in der Wüste erlabten, ergötzen noch bis heute

die Nachkommen Jacobs. Nachdem die Tischgesellschaft den ersten Hunger

gestillt hatte, wurde der Schalet aufgetragen. Er schmeckte

vortrefflich! Obwohl die Speisen mehr als 20 Stunden im Ofen gestanden

hatten, bekamen sie jedem gut. Die damaligen, jüdischen Magen waren gut.

Je fetter der »Kugel«, das Symbol des Sabbatmittagmahles war, um so

schmackhafter erschien er den Tischgenossen und er fand Gnade! Auch

heute wurden fromme Lieder, Hymnen auf die Sabbatruhe, mit munteren

Weisen im Chor gesungen. Am Sabbat nach Tisch zu schlafen, ist eine

»Mitzwa« und -- wir waren fromm! Nur wir Kinder konnten uns jetzt

austoben, im Eßzimmer während des Winters, auf Wiese, Berg und Tal im

Sommer.

Am Spätnachmittag gingen die Männer wieder ins Bethaus zum

Vorabendgebet. Es war in der Dämmerung. Daheim mußte dann die dritte

Sabbatmahlzeit gegessen werden. Auch die Kinder hatten nach ihrem

Umhertollen Wolfsappetit. Bei dieser »Schalssude« im Halbdunkel vor

Abend mußten Fisch und Fleisch nach Vorschrift gegessen werden. Auch

jetzt wurden schöne Hymnen gesungen und dann das Tischgebet verrichtet.

Darauf ging alles wieder in die Synagoge zum Abendgebet, und es war

schon dunkel, als die Männer zurückkehrten. Alsdann betete mein Vater

bei einem Becher Wein »Awdole«.

Dann wurden weiter wohlklingende »Smiraus« gesungen d. h. Verse,

die sich auf die kommende Woche (Werkeltage), auf Sonne, Mond und

Sterne beziehen. -- Der Abend war noch ein halber Feierabend, an

dem nichts gearbeitet wurde. Gegen 11 Uhr wurde aufs neue eine

Mahlzeit eingenommen, die sich »reb Chidkes Ssude« -- Melawe Malke

-- Abschiedsgebet für die Königin Sabbat nannte. Für dieses Mahl

wurde ein »Borscht«, eine aus Geflügel und roten Rüben bestehende

Brühe, gekocht, die erst um 11 Uhr fertig wurde, da man Feuer erst

dann anmachen durfte, wenn es vollständig Nacht war. Alle, selbst wir

kleinen Kinder, mußten zu dieser späten Mahlzeit zu Tisch kommen. Mit

dieser späten Mahlzeit endete erst die Sabbatfeier.

III.

Evas Hochzeit.

Ich war 15 Jahre alt, als meine zwei Jahre ältere Schwester verlobt

_=wurde=_. Ja, sie _=wurde=_ verlobt und nicht (wie es jetzt bei den

Mädchen heißt) sie haben sich verlobt. Unsere Eltern und die des

Bräutigams unterhandelten durch den Heiratsvermittler »schadchen«

miteinander und besprachen, wieviel Mitgift, Kleider und Schmuck von

beiden Teilen der Heiratspartei gegeben werden solle. Meine Schwester

bekam ihren Bräutigam, ihren Lebensgefährten, vorerst überhaupt nicht zu

Gesicht und konnte sich nicht überzeugen, ob sie ihn lieben könnte, und

ob er ihrem Geschmack und den Idealen entspräche, die sich ein Mädchen

von ihrem Zukünftigen heimlich bildet. Unsere Eltern teilten ihr nur

mit, daß ein gewisser Herr F. aus der Stadt S. um sie werbe. Und da er

aus gutem Hause, reich, nicht häßlich, und schon ein selbständiger

Kaufmann (zwar schon einmal geschieden) wäre, fanden unsere Eltern diese

Partie zweckmäßig und gaben ihre Zustimmung. Nun sollte es auch meine

Schwester tun. Weit entfernt, den mindesten Zweifel in die Worte der

Eltern zu setzen, machte meine Schwester keinerlei Einwendungen. Mit

dem, was die Eltern bestimmten, war man eben einverstanden! Daß sie mit

der Wahl zufrieden war, war selbstverständlich; war es doch üblich, in

dieser Form die Töchter zu verheiraten und -- sie waren in der Ehe

glücklich. Die Mädchen von anno damals wußten, daß der Mann, den ihnen

die _=Eltern=_ bestimmten, von _=Gott=_ bestimmt war. Gott wollte, daß

er ihr Lebensgefährte wurde, und so fügte man sich vom ersten Augenblick

in alle Schicksale des Ehelebens mit Geduld und Ergebung, richtete

danach Sinn und Tun ein. So wurde die damalige Ehe von Frau und Mann als

ein _=heiliges=_ Band betrachtet, das nur der Tod trennen kann, und

nicht wie jetzt, wo die Ehe lediglich auf dem guten _=Willen=_ der

Ehegatten basiert ist. Bei einer auf die alte Weise geschlossenen Ehe

kamen selten Zwist oder Uneinigkeit unter den Gatten vor; meistenteils

haben sie ein glückliches, zufriedenes Leben bis zum hohen Alter

geführt, und ein solches war auch meiner Schwester vom lieben Gott

beschieden.

Meine Schwester wurde also Braut, bekam von ihrem Bräutigam hübsche

Brillanten zum Geschenk geschickt und sehr oft Briefe, auf die sie

sofort antwortete. Der Briefwechsel war zwar nicht ohne gewisse innere

Anteilnahme, Anhänglichkeit und Liebe, aber durchaus nicht

schwärmerisch. Immerhin kam doch darin zum Ausdruck, daß man sich

nacheinander sehnte und mit Herzenslust einen Brief erwartete und

empfing.

So vergingen fünf Monate. Eines Morgens, da meine Mutter mit uns allen

beim Frühstückstisch saß, sagte sie zu meiner Schwester: »Ich hoffe, daß

deine Hochzeit nach drei Monaten stattfinden wird.« Meine Schwester

wurde bei den Worten der Mutter blaß. Die Mutter fing an, sie mit

einschmeichelnden Worten zu beruhigen. Mit lächelnden Mienen, aber doch

ganz ernst, sagte sie: »Es ist schon Zeit, du bist bereits achtzehn

Jahr!« Meine Schwester aber antwortete nichts, stand rasch vom Stuhl

auf, ging in ihr Zimmer, wo sie heftig zu schluchzen anfing. Welche

Gefühle ihr diesen Tränenstrom erpreßt haben, konnte man wohl erraten.

Unsere Mutter legte jedenfalls weiter kein Gewicht darauf. Meine

Schwester selbst konnte sich über ihre Tränen wohl keine Rechenschaft

geben. Vielleicht hat verletzter Stolz sie erpreßt; sie kannte nicht

einmal ihren Bräutigam persönlich und sollte ihn erst zur Hochzeit zu

sehen bekommen.

Nun fingen die Vorbereitungen zur Hochzeit an. Zuerst Garderobe! Es

wurden von den Geschäften Stoffe, Zeuge, Leinwand usw. gebracht. Meine

Schwester aber kümmerte sich scheinbar nur wenig darum. Sie wurde

nachdenklich, still, und ging in sich gekehrt herum. Meine Mutter und

die älteren Schwestern bestellten die Näharbeit. Die Braut aber schrieb

jetzt öfter an ihren Bräutigam, wohl um ihre erschütterte Ruhe

wiederzufinden. Die Antworten waren sehr liebenswürdig.

Unsere Eltern und die des Bräutigams setzten bei der Verlobung als den

Tag der Hochzeit einen Donnerstag im Septembermonat des Jahres 1848

fest. (Es war ein Rausch Chaudesch.) Ich sollte schon ein langes Kleid

zu dieser Hochzeit bekommen -- als älteres Mädchen im Hause, folglich auch

Kandidatin der Ehe. Die Wirtschaft und Vorbereitung zur Hochzeit nahm

mich sehr in Anspruch. Tagelang hatte ich in der Küche mit Backen,

Braten, Kochen zu tun. Aber ich liebte diese Beschäftigung, während

meine Schwester das Lesen und Nähen vorzog. Meine älteren Schwestern

besorgten den Hausrat und die Kleidungsstücke für die Braut. Sie bekam

ein hell-lila Seidenkleid, mit weißen Blendenspitzen besetzt, zum

Brautkleid, einen Myrtenkranz und langen Schleier dazu. (Der Anzug war

im Vergleich mit den damaligen Sitten auffällig modern!) Sonnabend vor

dem festgesetzten Termin war Polterabend, damals nannte man ihn

»smires«. Alle Freundinnen und Bekannten kamen, und wir waren lustig und

tanzten uns müde, da wir Mädchen auch die Kavaliere vorstellen mußten.

Mit einem Mann zu tanzen, verbot unsere religiöse Erziehung. Vater und

die bekannten Herren sahen zu und ergötzten sich an dem schönen Anblick

des Solotanzes der russischen »Kasatzke«, der so reich ist an

künstlerischen Tanzfiguren, an graziösen Bewegungen und Schwenkungen.

Bald war die im raschen Tempo getanzte Galoppade an der Reihe, die zu

zweien in der Runde des Salons getanzt und wobei in jeder der vier

Zimmerecken für einen Moment Halt gemacht wurde. Dazwischen kam auch das

lustige Tänzel Bègele, eine Art Rundtanz, dann »chosidl«, zu dem eine

höchst muntere Weise mit Fanfarenmusik und Tamburin gespielt wurde.

Endlich wurde auch der Contredanse gar zierlich-manierlich getanzt. Der

Walzer aber war nicht sonderlich beliebt.

Die Tage von Sonnabend bis Donnerstag waren unruhig und reich an Arbeit.

Aber an jedem Abend dieser Tage kam die Musik, um der Braut einen »guten

Abend« aufzuspielen, einen »dobri weczer« und an jedem Morgen hörten wir

ein »Guten-Morgen-Ständchen«, »dobri dsen«, wobei wir Mädchen ein

lustiges Tänzchen machten. Es herrschte ganz die patriarchalische Sitte,

die fordert, daß die jüdische Hochzeit vier Wochen dauern soll. Meine

Schwester hoffte, daß ihr Bräutigam wenigstens zwei Tage vor der

Hochzeit kommen würde und war in den letzten Tagen munterer geworden.

Als jedoch schon der Mittwoch der letzten Woche nahte, und ihre

Hoffnung sich nicht erfüllte, wurde sie verstimmt und weinte im Geheimen

oft, und ihr ganzes Wesen sprach von Ungeduld. Die Vorbereitungen zur

Hochzeit nahmen ihren Fortgang, und der festgesetzte Hochzeitstag, ein

Donnerstag, ließ sich mit prächtigem Wetter und Sonnenschein an -- ohne

jedoch den Bräutigam in unsere Stadt zu führen.

Doch kaum war es 11 Uhr geworden, als eine Estafette die ungeduldig

erwartete, frohe Nachricht brachte, daß der Bräutigam und seine

Begleitung auf der letzten Poststation angelangt seien und

weiterreisten. Eilig kleideten wir uns an; das Frühstück wurde bereitet.

Ich mußte helfen und wurde darum nur zur Hälfte mit der Festtoilette

fertig. Die Braut aber wollte sich nicht eher ankleiden, bis sie erst

ihren Bräutigam gesprochen hätte -- ein Verlangen, das uns heute nur recht

und billig klingt. Allein ein strenger Blick unserer Mutter und ein Wort

der Schwestern waren hinreichend, diese Forderung aufzugeben. Bald

erschien die Schwester bräutlich gekleidet; in den Spiegel freilich

hatte sie kaum geschaut! Ihre Seufzer ließen den Sturm ihrer Gefühle

ahnen! Es lag in der Wucht der Sitten jener Zeit, daß sie ruhiger wurde

und sich damit abfand, erst im Trauungskleide zum ersten Male ihren

Lebensgefährten zu Gesicht zu bekommen.

Es war 12 Uhr geworden. Die Einladungen zur Trauung an die Freunde und

Bekannten waren in der Frühe desselben Tages verschickt worden, und

einige Gäste fanden sich schon ein. Musik erklang und unsere Eltern

traten mit ernsten Gesichtern, bewegten Herzens und tränenvollen Augen

in den Hochzeitssaal, in ihrer Mitte die jugendliche, hübsch

geschmückte, erregte Braut am Arm haltend. Meine Schwester war keine

ausgesprochene Schönheit, aber ihre hohe Statur, ihr stolzes,

hochragendes Haupt, die hohe Stirn und klugen Augen ließen auf ihren

Verstand schließen. Der Ernst dieser Stunde war bei ihr, wie es schien,

von einem romantischen Glanz umleuchtet und goß über ihre strengen

Gesichtszüge die milde Hingebung und Ergebung, die wir in der letzten

Zeit bei ihr vermißten. -- Mein Vater hatte inzwischen den Bräutigam in

seinem Logis begrüßt, und er konnte meine Schwester mit Überzeugung

versichern, daß der junge Mann ein liebenswürdiger Mensch sei. Unter den

Klängen einer zu Tränen rührenden Musik, wie es bei ähnlichen

Gelegenheiten üblich und passend ist, führten unsere Eltern die Braut

bis in die Mitte des Hochzeitssaales, wo auf einem Teppich ein Armstuhl

mit einer Fußbank stand, und mit tränenerfüllten Augen ließen sie die

Braut aus ihren Armen darauf nieder. Sie blieb nachdenkend, in sich

gekehrt, sitzen. Bange Erwartung, freudige Erregung, der Gedanke, sich

fürs ganze Leben zu fesseln, durchtobten sie..... Ach! Ein

Frauenleben!... Wieviel sagt doch dieses eine Wort ... Der Vater

entfernte sich, die Mutter aber und wir alle, reich geschmückt, blieben

in ihrer Nähe. Es dauerte auch nur kurze Zeit, als wir aus dem Vorzimmer

den Bedienten melden hörten, daß der Bräutigam vorgefahren sei. Meine

Mutter erhob sich und warf einen unruhigen, aber von mütterlichem Stolz

erfüllten Blick auf die Braut, die blaß und starr vor sich hinsah. Sie

sprach ihr nochmals mit zärtlichen Worten Mut zu und begab sich dann in

den zweiten Salon, um die willkommenen Gäste zu empfangen. Der Vater

trat ihnen schon im Vorzimmer entgegen, umarmte und küßte den Bräutigam

und führte ihn ins zweite Zimmer zur Mutter, die nach damaliger Sitte

weder durch einen Händedruck noch durch einen Kuß ihre Freude oder

Zufriedenheit äußern durfte. Aber ihre Augen und ihre hastigen Worte

sagten, daß sie zufrieden war. Der Bräutigam schien der zärtlichen

Umarmung des Vaters und der freundlichen Worten der Mutter nur wenig zu

achten; seine Augen suchten gierig und gespannt die, nach der sein Herz

sich sehnte. Er sah über alle, die neben ihm standen, hinweg in den

zweiten Salon, von wo ihm der Stern seines künftigen Lebens

entgegenleuchtete. Die Festgenossen, geleitet von unserm Vater, gingen

nun in das Hochzeitzimmer. Meine Schwester hatte sich von ihrem Stuhl

erhoben und stand in ihrer ganzen Würde dem Bräutigam gegenüber, das

Auge beharrlich auf ihn gerichtet, vor dessen Blick er die seinigen, wie

ich denke, senken mußte, da sein Charakter nachgiebig, mild und

friedfertig war und der ihrige zwar nur wenig Sentimentalität besaß,

aber kernig gesund, kalt, hell wie der Wintertag war. Auch zwischen

Braut und Bräutigam durfte selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit

kein Händedruck gewechselt werden. Ihre ganze Erscheinung jedoch wirkte

auf ihn elektrisierend; er konnte sich kaum fassen und murmelte einige

unverständliche Worte, worauf meine Schwester eine maßvolle Antwort gab.

Es wurde dem Brautpaar gestattet, sich ins zweite Zimmer zu begeben,

zunächst in Begleitung der beiderseitigen Eltern, die sich übrigens bald

entfernten, damit die jungen Leute endlich _=ohne Zeugen=_ miteinander

sprechen könnten. Wenn das Dictum: »Gekommen, gesehen, gesiegt« irgendwo

berechtigt ist, so hier! Es verging kaum eine halbe Stunde, da traten

die jungen Leute freudestrahlend in den Hochzeitssaal zurück.

Man beeilte sich zu frühstücken; es geschah in großer Gesellschaft und

in sehr munterer Weise. Schon sammelte sich die Menge der geladenen

Gäste; und da es im späten Herbst war und der Tag kurz, so mußte man

eilen. Unterdessen war es drei Uhr geworden. Im Hochzeitssaal wurde

getanzt, und die Braut auch in den Wirbel hineingezogen, was nach den

damaligen Begriffen ganz in der Ordnung war. Der Bräutigam bat sich die

Erlaubnis aus, im Tanzsaal zu bleiben; es wurde erlaubt, aber nicht für

lange! Unsere Mutter zeigte sich bei ähnlichen Gelegenheiten viel milder

als der Vater. Sie setzte sich in einen Winkel des Hochzeitssaales und

bat ihren künftigen Schwiegersohn, neben ihr Platz zu nehmen.

Eine Stunde mochte in Tanz und Lust vergangen sein, da mahnte meine

Mutter den Bräutigam, daß es Zeit sei, zu gehen. Er tat es mit einer

sehr langen Verbeugung und einem Lächeln gegen die Braut. Und nun fing

die Zeremonie des sogenannten Besetzens und Bedeckens an, die darin

besteht, daß man Brautkranz und Schleier vom Kopfe der Braut

herunternahm, und die Frauen und die Freundinnen die Haare der Braut,

die eigens heute zu kleinen Zöpfchen geflochten waren, auflösten und

über Hals und Nacken breiteten, wobei die Musik nur stille Töne

anschlägt. Die noch vor einer kleinen Weile so lustig tanzende

Hochzeitsgesellschaft wurde still. Eine traurige Stimmung umhüllte alle.

Der Batchen oder Marschalik -- wie man diese Kasualienredner damals

nannte -- erinnerte die Braut, daß der heutige Tag für sie einen

Lebensabschnitt markiere; sie trete in ein neues Stadium und dieser Tag

solle ihr heilig wie der Versöhnungstag sein. Sie sollte Gott anflehen,

ihr die Sünden zu vergeben. Der damalige Jude glaubte, daß die Eltern

die Sünden eines jeden Kindes bis zu seiner Vermählung vor Gott zu

verantworten haben. Nach der Hochzeit ist aber jedes Kind selbst für

sich verantwortlich. Bei meiner Schwester bedurfte es keiner Ermahnung!

Ihre Tränen flossen reichlich und innig. Nach dieser Rede kam, in

Begleitung der Eltern und Gäste, geführt von dem Ortsrabbiner, der

Bräutigam in den Hochzeitssaal, nahm von der vorbereiteten, mit Hopfen

und Blumen gefüllten Platte den Schleier, und auf die Aufforderung des

Rabbiners bedeckte er damit das Haupt der tiefbewegten Braut. Bei dieser

Handlung bestreuten ihn alle Umstehenden mit Hopfen und Blumen, und

unter lauten Glückwünschen, Umarmungen und munterer Musik verging noch

eine gute halbe Stunde, in welcher man die Braut von der schweren

Brauttoilette befreite, ihr ein leichtes, lichtes Kleid anlegte, eine

leichte Mantille überwarf und den Schleier auf dem Kopf zurechtlegte und

befestigte. Nun ging es in die Synagoge, jedoch nicht wie jetzt in

Equipagen, sondern zu Fuß durch die oft sehr schmutzigen Gassen. -- Die

Trauung wird von den Juden als öffentlicher Akt betrachtet und muß daher

unter freiem Himmel vollzogen werden. Das Volk soll Braut und Bräutigam

sehen können, vielleicht weiß jemand, daß einer der Brautleute schon

verheiratet ist!

Der Bräutigam wurde bald nach dem »Bedecken« mit Musik -- ein Marsch wurde

gespielt -- vor die Synagoge geführt, wo er unter den dort aufgestellten

Baldachin gestellt wurde. Und die Musikanten begleiteten nun auch die

Braut unter die »Chuppe« mit demselben Marsch. Die Braut wurde von den

»Unterführerinnen« (Brautschwestern) an die linke Seite des Bräutigams

gestellt; die Musik schwieg. Die Zeremonie der Einweihung des

Brautpaares begann. Der »Schammes« (Synagogendiener) füllte ein Glas mit

Wein, über den den Segen zu sprechen, ein geachteter Mann beehrt wurde.

Bei einem bestimmten Satze hielt er inne. Der Synagogendiener übergab

dem Bräutigam den Trauring, den dieser in die Höhe hielt, und mit den

gesetzlichen Worten in bestimmtem Rhythmus: »Hare ad mekudesches li

betabas sukedas Mausche w' Isroel« steckte er den Ring auf den

Zeigefinger der rechten Hand der Braut. Dann rezitierte der den Wein

segnende Mann die sogenannten »schiwo broches« -- die 7

Segenssprüche -- auf die schönsten Tugenden und edelsten Regungen des

Menschenherzens, wie Liebe, Freundschaft, Treue, Bruderschaft des

Ehepaares. Dann wurde die »ksube« (Heiratsurkunde) vorgelesen. Diese

lautete wie folgt: »Dieser Herr N. heiratet dieses Frauenzimmer N. Er

verpflichtet sich, ihr Mann zu sein, sie zu ernähren, standesgemäß zu

kleiden und sie zu beschützen. Sie bekommt von dem Herrn N. dreißig

Goldmünzen.« Die »ksube« wird der Braut hier unter der »chuppe«

überreicht. Nachdem das Gebet über den Wein zu Ende gesprochen war,

mußten Bräutigam und Braut aus dem Glase trinken. Das Glas aber legte

man auf die Erde, und der Bräutigam mußte es mit dem Fuße zerstampfen!

Die Hochzeitgesellschaft rief »Masel tow« (Gut Glück), und das Brautpaar

trat Arm in Arm den Heimweg an, von der rauschenden, betäubenden

Fanfarenmusik und dem gesamten Publikum begleitet, wobei besonders die

älteren Weiber einen Reigen dicht vor dem Brautpaar tanzten, denn als

größte »Mizwe« (d. h. gottgefällige Tat) galt: »M'ssameach chosen

wekalo« (d. h. Braut und Bräutigam belustigen!). Sie tanzten bis zu

unserem Hause. Dort schwieg die Musik und nun galt es, zu sehen und zum

Teil zu bewirken, daß die Braut zuerst über die Schwelle trete. Ein

alter Aberglauben lehrte nämlich, daß, wer von dem Ehepaare zuerst über

die Schwelle tritt, durchs ganze Leben die Oberhand im Eheleben behalten

würde. Sämtliche Frauen nahmen ihren Schmuck ab und legten ihn hier auf

die Schwelle; darüber sollte das neuvermählte Ehepaar schreiten. Hier

bei uns vollzogen sich alle diese Bräuche in gemütlicher Ordnung,

während es bei dem einfachen Volk bei dieser Gelegenheit sehr oft zu

einem Handgemenge kam, in dem bald die Verwandten der Braut ihrem

Schützling den Vortritt zu erkämpfen suchten, während ihrerseits die

Verwandten des Bräutigams dasselbe Manöver übten.

Man denke sich diesen ganzen »Chuppegang« (Trauungszug) mit allen oben

geschilderten Szenen bei Regenwetter unter freiem Himmel, wo wenige von

den Tanzenden Schirme besaßen. Da gab es schlumpige Weiberröcke und

Pantoffeln, und die arme Braut mußte laut die bittersten Vorwürfe hören,

da sie, wenn es zu ihrer »chuppe« regnete, wohl naschhaft gewesen sein

und aus den Kasserollen geleckt haben mußte. --

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 12 / 14 段