Festliche Gelegenheiten gaben den Anlaß, diesen ganzen Reichtum zu

entfalten: Die hohen Feiertage und Hochzeiten. Am Lag b'omer, dem 33.

Tage der S'fire-Zeit zwischen Pesach und Sch'wuaus, an dem die strenge

Trauer der S'fire-Zeit unterbrochen werden konnte und an dem immer eine

größere Anzahl sommerlicher Hochzeitsfeste begangen wurde, konnte man so

recht die ganze Pracht bewundern. Und man kann vielleicht sagen, daß die

Frauen den ganzen, leicht transportablen Reichtum des Hauses mit sich

herumtrugen. Ich betone: die Frauen, denn bei den Männern war jeder

Schmuck arg verpönt, war doch auch damals die Sitte im allgemeinen nicht

in Übung, daß die Männer auch nur Trauringe trugen.

Der Kopfputz der jungen Frauen (»Schleier«) war natürlich ungleich

bescheidener, aber auch recht bunt und fast abenteuerlich: Eine gelbe,

grüne oder rote Haube aus Wollenstoff oder Kattun mit einem Tüll- oder

Mousselin-Schleier bedeckt, der im Nacken zu einer Schleife gebunden war

und dessen Enden lang herabhingen. Man nannte diese Enden Foches. Viele

alte Frauen trugen große rote Wolltücher wie einen Turban um den Kopf

gewunden. Dieses turbanartige Tuch hieß Knup.

Die Ohrenkrause fehlte am »Schleier« niemals. Gerade in der Mitte über

der Stirn war mit Stecknadeln ein zu einer Spitze zusammengelegtes

Seidenbändchen befestigt. Auf dem Scheitel waren Tüllspitzen in Form

eines Körbchens festgesteckt, die man Koischel nannte. Auch bei den

Armen fehlte weder ein haarfarbenes Band an der Stirngrenze, noch die

beiden in der Nähe der Augen angebrachten Ringe.

Die Kopfbekleidung der Mädchen war nur unwesentlich von der Frauentracht

verschieden, nur daß sich die Mädchen ihres schönen Haarschmuckes noch

erfreuten. Auch sie trugen eine Art Binde aus schmalem, rotem Wollstoff

mit einer Schleife aus dem gleichen Stoffe, den man Tezub nannte. Der

Schnitt der Kleider und der Schürzen war ebenso wie bei den Frauen. Sie

trugen auch die niedrigen Sandalen. Aber das Brustlätzchen und die

Halsspitze, das sogenannte Kreindel schmückten sie nicht. Bei den

reichen Mädchen war die Kopfbinde aus schwarzem Seidentüll, in den mit

roter, blauer oder rosenfarbener Seide schöne Knospen eingestickt waren.

In der Form unterschieden sich die Binden der Reichen und Armen nicht.

Die einfachen nannte man »Greischel«, die Seidentüllbinden »Wilnaer

Knipel«.

Die armen Frauen hingen an ihrer Tracht mit außerordentlicher Liebe, und

selbst in der größten Not legte man sich bei allen Bedürfnissen Zwang

an, die Kleidung wurde aber nie verändert. Ich hatte gerade in einem

Hungerjahre Gelegenheit, diese Zähigkeit zu beobachten. Viele Leute

kamen da in unser Haus, um sich dort Brot zu holen. Man verteilte damals

in sehr decenter Form milde Gaben. Meine gute Mutter ließ täglich 5-6

Pfund schwere Laibe Brot backen, die in einem Flurschrank, dessen Tür

absichtlich offen gelassen wurde, für die armen Leute niedergelegt

waren. Ebenso stand damals bei uns im Eßzimmer immer die Büffettür

offen, damit der eine oder der andere unserer Besucher, die in der

schweren Zeit verarmt waren, sich an den dort aufbewahrten Schätzen:

Brot, Butter, Schnaps, Käse gütlich tun könnten. Uns Kindern war zwar

streng untersagt worden, nachzusehen, wer da käme. Aber wer kann

kindliche Neugier ganz niederhalten? Von unseren sicheren Verstecken aus

sahen wir die Leute kommen, an deren Haltung, Geberde und Aussehen die

bittere Not so manches verändert hatte, nicht aber an deren Tracht.....

Was für oft so tragikomische Szenen haben sich damals doch abgespielt!

Noch in der Erinnerung wandelt mich ein Lachen an, aber es ist

untermischt mit tiefem Weh, Empörung und Wut über die Entwürdigung des

Menschen.

So ereignete sich an einem Freitag Vormittag im Sommer des Jahres 1845

folgendes: Ich befand mich auf dem Marktplatz der Stadt Brest, wo viele

jüdische Weiber zum Einkauf für den bevorstehenden Sabbath sich

versammelt hatten, als plötzlich ein großer Tumult entstand. Alles lief

durcheinander und strömte dabei doch einem und demselben Punkt zu.

Natürlich beeilte ich mich, auch dahin zu gelangen, um die Ursache des

Aufruhrs zu erfahren. Aus der Menge hörte man bald Gelächter, bald

Seufzen. Endlich erreichte ich den Schauplatz und ein empörender Anblick

bot sich mir dar. Ich sah eine jüdische Frau mit (im buchstäblichen

Sinne des Wortes) entblößtem Kopfe, da ihr Haar, nach der talmudischen

Vorschrift für verheiratete Frauen, abrasiert war. Dies unglückliche

Opfer stand so umringt von der Volksmenge, ganz entsetzt da, einerseits

wegen der Sünde, barhäuptig unter freiem Himmel zu sein (was nach

jüdischer Anschauung ein großes Vergehen war), andrerseits voll Scham

vor den gaffenden Menschen, und flehte mit vor Tränen erstickter Stimme

den neben ihr stehenden Polizeimann um Gnade an, der ihr mit nicht allzu

zarter Hand den Kopfputz abgerissen hatte und ihn jetzt als Trophäe hoch

empor hielt und schüttelte, was das Publikum zu unaufhörlichem Gelächter

anregte. Die bedauernswerte Frau suchte mit der einen Hand den kahlen

Kopf mit dem Zipfel ihrer Schürze zuzudecken, während die zweite Hand in

der Tasche herumstöberte, um die dort aufbewahrte Haube nach der neuen,

russischen Vorschrift herauszuholen. Dabei schrie die Unglückliche

unaufhörlich im jämmerlichsten Ton: »Panotzik Panotzik! Hier, da hab

ich, da ist ja in der Tasche der Lappen!« Sie hatte endlich die Haube

auf den nackten Kopf gesetzt, was sie entsetzlich verunstaltete. Da erst

beruhigte sich der Scherge und ging fort.

Bald führte ihm das Schicksal ein zweites Opfer zu. Diesmal war es ein

armer Jude, der in einem langschößigen Kaftan auf den Marktplatz kam.

Der Polizeimann empfing ihn mit nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken.

Indem er einen zweiten Polizisten herbeirief, hieß er den vor Angst

zitternden Juden stehen bleiben, griff nach einer großen Schere, die er

stets bei sich trug, und nun schnitt er, unterstützt von seinem zweiten

Amtskollegen, dem Juden die langen Schöße des Kaftans nach Art eines

Fracks ab, wodurch die (Unter-) Beinkleider zum Vorschein kamen. Dann

riß er dem Bedauernswerten die Kopfbedeckung ab und schnitt ihm die

Pejes so nahe am Ohr ab, daß der Arme vor Schmerz aufschrie. Alsdann gab

er sein Opfer frei, und das Marktvolk gab dem so zugerichteten Juden

unter lautem Gejohle das Geleit.

Derartige Exekutionen kamen auch auf der großen Landstraße vor.

Begegnete ein Polizist da einem Juden in alter Tracht und hatte er

gerade keine Schere bei sich, so war er der Ansicht, daß er sich durch

diesen Umstand von der Ausübung seiner Pflicht nicht zurückhalten lassen

dürfe. Statt der Schere bediente er sich zweier Steine und zwar so, daß

er den Juden seitlich zur Erde legte, die Peje über einen Stein spannte,

der dicht neben der Wange zu liegen kam, und mit einem zweiten Stein so

lang auf die Peje losrieb, bis sie durchgewetzt war. Der arme Jude litt

dabei natürlich schreckliche Qualen.

Diese Vorgänge klingen heute unglaublich. Aber diese äußerlichen Leiden

und Tragödien waren doch nur im kleinen ein Bild der großen Umwälzungen,

die sich vorbereiteten.

[Illustration: Signet]

Druck: Beyer & Boehme, Berlin S. 42, Wasserthorstr. 50.

FUSSNOTEN:

[A] Dokumentarisch ist es, daß mein Großvater, dem auch der

Ehrenbürger-Titel verliehen wurde, von General Deen, dem Chef der

Arbeiten bei dem Bau der Festung in Medlin bei Warschau, Ende der

zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, aus der Provinzstadt Bobrujisk

nach Warschau berufen wurde, um Arbeiten an den grossen Festungsbauten

zu übernehmen. Die Uebernahme solcher Arbeiten hat meinen Vater auch zur

Uebersiedlung nach Brest veranlasst.

[B] Die Einladung lautete »Zu Latkes geladen«.

[C] Die damaligen Sittenregeln forderten, dass der jüngere Mann

oder die jüngere Frau den älteren zuerst Scholachmones schicken musste.

[D] Der dazu verwandte Weizen wird auf dem Felde in Gegenwart

des Rabbiners und mehrerer Juden geschnitten, gedroschen und gemahlen.

Er wird also unter Obhut verarbeitet, daher gehütete Mazzes.

[E] Wahrscheinlich ein Zeichen der Befreiung von der

Sklaverei -- als freier Herr den Ruhesitz zu benützen, oder erhielt sich

in dieser Form die orientalische Sitte, Festmahle überhaupt halb liegend

auf gepolsterten Sitzen abzuhalten?

[F] Ueber die Trachten und ihre Veränderung bringt das Schlusskapitel

dieser Memoiren nähere Angaben.

[G] dünne, breite Späne aus sehr harzigem Holz, die in ein

eigens dazu im Schornstein gemachtes Loch hineingesteckt wurden. Ein

erstickender Qualm verdunkelte zur Hälfte dieses flackernde Licht.

[H] ein Schüsselchen mit flüssigem Schweinefett mit einem,

dünnen Holzsplitterchen, das als Docht angezündet wurde.

[I] die Gebetbücher, welche die Geschichte des Auszuges der

Juden aus Mizraim enthalten.

[J] Jeder Jude muss am Freitag Abend, am Sonnabend und anderen

Festtagen mit einem Becher Wein das Fest einweihen, das Gebet heißt

Kidusch. Der Becher muss ein bestimmtes Maß enthalten und nennt sich

Row-Koß.

[K] Sphirezählen: Es werden die Tage von Pesach bis Schewuaus

gezählt. Die Zeit gilt als Trauerzeit zur Erinnerung an die Belagerung

Jerusalems durch Titus. Eine Volkssage erzählt, dass in derselben Zeit

an der Talmudhochschule jeden Tag ein hervorragender Schüler starb, weil

eine Seuche in der Stadt herrschte.

[L] Eine lange, spitz zulaufende Pelzmütze.

[M] Ein viereckiges Stück Zeug, an dessen Enden die Zizes

(Wollfäden) angebracht sind.

[N] Ein verächtliches Benennen, das so viel wie Gassenjungen

für Mädchen bedeutet.

[O] M'susele, ein Amulett, das bei frommen Juden als Schutz

wohl gegen böse Geister an jedem Türpfosten angebracht ist.

[P] Diese Frühandacht in der Synagoge nennt der Jude »Zu Gotts

Name«.

[Q] Ein viereckiges, weisses Wolltuch mit dunkelblauen Streifen

an den zwei Enden und an allen vier Ecken mit Zizis, den heiligen Fäden,

versehen. Dieses Tuch legen sich die Juden beim Beten um die Schultern.

[R] Bocher, Jüngling; unverheirateter.

[S] Wohl aus Billet entstanden.

[T] Die Inschriften der Grabsteine sind dem Werke von Mayer

Jechiel Halter: »Die berühmte Stadt Brest« entnommen.

* * * * * *

Notizen des Bearbeiters:

Nicht konsistente Schreibweisen wurden so belassen, wie sie gedruckt

wurden (Bsp.: Zizes und Zizis)

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 14 / 14 段