Meine Mutter erinnerte an die Bilder, die, im Trubel vergessen, an der

Wand hingen. Da waren Moses mit den heiligen Tafeln auf dem Berge

Sinai, Jacob mit seinen zwölf Söhnen, die zwölf Stämme des jüdischen

Volkes, und ein Bild der Menorah, jenes siebenarmigen Leuchters, der im

Tempel zu Jerusalem stand. »Misrach« war dem Bilde aufgedruckt (auf

deutsch Osten), denn nach Osten gerichtet stand jeder Jude beim Gebet.

In ähnlichen Bildern suchte der damalige Jude seine Tradition, seine

einstige Glanzperiode seiner Nachkommenschaft zu erhalten! -- Der Wirt

erhob bei dieser Ermahnung seine Augen, wollte die Bilder

herunternehmen, aber die Wirtin schrie mit tränenerstickter Stimme zu

ihm hinüber: »Sollen sie hier bleiben, diese Bilder!! Wozu haben wir sie

schon nötig in der Komerne? Es ist aus mit uns! Ich bin nicht mehr

Wirtin; du nicht mehr Wirt; wir haben kein eigenes Winkelchen mehr;

sollen auch diese Bilder zum Teufel gehen, wie unser Hab und Gut! O

Gott, warum hast du mich diesen Churben (Zerstörung) erleben lassen!«

Der Alte packte geduldig weiter. Und als er seine traurige Arbeit zu

Ende gebracht hatte, holte er einen Bauernwagen und lud seine Habe auf:

den grüngestrichenen Kasten, der das wichtigste Gerät in sich barg, die

langen hölzernen Stangen und das Bettzeug, worin man die drei vor Kälte

zitternden Kinder bettete. Eine zerlumpte, wattierte Decke wurde über

den Plunder geworfen. -- Der Mann, als der stärkere Teil, hatte noch den

Mut, sich in den wüsten Räumen umzuschauen, fand aber nichts mehr, das

fortzubringen sich gelohnt hätte; dann hob er mit Fassung und beherzt

die Fenster, die Türen und Fensterläden aus den Angeln und trug sie auf

den Wagen. »Dafür werde ich doch einiges Geld bekommen«, sagte er.

Verlassen stand das Haus ohne Türen, ohne Fenster da -- wie eine Witwe.

Ein Anblick, noch viel packender als der einer Brandstätte. Die Wolken

schauen hoch hinein, und der Herbstwind jagt heulend durch die toten

Räume.

Und langsam führte über die ungepflasterte Landstraße das bis zu den

Rädern in den Kot eingesunkene Gefährt die gebrochenen, verzweifelten

Insassen in eine hoffnungslose Zukunft nach der Neustadt.

Meine Mutter rief den Armen ein inniges »Gotthelf« auf den Weg. Die

Wirtin gab ein »Seid gesund« zurück. Der Mann weinte. Die Kinder aber

begleiteten mit lautem Geschrei diese Szene, keiner dachte daran, sie zu

beruhigen, denn die Trauer dieses Momentes umschnürte alles Sinnen. Auch

ich fühlte, daß hier sich ein furchtbares Geschick vollzog, und Träne um

Träne quoll mir aus den Augen.

Daheim erzählte meine Mutter die eben erlebte Szene, und Schwermut legte

sich auf alle Hausgenossen. Ein jeder hatte das schmerzhafte Empfinden,

daß uns bald, vielleicht schon morgen, ein ähnliches Schicksal kommen

könnte.

Meine verheirateten Schwestern wußten wohl, daß sie fernerhin nicht mit

den Eltern zusammen wohnen konnten, da der Vater sein ganzes Vermögen

mit den liegenden Gütern verlieren würde. Sie mußten daran denken, sich

selbst Wohnungen einzurichten. Eine neue Aufgabe, die ihnen bis jetzt

fremd und unbekannt war, trotzdem eine jede schon eine Familie, einige

Kinder hatte. So sorgenlos, so gemütlich war hier im Elternhause das

Leben mit Mann und Kinderchen. Und nun sollte alles anders werden! -- Die

Sorge legte sich wie zentnerschwerer Stein auf aller Herzen, obwohl die

Behörde im Vergleich zu den anderen Stadtbürgern meinen Vater in dieser

schrecklichen Zeit ohne jede Strenge behandelte. Von Zeit zu Zeit nur

fragte man ihn, wann er nach der Neustadt ziehen würde, worauf er nur

sagen konnte, daß er noch kein Haus gekauft hätte. Aber auf die Dauer

konnten uns die Beamten selbst beim besten Willen nicht in der Altstadt

wohnen lassen.

Eines Morgens kam mein Vater aus der Neustadt und erklärte, er wolle

vorläufig nur eine Wohnung mieten. Er hatte auch eine gefunden; die

Mutter solle sie sich ansehen. Wenn sie ihr gefiele, so könnten wir

schon in kurzer Zeit nach der Neustadt übersiedeln. Ich hörte mit

größtem Interesse zu. Trotz der traurigen Szenen bei der Übersiedelung

unserer Nachbarn empfand ich doch eine gewisse, frohe Erregung bei dem

Gedanken an die großen, bevorstehenden Veränderungen. Wo die Erwachsenen

schaudernd an die Mühe und Unbequemlichkeit eines Umzuges denken, hat es

für Kinder besonderen Reiz und Behagen, in eine neue Wohnung zu ziehen.

Vor den leeren Räumen möchte der Große fliehen, indessen jedes Kind mit

Lust darin umherspringt und lustig auf das Echo seiner lauten Worte

lauscht.

Meine Mutter begab sich mit einer der älteren Töchter auf die Neustadt

und besah die Wohnung. Sie _=mußte=_ ihr gefallen.

Und bald ging es ans Packen und Zusammenräumen. Viele Stücke unseres

reichen Mobiliars mußten verkauft werden, da die kleinen Räume in der

Neustadt sie nicht alle hätten aufnehmen können. An einem Dienstag

sollte der Umzug nach der Neustadt vor sich gehen. Zuerst sollten meine

verheirateten Schwestern mit ihren Familien übersiedeln.

Der festgesetzte Tag kam heran. Wir frühstückten noch alle

beisammen -- zum letzten Male! -- am elterlichen Familientische. Alle

schwiegen beredt, übermannt von Gefühlen, die sich durch Worte schwer

ausdrücken lassen! Die Trauer dieses Momentes war inhaltsreich. Die neue

Situation war schwerer als ein Feuerschaden zu ertragen. Hier waltet

die Wucht der Elemente -- die Hand, die wir anbeten, auch wenn sie

zerstört! Aber Haus und Hof in dem besten Zustande zu verlassen und aus

trauter Heimlichkeit der Ungewißheit einer dunkeln Zukunft entgegen zu

gehen, ist die Qual aller Qualen!...

Nach dem Frühstück wurden die Wagen aufgeladen mit den Möbeln meiner

Schwestern. Meine ältere Schwester, Chenje Malke Günzburg, wurde

behutsam auf die Straße geführt, da sie erst vor kurzem ein Töchterchen

geboren hatte. Das kleine, zarte Wesen wurde in Polsterchen, Deckchen

eingebettet und in den Wagen gebracht, wo noch die zwei älteren

Kinderchen saßen. Als wäre es gestern gewesen, steht mir das Bild vor

Augen, wie die alte Kinderwärterin Raschke das Kindchen in den leeren

Zimmern aus der Wiege hob, um es meiner Schwester in den Wagen zu

bringen; viele heiße Tränen liefen ihr die gerunzelten Wangen

herunter....

Von diesem Tage an hörte das patriarchalische Leben im Hause meiner

geliebten Eltern auf! Es löste sich ein Glied des Hauses nach dem

anderen ab.... Es kamen weit andere Zeiten, als wir bis jetzt gelebt

hatten und niemals wieder kamen wir Kinder so alle unter des Vaters

unumschränkter Leitung zusammen.

* * * * *

In jenen Tagen war es auch, da der jüdische Friedhof nach der Neustadt

überführt wurde. Mit Bestürzung und Entsetzen vernahm die jüdische

Gemeinde in Brest, daß die Erde, in der viele Tausend Menschengebeine

seit Jahrhunderten ruhten, für die projektierten Festungsbauten

verwendet und daß der alte Gottesacker mit seinen uralten Gedenksteinen

demoliert werden sollte. War die Zerstörung der Altstadt von Brest ein

finanzieller Ruin, so wirkte diese Kunde von der Entweihung der Gräber

geradezu vernichtend auf die Gemüter. Vergebens waren alle Bemühungen,

Bittschriften, das Flehen, man möge die Toten ruhen lassen. Umsonst, die

Behörde blieb unerbittlich wie das Schicksal und befahl die Räumung des

Friedhofes.

Und es geschah.

Die ganze jüdische Bevölkerung mit dem Rabbiner, Reb L. Katzenellenbogen

an der Spitze, vermehrte ihre Gebete und die Fasttage. Es half alles

nichts. Man mußte sich schließlich dem grausamen Befehl fügen. Es wurde

ein Tag festgesetzt, an dem dieses noch nie erlebte Leichenbegängnis von

vielen Tausenden vorsichgehen sollte. Die ganze Judengemeinde, jung und

alt, reich und arm, fastete an diesem Tage. Jeder wollte an der schweren

Arbeit teilnehmen. Nachdem die Männer, auch viele Frauen, in der

Synagoge in der frühen Morgenstunde -- es war an einem Montag, wie ich

mich entsinne -- mit zerknirschtem Herzen gebetet hatten und der Abschnitt

in der heiligen Rolle vorgelesen war, begab sich die Gemeinde auf den

alten Gottesacker und verrichtete auch da Gebete. Man las Psalmen, bat

die Toten um Vergebung, wie es sonst bei Bestattungen üblich und ging an

das traurige Werk.

Einer der schrecklichsten Flüche bei den Juden lautete: »Die Erde soll

deine Gebeine herauswerfen!« Und so sah man den furchtbaren Fluch an

diesen Gebeinen sich vollziehen!...

Schon einige Tage vorher hatte man Säckchen aus grauer Leinwand

angefertigt, die dazu bestimmt waren, die Überreste der Toten

aufzunehmen. Und diese kleinen Säckchen genügten vollkommen, den ganzen

Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so selbstbewußt, so

unersättlich, so unermüdlich im Wünschen und Begehren war -- das alles

wurde nun zu einem Häuflein Staub, kaum eine Last für _=eine=_ Hand.

Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der

aufgeschaufelten Gräber in die Säckchen zu schütten, mit einem dicken

Bindfaden zu verschnüren und dieselben auf die bereitstehenden Wagen zu

schichten. Hier gab es keinen Unterschied, Rang und gesellschaftliche

Stellung kamen nicht in Betracht. Alle waren gleich. Die ganze

Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht

eine Familie um einen Angehörigen, sondern eine ganze Bevölkerung um

ihre geschändeten Toten.

Endlich waren alle Gräber ausgehoben, viele Wagen mit dem leichten und

doch zentnerschweren Inhalt beladen und mit schwarzen Tüchern bedeckt.

Der Kantor stimmte ein Gebet an, sagte Kadisch (das übliche Totengebet),

und der große Kondukt setzte sich in Bewegung. Viele folgten dem Zuge

den langen Weg von der Altstadt in die Neustadt barfuß. Ein solches

Leichenbegängnis war noch nicht dagewesen. Die Regierung hatte Militär

gestellt als Ehreneskorte, zum Teil vielleicht auch darum, weil unter

den ausgegrabenen Leichen sich viele Opfer einer großen Epidemie

befanden. Die Soldaten schritten mit geschultertem Gewehr dicht neben

den Wagen; die Bürgerscharen folgten in tiefem Schweigen.

Auf dem neuangelegten Friedhof, bei dem Dorf Bereswke -- sechs Werst von

der Altstadt -- wurden die Säckchen mit den Gebeinen derjenigen, auf deren

Gräbern man keine Leichensteine vorgefunden hatte, in Massengräber

versenkt, während die Überreste der anderen in einzelnen Gräbern

beerdigt wurden, auf die man die alten Steine wieder setzte. Da kann man

noch heute die hebräischen Inschriften lesen, die einige Jahrhunderte

zurückführen. Der Grabstein des Rabbiners Abraham Katzenellenbogen

lautet in der Übersetzung:

»Hier ruht der große Rabbi, unser Gaon und Lehrer Abraham ben David

des gewesenen Rabbiners in Brest, Litauen, gestorben 1742.«

Auf einem anderen Leichenstein liest man:

»Öffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten! Hier ruht der

berühmte Gaon, der heimgegangene Josef ben Abraham, sein Andenken

sei gesegnet. Möge seine Seele im Reiche des Ewig-Lebenden

aufgenommen sein!«

Die Jahreszahl ist verwischt. Auf einem anderen Steine steht:

»Hier ruht der außerordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger,

unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am

Vorabend des Versöhnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er

ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten

wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem

Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist

unvergänglich.«[T]

Es dunkelte bereits, als die Massen-Beerdigung auf dem neuen Friedhof zu

Ende war. Nach dem vollbrachten Werk zerstreute sich die Menge wieder

lautlos.

An diesem Abend herrschte in unserem Hause große Trauer. Meine Eltern

standen unter dem tiefen Eindruck dieses schweren Tages.

Im Innersten bewegt, waren sie stumm und in sich gekehrt. Es wurde nicht

gesprochen, man hörte keinen Laut. Alle waren mit ihren Gedanken über

den Tod und die Vergänglichkeit des irdischen Lebens beschäftigt.

Die Stadt Brest konnte an diesem Tage viele Heilige aufzählen, die alles

Irdische vergaßen und dessen Vergänglichkeit erkannten.

Vielleicht, daß dieser schwere Tag sich lähmend auf die Schwungkraft

meines teuren Vaters legte. Er hat sich eigentlich von dem schweren

Schlage, der ihn von seiner Scholle riß, nie recht erholt.

Nach fünfzehn Jahren vieler schwerer Prozesse bekam mein Vater von der

Regierung eine ansehnliche Summe Geldes für seine liegenden Güter. Aber

er war ein alter Mann, seinen Geschäften entfremdet und ein rechter

Bankdrücker geworden -- ein Gelehrter, dessen Tätigkeit nur in seinem

Studierzimmer an Talmudfolianten fruchtbar werden konnte.

Es gab wohl noch mancherlei Aufträge für den Festungsbau. Aber es war,

als wäre der Vater aus seiner Wurzelerde herausgerissen -- es wollten

keine Früchte mehr reifen.

II.

Ein Sabbath.

Mit der Übersiedlung von der alten Stadt Brest in Litauen nach der

Neustadt nahm das Leben in meinem Elternhause eine ganz andere Form an.

Während das alte Heim, vom Gastzimmer bis zur Wagenscheune, vornehm

eingerichtet war, waren hier die kleinen Räume ärmlich. Zwar waren es

noch die alten, mit Goldbronze imprägnierten Mahagoniholzmöbel, die

diese kleinen Räume erfüllten, aber ach, in welchem Zustande!

Verblichen, schäbig. Von mancher Garnitur fehlten schon Stücke, mancher

Tisch hinkte auf einem Fuß, die Lehnen der Stühle boten keinen sicheren

Halt mehr, von den Rahmen der großen Spiegel war das Gold abgeritzt.

Aber die Wohnung ist immer ein Spiegelbild ihrer Bewohner! Beiden sah

man an, daß sie einst freundliche Tage gesehen. Das Material war im

Kerne solid und hatte seine guten Dienste geleistet; und hätte jetzt

noch das Schicksal einen gütigen Blick auf Menschen und Möbel geworfen,

so hätten sie noch den alten Glanz annehmen können! Aber das Schicksal

war unhold für lange, lange Zeit.

Jedoch war jene Periode für meinen Vater eine der inhaltsreichsten. Sie

brachte den Adel seiner Individualität zum Vorschein. Er hatte mehr als

früher Zeit und Gelegenheit, seinen Nächsten mit Rat und Tat

beizustehen, sich durch seine großen, talmudischen und sonstigen

Kenntnisse in der hebräischen Literatur Liebe und Verehrung in der

jüdischen Gesellschaft zu erwerben.

Nachdem er alle seine Geschäfte liquidiert hatte, widmete er sich dem

Talmudstudium vollends und lebte »Al hatauro w'al hoawaudo« (der Lehre

und dem Gottesdienst)! Der Tag war in unserem Hause so eingeteilt, daß

für Talmudstudien so viel Zeit wie für Essen und Schlafen gelassen

wurde. Auch hier in der kleinen Wohnung war sein Kabinet mit vielen

Fächern versehen, wo zur früheren Bibliothek noch viele Bücher

hinzugekommen waren, und dort schrieb er im Anfange der vierziger Jahre

die beiden Werke, von denen ich schon vorher berichtet habe.

Auch in dem neuen Heim pflegte mein Vater um 4 Uhr früh, im Sommer wie

im Winter, aufzustehen und seine Morgengebete singend zu verrichten.

Diese Gebete hatten keine zusammenhängenden Weisen. Es waren mehr

Rezitative; aber meinem liebenden Kinderherzen schmeichelten sie sich

wie die schönsten Melodien ein. Unter diesen Tönen pflegte ich

aufzuwachen und in einer tiefen, religiösen Stimmung bis zum

Tagesanbruch zu träumen. Man könnte aber glauben, daß die Lebensweise

meinen Vater von uns Kindern entfernte und von ernster Erziehung

abhielt. Dem ist jedoch nicht so. Er hatte immer noch Zeit und Lust, den

Gemeindeangelegenheiten sein größtes Interesse entgegenzubringen und mit

seinen zärtlichen, väterlichen Augen, seinem weisen Worte Sitten und

Gehaben der Kinder zu überwachen.

Wohl war unter den neuen Verhältnissen vieles anders geworden, aber

unser Betragen, unser gemessenes Selbstbewußtsein aller Welt gegenüber

veränderten sich nicht, wenn auch mit dem Verlust des großen Vermögens

in der Altstadt, d. h. mit dem Niederreißen unseres Hauses und der

Ziegelei der Wohlstand meiner Eltern schwer erschüttert worden war.

Viele der kostbaren Sachen verschwanden aus dem Hause, aber die

kostbarere Persönlichkeit aller im Hause blieb erhalten. Unser Haus

blieb auch jetzt der Sammelpunkt der intelligenten Gesellschaft. Jeder

vornehme Gast, der in die Stadt Brest kam, kam zuerst zu uns, wo er

sicher war, herzlich willkommen zu sein. --

Unsere Kleidung war unter den gegenwärtigen Umständen einfach, jedoch

war keines der Kinder auf die teuren Kostüme der Freundinnen neidisch.

Das Leben im Hause floß auch jetzt regelmäßig, gemütlich dahin. Die

sechs Wochentage vergingen ohne Sonderheit. Der Freitag jedoch zeigte

ein anderes Gesicht, wurden doch schon vor Tagesanbruch in der Küche die

Vorbereitungen zum Sabbat getroffen, die herrlichen, großen Strietzeln

und mancherlei Kuchen gebacken, wobei ich der Köchin bereitwillig half

und dafür das erste Süße zu essen bekam. Ich zählte damals schon 14

Jahre. -- Schon früh am Tage standen die Hausgenossen auf. Wir

frühstückten warmes Weißbrot mit Butter und Kaffee. Ich schrieb einen

Zettel, auf dem alle Besorgungen für den Sabbat, alle Einkäufe auf dem

Markte verzeichnet waren, bewaffnete mich mit einem Handkorb und

Serviette, und begab mich auf den Marktplatz, wo meine vornehmlichste

Aufmerksamkeit der ersten Besorgung, den Fischen, galt, den Fundamenten

eines richtigen Sabbats! Auf gute Fische legte mein Vater großen Wert.

Ich kaufte den allerfrischesten Hecht, der bei uns Juden in besonderer

Gunst steht, machte mich dann an die Obstgestelle und ging raschen

Schrittes nach Hause, wo ich meine Mutter, den Sabbatabschnitt lesend,

fand. Bei meinem Erscheinen jedoch legte sie die Bibel zur Seite und

betrachtete meine Einkäufe. Mein Vater kam auch aus seinem Kabinet,

besichtigte den Fisch, blieb meistenteils zufrieden, ermahnte mich, viel

Pfeffer beim Kochen zu geben, versprach sich guten Appetit dabei; und

nachdem ich den Fisch der Köchin zum Reinigen übergeben, band ich mir

eine lange Schürze um, machte mich rasch an die kleine Wäsche der

Taschentücher des Vaters, der Kragen und Musselinärmelchen, welche noch

bis vor Abend zur Sabbattoilette der Eltern getrocknet und geplättet

werden mußten. Dann kam der Fisch an die Reihe. Mein Vater liebte es,

der Prozedur zuzuschauen, und schmunzelnd lobte er meine Fertigkeit,

kostete von der Sauce, und mahnte nochmals, noch mehr Pfeffer zu

zugeben. Nach vielem Probieren und Schmecken wurde der Fisch fertig. Ich

legte diesen auf die Schüssel, stellte sie auf einen Topf heißen

Wassers, damit die Sauce nicht eintrockne. Noch einmal wurde das Gemüse

gekostet, das Fehlende zugegeben, und dann der Köchin der Platz am

Herde geräumt. Von da ging ich zum Teetisch, wo ich für die Eltern und

meine Geschwister den Tee bereitete und einschenkte. Am Freitag wurde er

früher als gewöhnlich eingenommen und in aller Eile getrunken. Hernach

ging ich durch alle Zimmer, um die letzte Hand an das Reinigungswerk zu

legen, bald eins, bald das andere von den Möbeln zurechtzustellen, den

Staub in den Winkeln zu entfernen usw. Unterdessen war die kleine Wäsche

getrocknet. Ich machte mich ans Plätten. Hernach verteilte ich an die

Eltern und Geschwister die große Wäsche. Alle im Hause machten

Sabbattoilette. Die meine bestand im Winter in einem wollenen Kleidchen

blauer Farbe, meiner Lieblingsfarbe; im Sommer in einem steif

geplätteten Kattunkleidchen. Die Jugend mußte mir Samt und Seide

ersetzen.

Meine Eltern begaben sich in den nur für den Sabbat bestimmten Kleidern

in die Synagoge, meine Mutter freilich erst, nachdem sie mit einem

weißen Tischtuch den Tisch bedeckt, auf den oberen Sitz die zwei

Sabbatbrote gelegt, die sie mit eigens dazu hübsch gesticktem Deckchen

verhüllte, dann wurden die Kerzen mit einem Segensspruch angezündet,

wobei sie der übrigen zwei Gebote für jede jüdische Frau gedachte. Sie

dankte in diesem Gebete Gott, daß es ihr bestimmt ist, die Gemächer zum

Sabbatfest zu beleuchten. Während sie in der Synagoge war, hatten wir

drei Mädchen auch die Pflicht, jede zwei weitere Kerzen am Freitag Abend

im Kronleuchter des Eßzimmers anzuzünden. Auch in den übrigen Zimmern

wurden die Kerzen in den Wandleuchtern angesteckt. Und bald strahlte das

ganze Haus im Kerzenglanze. Wir Mädchen in frischer Sabbattoilette

fühlten uns in den geputzten Räumen in jener Stimmung, von der die

Chassidim sagen, daß der Himmel für Sabbat die »Neschome Jessaire«, die

zweite Seele verleihe. Diese Zeit war die einzige in der Woche, wo wir

Mädchen, ohne gestört zu werden, unsere russischen, polnischen,

deutschen und jüdischen Lieder mit ganzer, voller Stimme singen konnten.

Ein anderes Mal wurde getanzt, wozu sich unsere Nachbarskinder

einfanden. Auch das Beten wurde nicht vergessen! Unterdessen deckte der

Bediente den Tisch zum Abendessen. Auf Vaters Platz stellte ich den

großen, silbernen Becher mit der Karaffe Wein. Wir erwarteten die Eltern

von der Synagoge. Der Vater kam, und schon wenn er mit seiner kräftigen

Stimme »gut Sabbat« rief, kehrte die ganze Sabbatgemütlichkeit bei uns

ein. Er breitete seine Hände aus, und wir Kinder empfingen, die älteren

zuerst, den Segen. Des Vaters Gesicht strahlte in glücklicher

Sabbatruhe, in seinen lachenden Mienen ruhte der Frieden der Seele.

Sorgen und Kummer, von denen er die letzte Zeit so reich geplagt war,

waren verjagt, vergessen -- von ihm und seinem Hause. Er betete über unser

vor Liebe und Verehrung gebeugtes Haupt, während er es oft in seine

Hände drückte und streichelte. Zu einem Kuß jedoch und ähnlichen,

zärtlichen Äußerungen durfte es nie kommen, da Religiosität und

sittliche Anschauungen sie nach damaligem Begriff als Leichtfertigkeiten

verpönten.

Nachdem wir alle des Vaters Segen erhalten, wurden vom Vater und den

übrigen Herren Verse, die man »Scholem Alechem« -- Friede mit

euch -- nennt, gesungen, mit denen jeder Jude seinen Sabbatfriedensengel

empfängt. Darauf folgt der Lobgesang auf die arbeitsame Hausfrau (Psalm

18), die »Esches Chajil«, die Heldenfrau. Der Frau, die aufsteht, wenn

es noch Nacht ist, und die Speise für ihren Mann und Kinder und Gesinde

bereitet, ihren Handarbeiten und rot gewebten Gürteln gilt das Lob in

den Stadttoren. Sie ist eine Krone für ihren Mann. Doch Schönheit und

Anmut ist eitel Tand, vergänglich, und nur der gottesfürchtigen Frau

gilt alles Lob. Diese Gesänge pflegten die Männer, im Zimmer auf- und

abgehend, in einer schönen Weise zu singen. Ich war damals Backfisch und

pflegte mich bei diesen Gesängen, da ich sie zur Hälfte verstand,

ordentlich stolz zu fühlen, und nahm mir vor, des Lobes selbst würdig zu

werden. -- Mein Vater machte »Kidusch«, trank zur Hälfte den Inhalt des

Bechers und gab ihn der Mutter, die davon nippte, und ihn uns Kindern

der Reihe nach reichte. Dann ging es, ohne ein Wort zu sprechen, ans

Händewaschen; und ein Gebet beim Abtrocknen wurde gesprochen. Diese

Handlung, die trotz der vielen Anwesenden, doch so still verrichtet

wurde, reizte uns Kinder oft zu leisem Flüstern, noch öfter zu einem

ganz verführerischen Kichern. Aber ein strenger Blick des Vaters

verjagte allen Mutwillen. Der Vater sagte ein Gebet über die zwei Brote,

die man »Lechem Mischne« nennt, schnitt das eine in zwei Teile, aß davon

einen Bissen und sprach, bis er ihn verzehrt hatte, kein Wort. Wir alle

am Tisch bekamen auch eine Scheibe. Der Fisch wurde aufgetragen, eine

fromme Sabbathymne mit lieblichen Melodien gesungen. Dann folgte die

fette, schmackhafte Nudelsuppe; dann ein zweites Lied, bei dem wir

Mädchen leise mitsummten. Laut durften wir es nicht tun, da es als eine

Sünde für die Männer galt, weibliche Stimmen singen zu hören! Mit einem

Gemüse endete die Mahlzeit. Zum Schluß wurde ein Dessert gereicht das

aus Äpfeln, gerösteten Nüssen, abgekochten Erbsen bestand. Die Mützen

wurden aufs Neue aufgesetzt, Wasser über die Finger gegossen, das »Majim

Acharaunim«, d. h. das letzte Wasser genannt wird. Mit der Rezitation

des Tischgebetes wurde einer der Herren der Tischgesellschaft beehrt,

dem ein Becher mit Wein gefüllt wurde, und alle fielen mit einem Amen

an bestimmter Stelle ein. Nach dem Abendbrot blieb man nicht mehr lange

beisammen; schon um zehn Uhr lag das ganze Haus in tiefem Schlaf.

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 11 / 14 段