Die Lilienthalsche Bewegung hatte eben selbst in den orthodoxen Kreisen

des niederen, jüdischen Volkes tiefe Spuren hinterlassen, und die Jugend

auf neue Bahnen gelenkt. Schon nach einem Dezennium sah man die meisten

Kinder des niederen Volkes, wie auch der Handwerker auf den Schulbänken,

und die europäische Bildung wurde Gemeingut der jüdischen Bevölkerung.

Die gemeinsame Bildung bewirkte eine Verschmelzung, eine Gleichstellung

von Patriziern und niederen Leuten. Der Fachmann, der Arzt, der Advokat

usw. trat an die Stelle des traditionellen Mijuches (Aristokratie).

Indes hörte das althergebrachte Studium des Talmuds nicht auf, es wurde

nur in ganz anderer Weise hochgeschätzt; und Ende der sechziger Jahre

fand ich in demselben Lande die früher geschilderten drei Bochurim von

ganz anderem Aussehen. Ihr Aeußeres ließ Ende der sechziger Jahre wenig

zu wünschen übrig. Ein jeder dieser Bochurim konnte bereits russisch

lesen und schreiben, hatte einen Begriff von der Weltgeschichte. Aber

er blieb seiner alten Religion treu und hatte volles Vertrauen zu

Gott, daß eine bessere Zeit für sein Volk kommen werde. Aus der Mitte

dieses lernenden Proletariats wuchsen die Rabbiner für die kleinen

litauischen Städtchen heraus, sowie die Dajanim (Volksrichter) und die

More horoes (Gesetzeskundigen), welche über Trefe und Koscher und

rituell-hygienische Fragen zu entscheiden hatten, ferner die Magidim

(Volksprediger), die Schochtim (Vieh- und Geflügelschächter), die

Chasonim (Kantoren) und endlich die Batlonim, arme Talmudisten jeden

Alters, welche man bei frohen oder traurigen Ereignissen Psalmen,

Hymnen oder Mischnajis aus dem Talmud rezitieren oder bei einem Toten

Tag und Nacht lesen lässt.

Aus einem Orembocher wurde zumeist ein Melamed, der aber vorher noch als

Oberbehelfer in einem Cheder (Schule für kleine Kinder) einige Jahre als

Repetitor fungieren mußte.

Von allen diesen Funktionären sonderte sich ein kleiner Bruchteil, der

sich Pruschim (Abgesonderte) nannte, junge und alte Männer, deren

einziger Lebenszweck war, sich ungestört mit Leib und Seele den

Talmudstudien hinzugeben. Sie verbrachten, getrennt von Weib und

Kind -- ihrer Heimat und der Welt fern -- ihr ganzes Leben damit, alle

Feinheiten dieser Lehre, alle Spitzfindigkeiten der Scholastik zu

ergründen und mit anderen über die verschiedenen Auslegungen zu

diskutieren. Diese Asketen lebten im Krähwinkel Eschischok im Wilnaer

Gouvernement lediglich von der Mildtätigkeit der Bürger, vornehmlich von

der Güte der braven Frauen, die ihnen Speis und Trank in die Lehrhäuser

schickten, was sie als heilige Pflicht und als gottgefälliges Werk

betrachteten. Eine solche Frau besaß kaum 50 Rubel im Vermögen, womit

sie Handel trieb, und ihre Kinder wie ihren Mann ernährte, der

gleichfalls Tag und Nacht dem Talmudstudium als dem einzigen Zwecke

seines Lebens opferte. Das mächtige Wort Talmud-Thora, d. h. die Lehre

des Talmuds befördern, »lernen«, stand damals bei dem ganzen jüdischen

Volke, wie heute leider nur noch bei einem sehr, sehr geringen Teil, auf

der gleichen Stufe mit den eigenen, wirtschaftlichen Sorgen.

Der Typus des Wanderbochers bot freilich das stärkste Interesse. Er

hatte das Geblüt des Famulus Wagner: stets dürstete er danach, Neues zu

lernen. Solch ein Wanderbocher pflegte, notdürftig bekleidet, zu Fuß von

einer Kartzma (Herberge) zur anderen auf der großen Landstraße zu gehen,

in jener guten alten Zeit der 40er und 50er Jahre, ehe es Eisenbahnen in

Rußland gab. Manchmal gelang es ihm, sich auf eine »Baued« (ein- oder

zweispänniges Fuhrwerk, das von einer über Reifen gespannten Leinwand

bedeckt war) »heraufzuchappen«, wo der jüdische Fuhrmann ihm willig auf

dem Bock die Hälfte seines Platzes einräumte. In der Baued selbst, unter

der Leinwanddecke, befand sich ein sehr gemütliches Publikum jeglichen

Alters, Standes und Stammes. Das Fuhrwerk bewegte sich langsam vorwärts,

da die hungrigen, übermüdeten Pferde nur schwach ziehen konnten. Die

Passagiere hatten daher Zeit, gemütlich zu plaudern, und der

halberfrorene Wanderbocher hörte diese wahren und erdichteten

Erzählungen mit gespannter Aufmerksamkeit an und nahm alles in sich auf.

Wieviel Romantik schloß eine solche Reise für ein junges, empfängliches

Gemüt in sich! Sie machte grüblerisch und versonnen.

Aus einem solchen Wanderbocher pflegte sich in der Regel ein Maggid zu

entwickeln. In seinen Kinderjahren hatte er in seiner einheimischen

Talmud-Thora gelernt, einer jüdischen Volksschule, wie sie von jeder

größeren Gemeinde unterhalten wurde. Arme Kinder und hauptsächlich

Waisen wurden dort schon mit acht Jahren aufgenommen, um Unterricht in

der hebräischen Sprache, im Beten und in der heiligen Schrift zu

erhalten. Aus dieser Schule entsprangen die oben geschilderten drei

Arten Bocherim. In seinen Jünglingsjahren begann so mancher das

Wanderleben. Nachdem er als Orembocher den Unterricht schon im

Talmudstudium erhalten hatte, zog er in die nächste Jeschiwa, wo für

seine weitere Ausbildung, für Wohnung und Kleidung unentgeltlich gesorgt

war. Denn auch für diese Anstalten spendeten die Juden aus allen

Gegenden viel Geld. Er blieb solange da, als er wollte. Niemand hinderte

ihn aber, eine zweite Lehranstalt aufzusuchen, wenn es ihn drängte, noch

andere Lehrer zu hören, andere Satzungen und Kommentare kennen zu

lernen, denn unerforschlich wie der Meeresgrund ist die talmudische

Wissenschaft, meinte der Jude von damals. An dem neuen Orte lernte er

andere Menschen, Sitten und Gebräuche kennen. Der Weg dahin war weder

sehr weit, noch sehr beschwerlich, während des Sommers konnte er ja

notdürftig bekleidet und barfuß gehen, wenn ihm nicht manchmal ein

glücklicher Zufall in Gestalt eines Fuhrmanns zu Hilfe kam und ihn zu

einer Herberge brachte. Da erholte er sich bei dem jüdischen Arendar

(Pächter) im Dorfe einige Zeit, hörte von den verschiedenen Besuchern

der Schänke abenteuerliche Geschichten, Wahrheit und Dichtung, erzählen

und zog, um manche Erfahrung reicher, von dannen.

Diese drei Arten von Bochurim kann man mit Recht als die Ritter vom

Geiste betrachten. Ihr Lebelang hatten sie mit Not, Hunger zu kämpfen

und -- sie unterlagen nicht.

Die tiefe Kenntnis des Volkslebens, seiner Not und seiner Freuden,

seiner Sitten und Gewohnheiten, vor allem seines Vorstellungskreises

praedestinierten den Wanderbocher gerade zu einem Maggid, und sie

erklärt auch, weshalb der Volksprediger von dem niederen, jüdischen Volk

verehrt, ja geliebt wird, und so machtvollen Einfluß ausüben kann.

Unter ihnen gab es hervorragende Erscheinungen, wie z. B. Ende der 40er

Jahre der Minsker Magid R. N. K., und der 70er Jahre der Kelmener Magid

R. N. Der erstere war ein hervorragender Talmudist und von strengstem

Charakter und hielt jedem die Wahrheit vor; der letztere war milder,

weltlicher.

Aber sie blieben Wandersleute, die jeden Sabbath in einer anderen Stadt

predigten. Sie waren nicht reich und meist auf die Gastfreundschaft

angewiesen. Not brauchten sie da nicht zu leiden, ist es doch eines der

wichtigsten Grundsätze, daß jeder wohlhabende Balhabajis (Hausherr) an

einem Sabbathtisch einen Gast zu sich lade. Diese Gäste fanden sich

gewöhnlich Freitag, am Vorabend des Sabbathfestes ein, an dem alle

Arbeit und auch das Wandern ruht. Die Mäßigkeit im Essen und Trinken

während der ganzen Woche weicht üppigem Geniessen. Da ein solcher Gast

eilig und spät abends in einem Ort, wo Juden wohnen, eintrifft und keine

Zeit hat, nach einer Herberge zu suchen, so richtet er seine ersten

Schritte zur Synagoge, um zu beten. Die Pflicht des Schammes

(Synagogendieners) ist es, diese wegen ihrer Neuigkeiten gern gesehenen

Fremdlinge für den Sabbath den Bürgern der Stadt zuzuteilen. Nun geschah

es einmal, daß der erwähnte Minsker Magid in ein Städtchen kam, um da am

Sonnabend zu darschenen (predigen). Er traf am Vorabend, Freitag spät

ein, nahm den Weg zur Synagoge, wo die jüdische Gemeinde bereits

sabbathlich ruhig und reinlich -- manche noch mit nassem Haar von der

Badestube her -- zum Beten versammelt war. Der Magid betete mit und war

fest überzeugt, daß nach Beendigung des Gottesdienstes auch er ein

Plät[S] (Einladung) erhalten würde. Aber wie groß war sein Erstaunen, ja

sein Schreck, als er bemerkte, daß alle anderen Fremdlinge unter die

Bürger verteilt wurden und nur er übersehen worden war.

Alle Bürger standen bereits eng aneinander gedrückt wie Schafe an der

kleinen, schmalen Ausgangstür. Er sah sich bald ganz allein im Bethaus,

ohne Nahrung und ohne Kidusch. Seine verzweifelte Lage flößte ihm Mut

ein. Er sprang hurtig auf die »Bieme« (die in der Synagoge befindliche

Erhöhung), klopfte energisch mit der Faust auf ein großes Gebetbuch und

rief laut: »Raboissai (Meine Herrschaften)! Wartet, bleibt, ich will

euch etwas Interessantes erzählen!« Im Nu wandten sich die Köpfe dem

Sprecher zu -- sie hatten ihn früher nicht bemerkt. »Ich bin ein Oirach«

(Gast), fing er an, »vor Abend hier eingetroffen und wie ich sehe, sind

die hiesigen Hunde gastfreundlicher als die hiesigen Balbatim

(Hausherren)!«

Diese Worte hatten natürlich die gewünschte Wirkung. Alle waren im

ersten Augenblick stumm vor Erstaunen. Und er fuhr fort: »Ich werde euch

erzählen, höret: Als ich mich spät vor Abend dem Städtchen näherte,

empfingen mich viele Hunde mit lebhaftem Gebell. Jeder riß mich zu sich,

jeder wollte mich für sich allein haben. Hier aber sind viel mehr

Menschen als dort Hunde versammelt, und niemand fällt es ein, mich zu

sich zu laden, geschweige, sich um mich zu reißen.« Diese Worte brachten

die Menge in Wut, und einer von der Versammlung trat hervor und schrie:

»Wer ist dieser Mensch, daß er sich untersteht, uns mit Hunden zu

vergleichen? Woher bist du gekommen, Elender?« Ein reich gefülltes Maß

an nicht gerade duftigen Liebesworten ergoß sich über den Magid. Der

aber blieb die Antwort auch nicht schuldig, er rief: »Wartet, wartet nur

ein wenig, hört nur bis zu Ende, ich bitte sehr.« Alle wurden wieder

still. »Ich bin noch nicht zu Ende. Als die Zudringlichkeit der Hunde

mir ein wenig unbequem wurde, beugte ich mich zur Erde, griff nach einem

Stein und schleuderte ihn mitten unter die Meute, das wirkte im ersten

Augenblick sehr gut. Der Eifer, mich zu besitzen, wich, und die Hunde

suchten das Weite. Nur wußte ich anfangs nicht, welche von ihnen mein

Stein getroffen hätte, bald aber sah und hörte ich, wie ein Hund rasch,

aber auf einem Fuß hinkend und jämmerlich heulend, mit der übrigen

Gesellschaft die Flucht ergriff. Nun begriff ich, daß mein Stein ihn

getroffen hatte.«

Diese Worte regten die Gemeinde noch mehr auf. Man drang in den Redner,

seinen Namen zu nennen, und die Versammelten waren nicht wenig beschämt,

in ihm den berühmten Magid zu erkennen und suchten durch freundliche,

ehrerbietige Behandlung alles gut zu machen. Am Sonnabend nachmittag

predigte er in der Synagoge vor der ganzen, versammelten Gemeinde,

welche mit Vergnügen und Andacht der Rede dieses frommen Mannes

lauschte. Er tadelte so manches, verkündete für manche Sünde die Hölle,

und das Volk weinte. Zugleich versprach er für die guten Taten das

Paradies in dieser Welt, wie im künftigen Leben, und das Volk jubelte,

da er mit so großem Wissen die Herzen rührte und die edelsten Regungen

hervorzurufen verstand. Er mahnte auch in freundlicher Absicht zur

Ehrlichkeit im Handel, riet, gutes Maß und Gewicht zu geben, empfahl den

Handwerkern Fleiß, tadelte dagegen Faulheit und Hochmut, wobei er sehr

gute Volkswitze erzählte, und forderte das Volk auf, den Sabbath zu

ehren, Gott für diese Gabe zu danken, da an diesem Tage jeder Jude frei

von Sorge ausruhen, sich dem geistigen Genuß ergeben, sich Gott, seinem

Schöpfer, nähern könne, was er die ganze Woche über durch Arbeit und

Sorge zu tun verhindert sei....

Sonntag verreiste dieser verehrte, populäre Prediger, von vielen

Bewohnern des Städtchens ein Stück Weges begleitet.

In der Neustadt.

I.

Es war ein schönes Bild ...

Es war ein schönes Bild, als Kaiser Nicolaus I. inmitten einer

glänzenden Suite stand. Seine von Gesundheit strotzende, hohe Figur

ragte über seine Umgebung hoch hervor. Seine militärische Paradeuniform,

der fest anliegende Frack mit hochrotem Tuchbesatz und Manschetten, die

Brust mit vielen Ordenssternen dekoriert, die massiven Epaulettes, die

blaue, breite Schärpe quer über der Brust, das Portepee mit dem Degen an

der linken Seite, der quer auf dem Kopf sitzende Dreispitzhut mit dem

wuchtigen, weißen Federbusch verlieh der martialischen Gestalt ein ganz

außergewöhnliches Aussehen. Sein Gesicht mit den regelmäßigen Zügen, dem

glattrasierten Doppelkinn, mit dem vollen, blonden Backenbart drückte

eine wohlwollende, ja eine freudige Erregung aus, auch die energisch

blitzenden, grauen Augen leuchteten, während die stramme militärische

Haltung das hohe Selbstbewußtsein ausdrückte. Zu seiner Rechten stand

der Kronprinz Alexander II., der damals, im Jahre 1835, noch ein junger

Mann war. Er war von hohem, massigen Körperbau und hatte im Gegensatz zu

Kaiser Nicolaus I., der lichtblondes Kopf- und Barthaar hatte,

rabenschwarzes Haar, einen schmalen schwarzen Lippenbart und Augen von

gleicher Farbe. Sein ganzes Wesen umleuchteten Milde und Freundlichkeit;

keine Spur von dem Selbstbewußtsein seines kaiserlichen Vaters! -- Der

Kronprinz hatte schon damals, wie ich mich noch jetzt gut erinnern

kann, alle Herzen der umstehenden Menschenmenge für sich gewonnen. Und

diese Sympathie rechtfertigte er 1861 als Befreier der Leibeigenen.

Umgeben von zahlreichen Generälen, Adjutanten, Ingenieuren, standen die

Fürsten auf dem sogenannten Tatarischen Berge. Der glatte, grüne Rasen

lag wie ein Samtteppich vor ihren Füßen; und die dunkelblaue

Himmelskuppel überwölbte dieses imposante Bild. Die Sonne übergoß es mit

einem Meer von Licht, das sich in den Brillantenorden der goldgestickten

Beamtenuniformen in tausend Regenbogenfarben brach.

Dieses glänzende Schauspiel erschien uns Kindern wie ein Luftgebilde, da

wir neben unserem elterlichen Hause, etwa hundert Faden von dem

obengenannten Berge entfernt, standen. -- Der Kaiser Nikolaus I. zeigte

mit seiner rechten Hand nach verschiedenen Richtungen. Aus den eifrigen

Debatten der Herrschaften konnte die umstehende Menge ahnen, daß eine

wichtige Frage besprochen wurde: bald wurde ein General, bald ein

Adjutant vom Berge heruntergeschickt, der unser Haus beschaute und

musterte, die grüne Wiese, die um Haus und Garten lag, mit einem Saschen

(russisches Maß = 1 Faden) maß und dann zum Rapport auf den Berg

zurückeilte.

Die gaffende Volksmenge erschöpfte sich in tausend Vermutungen und gab

jeder Handbewegung des Kaisers tausend Bedeutungen, -- nur nicht die

richtige. Endlich erfuhr man, daß das ganze Terrain der alten Stadt

Brest für eine Festung erster Klasse von Kaiser Nicolaus I. bestimmt

worden war! Die ganze Tragweite dieses Projektes sollte jedem

Stadtbürger bald klar werden.

Wenige Monate nach der oben geschilderten Begebenheit wurden die

Hausbesitzer der Stadt Brest-Litauen durch einen kaiserlichen Ukas

benachrichtigt, daß alle durch eine eigens zu diesem Zwecke eingesetzte

Kommission ihre Häuser abschätzen lassen sollten. Die Regierung würde

eine Abstandsumme zahlen und außerdem ein Terrain vier Werst, das ist

1,5-2 englische Meilen, von der Altstadt entfernt zur Verfügung stellen.

Die Nachricht wurde mit Schrecken aufgenommen. Eine gewisse Ahnung

schlich sich in die Gemüter der Bürger, daß ihr Ruin bevorstand! -- Für

meine Eltern wurde dieses Projekt zur Katastrophe!... Denn nicht nur

unser prächtiges Haus, sondern auch die große Ziegelfabrik, die zwei

Werst hinter der Stadt stand, sollte niedergerissen werden. Diese

Ziegelei warf jeden Sommer große Summen ab, da mein Vater die Lieferung

vieler Millionen Ziegelsteine für die schon begonnenen, großen

Kasernenbauten übernommen hatte. -- Nur schwer konnte mein Vater den

ersten Schreck über den neuen Befehl verwinden. Aber er beruhigte sich

wie die übrigen Hausbesitzer der Stadt bei der kaiserlichen

Versicherung, daß die Regierung für alle Schäden aufkommen würde. -- Die

Abschätzungskommission, welche die Regierung einsetzte, sollte den Wert

aller Häuser der Stadt Brest-Litowsk bestimmen, und die Regierung

versprach sehr ehrlich und gut zu bezahlen. -- Da schickte der Teufel

einen seiner Höllenboten in Gestalt eines Winkeladvokaten. Jude von

Geburt, war er sehr befähigt, Prozesse zu führen, Bittschriften in

_=russischer=_ Sprache abzufassen, was in den dreißiger Jahren des

vorigen Jahrhunderts in dem noch vorwiegend polnischen Litauen nur

wenige Begnadete vermochten. Bei diesen guten Eigenschaften aber war

dieser Mensch ein Ausbund der gemeinsten Gewissenlosigkeit. Dieses

Subjekt wußte bald das Vertrauen der gesamten Hausbesitzer, wie auch

der Schatzkommission zu gewinnen, und alle beeilten sich, ihr Hab und

Gut, das zumeist in dem Besitz ihres Hauses bestand, in seine Hände zu

legen, damit er ihre Interessen vor der Kommission vertreten sollte. -- Es

dauerte jedoch nicht lange, so entzweite er sich mit beiden Parteien und

denunzierte bei einer höheren Instanz, daß alle Schätzungen der

Kommission falsch seien! Daß in dieser Denunziation ein Kern Wahrheit

lag, bezweifle ich nicht. Die Interessen meiner armen Eltern aber wurden

durch diesen Racheakt unschuldigerweise schwer getroffen. Da mein Vater

seine Sache vor der Abschätzungskommission _=selbst=_ vertrat, und der

Winkeladvokat nicht auf seine Kosten kam, so wurde auch mein Vater ein

Opfer der Angebereien. Es dauerte nicht mehr lange, als von einer

höheren Regierungsinstanz der Befehl erging, die Abschätzung der Häuser

einzustellen, bis eine neue Untersuchungskommission kommen würde! Da

erhob sich ein allgemeines Jammern! Ein jeder Hausbesitzer wußte nun

schon, daß er seine Besitzung verlieren würde. Und jetzt hörten wir

Kinder kein anderes Gespräch mehr im Hause, sei es unter den

Familienmitgliedern oder mit Gästen, als über das bevorstehende

Niederreißen unseres prächtigen Hauses und der Ziegelei. Und jedes Wort

war getränkt mit der Wut über den verruchten Winkeladvokaten David, »den

Schwarzen«, der über die Stadt Brest-Litauen so schwere Not

heraufbeschworen hatte. Infolge der Denunziation von Rosenbaum (das war

sein Familienname) kam nach kurzer Zeit ein zweiter Befehl, daß jeder

Hausbesitzer sein eigenes Haus auf eigene Kosten demolieren sollte, um

noch schneller Platz zu schaffen, andernfalls würde er zu einer

Geldstrafe verurteilt. Man setzte einen sehr nahen Termin an, bis zu dem

die Häuser niedergerissen sein mußten. Die Zeit reichte kaum aus, eine

Wohnung in der Neustadt zu beschaffen. Von Neubauten konnte natürlich

nicht mehr die Rede sein. Die Reichen waren nicht weniger ratlos als die

Armen. Wer bares Geld auftreiben konnte, beeilte sich und zahlte das

Dreifache, um sich eine neue Wohnung zu mieten. Aber ihrer waren nur ein

Vierteil der großen Zahl Einwohner der alten Stadt Brest-Litauen; die

große Masse blieb tatsächlich ohne Obdach!

Die Beratungen über den Kauf eines Hauses in der Neustadt Brest-Litauen

und der bevorstehende Umzug gaben uns Kindern viele Anregungen und

Beschäftigung. Mich fror bei dem Gedanken, daß ich mich bald von meinen

getreuen Gespielinnen im Cheder und in unserer Nachbarschaft aus der

Vorstadt (Samuchawicz) trennen müsse, mit denen wir so traulich

gespielt, und daß ich nun die trauten Winkel in ihren Häusern und dem

unsrigen verlassen sollte. Ich hatte so stark wie jeder Erwachsene in

unserem Hause das Gefühl, daß das ganze Leben meiner geliebten Eltern

eine totale Umwälzung erfahren müsse. Wir hofften jedoch, daß, wenn die

Untersuchung die Verlogenheit der Denunziation erwiese, alle Schäden

ersetzt würden.

Allein diese Untersuchung dauerte nicht mehr und nicht weniger als

fünfzehn Jahre!... Zeit genug, einen Teil der Hausbesitzer aus ihren

eigenen Wohnungen zu verjagen, zu berauben und ins größte Elend zu

stürzen!

Viele wurden zu Bettlern, viele wanderten aus!

Noch jetzt steht mir eine herzzerreißende Szene jener traurigen Zeiten

vor Augen, die mich mit Schauder erfüllt! Es war an einem Herbsttage

jenes schrecklichen Jahres 1836, als der bewölkte Himmel wie

zerschmolzenes Blei über der Erde und über den Seelen der Stadtbürger

von Brest-Litauen hing. Der Nordwind blies kalt und jagte den

Straßenstaub, der die gelben, abgefallenen Blätter der Bäume wirbelnd

vor sich her trieb, den Fußgängern in die Augen. Ich befand mich gerade

mit meiner Mutter auf dem Heimwege nach der Vorstadt (Samuchawicz). Wir

mußten die kleinen, armseligen Häuschen der Nachbarschaft passieren. Da

hörten wir ein Durcheinandersprechen von Jüdisch und Russisch, ein

Zanken in Russisch, ein Schimpfen in jüdischem Jargon und ein lautes

Weinen. Meine Mutter trat, mich an der Hand führend, näher. Es war eine

ergreifende Tragödie, die sich vor uns abspielte. Der festgesetzte

Termin für die Räumung war abgelaufen. Da aber die Einwohner des Hauses

noch kein Obdach gefunden hatten, so glaubten die Unglücklichen, daß sie

noch in ihrem alten Heim würden bleiben können. Aber sie irrten sich.

Die Polizei schickte ihre Beamten mit dem Befehl, auf die Räumung zu

drängen und im Falle des Widerstandes die Hausbesitzer buchstäblich aus

ihren Häusern zu verjagen! Dieser harte Befehl wurde gerade ausgeführt,

als wir in das Häuschen eintraten. Die Wirtin, eine kranke, abgehärmte,

magere Frau mit verzerrtem Gesicht packte ihr Hab und Gut in einen

alten, grün angestrichenen Kasten. Ihr hochbetagter Mann hielt das

kleinste Kind auf seinem Arm. Neben ihm standen noch zwei Kinder, ein

Junge von etwa neun Jahren und ein Mädchen von sechs Jahren, deren

Händchen und nackte Füße blaurot gefroren zitterten, denn die dürren

Leiber waren nur mit Lumpen bedeckt. Auf dem Tische lag ein halber Laib

Brot. Im Ofen brannten, vielmehr räucherten, einige Holzscheite, auf

denen das armselige Mahl kochte. Die Familie wollte gerade essen, da

erschien der Höllenbote und erklärte, daß hier für die Einwohner kein

Raum mehr sei. Ja selbst diesen einen Tag sollten sie nicht wagen, hier

zu bleiben.

Da war keine Zeit mehr für das Mahl, und rasch ging es an das

Zusammenpacken und Zusammenraffen! Selbst in der ärmsten Wirtschaft

haben so manche Stücke, so lange sie von ihrem Fleckchen nicht entfernt

werden, noch ihren Wert. Wenn man sie aber von ihrem Orte rückt,

zerfällt, zerbricht das abgenutzte Zeug. Und wohin sollten diese Armen

ihre armselige Habe bringen, wenn sie noch kein Obdach hatten? Waren sie

doch jetzt kaum imstande, eine kleine Komerne (Schlafstelle) zu mieten.

Die Frau füllte unter Seufzern, Klagen, Schreien und Fluchen ihren

Kasten zur Hälfte mit ihren Armseligkeiten und nahm dann die Kleine vom

Arm ihres Mannes. Der Alte aber begann nun, seine Schätze

einzupacken -- die großen und kleinen Folianten des Talmuds, die

Gebetbücher, die damals jeder Jude, mochte er noch so arm sein,

besaß -- und dieser Mann war ein Hausbesitzer! Bald kam die Chanukalampe

an die Reihe, die vier messingnen Sabbathleuchter der Frau, der

Hängeleuchter, die Schabbeskleider, der lange Kaftan, der seidene Gürtel

und der Streimel (Pelzmütze). Das übrige Hausgerät, das Wasserfaß, der

wurmstichige Eßtisch, hölzerne Bänke, mehrere Holzstangen usw. wurden

auf die Diele geworfen, und die Armen stolperten einmal über das andere

darüber. Es war furchtbar! -- Meine Mutter stand mit mir an der Tür und

sprach diesen Unglücklichen Mut und Gottvertrauen zu und suchte auch die

Wut des Polizisten zu dämpfen, der dann auch bald fortging.

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 10 / 14 段