Zeitgenossen in den europäischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren
und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die
deutsche Sprache war ihnen geläufiger. Sie hatten eine Ahnung von der
klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die
niedere, jüdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen
oder eine europäische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein dürftiges
Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der
jüdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; während der Pöbel ein
Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den
Märkten mit den Dorfbewohnern bedienten.
Tiefgreifend konnten die Umwälzungen erst werden durch die Begründung in
neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in
Wilna und Schitomir. Die ersten Schüler waren zumeist junge Leute, die
sich alle Mühe gegeben hatten, bei Eröffnung der Schulen aufgenommen zu
werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne Kämpfe
in der Familie möglich. Wem es nicht leicht wurde, der riß sich von Weib
und Kind los und flüchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter
Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit glänzendem Resultate
studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter
vom Geiste nennen, Ärzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter,
die teils in Rußland, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt
und wirkt in Rußland ein Professor der orientalischen Sprachen, der
seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich später in
dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft.
Auch den jüdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden,
talmudischen Kenntnisse nicht gehindert -- vielleicht haben sie sogar dazu
beigetragen, in der Mathematik berühmt zu werden. -- Die Mehrzahl der
Zöglinge in den neuen Rabbinerschulen waren früher Talmudisten. Sie
lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die
goldene Medaille, ebenso diejenigen, die später die Universität
besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute,
geistige Übung, wozu noch die Wißbegier, der temperamentvolle Charakter
und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. --------
Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen
Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander
sitzend. »Die Bücher werden schon zu finden sein«, sagte mein
wißbegieriger, älterer Schwager. »Wir müssen nur darauf bedacht sein,
vom Talmudlernen Zeit für unser neues Studium zu erübrigen, ohne die
Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ...«, worauf der andere in seiner
phlegmatischen Weise antwortete: »Ja, gewiß! Wenn du zu studieren
beginnst, halte ich auch mit.« Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster
Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als
gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur.
Einige Zeit darauf gab es mehrere störende Zwischenfälle, die der Komik
nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei
Dr. Lilienthal fest überzeugt, daß ein neues, fremdes Element in ihr
Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Rußland, eingezogen sei, wobei
das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward
sehr traurig. Unauffällig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und
die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die nötigen
Lehrbücher verschafft und zu studieren begonnen, was natürlich auf
Kosten des Talmudstudiums geschehen mußte. Äußerlich blieben sie ruhig
und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu beschäftigen. Doch
konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den großen Talmudsfolianten
nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im
letzteren erfüllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die
jüdische Jugend mit Begeisterung, während die Prinzessin von
Wolfenbüttel -- zumal bei den jüdischen Frauen -- Sympathie und Mitleid
erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jüngeren Männern als
Vorbild. Die nüchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in
der Büchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht.
Mein Vater ließ seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit
unbenützt vorübergehen, von ihm und seiner wichtigen und großen Aufgabe
zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders
mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die großartigen Reformen zu
erörtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gesprächen, lobte, daß endlich
auf dem Gebiete des Unterrichts der jüdischen Jugend Ordnung geschaffen
werden sollte, grollte aber doch, daß Dr. Lilienthal so gottlos
gesprochen habe, daß man die früher erwähnten Talmudabschnitte der
jüdischen Jugend entziehen müsse, und man sich gegebenenfalls nicht nach
den Talmudgesetzen richten solle.
... Es war eines Morgens in dem denkwürdigen Sommer des Jahres 1842, als
meine Schwager, ohne zu ahnen, daß jemand sie hören könnte, die neuen
Bücher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten
und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der
Kehila Orlo, der genial war und große talmudische Kenntnisse besaß, laut
schreiend über einen Satz im »Don Carlos« disputierten. Um einer
immerhin möglichen Überraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie
genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu
lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals
wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer
der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich überzeugen zu können, daß
ihre quälenden Gedanken doch unbegründet seien, und daß der Teufel in
Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht völlig ihrer Schwiegersöhne
bemächtigt hätte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer
führte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder
stehen, lauschte und hörte mit Freude, wie fleißig drin gelernt wurde.
Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tür näherte und aufmerksamer
horchte, erfaßte sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von
Enttäuschung und Ärger verstörte ihre Gesichtszüge. Von »Omar abaje«,
mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, hörte sie nichts.
Bloß Marquis Posa, Herzog Alba usw.
»Sind es also wirklich nur die sündigen Büchlech, mit denen sich die
jungen Leute befassen?« dachte sie mit einem großen Weh im Herzen.
Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte.
Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, öffnete die Tür und
blieb wortlos vor Ärger auf der Schwelle stehen. Beim Geräusche der sich
öffnenden Türe wandten die drei Überraschten die Köpfe um, und sie
hätten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt
hätte. Ihre erste Bewegung war, daß sie sämtliche Bücher unter den Tisch
gleiten ließen; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen
sogar weh, daß diese »Büchlech« ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der
Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der
Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem
unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die
Herrschaft über sich und rief laut: »O Himmel, ich soll in meinem
eigenen Hause das Wort Gottes so verhöhnt sehen! In demselben Nigen
(Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verhöhnt ihr ihn jetzt durch das
Lesen dieser apikorssischen (abtrünnigen) Büchlech!! Und auch Ihr, Reb
Herschel, Ihr habt es auch nötig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile
Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrünniger) werden, wie
meine jungen Leute?« Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, daß ihre Füße
ihr schier den Dienst versagten. Die jungen Männer blieben stumm; ihre
nach links dem Fenster zugewendeten Köpfe waren unbeweglich. Da keine
Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter
einigermaßen, und sie entfernte sich schweigend.
Es verging nicht lange Zeit, da überraschte sie meinen älteren Schwager
allein bei dem neuen Studium. Es war am frühen Morgen desselben Sommers.
Der Berg in der Nähe unseres Hauses stand noch in düsterem Nebel. Ich
befand mich zufällig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen.
Sie ging zum großen Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige
Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause
befand und blieb erstaunt stehen. »Wer steht dort?« sprach sie wie zu
sich selbst -- oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar
Schritte und sagte mit lauter Stimme: »Doch, doch, ich glaube David
(mein älterer Schwager) ist es! Was tut er dort?«, rief sie aus und
näherte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine große alte Pappel
stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte
nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Gürtelenden lose
übereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein;
seine Brust war entblößt, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war
ganz hinter das Ohr geraten, während die andere sich auf der Wange wie
eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetkäppchen zeigte
reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Füße staken in den
Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor Kälte und Nässe zitternden
Gestalt. Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie beseitigte die Rinde der
Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne
Ekel in ein Kästchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick muß recht
komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb
belustigt: »Wos tust du do?«
»Gur nischt« (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in
seiner Arbeit stören zu lassen.
»Wos is do im Kästchen auf der Erd?« fragte die Mutter weiter.
»Gur nischt!« meinte der überraschte Naturforscher.
»Warum biste so früh do?« forschte meine Mutter.
»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann in der Hoffnung,
sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das nützte nichts, denn die
Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger auch
ein Buch neben dem Kästchen. Nun begriff sie, daß beides einem und
demselben Zwecke diente, und sie verwünschte im Stillen Dr. Lilienthal.
Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrübten
Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor
sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den
Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte
rasch das Weite, indem er alles als Beute zurückließ. Bei der Flucht
verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstücke hielt er
mit beiden Händen fest. Meine Mutter näherte sich rasch der Pappel,
blickte in das Kästchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen
Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen
(»Gottes Kühele«), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere
Insekten auf Stecknadeln gespießt. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr
Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können,
auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?« Sie
erschrak aber förmlich, als sie das Buch in die Hände nahm und darin
neben den Erklärungen auch die Abbildungen von einigen Insekten
erblickte. Der Zufall wollte es, daß ihr Blick auf einem »häuslichen
Insekt« haften blieb, das gemütlich hingestreckt dalag -- sie schüttelte
sich vor Ekel. -- Daß die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen
wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schließlich das
Vergnügen an Lektüre, sie selbst war in der hebräischen Literatur sehr
belesen; allein, daß sich jemand und gar ihre Schwiegersöhne dafür
interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Füße der
Maikäfer oder welche Augen ein grüner Wurm hat, das konnte sie nicht
verstehen! Sie ergriff die Trophäen des am frühen Morgen gewonnenen
Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurück, den wenige
Minuten vorher der flüchtige Held genommen und auf dem er den einen
Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurückgelassen hatte. Sie nahm auch
den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf
dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der
Sache erfuhr, lachte er herzlich. --
Solche Szenen spielten sich nicht bloß in unserem Hause ab: alle anderen
Genossen meiner Schwager hatten ähnliche oder noch größere
Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. -- Meinem Schwager
David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn
einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch
an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu
sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem
Städtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darüber freuten
sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wußten ihn
nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Später
hatte man große Mühe, ihn zur Rückkehr nach Brest zu bewegen.
Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich
sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie wählten sich ein
stilles Plätzchen, das zwischen den Hügeln, unserem Hause genügend
fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um über
manches Buch zu debattieren, Beschlüsse über die brennende Frage der
Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles fleißigen Bemühens und
einer ungewöhnlichen Wißbegierde unter dieser Jugend ging in der ersten
Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Persönlichkeit
hervor, obgleich wir den großen Verdiensten meiner Schwager und ihrer
Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die
manche Wege ebneten, bezeichnen müssen: Hierdurch wurde der kommenden
Generation die Möglichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und
manches Vorurteil beseitigt.
Die erwähnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche
ihre jugendkräftigen Hände nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen
Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein
älterer Schwager bemühte sich trotz seines großen Fleißes und aller
Fähigkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel beißen sollte, zu
finden -- an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europäischen
Versuche. Er hätte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel Höheres für
sich und die Gesellschaft leisten können. Mein jüngerer Schwager konnte
vom Apfel genießen und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen
gebildeter Mann, während Reb Herschel, der Melamed, nach dem erwähnten
Apfel der Erkenntnis seine plebejischen Hände ausstreckte, ihn ergriff
und einen tiefen Biß tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er
sich aus einem »Orler Menschen« in einen interessanten, gebildeten Herrn
Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jüdische Jugend von Brest genoß
von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch
davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut,
hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Früchte getragen.
Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste
Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit
verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster
unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erwählt
hatten....
Wenn aber Dr. Lilienthal so reiche Erfolge hatte, so geschah es nur,
weil der geistige Boden in Rußland sehr gut vorbereitet war: Das
jüdische Kind männlichen Geschlechtes (nicht aber die Mädchen) wurde
damals von frühester Jugend an zum Lernen angehalten und später, im
Knabenalter schon, mit scholastischem Gespinst, mit vielen talmudischen
Spitzfindigkeiten und ernster Lebensanschauung bekannt gemacht. Da kein
anderes Studium ablenkte, so konnte der jugendliche Schüler sich täglich
dem Studium des Talmuds ganz hingeben. Unterhaltung fand er auch nur zu
Hause im Familienkreise (daher auch die Anhänglichkeit), sowie in dem
bescheidenen Familienleben seiner Kameraden. Die zahllosen Vergnügungen
von heute kannte die damalige Jugend nicht. Und so war damals der Jude
schon in seinem Jünglingsalter in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn
auch einseitiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er an seiner Tradition
und seiner Religion, die für ihn die Moral, die Ethik -- die ganze Welt in
sich schlossen. Seine Bibel bot ihm hinreichendes Wissen in der
Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der
christlichen Aera herunter; seine Propheten adelten seinen Geist,
ergötzten seine Seele, verliehen ihr Schwung, erfüllten sie mit
Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jüdischen Mannes,
das Selbstbewußtsein, faßte schon in seiner Jugend Wurzel -- was die
Andersgläubigen mit Dünkel und Frechheit zu bezeichnen pflegen. Die
Ethik der jüdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene
Lebensanschauung machten den damaligen Juden frühzeitig zum Denker und
Philosophen, der auch die Schönheit in seiner Religion fand. Das
jüdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der übrigen
Welt, aber nicht _=wild=_ wie die Insulaner. Es war hier auf der Insel
glücklich, wo es für sich allein die Welt des Geistigen besaß: seinen
Glauben, seine Tradition, die ihm allen Genuß im zeitlichen Leben
gewährte. Und die Hoffnung auf ein künftiges Leben ließ ihn die Leiden
des gegenwärtigen ertragen. Aus diesem geistigen Reich konnte ihn keine
menschliche Macht verjagen. Hier war er Herr und Meister.
Die Sturm- und Drangperiode des damaligen jüdischen Jünglings vollzog
sich auf der Schulbank. Keine Revolution, keine Liebesabenteuer rissen
ihn von seinem beschaulichen Wege fort; auch das Geschäft nicht, denn es
galt den Eltern als heilige Pflicht, für den Sohn bis weit über die
Jünglingsjahre, selbst nachdem er schon Ehemann und Familienvater war,
zu sorgen, da es höchstes Glück war, wenn der junge Ehemann
ununterbrochen den Talmud studierte. Unter diesem Gesichtspunkte wählten
wohlhabende Leute für ihre Töchter und ihre Söhne: die Braut mußte vor
allem hübsch von Gestalt, klug und gesittet sein. In erster Reihe aber
eine »Bas towim«, d. h. die Tochter eines gelehrten und religiösen
Mannes. Ich kann beteuern, daß die Wahl der Eltern, die nicht von dem
Gott Mammon beirrt war, selten ein Fehlgriff war. Im großen und ganzen
gab es damals, wie ich mich zu entsinnen weiß, viele sehr glückliche
Ehen, in denen die Sittlichkeit der jungen Eheleute dem Bunde Weihe
verlieh und für immer die Treue sicherte. Keine Enttäuschungen, keine
Übersättigung, kein Hasten nach Veränderung störten die Eintracht des
Paares, und der wahre göttliche Funke der Liebe nährte die heilige
Flamme auf dem häuslichen Herd, _=die Flamme=_, die kein Sturm im Leben
auszulöschen vermochte. Und in den trüben Tagen des Herbstes oder gar in
den kalten, kurzen, einsamen Wintertagen -- im hohen Alter, wenn das Feuer
längst ausgebrannt ist, wärmt und erhält dieser unter der Asche noch
glimmende Funke die oft frierende Seele.
Wenn an diesem geheiligten Eheleben die Aufklärung rüttelte und manches
kostbare Gut zerbrach, so vergesse man nicht, daß das zu starke Licht
der europäischen Bildung zu schnell ohne die milde Vermittlung der
Dämmerung hereinbrach und die verblüffte Jugend blendete. Waren doch die
ersten Adepten der Bildung schon gereifte Männer, die bis zu diesem
Augenblick ein fast asketisches Leben geführt hatten. --
II.
Jeschiwa Bochurim.[R]
Die Jeschiwa-Bochurim bildeten gegen Ende der dreißiger Jahre das
lernende Proletariat in Brest, wie in ganz Litauen. Ihre religiöse und
geistige Erziehung war systematisch geregelt. Die jüdische Gesellschaft
trug unter Aufwand von vielen Kosten dafür Sorge. Dagegen blieb ihre
körperliche Pflege ganz problematisch, weshalb schwächliches,
verkümmertes Aussehen für den Jeschiwa-Bocher charakteristisch war. Sie
waren in ihrer täglichen Nahrung, ihrer Kleidung und ihrem Obdach ganz
auf den glücklichen Zufall und auf die Gnade der Mitbürger angewiesen.
Es wurde ihnen im besten Falle Mittagessen verabreicht, aber auch das
nicht an jedem Tag der Woche. Für die anderen Mahlzeiten sorgte der,
»welcher den Sperlingen in der Luft die Nahrung spendet«. Ihr Obdach
fanden sie in den Bothemidroschim, die Lehrhäuser und Synagogen zugleich
waren. Auf den harten Holzbänken, die Fäuste unter dem Kopf, schliefen
sie im Sommer und in der Nähe des geheizten Ofens im Winter den Schlaf
des Gerechten. Ihre Kleidung erhielten sie von mildtätigen Bürgern stets
zu unrechter Zeit: zu Beginn des Sommers wattierte Winterkleider, im
Spätherbst sommerliche Kleider und Stiefel. So froren sie im Winter und
schwitzten doppelt soviel wie die Reichen im Sommer. Auf diese Weise
fristeten sie ihr Dasein jahrein, jahraus, mit Eifer und Ausdauer ihren
Talmud studierend, bis zu ihrem 20. Lebensjahr. Dann heirateten sie,
mitunter sehr günstig, denn sie wurden von den reichen Bürgern geehrt
und begehrt, da sie im Volke als gute Talmudisten und ehrenwerte, fromme
Menschen galten.
Diese Bochurim pflegte man ihren rabbinischen Kenntnissen nach in drei
Klassen einzuteilen. In meinem Elternhause erhielt jeden Tag ein anderer
Angehöriger dieser drei Klassen das Mittagmahl. Der älteste von ihnen
hieß mit dem Eigennamen Schamele, er gehörte schon als tüchtiger
Talmudist zu den Jeschiwa-Bochurim, der höchsten dritten Klasse. Das war
ein ruhiger, pfiffiger, aber schwerfälliger, blonder Junge mit
gutmütigen, blauen Augen. Er trug Sommer und Winter ein und denselben
langschößigen, an den Ellbogen zerrissenen Kaftan. Der zweite Bocher
zählte zu den Orem-Bocherim, da er den Unterricht in der Bibel und in
den leichteren Talmudteilen von den städtischen Melamdonim, und zum Teil
von den gesetzkundigen, jungen und alten Talmudisten in den
Bothemidroschim erhielt. Er hieß Fischele und bildete den leibhaftigen
Gegensatz zu dem Schamele, denn er war beweglich, schwarzäugig, und
schien immer aufgeregt und somit den Spitznamen Fischele zu
rechtfertigen. Der dritte hieß Motele, er gehörte der jüngsten,
niedersten Klasse an und war Wanderbocher. Das war ein von Natur
stiller, bedachter, ruhig räsonnierender Jüngling, der richtige Typus
des Wanderbochers.
Die meisten dieser Jünglinge kamen aus den Städtchen und Dörfern der
Umgebung nach Brest, um dort zu lernen. Sie besaßen viel Mutterwitz,
waren ruhig und verrichteten jeden Dienst in den Häusern, in denen sie
ihr Mittagbrot bekamen. Sie waren vorzüglich geeignet, in der geistigen
Gärungsperiode der Lilienthalschen Bewegung die Korrespondenz und die
aufklärerischen (apikurssischen) Bücher zu den jungen Leuten in die
Stadt zu bringen.
Man konnte oft den einen oder anderen von ihnen in der Dämmerstunde, wie
eine Katze spähend, sich leise in unseren Hof mit einem Packet dieser
geistigen »Kontrebande« schleichen und direkt auf der zum Studierzimmer
meiner Schwager führenden Treppe in der Dunkelheit des Vorabends
verschwinden sehen. Hätte das wachsame Auge meiner Mutter sie erblickt,
so wäre es ihnen böse ergangen; an _=dem=_ Tage wären sie bei uns sicher
nicht satt geworden.
Fischele hatte sich allmählich als Autodidakt zu einem sehr guten
Pädagogen ausgebildet. Er pflegte halb scherzhaft, halb im Ernst zu
bitten, man soll ihm helfen: aus einem Orembocher ein Oremmann (armer
Mann) zu werden. Bald heiratete er ein braves Mädchen und fand als
gebildeter Mann in der höheren, jüdischen Gesellschaft eine gute
Aufnahme. Dagegen hat Schamele, wie wir später erfahren haben, sein
Leben nicht an großen Talmudfolianten beschlossen.