Meine Begleiterinnen erzählten mir, geheimnisvoll flüsternd, daß sich

hinter den hohen Türen des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer

thaures (heilige Rollen) befinde und daß von da ein unterirdischer Gang

nach Jerusalem führe. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom

(Hölle) befreiten R'schoim (Sünder), um allerlei Schabernack zu treiben.

Noch andere, ähnliche Märchen erhöhten meine angstvolle Scheu. Ganz

besonders wirkte auf mich das Märchen vom »lehmenen Goilem« (Ton-Figur)

ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine große Figur aus

Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten

konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie

mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen

versahen und flüsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, daß sie

anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein

Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mußte man ihr bis ins

einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: »Geh zur Tür, ergreife die

Klinke, drücke sie nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, geh in das

Haus in jener Straße, drücke die Klinke nieder, mach die Tür auf, mach

sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein

Freund sitzt, sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen.« Auch

der Rückweg mußte der Figur Schritt für Schritt genau beschrieben

werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in

dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein

Trottel; und noch heute ist im jüdischen Volke die Bezeichnung: »Du bist

ein lehmener Goilem« ein Schimpfwort.

Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den großen Raum zu betreten,

aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfaßt, weinend und

schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder

hinzugehen.

Ich sehe noch jetzt im Geiste den schönen, majestätischen Bau im

altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das

Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte.

Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt

wurde, mußte auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein,

den man fand, wies auf frühere Jahrhunderte zurück, auf die Tage Saul

Wahls, der für eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum

König gewählt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine

verstorbene Frau Deborah erbaut.

II. Teil.

Dem Rosch-Chodesch (Neumond) Sivan (etwa Mai) folgte sechs Tage später

das Schewuaus-Fest (Pfingsten), das schöne und angenehme Fest, von dem

die Juden sagen, daß man _=alles=_ und _=überall=_ essen darf, während

man am Osterfest nicht alles und am Laubhüttenfest nicht überall, d. h.

nur in der Laube essen soll. Daher dauert Sch'wuaus nur zwei Tage....

Auch für dieses Fest wurden natürlich in unserem Hause mancherlei

Vorbereitungen getroffen. Uns Kindern wurde im Cheder die Bedeutung des

Festes erklärt als Gedenkfeier an den Tag, an dem Moses auf dem Berge

Sinai die heiligen Gesetzestafeln empfangen hatte. Drei Tage vor

Pfingsten (Schlauscho jemei hagbole wird diese Periode genannt), endet

die Trauer der Sfirezeit und die Freude lebt wieder auf. Man sucht sich

für die sechswöchentlichen Entsagungen schadlos zu halten. Die Kinder

blieben nur einen halben Tag im Cheder und tummelten sich ungebunden im

Freien und im Hause herum. Und in den Häusern wurde wieder gebraten und

gebacken, namentlich viel Butterkuchen! An diesen Festtagen ißt man

hauptsächlich Milch- und Buttergerichte. Die traditionellen

Käse-Blintschki mit saurer Sahne, eine Art Flinsen, dürfen nicht fehlen.

Am Erew-Jomtow, am Vorabend des Festes, gab es wieder viel eilige Arbeit

im Hause. Alle Zimmer wurden mit Grün geschmückt und festlich

beleuchtet: Wir Kinder wurden festlich gekleidet und der Tisch zum

Abendessen gedeckt; die Fenster der mit Kerzen erleuchteten Räume

standen weit offen, und die warme, frische Frühlingsluft strömte herein,

ohne die Flammen der vielen Kerzen auch nur leise zu bewegen. Sie

brannten ruhig und feierlich.

Die Männer kamen vom Bethaus zurück und man begab sich zu Tische. Schon

nach dem ersten Gang wurde ein Abschnitt aus dem Tiken-Schwuaus-Gesetze

von den Männern vorgelesen und nach dem zweiten Gericht wieder ein

Abschnitt. Nach dem Essen zogen sich meine Schwäger mit ihrem Melamed in

ihr Studierzimmer zurück, um dort bis zum frühen Morgen den

Tiken-Schwuaus zu Ende zu lesen. Mein älterer Schwager unterzog sich

ohne Murren diesem Gebot. Aber der jüngere hätte wahrscheinlich eine

andere Beschäftigung vorgezogen. Aber es half nichts, die Disziplin und

die religiöse Tendenz unseres Hauses galten mehr als persönliche Wünsche

und Neigungen. Auch dann noch, als der Geist Lilienthals in den Köpfen

der jungen Leute schon schwirrte.

Am frühen Morgen ging es in die Synagoge, wo ein Festgottesdienst

abgehalten, die Akdamess (Anfänge) gesagt, die M'gile (Ruth) vorgelesen

wurde, was oft bis 12 Uhr Mittags währte. Im Hause herrschte frohe

Laune: man trank vortrefflich duftenden Kaffee und aß Butterkuchen und

Blintschikes und ging hierauf im Freien spazieren.

Bald kam auch der Sommer mit seinen Herrlichkeiten, die wir Kinder nach

Herzenslust genossen. Die Zeit von Pfingsten bis zum siebzehnten Tag im

Tamus (Monat Juli) war für den Juden der ersten Hälfte des vorigen

Jahrhunderts die genußreichste und schönste des ganzen Sommers. Aber zu

lang darf die Reihe von schönen Tagen für ihn nicht sein, sonst könnte

er in seinem Übermut Gott vergessen und darum, glaube ich, ist ihm nach

einer kurzen Erholungszeit immer wieder ein Fasttag auferlegt. Und so

ist schon der Schiwo osser betamus (siebzehnte Tag im Tamus) ein

Fasttag, dem die sogenannten drei Wochen folgen, die mit einem

Trauertag, dem neunten Tag des Monats Ab (Tischeb'aw) endigen. Und

wieder ist es untersagt, Vergnügungen nachzugehen, Hochzeit zu halten,

im Flusse zu baden, Schmuck zu tragen und in den letzten neun Tagen darf

man auch kein Fleisch genießen; am neunten Tage, am Erew-Tischeb'aw,

wird in der Synagoge und im Hause eine Trauergedenkfeier an die

Zerstörung Jerusalems abgehalten. Am Freitag vor Schabbes-chason

(Sonnabend vor Tischeb'aw) erschien einmal unsere Mutter, während wir am

Frühstückstisch saßen, erregt und ernst, in der einen Hand ein mit einer

schwarzen Masse gefülltes Holzgefäß, in der andern Hand einen Pinsel

haltend. Wir waren gespannt, was die Mutter damit beginnen wollte. Sie

stieg auf das Sopha und machte mit dem Pinsel auf die schöne rote Tapete

einen viereckigen, schwarzen Fleck. Auf unsere Frage, was dies zu

bedeuten habe, erhielten wir zur Antwort, dieser Fleck, den sie seicher

l'churben nannte, soll uns erinnern, daß wir Juden im Golus, d. h.

unterjocht sind. Ich entsinne mich noch, wie mein Vater und die jungen

Männer am Erew-Tischeb'aw, d. h. am Vorabend des neunten Tages im Monat

Ab die Schuhe ablegten und auf niederen Schemeln Platz nahmen. Der

Bediente stellte eine niedrige Holzbank vor sie hin und setzte darauf

das Fasten-Abendbrot, das aus hartgesottenen Eiern bestand, die in Asche

gewälzt und dann mit harten Kringeln gegessen wurden. Bewegt, mit dem

Ausdruck aufrichtiger Trauer in den Zügen, saßen sie da, als hätten sie

die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem selbst miterlebt, mit eigenen

Augen seinen Glanz, seine Größe untergehen sehen. So gegenwärtig war

ihnen die Vergangenheit, so tief empfindet der fromme Jude noch heute

den Schmerz um den Verlust der alten Heimat. Dann gingen die Männer in

Strümpfen ohne Stiefel in die Synagoge. Meine Mutter blieb mit den

älteren Schwestern zu Hause. Es wurden mehrere Fußbänke in ein Zimmer

gebracht und Kerzen auf niedrige Tische und Stühle gestellt. Wir alle

setzten uns um die Mutter herum auf die Fußbänke und nun begann man mit

der Verlesung der »Zerstörung von Jerusalem«. Die Mutter weinte und wir

Kinder weinten leise mit. Dann wurde noch die M'gile Echo -- die

Klagelieder -- vorgelesen und unsere Tränen flossen reichlich. Die Buben

freilich hatten ihr eigenes Treiben.

Runde, grüne Kletten, wie kleine Kartoffeln, mit Stacheln wie

Stecknadeln bewachsen, die an jeden Gegenstand sich anheften, pflegten

die »kundesim« (Gassenjungen) am »erew tischeb'aw« den ernst trauernden,

alten Männern in die Haare und an die Strümpfe zu werfen, um diese zu

ärgern.

Am folgenden Tage herrschte noch tiefe Trauer und die schwere Stimmung

lag noch auf allen. Des Morgens durften wir uns nicht einmal waschen;

auch wir Kinder fasteten manchmal etliche Stunden und die Eltern lobten

unsere Standhaftigkeit. Mit desto größerem Appetit fielen wir über das

Essen her, als der halbe Tag vergangen war. Im Hause begann es auch

wieder lebhafter zu werden, man räumte die Zimmer auf und in der Küche

regte sich's wieder. Wir Kinder nahmen Spiel und Vergnügen auf. Eines

dieser Spiele an einem Tischeb'aw blieb mir besonders in Erinnerung:

Mein Bruder hatte schon einige Tage vorher mit einem Freunde gleichen

Alters, dem jetzigen Doktor H. S. Neumark, verabredet, daß er an diesem

Tage einige hundert Knaben aus der Stadt Chedunim zu meinem Bruder nach

der Vorstadt Zamuchawicz bringen solle, mit denen die beiden diesen Tag

entsprechend und würdig verbringen wollten. Sie beabsichtigten nämlich,

zur Erinnerung an jene Schlacht, die vor ungefähr 2000 Jahren bei der

Zerstörung des Tempels zu Jerusalem stattgefunden, einen Kampf zu

veranstalten. Die Jungen mußten ihre rotgefärbten Holzschwerter, wie sie

an diesem Tage jeder jüdische Knabe besaß, mitbringen. Als Waffen

dienten auch Pfeil und Bogen, ein Knüttel, selbst eine Bauernpeitsche.

Doch galt hier hauptsächlich die persönliche Tapferkeit mit der Faust.

Mein Bruder und sein Freund wählten einen freien Platz, neben unserem

Hause, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Die »Soldaten« kamen

einzeln und in Scharen. Die Kampflustigen waren verschieden an Größe,

Alter und Stand; doch wurden in diesem Heer derartige Kleinigkeiten

nicht beachtet! Es wurden Generäle, Oberste und Offiziere eingesetzt,

und die anderen bildeten sodann die Mannschaft -- das Fußvolk; mein Bruder

und sein Freund wurden zu Königen ernannt. Die Generäle erhielten

Sternchen aus Papier und Eichenlaubblättern; über die Schulter quer

fielen Schärpen aus blauem, rotem oder weißem Glanzpapier. Die

Dreispitzhüte wurden aus dunkelblauem Zuckerhutpapier hergestellt, die

von den Knaben Krepchen (Kreplach) genannt und mit Büschen aus

Hahnenfedern geschmückt wurden. Der Oberste trug als Abzeichen Schnüre

aus roten Beeren um die Schulter, und den Offizieren steckte man als

Kokarde eine große, gelbe Kamille an den Schirm der Mütze. Die ganze

Armee wurde in zwei gleiche Abteilungen geteilt und jeder König übernahm

sein Heer und stellte die Soldaten in Reih' und Glied auf. Die Kleidung

der Könige unterschied sich in auffälliger Weise von der der anderen

Krieger; der eine König hatte ein grosses Handtuch, der zweite ein Laken

quer über der Brust und beide trugen zahllose Orden, die auf dem Felde

und auf den Wiesen gepflückt waren: Sonnenblumen, weiße, gelbe und rote

Blüten in allen Größen. Und um die königlichen Häupter waren große

Kränze aus Hanfzweigen gewunden. Zwischen beiden Armeen wurde ein Kordon

gezogen, und nun sollte das Zeichen zum Angriff gegeben werden. Doch wer

sollte mit dem Angriff beginnen? So schrie man denn von der einen Seite

herüber: »Scheli, scheli, scheloch!« (Schick' Dein Volk heraus!) Darauf

erwiderte man: »Mein Volk ist krank.« Nun näherte sich aus diesem Heere

ein Krieger dem König des ersten Heeres, ergriff dessen Hand und sagte,

den Zeigefinger erhebend: »Der Malach (Engel) hat dir drei Plätze

geschickt -- siehst du Feuer? Siehst du Wasser? Siehst du den Himmel?« Der

König mußte bei der letzten Frage zum Himmel hinaufsehen, indeß der Bote

entfliehen und den Kordon überschreiten mußte, wenn er nicht gefangen

genommen werden sollte. War es ihm aber geglückt, den Kordon rechtzeitig

zu überschreiten, so hatte sein Volk den Vorzug, den Kampf zuerst

beginnen zu dürfen. Nun fing man mit Schwert und Pfeil und Bogen an; da

diese Waffen aber bei dem ersten Zusammenprall zerbrachen, waren die

Soldaten auf ihre Fäuste angewiesen.

Eine Viertelstunde mochte der Kampf bereits gedauert haben, aber noch

war der Sieg nicht entschieden. Das Heulen und Schreien jedoch wuchs

entsetzlich an. Da schwenkte einer der Könige ein weißes Taschentuch auf

einem weißen Stock und schrie laut: »Genug! Stillstehen! Nicht mehr

schlagen!« Die zügellosen Jungen hörten aber nicht darauf und fuhren

fort, die Schädel und Rücken der Schwächeren zu bearbeiten, bis sie

durch Hiebe ermahnt werden mußten, das fast zum Ernst gewordene Spiel

abzubrechen. Die meisten zogen mit Ehrenzeichen, wie blaugeschlagene

Augen, blutende Nasen, verwundete Beine, vom Kriegsschauplatz ab. Die

Könige trösteten die braven Helden, und wir Mädchen, die der Schlacht

zusahen, brachten von Hause frisches Wasser, Handtücher, Tischtücher und

erfüllten das Amt der barmherzigen Schwestern, indem wir den Verwundeten

die blutenden Stellen wuschen und trockneten. Nachdem die Ruhe

einigermaßen hergestellt war, fingen die Heerführer an, den Triumphzug

vorzubereiten. Wir wurden aufs Neue ins Haus geschickt, um die nötigen

Requisiten zu holen, wie ein großes Messingbecken, das Messingtablett

des Samowars und einige Kupferkasserollen. Die Soldaten hatten mit

Papier überzogene Kämme, die als Blasinstrumente verwendet werden

sollten und hölzerne kleine Pfeifen. Die ganze Armee wurde wieder auf

dem Platz gesammelt und geordnet. Zwar konnte sich mancher Soldat nur

mit Mühe auf den Beinen halten, allein an dem feierlichen Akt, der nun

folgen sollte, wollte jeder teilnehmen. Nun wählte man unter den

Soldaten einige aus, welche die von uns zusammengetragenen Geräte als

Musikinstrumente zu behandeln verstanden. Die Könige nahmen eine

würdevolle Haltung an, als sie mit überlautem Hurrah! begrüßt wurden und

mit ihren bekränzten Häuptern den Dank nickten. Der Zug setzte sich in

Bewegung. Das Messingbecken, von einer mächtigen Faust geschlagen,

machte betäubenden Lärm. Die beiden kräftig aneinandergeschlagenen

Kasserollen dröhnten. Die schrillen Töne der Pfeifen klangen wie ein

schwacher Protest gegen diesen Lärm und das Getute auf den mit Papier

überzogenen Kämmen ergänzte diese seltsame Musik. Auch die Stimmen der

Soldaten taten ihr Möglichstes: Sie sangen einen Zapfenstreichmarsch mit

wilder Kraft. Unter diesen Musikklängen bewegte sich der Triumphzug

langsam vorwärts. In der Haltung der Könige lag etwas Imposantes, das

sie mit Recht zu Herrschern unter diesen Knaben machte. Wir Mädchen

begleiteten den Zug mit Händeklatschen und waren von dem ganzen

Schauspiel entzückt. Man marschierte an dem Garten entlang, bei unserem

Hause vorbei. Dann lösten sich die Truppen auf, und ein jeder Krieger

ging mit Stolz von dannen. Auch die Könige verabschiedeten sich mit

huldreichen Worten, zufrieden mit dem Gelingen des Unternehmens, das

lange das Gespräch in der ganzen Stadt bildete. Trotz der blutigen Köpfe

freuten sich unsere Eltern über die Sitte der kriegerischen Spiele sehr.

Die jüdische Sitte hat, wie es scheint, das Bestreben, jeden Trauer- oder

Fasttag durch einen darauffolgenden Freudentag auszugleichen. So folgt

auf Tischeb'aw bald Schabbes-Nachmu, d. i. der trostreiche Sabbath: Gott

tröstet sein Volk und verspricht ihm durch den Mund des Propheten die

Wiederaufrichtung des Tempels, der sich noch herrlicher als zuvor

erheben soll und verjüngt wird die Mutterstadt Jerusalem aus ihren

Trümmern erstehen. An diese Verheißung glaubten meine Eltern

unerschütterlich fest. Sie hatten noch ihre Illusionen und Hoffnungen,

die sie vor Verzweiflung schützten und ihnen die Kraft verliehen, die

Leiden der Gegenwart zu tragen. Gehörte doch zu jener Zeit ein

Selbstmord unter den Juden zu den größten Seltenheiten, weil sie in dem

Glauben an Gottes Wort und an das Jenseits Trost für alles irdische

Leiden fanden. Dieser starke Glaube lebt auch in einem kleinen Liede,

das uns unsere fromme, kluge, gütige Mutter lehrte.

Es lautete ungefähr:

Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,

Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!

Dem winzigsten Volke gehört er ja an,

Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.

Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,

Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!

Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,

Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!

Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,

Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!

Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,

Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!

Eins aber sagt ihm immer sein Herz:

Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!

Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch

in polnischer und althebräischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der

jüdischen Forscher in Rußland haben die Juden in Rußland nur Russisch

mit Hebräisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung

stützt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von

Saul Günzburg in Petersburg herausgegeben wurden.

Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische

Anspielung klar, daß die Juden für die Sünden ihrer Vorfahren leiden,

aber von Gott die Verheißung erhalten haben, daß er sie wieder

aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen

und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, daß sich diese

Verheißung auch gewiß einst erfüllen müsse. Erst im reiferen Alter

begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiosität und die

aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor

mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhängenden Armen versonnen

dastand, und wie sie, entrückt, allen kleinen, irdischen Dingen, das

leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber

in ihren Zügen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewußtsein

der Sündhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade

des Herrn.

Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jüdische Leben, und man

beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschließungen und

sonstige Vergnügungen verboten waren, wettzumachen, und die Töchter oder

die Söhne so rasch wie möglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte

man nicht zögern, denn dem Monat der Fröhlichkeit folgte schon Rosch

Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der

Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die

Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch täglich nach dem

Frühmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und

Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr

begangenen Sünden. Fasten, Kasteiungen und die heißen Gebete zum

Schöpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke

wurden geübt. In den meisten jüdischen Häusern waren damals an

irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nähe der M'susaus im Eßzimmer,

Sammelbüchsen aus Blech mit Deckelverschluß angebracht. Die eine dieser

Büchsen hieß die »Erez Jisroel Puschke«. Die darin gesammelten Münzen

waren für die talmudischen Schulen in Palästina und für alte Leute in

Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem

heiligen Boden zu sterben und in palästinensischer Erde begraben zu

werden. Schrieb man doch dieser die Kraft zu, die in ihr ruhenden Toten

vor der Verwesung zu bewahren, so daß sie sich bei der Ankunft des

Messias in voller Frische aus ihren Gräbern erheben würden. Im Vertrauen

auf die der palästinensischen Erde innewohnende Kraft ließen sich in

Europa lebende fromme Juden Säckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre

Gräber streuen zu lassen. -- Pflicht der jüdischen Gemeinden war es

jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres

Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Büchse, der

alljährlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen

wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach

Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rüstiger Mann mit dunklem,

sonnengebräuntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel

von Palästina zu erzählen, und wir lauschten diesen fremdartigen

Erzählungen wie einem Märchen.

Die zweite Büchse war die »Reb Meier Balhaness-(Wundertäter) Puschke«.

Wenn jemand ein Unglück drohte, bei Krankheitsfällen oder sonstigen

Gefahren, spendete man in diese Büchse eine Summe in Höhe von 18

Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermögen und Anlaß;

jedenfalls mußte die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in

hebräischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet.

Uns Kindern gingen die schweren Tage der Buße nicht sehr nah, im

Gegenteil, wir freuten uns der schönen Herbstzeit mit dem reifen Obst,

das wir in großen Mengen vertilgten. Eine Schürze voller Früchte bekamen

wir für einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte,

und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei

uns im Garten waren die Früchte gereift und harrten hier der

pflückenden Hand, der naschenden Mäuler. Die Baumzweige hingen zum

Brechen voll und das Gemüse stand hoch in prächtigen Farben. Der Kohl

wurde reif. Meine älteste Schwester verstand es trefflich, aus dem

Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den

Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ruß geschwärzten

Holzsplitter an die Spitze, so daß es wie ein Licht aussah. Spät vor

Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anzünden bald der Köchin, bald dem

Diener. Der Holzsplitter fing für einen Moment zwar Feuer, verlosch

jedoch bald, worüber die besagte Person sich ärgerte. Wir Kinder sahen

von der Ferne zu, kicherten und freuten uns über den gelungenen Spaß.

Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange

im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich kühl. Die Tage wurden

kürzer und trübe. Wir gingen nicht mehr so frühzeitig in den Cheder. Wir

mußten oft im Chederraum spielen, weil uns häufig der Herbstregen von

der Straße scheuchte.

Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen

Geschwister wurden immer ernster, je näher der Monat Elul seinem Ende

kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute,

wurden die Bußgebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, daß

man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um

Mitternacht beginnen muß, um überhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet

nennt sich Sechor bris.

Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber

als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen

gebacken, Konfitüren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weißbrot

wurde in Form von Kringeln gebacken, was symbolisch das runde Jahr

darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weiße Kleider, die nur

am Neujahrsfest und am Versöhnungstage angelegt wurden. Am Vorabend

wurden viele Kerzen angezündet, über die die Frauen den Segen sprachen;

die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas

Trauriges, ein gewisser Ernst über den Gemütern. Beim Abendgebet in

der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, daß unser guter

Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die

Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut

den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher

Stimmung. Wir alle schütteten uns zuerst reichlich Wasser über die

Hände, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und

beteten still mit, während der Vater über die beiden großen Brote, die

vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen

in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in

Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen

gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen.

Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit

Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst

um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am

nächsten Tage in aller Frühe ins Bethaus gehen zu können. Ich erinnere

mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem

Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so früh aufstand.

Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei

Uhr mittags heim, erschöpft, aber in gehobener Stimmung -- das war

die Wirkung der für diesen Tag bestimmten Gebete -- die erhabene

Piutim-Poesie, die philosophischen Betrachtungen über das irdische,

vergängliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht

unseres einzigen Gottes, »der auf seinem Richterstuhl sitzt«, wie es in

den Sprüchen heißt, »und Gerechtigkeit übt«.

»Er öffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im

Gericht seinen Zorn unterdrückt, mit Huld und Milde sich als Richter

schmückt. Er, der Sühnung aller Schuld gewährt, der seine Huld lässet

walten. Er zürnt nur kurze Zeit und ist groß an Langmut. Er ist gütig

dem Bösen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm

bekehrt.«

Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des

Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ...

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 6 / 14 段