Der Spruch mußte rasch, in einem Atem und ohne daß man sich von der

Stelle rührte, hergesagt werden. Wir waren fest überzeugt, daß der Hund

still werden und uns passieren lassen würde....

Unser »bewährter« Führer wartete auf seinem Platze, wo er sich in

Sicherheit fühlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich

der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklärte mir auf dem Wege

alles, was mir neu und merkwürdig schien. Wir sahen viele Buden,

Krämergestelle und mußten uns durch die Menschenmassen hindurchdrängen,

bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.

Das Häuschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen.

Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die

nur spärlich das Tageslicht einließen. Das Häuschen war von einer Prisbe

(Erdbank) umgeben, auf der ich meine künftigen Mitschülerinnen, die

ungefähr in meinem und meiner älteren Schwester Alter standen, bei

verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit großen Augen an. Wir

blieben vor der Eingangstür stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte

hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie öffnete

die Tür, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich

erfaßte sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen

bildete ein halb verfaultes Stück Holz, das ganz tief eingesunken in dem

Lehmboden lag. Ich mußte das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu

fühlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen

Schritt vorwärts. Meine Schwester ermahnte mich, daß ich nicht über die

zum Boden führende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein

Wasserfaß, an dessen Rand der große hölzerne Wasserschöpfer lag, der uns

Kinder später immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch

ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tür, die statt der

Klinke einen hölzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie

eine Glasur war. Meine Schwester öffnete die Tür, sie trat in den

Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade

stehen. Beim ersten Schritt stießen wir auf eine Bank, die mit einem

langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und

Gebetbücher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine ähnliche

Bank, die bis an die Wand reichte. Ich überlasse es der Phantasie des

Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed,

thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit

Herrscherblicken das ganze Gebiet übersehen.

Reb Leser war kräftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen

Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er saß, in seiner ganzen

Breite und Höhe. Seine wasserblauen, großen, hervorstehenden Augen, vor

denen sich fortwährend ein paar kleine graue Pees (Ohrlöckchen)

bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten

Selbstbewußtsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen

Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgemäß: kurze,

an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strümpfe, gigantische

Schuhe; seine Hemdärmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer

bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im

Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine

Sammetkäppchen auf dem großen Kopf vervollständigte die damalige Tracht

seines Standes.

Am anderen Ende des Tisches saß, stets in gebückter Haltung, der

Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Händen

(das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben für

Buchstaben, Zeile für Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben

Vorgetragene mit den Schülerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst,

hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen

und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung

waren.

Wir blieben also stehen, wir _=mußten=_ auf demselben Fleck stehen

bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf:

»Ah!« Dann faßte er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und

setzte mich neben sich hin. Die Schülerinnen kamen inzwischen

hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und

Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war,

suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schützend zu mir hin. Angst,

Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der

Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwährend ängstlich hinaufsah,

das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch

den wütenden Hund, schnürten mir die Kehle zu, und ich wußte nichts

Besseres anzufangen, als plötzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich

schämte mich und machte mir im stillen Vorwürfe, allein ich konnte mich

nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir

versprach, daß heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich

könne mit den Schülerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir

zusprach, desto reichlicher flossen meine Tränen. Der Rebbe erriet

endlich, daß es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten,

und er stampfte mit seinen großen Füßen auf, daß alles erbebte und er

schrie: »Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so

etwas noch nicht gesehen?« Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen

Richtungen und nahmen schließlich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich

ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren. Meine

Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit

dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich

mitnehmen. Ich aber ließ mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hörte

ich, daß unser ritterlicher Begleiter Welwel vermißt und mit Ungeduld

erwartet wurde, da er für fast alle Schülerinnen das Mittagessen holte.

Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphäre beschäftigt und hatte gar

nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen würden. Der

sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir:

Welwel trug Krüge, Töpfe, Schüsselchen, Gläser, Löffel verschiedener

Gattungen und Größen, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Töpfe

und Krüge waren an seinem langen breiten Gürtel, fest um den Leib

gebunden und reichten bis weit über die Hüfte. Das Brot plazierte der

erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die

gefüllten Schüsselchen hatte er übereinander gestellt, drückte sie auf

dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien

Hand. Das Dessert, das aus Nüssen, Äpfeln, gekochten Bohnen und Erbsen

bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerüstet,

bewegte sich »das Schiff der Stadt« langsam seinem Ziele, dem Cheder,

entgegen. Es war ihm tatsächlich nicht möglich, sich irgendwo

hinzusetzen.

Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit,

worauf er klagend erzählte, wo und wie lange er auf das Essen hatte

warten müssen. »Gib geschwind die zinnernen Schüsseln und die

Blechlöffel her«, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl

ausgeführt. Der Rebbe schüttete unser Mittagsessen in eine Schüssel, und

ich bekam einen Blechlöffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch

hatte, was bedeuten sollte, daß er »milchig« war, d. h. nur für

Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Löffel mehrere Male

in den Händen hin und her und konnte mich nicht entschließen, damit aus

der Schüssel zu schöpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem

weißen Porzellanteller und mit diesem blechernen Löffel soll ich essen?

Wieder kamen mir die Tränen in die Augen, und der Hals war mir wie

zugeschnürt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal

den Grund meiner Tränen nicht erklären! Meine Schwester aber war

praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenüber behielt sie durch

das ganze Leben). Sie griff tüchtig zu, führte einen Löffel nach dem

andern zum Mund und ließ sichs gut schmecken. Als sie einigermaßen satt

war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die

Antwort schuldig, denn ich fühlte, daß mir bei den ersten Worten die

Tränen noch wilder aus den Augen stürzen mußten. Ich bezwang mich aber

und schöpfte einen Löffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen

Tränen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der

Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekränkt

hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzüge des Essens im Cheder, im

Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir

während der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause

erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch

erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden

war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf

den großen Holzschöpfer auf dem Wasserfaß aufmerksam, den ich benutzen

sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schülerin

an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und

beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da

wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu

verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere

Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach,

dann ging es rasch nach Hause.

Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, daß ich

meiner Njanja nur wenig erzählen konnte. Ich trank meinen Tee und

schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nächsten Morgen mit

einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, daß der

Cheder-Behelfer möglichst rasch kommen möge, damit ich nur die

Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen könnte.

Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele

fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pünktlich,

und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.

Und nun benahm ich mich auch schon anders.

Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, später spielte ich mit den

anderen Schülerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fühlte ich mich

schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule.

Außer der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes,

finsteres Durchgangsloch, -- jede andere Bezeichnung dafür wäre

unrichtig -- in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner

Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die

über einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges

Töchterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte,

stieß unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung

blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenwäsche waren keineswegs

sauber zu nennen. Aber man muß mit allem zufrieden sein, heißt es, und

die Bewohner dieser verfallenen Hütte waren es im vollsten Sinne des

Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, daß

ihre »Altinke« (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht

aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb.

Man behütete und pflegte sie und schützte sie wie den Augapfel. Am

Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O] und ein Heele

(auch eine Art von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer

mystischen Aufschrift versehen war). Das Bändchen, an dem diese Dinge

und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der beständigen Nässe vom

Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes.

Dieses kleine, unglückliche Geschöpf lag meist in der Wiege, da Feige,

so hieß die Rebbezin, allerlei Geschäfte auf eigene Faust führen mußte,

wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen,

Leckerbissen, die ihr die Schülerinnen täglich abkauften. Besonders

waren es die Gluckhenne mit ihren Küchlein, die ihr viel zu schaffen

machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem

Arm herumzutragen. Täglich wählte sie eine andere der Schülerinnen, die

ihr in allen häuslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte

sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich

ihr Kind (was ich übrigens mit großem Vergnügen tat), bald half ich

ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen

schieben mußte; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern

(mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern über die Augen

strich).

Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte

ungewöhnlich lange Arme, einen langen, dünnen Hals, der einen Pferdekopf

trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dünne

Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem Lächeln

verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur Hälfte den Mund

und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen

Pferdezähne und vor allem die Zahnlücken bewirkten, daß die Worte aus

ihrem Munde nicht sehr schön klangen. Aber das hinderte sie weiter

nicht, ihre ganze Umgebung vom frühen Morgen bis zum späten Abend von

dem Vorhandensein ihres ungeschwächten Sprechorgans zu überzeugen. Auch

ich sollte bald erfahren, daß mit der Rebbezin nicht zu spaßen war, und

ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schließen ließ.

Mein Kätzchen hatte ich zu Hause lassen müssen, ich verschmerzte es zu

Beginn, weil ich an den Hühnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft

zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brütenden Henne und sah zu, wie

sie mit ausgebreiteten Flügeln behutsam auf den Eiern saß. Ihr Auge

drückte während dieser Zeit fast eine menschliche Zärtlichkeit aus. Das

Tier saß geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und

sie fütterte. So geschah es einmal, daß ich mich zur Gluckhenne beugte,

um sie wegzutragen und zu füttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von

ihrem Sitz aus und erschrak über die Möglichkeit, daß ich die Henne

aufscheuchen und daß sie am Ende wegfliegen könnte. Die Eier würden kalt

und nicht mehr ausgebrütet werden können. Behende sprang Feige zu mir,

erfaßte mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskräften:

»Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg!« (fort von hier).

Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entriß sich

tatsächlich meinen Händen und wandte ihren raschen Flug nach der

Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein

dreieckiges Fächerchen, darauf ließ sich die Henne nieder, sah mit

lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf

Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und ließ ein Andenken an ihren

kurzen Aufenthalt zurück; dann flog sie, mit den Flügeln schlagend, auf

das Fach, wo die Zinnteller und Schüsseln standen, warf alles um, was

natürlich viel Lärm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf,

wo sie sich endlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so

bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schüler mit lautem

Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung faßte, und da

er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mußte, schalt und

fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Ehehälfte schwur er hoch und teuer,

er werde alle ihre Hühner schlachten. Das sollte sogar schon morgen

geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darüber und

verteidigte bei offener Tür ihre Schützlinge. Sie brachte Argumente vor,

die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen ließen.

Schließlich meinte sie, ihr Mann hätte überhaupt kein Recht, die Hühner

zum Tode zu verurteilen. Ihre glänzende Verteidigungsrede war wohl

hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den kürzeren zog und zum

Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine

Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gesprächen im Cheder

und im sogenannten »Schmolen Gässel« (schmalen Gäßchen). Es hatten sich

viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe

in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner

Njanja viel zu erzählen....

Wenn Reb Leser schließlich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet

gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes,

dessen Würde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund

dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im

schmolen Gässel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits

des Teiches, sehr populär! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein

Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein »Ajin hora«

(böses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zu diesem Zwecke ein

Kleidungsstück des »Befallenen«, etwa ein Strümpfchen oder ein Leibchen,

flüsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das

genügte, um das Kind genesen zu machen, ohne daß er es persönlich

gesehen hätte. Dem Überbringer wurden die Gegenstände mit den Worten

zurückgegeben: »Es wird schon gesund werden.« Hatte jemand

Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zwölf Uhr

nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die

linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann

sicher, daß der Schmerz aufhören würde -- eventuell freilich erst nach

langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen

Rückenschmerzen litt, mußte sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser,

der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fuß auf den Rücken des

Kranken für einen Augenblick und der Kranke war genesen!

Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest überzeugt, daß sie viel

Milch geben würde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach

längerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen

vermochte vieles zu bewirken.

Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das

Schadchengeschäft viel mehr Geld ein. Diese Tätigkeit warf ihm beinahe

so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, daß sie

gewöhnlich bei einem Gläschen Schnaps vor sich ging. Je nach dem

Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und -- Feinde. Von den

letzteren gab es mehr!.. Reb Leser ließ sich darob keine grauen Haare

wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Geschäft

in seinen Mußestunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da

der Jude von damals, nachdem er vierundzwanzig Stunden geruht hatte, in

der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war

vielleicht gut, daß Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden

konnte....

Der denkwürdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere

des Cheders zu verleiden und mich stärker für die Spiele draußen zu

interessieren. Ich erreichte in manchem eine große Fertigkeit -- so im

Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter

Würfel bediente; im Nüsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar.

Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und

erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der

Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen.

Es wurde so viel gespielt, daß wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck

unseres Schulbesuches vergaßen.

Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut

und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fuß. Mein besonderer Liebling

war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes Männchen mit einem

grüngelben Ziegengesicht und blöden Ziegenaugen, die den Zug des

Gequälten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden.

Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und

schrieen übermütig: »In schaul! In schaul!« und begleiteten ihn eine

Strecke. Er erschien nämlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der

Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch übrig gebliebenen

Lungenkraft schreiend: »In schaul! In schaul!«, die Gemeinde zusammen.

Dann stemmte er die Hände in die Seiten und konnte lange vor Husten

nicht zu Atem kommen. Übrigens hatte er noch eine andere Beschäftigung;

an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den

jüdischen Krämern und ermahnte sie, die Läden rasch zu schließen. Und

vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches

(Frühgebet während der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest).

Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schülerinnen nicht fassen

und draußen vor der Tür verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so

mußten wir uns mit unseren Würfel- und Nüssespielen in eines der vielen

Vorhäuschen in der gegenüber dem Cheder befindlichen großen Synagoge

flüchten, wo es immer kühl und geräumig war. Ich entsinne mich, daß ich

nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen

Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die

Abteilung zu betreten, in der die Männer zu beten pflegten. Der große

Raum mit den vielen Bänken und Tischen war imposant. In der Mitte der

Synagoge befand sich ein viereckiger erhöhter Platz, der von einem

niederen, geschnitzten Geländer umgeben war; auf dieser Erhöhung stand

ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim »Leienen« lagen.

Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Türen zum Oren-hakodesch

führten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verhängt,

in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten

dieses jüdischen Paniers standen in Lebensgröße zwei Löwen aus

Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der östlichen

Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenplätze für die ältesten und

angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die »Matan

b'sseisser Puschke«, d.h. die Büchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein

Lieblingswunsch in Erfüllung gegangen oder ein besonderes Glück

widerfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz

im geheimen etwas in diese Büchse. Außen war nur ein kleiner Spalt in

einer Nische der Mauer zu sehen. In diese Öffnung warfen die Spender

ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ängstlich zu vergewissern, daß

auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen

bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab.

All diese seltsame Pracht erfüllte das Kindergemüt mit Ehrfurcht und

Scheu.

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 5 / 14 段