Das Nachmittagsschläfchen am ersten Neujahrstag unterließ man, denn an

diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden.

Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Fluß, wo

man ein kurzes Gebet verrichtete und die Sünden gleichsam von sich

abschüttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater

nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom

Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und

Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zündeten die Frauen wieder die

Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen

und machte über den Becher Wein Kidusch und Schechejone über eine Frucht

(Segenspruch über eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht

gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewöhnlich hierzu eine Wasser- oder

Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Früchte waren in unserer Gegend

sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr früh genommen

wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nächsten Morgen frühzeitig in

der Synagoge mit dem Beten beginnen zu können, das wieder bis nach ein

Uhr währte. Der nächste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heißt. Alle

fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so quälte man sich auch den

dritten Tag. Darauf folgten die zehn Bußtage (Asseres jemei Tschuwe),

die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Versöhnungstag) fallen, und

mit dem heiligen Versöhnungstag ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichen.

Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur

(des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da

unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und

nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich,

um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine

Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu

bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um

seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird

geschlachtet und gegessen.

Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht.

Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete

nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist,

fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit

einem ganzen Packet Tchines -- kleine Gebetbücher nur für Frauen in

jüdisch-deutsch geschrieben -- und einem ungeheuer großen Knäuel

Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. Meine Mutter pflegte vorher

nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist

jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weicher. Meine

Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie

viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst

nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze,

stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter

ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn

auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen

aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte

dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom

Dochtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig

dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden

Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr

gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier

Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum

Jom-Kippur zu gebrauchen.

Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher

Stimmung; man aß nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches

(Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich

in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten.

Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust

schlagen, wobei die Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich

noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen.

Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge

kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer

Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt

von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas

Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Tränen, deren sich

keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die

Männer zogen ihre langen weißen Kittel über die Kleider. (Dieser weiße

Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein

Silberstoffgürtel und ein Silberstoffkäppchen vervollständigten die

Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge;

das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater

jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege

lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern,

denen er die Hände aufs Haupt legte, flossen die Tränen reichlich die

Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der

Schwelle stehen -- alle weinten und baten einander »Mauchel sein«, d. h.

um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht,

wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekränkt

haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefühle adelte die Seelen

und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewußtsein, daß Gott die Sünden

vergeben werde, stärkte den Willen, nun ein neues, geläutertes Leben zu

beginnen.

Alle Seelen der Großen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben,

und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwärts gerichtet. Der

eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die große

Abrechnung mit den sündigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von

vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor

offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen

Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmütig reuevollen

Stimmung der betenden Gemeinde jede Beleidigung, die man einander

während des ganzen Jahres angetan, zurückgenommen, jede Kränkung

verziehen; auch den Andersgläubigen vergab man jede Beleidigung und

Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Sünde befreien und erkannte an

diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des

Menschen in dem großen Weltall und dem Schöpfer gegenüber mit den

Worten: »Wir Menschen sind in Gottes Händen wie Ton in des Töpfers

Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des

Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles.«

Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns

um die älteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und

Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andächtig neben ihr und

wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so

bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen

knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes

Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten,

und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten

dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten

und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden

bereuten.

Um neun Uhr hieß sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums

Herz, daß wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß solange, bis

wir einschliefen.

Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster,

den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am

großen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen

Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht über die Sünden der

Menschen, die in einem Buch mit des Täters Hand verzeichnet sind. Hier

aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Tränen der so

bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel

zittern und rufen: »Das ist der Tag des Gerichts!« Die große Posaune

wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll

oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer

verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue,

Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch?

»Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen

Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras,

das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der

entschwindet.....«

Im Hause sah es bei uns trübe aus; die Fensterläden waren geschlossen,

die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen

noch da, in denen die Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam

brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten.

Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück,

das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weißbrot bestand und zugleich unser

Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und

die schwere Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerung

regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung

gebracht, man deckte den Teetisch, zündete viele Kerzen an und bereitete

einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je

dunkler es draußen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar

(Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die

Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle

erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man

wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und

gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte

unser Vater Awdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da erst

setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich

besetzt war. Ohne Rücksicht darauf, daß der Magen während 24 Stunden

nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, füllte man ihn jetzt

mit süßen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm

Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit

war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und

Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag für ein ganzes Jahr

hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem

gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar

übermütig und liebte die Einsamkeit, aber die drückende Stimmung des

Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.

Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter,

und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt,

begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor

sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der

Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns

ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man

blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener

Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur

Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nächsten Morgen schon mit dem

ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt,

die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der

Satan könnte sonst zu Gott, dem Schöpfer sagen: »Sieh, Herr, du hast

deinem Volk gestern die Sünden vergeben, und heute hat sich kein

einziger eingefunden, dein Haus ist leer!«

Aber der Satan soll über das auserwählte Volk nicht triumphieren.

Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde

im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur für kurze Zeit, da bloß ein

Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge

fort, um einen Essrog (Citronenähnliche Frucht) und einen Lulow

(Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm

gelang, einen völlig fehlerfreien Essrog -- einen sogenannten »Mibuder«

zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu

jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in

geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden

war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres

Hauses je einen Essrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden,

prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in

einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht

Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die

Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu

gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten, irdenen Krug.

Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte,

plauderte nach Herzenslust. Ich hörte oft sagen, daß in den vier Tagen

vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Sünden des Juden nicht unter Kontrolle

stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.

Viele der Scherze galten den »Sogerkes«. In den vierziger Jahren

des vorigen Jahrhunderts gehörte es noch zu den Seltenheiten, daß

im einfachen Volke eine jede Frau hebräisch zu beten verstand. Das

Bedürfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen

zu beten, war groß. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre

Kenntnisse industrialisierten. Für eine kleine Belohnung beteten sie

an den erwähnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In

Ermangelung einer solchen Frau mußte jedoch in den kleineren, jüdischen

Städtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in

ein Faß kriechen und von diesem Schutzwall aus -- von den Weibern

umgeben -- die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei

oft komische Szenen, und für die Anekdotenbildung war das Faß ein

unerschöpflicher Born....

Die Vorleserin nannte man »sogerke« und den Mann »soger«. Diese beiden

mußten mit _=weinerlicher=_ Stimme die Gebete vorsprechen, um das

umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhörerinnen

befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die

schwerhörig war. Sie bat die Vorleserin, sie möchte etwas lauter

sprechen, dafür würde sie von ihr eine große Leber bekommen. Jene aber

gab ihr mit tränender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort:

»Wie mit der Leber, so ohne die Leber.« Das umstehende, unwissende

Weibervolk aber glaubte, daß diese Worte zum Gebet gehörten und alle

riefen mit weinerlicher Stimme: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.«

Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach

Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge

zurückkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. »Nu

... das Gebet von der _=Leber=_.« Die eine: »Im vorigen Jahre hat man

doch so etwas nicht gesagt.« Die andere: »heint efscher, weil ein

Schaltjahr ist!« ...

Uns Kindern bot sich in den nächsten Tagen eine Reihe schöner

Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge.

Gleich nach dem Frühstück wurde die Laubhütte besichtigt, eine

geräumige, längliche, hohe Laube mit großen Fenstern, die das ganze Jahr

unbenützt blieb. Sie mußte daher erst gewaschen, geschmückt und wohnlich

gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk.

Während der nächsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte,

studierte nicht, und selbst das tägliche Beten wurde, wie mir scheint,

zum großen Teil von den jungen Herren etwas vernachlässigt. Unseren

Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da

die Ferien für die jüdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von

September bis Oktober) dauerten.

Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in

die Laubhütte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des

Vaters Leitung die Wände behängten. Man holte Spiegel, brachte die Möbel

aus dem Eßzimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am

Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewänder an. Die

Kerzen der großen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den

jungen Frauen angezündet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes

Gebet, worauf wir uns alle mit großem Behagen auf die Stühle um den

Tisch setzten und die geschmückte Sukke (Laubhütte) bewunderten. Ihre

bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige

ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden

Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grüne

Tannendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen,

funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte,

verliehen dem Raum eine märchenhafte Pracht.

Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten

unter ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, die alle reich

geschmückt waren. Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim und es gab

das köstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der

Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasröcken (Kaftans), den

breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren

strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die

Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten,

gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen

sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück Barches, die in Honig

getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen eröffnet und mit

Gemüse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche

Abendluft zu kühl wurde, verließen die Sukke; einige blieben noch

plaudernd sitzen.

Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein

besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein

imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen

stehend, mit dem grünen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der

duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang

Hallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der

Synagoge machten.

Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurück, und nun kamen zum Festtag

viele Gäste, denen man Wein und Süßigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag

verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen

gingen spazieren. Aber keiner vergaß, daß man sich schon um fünf Uhr in

der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mußte. Der zweite Tag

unterschied sich fast gar nicht von dem ersten.

Die folgenden vier Tage sind die sogenannten Chaulhamauedtage

(Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet

ist. Doch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen

Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werkstätte

geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin.

Am fünften Tage, Hauschano rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem

Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer

Volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen,

dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich

der Himmel teilen und öffnen, und der fromme, gottesfürchtige Jude kann

seine Pracht sehen! Nur muß man schnell »Koll tow!« (Alles Gute!)

ausrufen und jeder Wunsch geht dann in Erfüllung. -- In dieser Nacht

bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei

kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bündel vereinigt), die ein jeder

während des Gebetes ergreift, und sie während der ganzen Betzeit in der

Hand behält. Das hierfür bestimmte Hauschanegebet wird mit großer

Andacht und unter Tränen verrichtet. Am Schlusse werden die Blätter der

Weidenzweige abgeschlagen.

Das Weißbrot wird für diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die

Volkssage erzählt, daß an diesem Tage im Himmel endgültig beschlossen

wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und daß dieser Vogel

zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurückbringt. Den

siebenten Feiertag des Laubhüttenfestes nennt man Sch'mini hoazeres. Am

Vorabend sind alle wieder festlich geschmückt. Am nächsten Morgen

beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr früh. Man fleht den Himmel

um Regen an in dem sogenannten Regengebet (geschem), einer

gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlängert den

Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die

Synagogenbesucher.

Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag.

Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränderlich, oft schon

empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mußte Pelze

anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in

der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder,

hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es

unsere Eltern, ihre Wünsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu

halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten

Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Möbel,

Stück für Stück, in die Wohnung zurückgebracht, und die vor kurzem noch

so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein

treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. --

Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes »Simchas-Thaure« (Freude

über die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzählte man: »Als die

Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie

von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in

sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude.«

Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden für

alle Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen,

die sie erdulden mußten.

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 7 / 14 段