Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte seine

prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den

Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die

Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die

jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die Mutter auf eine

besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten

Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die Becher, während unsere

ältere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns

Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverständlich auch beim

Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei

Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem

vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes

Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weißen Serviette

bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte

das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten

seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter füllte

von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre

Männer, während die Becher der anderen Tischgenossen mit süßem

Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen

darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Höhe und

sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die männlichen

Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel

Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei

Tische zu fragen hat. Diese lauten: »Warum essen wir an allen Abenden

des Jahres gesäuertes und ungesäuertes Brot, heute aber bloß

ungesäuertes?« usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter

Stimme aus der Hagade lesend: »Awodim hojinu.« ... »Knechte waren wir

bei Pharao in Mizraim und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner

Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären

wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und

wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch unsere

Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.«

Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus -- er konnte und

durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen

Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche

Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er

durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen

Fürsten betrachten.

Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann

nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend

die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß

unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die

Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter.

Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten

die eine Hälfte unter das Polster zum »Aphikomon« (Nachspeise) und die

andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen

als »Mauze« (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder

Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in

Charausses getunkt so rasch als möglich verschluckt wird, da dies ohne

Mazzen geschehen muß. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig

zwischen zwei Mazzesstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein

bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend

den Meerrettig gehörig zu spüren; und wir mußten mit Tränen in den Augen

zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in Ägypten bitter war. Später

wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon

besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit

Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzemehlklößchen folgte

und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder

Tischgenosse ein Stück von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die

Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände,

was man »Majim Acheraunim« nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines

Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu

sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt

wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem

lauten »Amen« ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet

mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der

zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal

wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte der Tafel

aufgestellt und für den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch

findet in den kabbalistischen Schriften seine Erklärung. Nach der

kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder

trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) schädlich oder es kann zum

mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier

Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.

Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Elia

ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher

unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der

Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend

war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden

gefüllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann

man das Kapitel »sch'fauch chamos'cho« zu rezitieren; hierauf folgten

die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen

»chadgadjo, chadgadjo«, »Ein Zicklein, ein Zicklein«. Mit diesen und

ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seinen

vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen

sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten

Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Schwestern verließen eine nach

der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was

nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber

hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war

Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich

jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche

Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindergemüt

berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in

sieben Tönen gesungen, wobei sich mein älterer Schwager David Ginsburg

besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergeßlich meiner

Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten

Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem

Leben das Lied so schön singen hören zu können! Auch meine Mutter

pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.

Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich

aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch

gestattete. Als sie aber bemerkte, wie müd und abgespannt ich war,

erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte

noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß

ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu scheinen und

kroch auf einen im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit wahrem

Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber nicht aus,

und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich

entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald

wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der

gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich

geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Draußen

strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft

war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt

zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause,

wie schön bist du! --------

Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an,

und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese

bereits erwarteten. Wir hüpften und tanzten und sangen: »Der Frühling

ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha!«

Die Frauen und Männer des Hauses waren bereits seit dem frühen Morgen in

der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen

wurde, ein Gebet, welches das konservative, jüdische Volk noch immer

inbrünstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren außer dem Bereich

seiner nächsten Interessen liegt, daß das Korn auf dem Felde durch den

Himmelstau gedeihen möge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues

saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird

nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten

jüdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Tränen nicht

sparen.

Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal jährlich den Himmel

um Tau und Regen für die Felder anfleht, wird gewiß noch einmal sein

eigenes Land besitzen.

Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im

Blute sitzt, gebietet doch das jüdische Gesetz, erst einen Weingarten zu

pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst

zu heiraten!

Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich

auch schon Gäste ein, welche ihre Jomtow -- (Feiertags-) Besuche machten

und mit allerlei Süßigkeiten und mit Wein bewirtet wurden.

Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gängen: dem

obligaten, gefüllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten

Gemüsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an

diesem Feiertage bloß träumen kann. Diese fetten, süßen Gerichte,

wozu noch die Pfefferfische und die üppigen Knödel (Klößchen) kamen,

steigerten den Durst auf das höchste. Es wurde reichlich darauf guter,

alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch

gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Küchen,

auf dem Heuboden, während wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern,

die bei unserem Hause lagen, in völliger Freiheit tummelten und mit

den Nachbarkindern um Nüsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause

dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken.

Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen

gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann

begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das

Sphirezählen.[K]

Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend,

der Sedertisch hergerichtet werden mußte. Dieser zweite Abend hatte für

uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war üblich, die Kinder

auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jüngste Mitglied der

Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir

heute ungesäuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an

diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus Ägypten

ausführlicher als es die Hagade tut, mit den älteren und jüngeren

Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns Äpfel und Nüsse zum Spielen.

Wir waren sehr vergnügt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach.

Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise --

besonders der Salat -- trug den Charakter des Müden, Verwelkten. Bloß

der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.

An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an

der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem

üppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends

fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt

der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung

des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brühe

oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rüben) und gekochtem Geflügel.

Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem

Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewöhnlich mit Ungeduld

nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die

Sederfeier beendet sein muß. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am

vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander

folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der

Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schluß der zweiten Hälfte des

Seders wurde wieder das Hohelied bis weit über Mitternacht hinaus

gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schluß anhörte.

Die folgenden vier Tage heißen Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an

denen das Leben fast wie an einem gewöhnlichen Tage hinfließt und fast

alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an

gewöhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gäste zum Tee, zum Mittag- und

Abendessen.

Viele Mühe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefäße. Mehr

als einmal gab es Ärger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre

verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow

(Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine

stattliche Anzahl von Hühnern und »Indians« (Puten) lagen koscher

gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewässert und gesalzen, da

erschien meine Mutter in der Küche, nahm ein großes Messer und

untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das

Geflügel gemästet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so

daß das Geflügel für Passah unbrauchbar wäre. Und richtig! Sie fand ein

Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine

Leidensgefährten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr

verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr ärgerlich, sah

die Köchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und

rief: »Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du

deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des

Geflügels? Du hättest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott für

die Gnade, daß ich das Haferkörnchen gefunden habe, sonst hättest du uns

alle mit Chomez gefüttert!«

Mühe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflügel wurde

beseitigt und anderes mußte geschlachtet, geputzt und koscher gemacht

werden! Man denke sich den Ärger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war

vorgerückt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren

Ärger ein Gefühl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Sünde

bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften

für den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit

frühzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an

ebensoviel Hühnern und Indianvögeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut

dagegen protestierten!

Es geschah auch einmal in diesen Tagen, daß der Diener der Köchin eine

gewöhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine

Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten

Fische auf der Schüssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet

in Zorn und Ärger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwürfe zu

hören. Der Vorfall erfüllte das ganze Haus mit Lärm und gerechter Wut;

und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische

berührt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aßen bloß von den

Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, während die übrigen

Hausgenossen die gewöhnlichen Mazzes verzehrten.

Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttägige Quälerei mit dem

Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so

geduldig und pietätvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dämmerstunde

des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spaß

und schrien: »Kommt zum chomezigen _=Borchu=_!« (Das erste Wort des

Abendgebetes.)

Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Eßtisch stehend,

Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein

und dankte Gott dafür, daß er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von

einander geschieden hat. Am Schluß des Gebetes leerte er den Becher, goß

den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefüllten

wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene,

brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten ließ und

löschte dann im Rest des Weines das Licht aus.

Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller

Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frühling mit seinen Freuden,

den lustigen Spielen im Freien nahm für uns Kinder seinen Anfang. Im

Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den

letzten Topf und die letzte Schüssel aus allen Ecken und Winkeln

zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores,

holte abends die großen Kisten vom Boden herunter und packte alles ein,

so daß am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mühe

veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die übriggebliebenen Mazzes

durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jüdischen

Häusern pflegte man eine einzige, große, runde Mazze an einem Schnürchen

an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum

nächsten Pesach hängen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die

verschiedenen Arten von Grützen untersucht, ob sich nicht in der

achttägigen »Schonzeit« etwa Milben entwickelt hätten, da es um diese

Zeit in unserer Gegend schon sehr heiß war. Bei uns freilich wurde die

vorjährige Grütze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder

frische Grütze gab -- sich chodisch-essen war für diesen Brauch der

terminus technicus.

Die ersten Frühlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrückten

Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), während der jede

Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine

Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe

anzulegen, selbst bei drückender Hitze ein Flußbad zu nehmen, war in

meinem Elternhause streng verpönt. Nur am Freitag durfte man, nachdem

der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle

Schmucksachen, wie Perlenschnüre und die gestickte Stirnbinde wurden

beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgenützte Kleider. Meine

Eltern und meine Geschwister enthielten sich während der Sphirezeit im

Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Späße, und sie lachten und

scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nüsse, wenn wir

sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu zählen. Das Erinnern war

überflüssig, denn sie vergaß nie zu zählen, wie viele Tage und Wochen in

der Sphire abgelaufen sind. --------

Der Frühling hatte für mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in

der Nähe unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in

der heitersten Laune umher und pflückte eine Butterblume nach der

anderen und freute mich über jede junge Blüte. Ich wand mit Hilfe meiner

steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen

Kränze, für die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte

Vergißmeinnicht holte. Wir bekränzten uns die Köpfe und gingen so

geschmückt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer

Nachbarskinder Streifzüge in die Gebüsche, welche den hohen Berg neben

unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus

diesen machten wir lange Schnüre und schmückten uns damit. Bei diesen

Streifzügen vergaß ich oft, nach Hause zurückzukehren, und meine Mutter

geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und

ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mußte mich suchen.

Zu meinen Lieblingsplätzchen gehörte der einsame Heuboden, wo das

duftende junge Heu in Massen aufgehäuft lag. Ich grub mir da eine Art

Höhle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem

Lieblingskätzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen,

wickelte es in meine Schürze, zog es am Ohr und schrie hinein: »Kätzele,

willst du Kasche?« (Brei). Und das gemarterte Tierchen riß sein Ohr aus

meiner Hand los, schüttelte sich, was ich als »Nein« deutete; dann nahm

ich das zweite Ohr und schrie hinein: »Willst du vielleicht Kugel?« (ein

fettes Sabbathgericht). Und das Kätzchen stieß ein lautes Miauen aus,

welches ich als ein »Ja« deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich

nicht lange, ich beugte mich über die Bretter vor, und warf den Pferden

durch die großen Öffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren

Köpfen herunter, das sie gierig verschlangen.

Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch

Feld und Gebüsch und dem gefährlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende

zu setzen, beschloß meine Mutter, mich in den Cheder zu geben

(Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen,

bei dem meine ältere Schwester hebräischen Unterricht hatte.

An einem schönen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich

plötzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins Eßzimmer gerufen.

Da saß bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter

sagte, sich zu ihm wendend: »Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit

Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder.« In meiner

Schüchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. »Aber

dein Kätzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen«, sagte Reb Leser

zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich für ihn

einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir

damit zur Hälfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was

wohl jetzt mit meinem Kätzchen und den anderen Herrlichkeiten werden

solle. Ich hörte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: »Also Dienstag wird

sie der Behelfer in den Cheder abholen.« Er wünschte »gute Nacht« und

verschwand in der Dämmerung. Und nun hieß es Abschied nehmen von den

lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners Töchterlein, das so hübsche

Töpfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so

erfinderisch war und Jentke -- wie oft saßen wir dort, am Ende des großen

Gartenzaunes auf dem großen Holzklotz so traulich beisammen und

erzählten uns traurige und heitere Märchen, daß wir bitter weinen oder

herzlich lachen mußten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu

müssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu

sehen, tröstete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem

Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester

am frühen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein

Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar früher

auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mußte mich zuerst

waschen und ankleiden, ich mußte sogar auf meine Schwester warten.

Der erste Schultag!....

Der »Unterbehelfer« erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt,

ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen,

dünnen, blonden Locken vor den großen Eselsohren und einem ungeheuer

breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug nämlich

seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der größten Hitze in

die Stirn gedrückt hatte, als wäre sie für alle Ewigkeit auf seinem

Kopfe festgewachsen. Seine übrige Kleidung konnte man auch nicht

gerade luxuriös nennen. Von der Fußbekleidung war der eine Schuh so

groß, daß er ihn bei jedem Schritt verlor, während der andere so knapp

saß, daß er das zweite Bein hinkend nachschleppen mußte; offenbar

gehörten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der

Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Krähwinkel) und hieß

Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Küche trat, zu deren halb

offener Tür ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade

sein Frühstück bekommen; er aß nämlich bei uns »Täge«, wie man es

damals hieß, d. i. an jedem Tag in der Woche aß er bei den Eltern eines

anderen Schülers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mußte lachen über

ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just

auf die äußerste Kante der Küchenbank plump hinsetzte, so daß sich das

andere Ende in die Höhe hob und er, der Bocher, in seiner ganzen Länge

ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mürrische Köchin

mußte da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein

Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete

unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: »Nun

mit dem rechten Fuß!« Unterwegs bildete er meist die Arrièregarde,

wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte

er sich als unser tapferer Beschützer bewähren.

Die Gelegenheit dazu bot ein wütender Hund, der uns anfiel und

verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschützer um -- aber

der erste, der jämmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief

er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen,

aber er war der bessere Renner -- wir erreichten ihn nicht. Meine

Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das

Sprüchlein, wie ein Gebet:

»Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?

Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),

Werden dich zerreißen.

Hintale, Hintale, willst mich beißen?

Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreißen.

Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,

Ich bin Jankow, du bist Esau!«

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 4 / 14 段