Ich drängte mich am nächsten Morgen gleich an den Ofen und sah mit

großem Interesse zu, wie gewandt eine alte Frau die runden, dünnen

Mazzen in den Ofen schob, die halbgebackenen zur Seite rückte, die ganz

fertigen mit beiden Händen sammelte und in einen Korb auf der nahe bei

stehenden Bank warf, ohne daß auch nur eine einzige zerbrach, trotzdem

sie so dünn und zerbrechlich waren. Mir wurde bald eine Beschäftigung

zugewiesen: ich sollte die geschnittenen Stücke Teig den mit Rollhölzern

bewaffneten Weibern reichen, die um den langen, mit Blechplatten

bedeckten Tisch standen. Meine ältere Schwester hatte mich immer im

Frühaufstehen übertroffen; auch jetzt erzählte sie mir mit Stolz, daß

sie schon viele Mazzen aufgerollt habe, die sogar schon gebacken seien.

Ich war mit mir sehr unzufrieden, schalt mich selber eine Langschläferin

und suchte mich nun um so nützlicher zu machen. Ich beruhigte mich erst

dann über das späte Aufstehen, als mich das viele Umherlaufen und

Herumstehen tüchtig ermüdet hatte. Ich wusch mir die Hände und ging in

die zweite Kammer, wo der Teig geknetet wurde. Da stand eine Frau über

ein funkelndes Messingbecken gebeugt und knetete, ohne einen Laut von

sich zu geben, ein Stück Teig nach dem andern aus abgemessenem Mehl und

Wasser. Ich machte mich auch da nützlich, indem ich mir von dem kleinen

Jungen, der das Wasser in das Mehl zu gießen hatte, den großen Schöpfer

ausbat und seine Arbeit bedächtig und still ausführte, hie und da die

knetende Frau ansehend, die über den Kleidern gleich Meschia Cheziche

ein langes, weißes Hemd trug und eine Schürze, die in der Taille nicht

eingeschnürt war. Kopf und Mund waren mit weißen Tüchern verbunden,

ebenso wie bei Meschia Cheziche. Ich half mit, bis mich die Müdigkeit

übermannte.

Das Backen der Mazzen dauerte fast zwei Tage. Meine Mutter ging

unermüdlich umher und besah von Zeit zu Zeit die Rollhölzer, mit denen

die Frauen die Mazzes rollten, um den angeklebten Teig abzukratzen; bei

dieser Arbeit halfen meine Schwäger und mein Bruder, die mit kleinen

Stückchen Glasscherben bewaffnet waren. Die Teilchen mußten entfernt

werden, weil der angeklebte Teig bereits Chomez (d. h. _=gesäuerter=_

Teig ist), und somit in den Mazzenteig (der _=ungesäuert=_ ist), nicht

eingeknetet werden darf. Auch beim »Rädeln« der Mazzen halfen die jungen

Männer mit; und es fiel keinem ein, eine solche Arbeit für unpassend zu

halten, da alles, was Pesach und besonders die Mazzen betraf, als eine

religiöse Handlung betrachtet wurde. Am darauffolgenden Tage untersuchte

meine Mutter alle Mazzen, deren es oft mehrere Tausend gab, ob sich

nicht etwa darunter eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene befand.

Denn eine solche war schon Chomez und mußte beseitigt werden.

In strenger Ordnung legte man nun die tadellosen Mazzen reihenweise in

die großen roten Kisten, die mit einem weißen Tuch bedeckt wurden. Meine

Mutter hatte unter dem Tuche eine Mazze vorgenommen und ohne sie

anzusehen, sogar mit geschlossenen Augen, die Hälfte abgebrochen, indem

sie ein frommes, eigens für diese Handlung festgesetztes Gebet leise

hersagte. Dann warf sie dieses Stück Mazze wieder, ohne es anzusehen, in

die Flammen. Diesen Gebrauch nannte man »Challe nehmen«; er soll

wahrscheinlich an das Brandopfer der biblischen Zeiten erinnern.

Die nächste Zeit bis Pesach verging in endlosen Vorbereitungen für die

Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag

des Erew-Pesach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am Abend

vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das Bedike-Chomez, d.

h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab

sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen hölzernen

Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen weißen

Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden

fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das

Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände sollten

Abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm,

nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das Wachskerzchen

an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen

sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chomez durch das ganze Haus.

Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde

von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen

erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den Federn in den Löffel

gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte.

Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß, vorher überall Krümelchen

anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die

Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt

wurden. So untersuchte er nun gründlich die Fenster, und die Mutter

mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu schaffen,

denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das auf der Suche durchs Haus

vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung

vollbracht war, speiste man etwas früher zu Abend als sonst. Das

inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die

gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und

den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem Hängeleuchter im

Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche

die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging zeitig schlafen, um

am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf

sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chomez im Hause eines religiösen

Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh geweckt und sollten

Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht für

diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit Weißbrot. Doch war selbst zu

dieser frühen Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher

Hausgenosse gütlich tat. »Und nun rasch, rasch!«, trieb meine Mutter

alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt so viel als sonst,

denn es durfte ja nichts vom Chomez zurückbleiben. Wir Kinder machten

allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für volle acht Tage vom

Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem

Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren

Porzellanservice an bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stücke

bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und

dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den Boden gebracht

werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem Pesachgeschirr

herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder gründlich

gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt. Der große

Speisetisch wurde auseinandergezogen, mit einem weißen Tuch oder mit

Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene Tisch mit

dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die

mit kleinen Nägeln befestigt wurde. Nach dieser Prozedur durfte erst das

Pesachgeschirr ausgepackt werden, das wir Kinder mit so großer Neugierde

erwarteten, weil jedes von uns darunter seine bestimmte Kaus (kleiner

Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese

Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes für uns

zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -bänke zum Kaschern

aufgestellt waren. Man begoß den Tisch oder die Bank mit siedendem

Wasser, strich mit einem zum Glühen gebrachten Eisen darüber hin und her

und schüttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenstände. Außer

diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater

erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chomez von gestern in der

Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene

Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus

den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf. Mein

Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den

Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin

und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen. Das

trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem anderen

züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrieen: »Seht,

seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon ...«

Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es

dauerte nicht länger als 10 Minuten, so war das Autodafé des Chomez

vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle

Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der

Vorschrift darf man selbst auf die Asche nicht treten, auch wenn es

»Nutzen oder Vergnügen« brächte.

Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo »Schimen, der Meschores«

(der Diener) mit dem Auspacken des Pesachgeschirrs beschäftigt war. Wir

wollten auch hier helfen und von unseren Kausses (Weinbecherchen) Besitz

ergreifen, da schmunzelte der Bocher (Junge) schalkhaft und meinte, daß

wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft und

sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgiltiger Miene erklärte er,

daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. »Wieso gekaschert?«

fragten wir. »Ja, ja«, versetzte unser Peiniger, »Ihr müßt heiße,

glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort

herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann erst

dürft Ihr dieses Geschirr anrühren.« Wir fanden keine Antwort und

stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie

beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indian-Vogels, eines

riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen

und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem Brett, und

die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er davonfliegen

wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser bewaffnet, den

Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der

Bank, lag auf einem neu abgehobelten Brett in seiner ganzen Länge ein

silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten

Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte

Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln, Teller, Gabeln, Löffel

befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf Mazzesmehl, das meine

Schwester eben siebte und aus dem später die schmackhaften Torten,

Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob

Simon Recht hätte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit

gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glühenden

Steindlach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen und meine jüngere

Schwester überredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die

Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern längst aufgefallen und,

halb verwundert, halb ärgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestüm

in die Küche gestürzt wären. Da erzählten wir mit kläglicher Stimme, in

halben Sätzen, was der böse Schimen uns gesagt hatte. Sie verstand nicht

recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie plötzlich auf: »Was für

glühende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit

heißem Wasser begossen?« Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie

endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis: Sie ließ Schimen

sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug

vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine

Kattunkleidchen anlegen, dann wären wir würdig, unsere Kausses in

Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden

Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und halfen nun das Geschirr abwischen.

Unter diesen und ähnlichen Arbeiten verging der halbe Tag, bis unsere

gesunden Magen daran erinnerten, daß wir seit 9 Uhr morgens nichts

gegessen hatten. Wir wußten im voraus, was man uns geben würde. Man

brachte den großen Gonscher (eine sehr breite Flasche) mit süßem Meth,

den meine Mutter so meisterhaft zu kochen verstand, und ein volles Sieb

mit Mazzes: bis zu diesem Tage waren sie in strenger Verwahrung gewesen,

da vor den Feiertagen Mazzes zu essen bei frommen Juden nicht erlaubt

ist. Man füllte also unsere Kausses mit Meth und wir machten uns an die

Mazzes. Ein Stück nach dem andern wurde in Meth getaucht und verschwand

rasch, von unseren gesunden Zähnen wie zwischen Mühlsteinen zermalmt.

Die Mutter kam endlich aus der Küche herein. Auch mein älterer Bruder

erschien und brachte Äpfel, Wallnüsse und Zimt. Aus diesen Materialien

bereitete er, indem er alles in einem Mörser zerstieß, Charauses, d. i.

eine Masse, welche wie Tonlehm aussieht und abends auf den Sedertisch

kommt. Der »Lehm« soll daran erinnern, daß unsere Vorfahren in Egypten

für den Pharao Ziegelsteine kneteten.

Nachdem mein Bruder mit dieser Arbeit fertig war, ließ die Mutter den

Eßtisch in den gelben Salon tragen und in seiner ganzen Länge vor dem

Sopha aufstellen. Sie bedeckte ihn dann mit einem weißen

Damasttischtuch, das nach beiden Seiten bis zur Diele reichte. Dann ließ

sie den Diener das Porzellan- und Kristallgeschirr bringen, ordnete es

und ging selbst an den Schrank, der das ganze Silbergeschirr enthielt.

Der Diener stellte auf das große silberne Tablet die Becher und Kannen,

die sehr schön gearbeitet waren. Namentlich eine Kanne war besonders

kunstvoll durch Intarsien aus Elfenbein, die mythologische Figuren

darstellten. Der Deckel und das Gefäß waren aus massivem Golde. Mein

Vater hatte einige hundert Rubel für das Kunstwerk bezahlt. Eine andere

ziemlich große Kanne war aus getriebenem Silber. Daneben standen große

und kleine Becher, deren Boden französische Münzen bildeten.

Bald kam auch die Obsthändlerin (Gereziche) mit dem frischen

grünen Salat, der an diesem Abend, dem Seder-Abend, eine wichtige

Rolle spielte. Der Diener brachte aus der Küche eine Schüssel voll

hartgesottener Eier, einen Teller frisch geriebenen Meerrettig (Moraur

genannt), -- ein Symbol, das an die Bitterkeit der Verhältnisse

erinnern sollte, unter denen unsere Vorfahren in Egypten gelebt

hatten. Dann einige gebratene Stückchen Fleisch, die sogenannte Seroa,

zur Erinnerung an die Pesach Korben, d. h. Osteropfer im Tempel zu

Jerusalem; ferner einen Teller mit Salzwasser und einige Schmure-Mazze

(gehütete Mazzes[D]). Alle diese Speisen bedeckte meine Mutter mit

einem weißen Tuch. Nur den Salat ließ sie unbedeckt, als sollte

er das eintönige Weiß des Tischtuches beleben, während der rote,

funkelnde Wein in der Kristallkaraffe sich in den glänzend geputzten

Silberleuchtern und in jedem Kristallglas vielfältig wiederspiegelte.

Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der

verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam

der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur

Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine

weiße Piquédecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen

Ruhesitz, das sogenannte Hessebett[E], ein ähnliches wurde auf zwei

Stühlen für die jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet.

Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche

Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit.

Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Theestunde nahte. Wir

tranken und schlürften das duftende Getränk mit besonderem Behagen, denn

er schmeckte in der festlichen Umgebung ganz besonders gut. Alles

blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in

Verwendung.

Nun gings an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine

Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur Zeit,

die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch

selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre, tiefe

Religiosität, Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für

die Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte

erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener

Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adelige Abkunft.

Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort »adelige Abkunft«

spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich hat der

Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Königspalästen

für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den jüdischen Adel

gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den

Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden auch äußerer

Reichtum und Würden kamen.

Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie ein

kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit

beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe

an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen

Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir

in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte,

den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.

Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz.

Man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen

Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch

Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten.[F] Auch meine

vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.

Wir Mädchen hatten schon im Alter von zwölf Jahren die Pflicht,

am Vorabend der Festtage und des Sabbaths Kerzen anzuzünden. So

versammelten wir uns alle um den Tisch. Wir glühten in freudiger

Erwartung des Sederabends. Alle Kerzen brannten. Vor dem Sitze des

Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man »Manischtane«-Kerzen

nannte nach den sogenannten vier Fragen, die das jüngste Kind am Tisch

stellt. Denn Lampen kannte man zu jener Zeit überhaupt noch nicht.

Ich saß noch in den vierziger Jahren an den langen Winterabenden

mit meinen Schwestern bei einer Talgkerze, und wir haben, ohne die

geringste Unbequemlichkeit zu empfinden, dabei unsere Schulaufgaben

gemacht oder bis in die späte Nacht die spannende Erzählung von

dem Prinzen Bowe mit seinem treuen, gefleckten Hund gelesen. Die

Beschaffenheit der Talgkerze mit ihrem dicken Docht machte den häufigen

Gebrauch der Lichtputzschere nötig, die heute als archäologische

Seltenheit zu betrachten ist. -- Eine bessere Beleuchtung erreichte

man durch Spirmazet-Kerzen oder Öllampen. Aber beide waren nur für

die Reichen. Der Bürger erlaubte sich solchen Luxus nicht. Gegen Ende

der vierziger Jahre kam die Stearinkerze auf, die schon ein etwas

helleres Licht gab und die Talgkerze in den Hintergrund drängte.

In den sechziger Jahren kam mit der geistigen Erleuchtung auch die

hellbrennende Petroleumlampe. Das war ein Jubel, den das ganze Volk

im Land aus Freude darüber anstimmte. Alles glaubte, daß damit,

wie bei den Fuhrwerken, das letzte Wort für die Bequemlichkeit der

Menschen gesprochen sei. Alle Welt schaffte sich Lampen an und ließ

sich unterrichten, wie sie zu behandeln seien, wieviel Petroleum

hineinzugießen sei, wie breit, lang und dick der Docht sein müsse. Auch

dazu gab es eine Schere, die aber der Kerzenputzschere nicht gleich

war. In den ersten paar Jahren nach Einführung der Lampen wurden selbst

die Leuchter ganz abgeschafft. -- Auch die Bauern, denen bisher der

Pechspahn[G] oder Kahanez[H] als Beleuchtung gedient hatte, schafften

sich jetzt Lampen an. Zwar war das Licht der damaligen Petroleumlampe

mit der gelbrötlichen Flamme grell und dem Auge unangenehm,

nichtsdestoweniger arbeiteten die Lampenfabriken unaufhörlich.

Unzählige Millionen Pud Petroleum flossen in das russische Reich. Und

die Herrschaft der Petroleumlampe bestand bis zu den achtziger Jahren,

gegen deren Ende sie schon durch das Gas verdrängt wurde: eine neue

Aufregung unter der Bevölkerung! Freilich diente diese Erfindung nur

der Stadt für die Straßenbeleuchtung und den Reichen für ihre Häuser.

Mit prahlerischem Lächeln drehte der großstädtische Hausherr den Hahn

zur Gasbeleuchtung in seinem Kabinet auf, um seinen Gast aus der

Provinz mit der plötzlichen Helle zu überfluten. In der ersten Zeit

kostete die neue Erfindung auch noch viele Menschenleben; die Röhren

der Straßenbeleuchtung platzten und waren undicht und in den Häusern

erstickten viele durch ausströmendes Gas, wenn die Gashähne während

der Nacht nicht fest geschlossen waren. Erst viel später hielt dann

die Elektrizität ihren Einzug und überstrahlte mit ihrer Helle und

Bequemlichkeit die bisherige künstliche Beleuchtung.

Die Sedertafel glänzte und strahlte. Der Meschores (Diener)

hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete

feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus

Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich

den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken mit der Kanne

und viele Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die

auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten

wir an dem Ton, mit dem er laut »Gut Jom-Tow« (Guten Feiertag) sagte,

eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ

meinen Bruder sämtliche Hagadas[I] bringen und erteilte den Kindern den

Segen. Hierauf nahmen wir am Tische Platz und zwar in der Reihenfolge

des Alters. Heute durfte auch »Schimen, der Meschores«, an einer

Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet

wird, daß an diesem Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das

Aussehen meines Vaters war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die

edlen Gesichtszüge drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe

aus. Die mächtige, breite Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit.

Der lange, gut gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige,

patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern, sowie

allen anderen gegenüber, flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte,

Ehrfurcht ein, als wäre er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater

war auf sein Äußeres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst

der jüdischen Erziehung schützte gegen solchen Leichtsinn. Seine

Festtagskleidung bestand aus einem schwarzen langen Atlaskaftan. Er

war der Länge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt,

neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Knöpfe angebracht war. Die

Kleidung vervollständigte eine teure pelzverbrämte Mütze (Streimel

genannt) und ein breiter Atlasgürtel um die Lenden. Von dem feinen

weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den

schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulard-Taschentuch

fehlte nicht. Meine älteren Schwäger kleideten sich wie der Vater; bei

meinem jüngeren machte sich schon die europäische Mode geltend, indem

er eine schwarze Sammetweste mit einer goldenen Uhrkette trug. Auch

mein ältester Bruder, ein kluges, aufgewecktes Kind mit großen, grauen,

schwärmerischen Augen, wiewohl erst zwölf Jahre alt, kleidete sich wie

die älteren Herren. Bei der Anfertigung der Kleider war besonders wegen

des »Schatnes« Bedacht zu nehmen. Es ist nach dem jüdischen Gesetze

verboten, Wollstoffe zu tragen, die mit Zwirn genäht waren, ferner

auf gepolsterte Möbel, Equipagensitze sich zu setzen, die mit Tuch

bedeckt waren und mit Fäden genäht. Ein Pelz, der mit Zwirn genäht,

war, durfte nicht mit Tuch bedeckt sein. Meines Vaters Pelze waren mit

Seide zusammengenäht. Einmal ertappte man den Schneider, daß er Zwirn

verwendet hatte, und er mußte Stück für Stück auftrennen und alles

wieder mit Cordonetseide zusammennähen.

Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert · 第 3 / 14 段