Mach deine koschere (_reine_) Äugelach zu.
Unter dem Kinds Wiegele
Steht a weiße Ziegele,
Die Ziegele is gefohren handeln,
Rosinkes (_Rosinen_) mit Mandeln.
Das is die beste S'choire (_Ware_)
Berele wird lernen Toire
Toire, Toire im Kepele (_Köpfchen_)
Kasche (_Brei_) Kasche im Tepele (_Töpfchen_)
Broit (_Brot_) mit Butter schmieren
Der Tate (_Vater_) mit der Mame (_Mutter_) Berele zu der
Chupe (_Trauung_) führen.«
Es ist bezeichnend, daß der Jude damals selbst in den Wiegenliedern nur
vom Thoralernen, Cheidergehen phantasierte -- und nicht von Jagd, Hunden,
Pferden, Dolchen, Krieg.
Chainke begeisterte sich an ihrem Gesange selbst recht sehr und sang mir
noch mehrere Liedchen. Eins möchte ich hier noch anführen:
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Brenselie
As der Tate schlugt die Mamme
Reissen die Kinderlach Krie --
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Pomeranzen
As der Tate kuscht die Mamme,
Gehen die Kinderlach tanzen.
Sicher animierte sie zu dieser Zugabe die Aussicht auf mein Vesperbrot.
Inzwischen war es recht dunkel geworden. Ich lief eilig über den Hof ins
Hauptgebäude zurück, wo meine Geschwister schon tüchtig dem Vesperbrot
zusprachen. Unser Kindermädchen Marjascha konnte mit dem Brotschneiden
und dem Aufstreichen von eingemachten Stachelbeeren -- unserem
Lieblingsgericht -- gar nicht fertig werden. Ich bekam meinen Teil und
husch! war ich schon wieder auf dem Wege zum Flügelgebäude, wo ich von
der mir jetzt geneigten Sängerin viel freundlicher als zuvor behandelt
wurde. Und wir verzehrten gemeinschaftlich mit Behagen den
Leckerbissen..... --
.... Die größere Hälfte des Winters war vorüber, und das Purimfest mit
seinen aufregenden Freuden, mit den vielen Beschenkungen stand vor der
Tür. Damals war es unerläßlich, für unsere Cousinen und Nichten
Handarbeiten zum Scholachmones (gesandte Geschenke) anzufertigen. Wir
arbeiteten Tage und Nächte mit großem Eifer, und als nun alles fertig
war, ergötzten wir uns bei dem Gedanken, wie die Beschenkten vor
Bewunderung beinahe neidisch auf unsere Geschicklichkeit sein würden.
Der ersehnte Purimtag rückte immer näher. Am Vortag war Esthertanes (der
Königin Esther Fasttag), an dem alle älteren Familienmitglieder
fasteten. Schmackhafte Purimbäckereien wurden von meinen Schwestern im
Hause bereitet. Die Hauptrolle spielten die Hamantaschen (dreieckige
Mohnkuchen) und die Monelach (in Honig gekochter Mohn). Gerieten sie
gut, so versprach man sich ein gutes Jahr. Wir Kinder durften auch bei
dieser Arbeit helfen, konnten wir doch bei dieser Gelegenheit nach
Herzenslust naschen. Der ganze Tag verging ohne die üblichen Mahlzeiten.
Aber wie groß war die Lust, sich am Abend unter die großen mischen zu
dürfen und die gebackenen, gebratenen und gekochten Herrlichkeiten
verzehren zu können! Und erst die freudige Aussicht auf den nächsten
Tag! Am Abend wurde zu Hause gebetet. Nachher fand sich eine zahlreiche
Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein. Hierauf wurde die M'gilla Esther
(das Buch Esther) vorgelesen. Und so oft der verhaßte Name Haman vorkam,
stampften die Männer mit den Füßen, und die Jugend lärmte mit den
schrillen Gragers (Schnarren). Mein Vater ärgerte sich darüber und
verbot es. Aber es half nichts: jedes Jahr tat man es wieder.
Erst nach dem Ablesen der M'gilla, das oft bis acht oder neun Uhr abends
dauerte, begab man sich ins Eßzimmer, und ließ sich die appetitlichen
Speisen, die in reicher Fülle auf dem Tisch standen, gut schmecken.
Jeder bediente sich, so rasch er konnte, um den laut protestierenden
Magen, der doch mehr als 20 Stunden keine Nahrung erhalten hatte, zu
befriedigen.
Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages konnten wir Kinder vor
Aufregung nicht mehr schlafen und riefen einander noch in den Betten zu:
»Was ist heute?« -- »Purim!« lautete die frohlockende Antwort. Und nun
kleidete man sich so rasch wie möglich an. Die freudige Erwartung
verwandelte sich in Ungeduld. Wir wünschten, der Morgen möge doch
endlich schon zum Nachmittag werden, da wurden ja die Scholachmones
abgeschickt und empfangen.
Mein Vater und die jungen Leute kamen aus dem Bethause, wo ein
Halbfeiertagsgottesdienst abgehalten und wieder die M'gilla vorgelesen
worden war. Das Mittagmahl wurde zu früher Stunde genommen (es
bestand aus den vier traditionellen Gängen: Fische, Suppe mit den
unvermeidlichen Haman-Ohren, d. h. dreieckige Kreppchen, Truthahn und
Gemüse), um die zweite Mahlzeit, die Sude (Festmahl), die eigentlich am
Purimfest die Hauptrolle spielte, noch vor Abend beginnen zu können.
Dabei gibt sich der Jude, -- so will es der Gebrauch -- der wahren
oder der vermeintlichen Freude hin und darf sich einen kleinen Rausch
antrinken. So viel ich mich zu erinnern weiß, ist jeder Jude an diesem
Tage munter und fröhlich, er gönnt sich gutes Essen und Trinken und
bemüht sich schon Tage vorher, für den Schmaus viel Geld aufzutreiben.
Uns Kinder beschäftigte nur der Gedanke an das Abschicken und Empfangen
des Scholachmones. Endlich kam die wichtige Stunde, da alle fertigen
Geschenke auf ein Teebrett gelegt wurden. Dem Dienstmädchen wurde
eingeschärft, welches Geschenk für den und jenen bestimmt sei. Mit
besorgter, vor Aufregung bebender Stimme wurde ihr verboten, sich
unterwegs aufzuhalten oder mit jemand zu sprechen, nicht einmal im
Vorübergehen. Sie sollte direkt zu unseren Tanten gehen. Selbst die
Art, wie sie das Teebrett mit den Geschenken auf den Tisch setzen
müsse, und wie sie jedem sein Geschenk auszuhändigen habe, wurde
ihr genau angegeben. Dabei stellten wir uns lebhaft die Ausrufe des
Entzückens vor, die unsere Arbeiten hervorlocken würden. Und wir
zeigten wiederholt dem Mädchen jedes Stück. Endlich ging das Mädchen
fort und gelangte glücklich an Ort und Stelle.
»Bist du von den Kindern der Muhme geschickt?« eilten dem Mädchen dort
die Kinder, hastig fragend, entgegen -- denn ebenso wie bei uns, war man
auch dort aufgeregt und ungeduldig gewesen.
»Ja!« stammelte das bestürmte Mädchen, das kaum die Wohnstube erreichen
konnte, da ihr alle lärmend und fragend folgten. Sie bemächtigten sich
endlich des Tablettes, stürzten sich auf die Geschenke, um alles zu
besichtigen, zu beurteilen und zu bewundern. Das unbeholfene Mädchen tat
nicht so, wie wir befohlen hatten, da sich die Beschenkten die Sachen,
ohne zu fragen, selber nahmen. Dann machten sich die Kinder daran, die
für uns bestimmten Geschenke abzusenden. Das geschah in der nächsten
Viertelstunde. Die arme Botin aber, welche mit solchem Jubel empfangen
worden war, ging fast unbemerkt, ganz still fort und wurde von uns dann
mit der gleichen Ungeduld und Spannung ausgefragt, ob man drüben sehr
erstaunt gewesen, und welche Meinung über unsere Geschenke geäußert
worden sei. Nun empfingen wir von unseren Cousinen die Gegengeschenke,
welche unsere Erwartungen weit übertrafen oder -- auch nicht. Bei ihrer
Entgegennahme mußten wir an uns halten, ruhig zu bleiben. Wir durften
uns vor der Botin nicht so ungeduldig und so neugierig zeigen, wie wir
es tatsächlich waren; denn die Mutter hatte uns streng befohlen, ein
ruhiges, würdiges Benehmen an den Tag zu legen.
Inzwischen wurden allerhand Purimspiele (Szenen aus der biblischen
Geschichte, hauptsächlich aber mit einem Motiv aus dem Buch Esther)
vorgeführt. Die erste Szene brachte das Achaschweros (König
Artaxerxes)-Spiel nach der Migilla, diejenige, in der der König, Haman,
Mardechai und die Königin Esther die Hauptrollen hatten. Gewöhnlich gab
ein junger Bursche in Damenkleidern die Königin Esther, die von uns mit
neugierig erregten Augen verfolgt und angestaunt wurde. Die Kleidung der
anderen Darsteller zeichnete sich nicht durch besondere Reinlichkeit und
Eleganz aus. Der dreieckige Hut mit dem Federbusch, die Epauletten und
das Portepee waren aus dunkelblauem und weißgelbem Pappendeckel
verfertigt. Die Aufführung dauerte länger als eine Stunde, und wir
folgten ihr mit dem größten Interesse. Dann kam das Josefsspiel, dessen
interessanteste Szenen der Bibel entlehnt sind. Bei allen Stücken wurde
viel gesungen. Ich erinnere mich genau der Melodieen -- und des komischen
Tanzes, den Zirele Waans, eine Frau aus dem Volke, und ein armer Mann,
Lemele Futt, aufführten. Sie tanzten und sangen dazu im Jargon. Wir
kicherten heimlich über die grotesken Gestalten und ihre eckigen
Bewegungen.
Am amüsantesten für uns Kinder war das sogenannte Lied von der Kose
(Ziege). Ein Fell mit einem Ziegenkopf wurde von einem Mann, der darin
stak, auf zwei Stöcken gehalten. Der Ziegenhals war mit allerlei bunten
Glasperlen und Korallen, Silber- und Messingmünzen, Schellen und noch
vielem anderen schimmernden, blinkenden Zeug behangen. Auf den beiden
Hörnern waren zwei größere Glöckchen befestigt, die bei jeder
Kopfwendung schrill erklangen und sich mit dem anderen bimmelnden Tand
zu einer seltsamen »Musik« vereinigten. Der gute Mann im Ziegenfell
machte allerhand Bewegungen, er tanzte, sprang hoch und nieder. Das
Singen besorgte mit lustiger, heiserer Stimme der Führer der Kose
(Ziege).
Das Liedchen lautet:
Afen hoichen Barg, afen grünem grus, (_gras_)
Stehn a por Deutschen mit die lange Beitschen.
Hoiche manen seinen mir
Kürze kleider gehen mir.
Owinu Meilach (_Unser Vater, König_)
Dus Harz is üns freilach. (_fröhlich_)
Freilach wellen mir sein
Trinken wellen mir Wein.
Wein wellen mir trinken
Kreplach wellen mir essen
Un Gott wellen mir nit vergessen.
Der Sänger war ein hagerer, langer, blonder Bursche, der das ganze
Jahr in unserer Ziegelfabrik Lehm transportierte und den Spitznamen die
»Kose« trug. Für uns kleine Kinder war das Schauspiel voller
Ergötzlichkeiten. Aber wir konnten uns dennoch eines gewissen
Angstgefühles nicht ganz erwehren und flüchteten uns auch bald, nachdem
sie erschienen, auf den Ofen im Eßzimmer, von dem aus wir die Vorgänge
mit mehr Sicherheit überschauen konnten. Und da sahen wir mit
Interesse, wie »die Kose« ein Glas Branntwein hinuntergoß, das unsere
Mutter ihr an den Mund gebracht hatte, dann steckte die Mutter ihr einen
großen Purim-Mohnkuchen in den Mund, welchen die Kose, wie uns schien,
im Nu verschluckte. Zu einer festen Ansicht, ob es denn wirklich eine
Ziege war, oder ob ein Mensch darin stak, kamen wir nicht. Die Sache
erschien uns durchaus rätselhaft....
Der Scherz wurde laut belacht, und der Lehmführer wurde mit einem guten
Trinkgelde verabschiedet, wofür er mit komischen Gebärden dankte und
alle segnete. Die vorgeführten Szenen fanden im Speisezimmer statt und
wurden durch die vielen Boten, die Scholachmones brachten, oft
unterbrochen. Die Boten harrten der Aufträge meiner Mutter, welche für
die Abschickung der Gegengeschenke Anordnungen traf. Auf dem langen
Tisch befanden sich verschiedene Sorten teuren Weines, englisches
Porter, die besten Liköre, Rum, Kognak, Bonbons, Apfelsinen, Zitronen,
marinierter Lachs. Diese edlen Dinge verteilte meine Mutter und meine
älteren Schwestern unaufhörlich auf Teller, Schüsseln und Tablette. Es
gab kein bestimmtes Maß, keine bestimmte Zahl. Eine Sendung bestand
gewöhnlich aus einer Flasche Wein oder englischem Porter und einem Stück
Lachs, aus Fischen und einigen Apfelsinen oder Zitronen. Ein so
zusammengestelltes Geschenk war zumeist einem Herrn zugedacht. Die
Geschenke für Frauen bildeten Kuchen, Früchte und Bonbons. Die Leute
niederen Standes erhielten Honigkuchen, Nüsse, Äpfel auf einem Teller,
der mit einem roten Taschentuch überdeckt war, dessen Enden nach unten
zusammengeknotet wurden. Ich erinnere mich lebhaft eines aufregenden
Vorfalles am Purim. Meine Mutter hatte vergessen, einem Hausfreunde
Scholachmones zurückzuschicken.[C] Das fiel ihr erst spät nachts ein,
und sie konnte vor Ärger darüber nicht einschlafen. Am frühen Morgen
kleidete sie sich rasch an und begab sich zu dem Freunde, um ihn um
Verzeihung zu bitten und zu beteuern, daß der Irrtum nicht aus
Geringschätzung, sondern aus Vergeßlichkeit geschehen wäre. Die
Versicherung war nötig, denn der Freund hatte sich tatsächlich
zurückgesetzt und verletzt gefühlt. Von solcher Wichtigkeit und
Bedeutung war damals jeder jüdische Gebrauch!
Die Boten kamen und gingen, und so verflossen die Nachmittagsstunden von
eins bis sechs Uhr, die uns Kindern lauter Naschwerk und Leckerbissen
brachten. Diese Zeit pflegte der Vater für sein Nachmittagsschläfchen zu
verwenden. Als er aufstand, erwartete ihn bereits der dampfende Samowar
mit dem duftenden Tee auf dem Tisch. Sodann verrichtete er das
Vorabendgebet. Denn die Sude (Festmahl) stand nahe bevor. (Nach der
Vorschrift muß diese noch vor Abend beginnen.)
Der große Kronleuchter im gelben Salon wurde angesteckt. Alle
Wachskerzen in den Wandleuchtern brannten. Auch die übrigen Zimmer waren
hell erleuchtet. Die Tafel wurde aufs neue mit allen erdenklichen
kalten, schmackhaften Speisen besetzt. Besondere Sorgfalt wurde an
diesem Abend auf die Getränke verwendet, was in unserem Hause sonst
nicht üblich war. Fast schien es, als sähe es unser Vater als gutes und
gottgefälliges Werk an, wenn sich jemand am Purim ein Räuschchen
antrank.
Wir Kinder führten an diesem Abend eine Posse auf, in der meine ältere
Schwester und ich die Kleider der Njanja und der Köchin benützten. Sie
waren natürlich zu lang und zu breit und schleppten nach. Meine
Schwester stellte eine Mutter dar, ich ihre Tochter, deren Gatte sie mit
einem Kinde in Armut verlassen hatte. Gute Menschen sollten uns nun
helfen, den Mann aufzusuchen, denn sonst mußte ich eine »_=Agune=_«
bleiben (d. h. ich durfte nicht mehr heiraten) und mußte seine Rückkehr
abwarten. Auf die Frage, woher wir kämen, hatten wir mit verstellter
Stimme geantwortet: »Aus Krupziki.« Unser Benehmen und unsere Haltung
waren so ruhig und ernst, daß selbst unsere Mutter uns im ersten
Augenblick nicht erkannte, geschweige die Gäste. Der Vater rief aus:
»Wie hat sich der Diener unterstanden, diese Leute ins Speisezimmer
hereinzulassen, worin Gäste sind? Was ist das für eine Belästigung?« Wir
baten um Almosen in Geld oder in Speisen, wir wären hungrig und hätten
heute noch nichts gegessen -- das alles sprachen wir im echtesten Jargon.
Unsere Bitte um Speise und Trank wurde bald erfüllt, man lud uns ein, am
Tisch Platz zu nehmen. Wir taten es mit gespielter Befangenheit, und wir
begafften und bewunderten alles, was man uns vorsetzte und sparten nicht
mit Seufzern, was die Tischgenossen zum Kichern brachte. Wir waren so
gut vermummt, der abenteuerliche Kopfputz war so tief in die Stirn
gerückt, daß wir den Scherz unerkannt bis zu Ende führen konnten.
Wie ich mich seit meiner zartesten Jugend bis in die späteste Zeit
erinnern kann, wurde am Purimfest bei uns zu Hause immer bis zum
Tagesanbruch viel gegessen, getrunken und gelacht. Es herrschte
Heiterkeit bis zur Ausgelassenheit. Alle sonst verbotenen Streiche und
Possen waren gestattet. Jede Disziplin bei Tische war aufgehoben. Das
Fest ließ die beste Erinnerung zurück und auch greifbare Andenken: eine
hübsche Halsbinde, ein kleines Parfum-Flacon, das man immer wieder in
den Händen hin- und herwandte, um das Etikett, das man schon auswendig
kannte, wieder mit erneutem Vergnügen zu lesen. Lange wurde das
Fläschchen in der Kommode verwahrt, bis es bei einer wichtigen und
passenden Gelegenheit zur Benutzung kam.
Schon am darauffolgenden Tage, am Schuschan-Purim, hielt meine Mutter
mit der Köchin langen Rat über die großen Vorbereitungen zum Pesach
(Osterfest). Die wichtigste Speise, rote Rüben zum Einlegen für den
»Borscht« in einem »gekascherten« Faß, wurde schon an diesem Tag
angesetzt. Nach einigen Tagen erschien auch schon Wichne, die
Mehlverkäuferin, in ihrem unvermeidlichen Pelz und brachte allerlei
Mehlproben für die Mazzes. Meine Mutter beriet sich mit meiner älteren
Schwester beim Prüfen des Mehles, man knetete aus den Proben einen Teig
und buk kleine dünne Plätzchen, bis die Wahl auf eine erprobte
Mehlgattung fiel. Einen Tag vor Rosch-Chodesch (Neumond) Nissan mußte
meine ältere Schwester einen Sack nähen (denn die Mutter traute der
Köchin nicht, daß sie das auch genügend sauber machen würde) und das
mußte vorsichtig in einer gewissen Entfernung von Brot oder Grütze
geschehen: Meine Mutter war in allen diesen Vorbereitungen zum Osterfest
so peinlich, daß die Köchin darob oft außer sich geriet und grob wurde.
Meine älteren Schwestern bereiteten für die Feiertage moderne, hübsche
Putzsachen vor. Schneider, Schuster und Putzmacherinnen fingen an,
häufige Besucher in unserem Hause zu werden, mit denen die
Saisonangelegenheiten gar oft überlaut erörtert wurden. Rosch-Chodesch
Nissan rückte heran, und nun begann man mit dem Backen der Mazzes. Diese
Arbeit bildete eine Aufgabe in der häuslichen Wirtschaft, mit der sich
alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, beschäftigten. Schon am
Vortage, ganz früh am Morgen, erschien Wichne, die Mehlfrau, mit dem
Säckel Mehl unter dem Pelz, der diesmal vorn mit einer langen, bis an
den Hals reichenden Schürze bedeckt war. Den weißen, aus dünner Leinwand
verfertigten Sack brachte meine Schwester ins Speisezimmer, wohin auch
Wichne mit dem Mehl folgte. Wir Kinder durften natürlich auch da nicht
fehlen, um andächtig die abgemessenen Töpfe Mehl mitzählen zu helfen. So
und so viel Töpfe wurden gezählt; der Sack wurde verbunden, in einen
Winkel des Eßzimmers gestellt, und sehr sorgfältig mit einem weißen
Leintuch bedeckt. Uns Kindern wurde streng verboten, mit Brot oder
sonstigen Speisen in die Nähe zu kommen, was wir ganz begreiflich
fanden. Am nächsten Morgen erschien das unentbehrliche Faktotum, die
Aufwartefrau, die den Spitznamen Meschia Cheziche führte, dieselbe, die
schon zu Beginn des Herbstes als Aufseherin bei allen häuslichen
Arbeiten fungierte. Ihr ganzes praktisches Wissen bewährte sich
hauptsächlich beim Einlegen von Kohl und beim Einkellern von Gemüse. Sie
lebte mit ihrem Mann in einer Lehmhütte bei unserer Ziegelfabrik, für
die er Lehm transportierte, hielt sich aber die meiste Zeit bei uns auf.
Sie war wirklich eine treue Seele, die sich für jedes von uns Kindern
aufgeopfert hätte. Ich sah sie nie anders als in einem zerlumpten,
blaugestreiften Kattunkleid und in einem Paar sehr großer Schuhe, die
ihr bei jedem Schritt von den auch im Sommer beinahe erfrorenen Füßen
herabfielen. Das braun-blau erfrorene Gesicht, war mit einem ehemals
weißen Kattuntuch umwickelt, ein schmaler roter Wollstreifen um die
Stirn gebunden und zwei Enden eines Schleiers hingen wie Flügel im
Nacken. Die kleinen, tief in den Kopf gesunkenen matten Augen drückten
immer Wohlwollen und Dankbarkeit aus. Der ungeheuer breite Mund mit den
schmalen Lippen schien nur die Worte sprechen zu können: »Gute Leut',
erwärmt mich und gebt mir etwas zu essen.«
Meine Schwestern ließen jeden Herbst einen wattierten Rock und andere
warme Kleidungsstücke für sie anfertigen. Es scheiterte aber jeder
Versuch, dieses gänzlich durchfrorene Wesen zu erwärmen. Also Meschia
Cheziche kam; zuerst erhielt sie in der Küche einen Teller voll heißer
Grützsuppe, und nachdem sie gesättigt war und sich etwas erwärmt hatte,
schlich sie zur Tür des Speisezimmers, streckte den Kopf zur
halbgeöffneten Tür herein und meldete sich. Meine Mutter befahl ihr,
sich ordentlich zu waschen; dann zog man der hageren Gestalt ein langes,
weißes Hemd über ihre Kleider und der Kopfputz wurde mit einem weißen
Leinentuch, das auch den breiten Mund bedeckte, umwunden. In diesem
Aufzug, der ihr ein gespensterhaftes Aussehen verlieh, mußte sie nun das
Mehl für die Mazzes durchsieben. Nachdem sie meine Mutter mit den Worten
gesegnet hatte: »Derlebts über a Juhr (künftiges Jahr) mit Eurem Mann
und Kinderlach in großen Freuden!« begann sie ein Sieb nach dem anderen
auf den vorbereiteten Tisch zu schütten. Welch ein ergötzlicher Anblick,
diese Erscheinung bei der Arbeit zu sehen! Wir Kinder standen in
gemessener Entfernung und sahen aufmerksam zu. Meschia Cheziche war das
Sprechen streng untersagt, damit kein Tröpfchen aus ihrem Munde in das
Mehl falle. Nach beendigter Arbeit blieb sie die Nacht in der Küche, und
am frühen Morgen scheuerte sie die großen roten Kisten, in denen das
ganze Jahr reine Wäsche aufbewahrt wurde, und, obgleich sie nie mit
Speisen in Berührung kamen, faßte sie mit kräftigen Händen an und wusch
sie gründlich, damit sie in tadelloser Reinheit die Mazzes aufnähmen.
Dann kamen die Holztische und die Bänke an die Reihe, die ebenfalls die
Kraft des von Meschia Cheziche geführten Scheuerbesens zu fühlen
bekamen. Auch die vielen Dutzende Rollhölzer, Blechplatten, die ebenso
gründlich gereinigt wurden, wurden nicht verschont. Erbarmungslos rieb
und scheuerte man auch zwei große Messingbecken, legte rotglühende
Eisenstäbe darein und schüttete erst kochendes, dann kaltes Wasser so
lange darauf, -- ein solches Reinigen nennen die Juden. »Kaschern« -- bis
das Wasser überlief; später wurden sie noch einmal gescheuert und dann
blank geputzt, daß sie funkelten.
Das Wichtigste beim Mazzesbacken ist das Wasserholen vom Brunnen oder
Fluß, was als große Mizwe (gottgefällige Handlung) gilt. Das Geschirr
zum Mazzeswasser besteht aus zwei großen Holzschaffeln, die mit grauer
Leinwand überspannt waren, einem Eimer mit einem großen Schöpfer und
zwei großen Stangen. Das fehlende Geschirr wurde natürlich neu ergänzt.
Nachdem noch die große Küche im Hof gereinigt, die Ziegel des Backofens
durchglüht und »gekaschert« waren, wurde viel trockenes, harziges Holz,
das unser bewährter alter Wächter Feiwele den ganzen Winter über zu
diesem Zweck gesammelt hatte, in die Küche gebracht. Am Vorabend vor
Rosch-Chodesch Nissan gab es im Hof vor dem Brunnen oder am nahen Fluß
ein seltsames Schauspiel: Mein Vater, meine Schwäger begaben sich in
eigener Person, die Wasserschaffeln auf den langen Stangen tragend, zum
Brunnen oder Fluß, um Wasser zu holen und es nach der großen Küche zu
bringen, wo die Schaffeln auf eine mit Heu bedeckte Bank gestellt
wurden. Die Mutter und wir Kinder liefen dem seltsamen Zuge bald voran;
bald hinterdrein. Die jungen Männer waren dabei vergnügt und munter.
Mein Vater hingegen war ernst, denn diese Bräuche waren ihm als eine
gottgefällige Handlung heilig. Meine Schwäger brachten auch den
wohlverwahrten, verhüllten Sack Mehl in die große Küche. Meschia
Cheziche blieb die Nacht da, um rechtzeitig am nächsten Morgen den Ofen
zu heizen. Alle gingen zeitig zu Bette, um beim Beginn des Mazzebackens
früh zugegen sein zu können.