17. Szene

die phantasie. nachtigall

phantasie (für sich). O Amphio, welch schrecklich’ Los!

Ich kann dich nicht erretten.

nachtigall (setzt sich an den Tisch). Jetzt werden wir halt

schauen, daß wir was zusammen dichten. Das wird

ein’ Arbeit werden.--Also: Hermione.--Und eine

rote Tinte haben s’ mir hergestellt. Das wird ein

blutiges Gedicht. Also g’schwind anfangen!--Kommt

was oder nicht?

phantasie (seufzt). Ach!

nachtigall. Ach? Ist denn das ein schöner Gedanken?

Ach! Da wird einem völlig bang dabei. (Ungeduldig.)

Nu, weiter um ein Haus! Ich komm’ nicht von der

Stell’. Nu? (Er rüttelt sie.)

phantasie. Was willst du, Tropf? Die Phantasie muß frei

sein, wenn sie dichten soll. Nie wird sie dir in Fesseln

dienen.

nachtigall. Was ist das für ein Diskurs? Wo ist denn ein

Stock? (Nimmt einen Thyrsusstab von einer Draperie.) Da

liegt er jetzt auf dem Tisch. Jetzt, wie nicht ordentlich

phantasiert wird, wird er wo anders aufgelegt.

phantasie (lacht verzweiflungsvoll). Ha, ha, ha!

nachtigall. Wie dumm als sie lacht!

phantasie (wie wahnsinnig).

Einst war ein gold’nes Vögelein,

Das nannt’ sich Phantasie.

nachtigall. Was ist denn das? Die phantasiert ja ohne

Hitz’?

phantasie (fährt wild auf). Ich duld’ es nicht!

nachtigall (tunkt ein und schreibt schnell). Nu, endlich

einmal!

phantasie. Ihr Blitze! stürzt herab--

nachtigall (schreibt schnell nach). Jetzt geht’s drauf los.

phantasie. Und euren glüh’nden Kuß--

nachtigall (wie oben). Holla, hast es nicht g’sehen.

phantasie. Drückt auf die freche Stirn!

nachtigall. Die freche Stirn--Nicht gar so g’schwind, ich

komm’ nicht nach.

phantasie (toll). Du Schafskopf, schweig’!

nachtigall (stutzt, ohne zu schreiben). Was ist das für ein

Vers?

phantasie. Willst du ihn zweimal hören?

nachtigall. Was die alles zusamm’diktiert?--Was hab’

ich denn da g’schrieben? (Liest das Geschriebene.) "Ich

duld’ es nicht, ihr Blützer stürzt herab und euren

glühenden Fuß drückt auf den frechen Stier--(Pause.)

Du Schafskopf schweig’!" Was ist denn das für eine

Phantasiererei? Da phantasier’ ich ja besser, wenn ich

das Nervenfieber hab’?

phantasie. Zu gut für dich, gemeiner Wicht!

nachtigall. Das Weibsbild halt’ mich für einen Narren.

Die Zeit vergeht; ich bring’ nichts z’samm’. Wenn nur

die zwei Schwestern von Prag da wären. Die ganze

Sach’ ist schon dumm ang’stellt; ein and’rer hat die

Phantasie im Kopf, und ich hab’s bei den Füßen da.

Wie soll da was herauskommen? Ich krieg’ schon alle

Hitzen. (Er zieht den Rock aus.) O Himmel, was ist das

für ein’ Marter um einen Dichter, dem nichts einfallt.

Du mußt mir helfen, oder ich verzweifle.

phantasie. Du zwingst mich nicht, du feiger Tropf!

nachtigall. Das ist eine boshafte Person. Ich bring’ s’

um, ich schneid’ ihr den Kopf ab und nimm ihr die

Gedanken heraus. (Läuft zu dem Tisch.) Ich setz’ mich

nochmal nieder. (Liest den Titel.) Hermione!--Diktier’

weiter! (Boshaft in den Tisch trommelnd.) Hermione--sie

hört mi halt nit an; ich fahr’ durch die Luft. Jetzt hab’

ich die Gedanken von allen Dichtern in der Welt (Auf

die Phantasie zeigend.) in diesem Binkel da beisamm’ und

ich hab’ von dem ganzen Gedicht noch nichts fertig als

das einz’ge Wort: Hermione; da kann ich doch den

Preis nicht kriegen damit? Ich verzweifel’.

phantasie. Ha, ha, ha! Das freut die Phantasie.

nachtigall (wütend). Jetzt lacht’s mich aus; ich werd’ noch

wahnsinnig. (Kniet sich vor ihr nieder.) Ich beschwöre

dich bei allen Sternen, phantasier’!

phantasie (kniet auch). Ich dich bei allen Sonnen, laß mich

frei!

nachtigall. Ich beschwöre dich bei allen griechischen

und walachischen Dichtern, phantasier’!

phantasie. Ich bau’ dir eine Welt aus glücklichen

Gedanken, laß mich frei!

nachtigall. Ich kann ja nicht. Hab’ doch Barmherzigkeit!

(Weint.)

phantasie (weint). Du unempfindlich Tier!

nachtigall (weinend). Jetzt fangt s’ zu weinen an. Jetzt

sind wir alle zwei im Wasser. Wenn s’ nur in Versen

weinte, um des Himmels Willen--die helle Prosa lauft

ihr übers G’sicht.--(Ein sanftes Glöcklein läutet in der

Ferne.) Jetzt muß ich fort,

jetzt läuten s’ siebene im Apollosaal! Du, g’freu dich,

wenn ich wieder komm’! O Todesschweiß, du stehst

mir an der Stirn! Ich weiß kein anders Mittel--ich

kann ein Lied von der schönen Magellona, das änder’

ich um und sing’ statt: Mageroni, Hermioni, und

wann’s nicht g’fallt, ich schieߒ mich tot, ich häng’

mich auf, ich bring’ mich viermal nacheinander um!

Ich Dummkopf ohne alle Phantasie! (Rennt verzweifelnd

ab.)

Die gefesselte Phantasie · 第 47 / 55 题