"Müssen Franzi? Weh mir, wenn du es müßtest!"
Sie schwiegen beide.
"Wie alt bist du, Franzi?" begann er wieder.
"Du weißt es ja, ich werde achtzehn."
"Ja, ja, ich weiß es, achtzehn; ich hin ein Menschenalter dir voraus.
Über diesen Abgrund bist du zu mir hinübergeflogen, mußt du immer zu
mir hinüber.--Es könnte ein Augenblick kommen, wo dir davor schauderte."
"Was sprichst du da?" sagte sie. "Ich versteh das nicht."
"Versteh es nimmer, Franzi!"
Aber während sie atemlos zu ihm emporblickte, zuckte es plötzlich um ihren
jungen Mund; es war, als flöhe etwas in ihr Innerstes zurück.
Hatten seine Worte die Schärfe ihres Blickes geweckt, und sah sie, was ihr
bisher entgangen war, einen Zug beginnenden Verfalls in seinem
Antlitz?--Doch schon hatte sie sein Haupt zu sich herabgezogen und
erstickte ihn fast mit ihren Küssen. Dann riß sie sich los und ging rasch
hinaus.
Als sie fort war, machte er sich an seinem Schreibtische zu tun. Mit
einem besonders künstlichen Schlüssel öffnete er ein Fach desselben, in
welchem er seine Wertpapiere verwahrt hielt. Er nahm aus den
verschiedenen Päckchen einzelne hervor, schlug einen weißen Bogen darum
und setzte eine Schrift darauf. Als das geschehen war, nahm er einen
zweiten, dem, womit er das Fach geöffnet hatte, völlig gleichen Schlüssel,
paßte ihn in das Schlüsselloch und legte ihn dann neben die Papiere auf
die Tischplatte.
Der Abend war schon so weit hereingebrochen, daß er alles fast im Dunkeln
tat; über den Tannen drüben war schon der letzte Hauch des braunen
Abenddufts verglommen.
Als Franziska nach einer Weile mit der brennenden Lampe hereingetreten war
und schweigend das Zimmer wieder verlassen wollte, ergriff er ihre Hand
und zog sie vor den Schreibtisch.
"Kennst du das, Franziska?" fragte er, indem er einige der Papiere vor ihr
entfaltete.
Sie blickte scharf darauf hin. "Ich kenne es wohl", erwiderte sie; "es
ist so gut wie Geld."
"Es sind Staatspapiere."
"Ja, ich weiß; ich habe bei dem Magister einmal zu solchen ein Verzeichnis
machen müssen."
Er zeigte ihr ein Konvolut, worauf in frischer Schrift ihr Name stand, und
nannte ihr den Betrag, der darin enthalten war. "Es ist dein Eigentum",
sagte er.
"Mein, das viele Geld?" Sie blickte mit scharfen Augen auf das
verschlossene Päckchen.
"Versteh mich, Franzi", begann er wieder; "schon jetzt ist es dein; am
allermeisten aber"--und er verschlang die junge Gestalt mit seinen
Blicken--"in dem Augenblicke, wo du selber nicht mehr mein bist. Du wirst
dann völlig frei sein; du sollst es jetzt schon sein."
Er sah sie an, als erwartete er von ihr eine Frage, eine Bitte um
Erklärung; da sie aber schwieg, sagte er in einem Tone, der wie scherzend
klingen sollte: "Da du jetzt eine Kapitalistin bist, so muß ich dir auch
den nötigen Eigentumssinn einzupflanzen suchen." Und er nahm eine von den
Zeitungen, die umherlagen, zog die Geliebte auf seinen Schoß und begann
die Rubrik der Kurse mit ihr durchzugehen. Dann aber, als sie ihm
aufmerksam zuzuhören schien, lachte er selbst über sein schulmeisterliches
Bemühen. "Es ist spaßhaft! Du und Staatspapiere, Franzi! Du hast
natürlich kein Wort von alledem verstanden!"
Aber sie lachte nicht mit ihm; sie war von seinem Schoße herabgeglitten
und begann eingehende Fragen über das eben Gehörte an ihn zu richten.
Er sah sie verwundert an. "Du bist gefährlich klug, Franzi!" sagte er.
"Magst du lieber, daß ich's nicht verstehe, wenn du mich belehrst?"
"Nein, nein; wie sollte ich!"-Sie wollte gehen, aber er rief sie zurück.
"Vergiß den Schlüssel nicht!" Und indem er sie an den Schreibtisch führte,
setzte er hinzu: "Dieses Fach enthält jetzt mein und auch dein Eigentum.
Möge es nie getrennt werden!"
Sie hatte indessen eine Schnur von ihrem Halse genommen, woran sie eine
kleine golde Kapsel mit den Haaren einer frühverstorbenen Schwester auf
der Brust trug, und war eben im Begriff, daneben auch den Schlüssel zu
befestigen; aber ihre geschäftigen Hände wurden zurückgehalten.
"Nein, nein, Franzi!" sagte er. "Was beginnst du!"--Er hatte das Mädchen
zu sich herangezogen und küßte sie mit Leidenschaft.--"Leg ihn fort, weit
fort! zu deinen anderen Dingen. Was denkst du denn! Soll ich den
Kassenschlüssel an deinem Herzen finden?"
Sie wurde rot. "Was du auch gleich für Gedanken hast!" sagte sie und
steckte den Schlüssel in die Tasche.
Es war in der ersten Hälfte des August. Schwül waren die Tage; trübselig
in der Mauser saßen die Vögel im Walde; nur einzelne prüften schon das
neue Federkleid zum weiten Abschiedsfluge; aber desto schöner waren die
Nächte mit ihrer erquickenden Kühle. Draußen im Waldwasser, wo vordem die
Iris blühten, wie auf dem Hofe in der Tiefe des offenen Brunnens
spiegelten sich jetzt die schönsten Sterne; im Nordosten des nächtlichen
Himmels ergoß die Milchstraße ihre breiten, leuchtenden Ströme.
Richard hatte während einiger Tage den nächsten Umkreis des Waldwinkels
nicht verlassen; ein Körperleiden aus den Jahren seiner Kerkerhaft, die
nicht nur im Kopfe des Winkeladvokaten spukte, war wieder aufgetaucht und
hatte wie eine lähmende Hand sich auf ihn gelegt.
Jetzt saß er, die linde Nacht erwartend, auf einer Holzbank, welche
draußen vor der Umfassungsmauer angebracht war; an seiner Seite lag sein
löwengelber Hund. Stern um Stern brach über ihm aus der blauen
Himmelsferne; er mußte plötzlich seines Jugendglücks gedenken.--Wo--was
war Franziska zu jener Zeit gewesen?--Ein Nichts, ein schlafender Keim!
--Wie lange hatte er schon gelebt!--Die Talmulde entlang begann ein kühler
Hauch zu wehen; er hätte wohl lieber nicht in der Abendluft dort sitzen
sollen.
Da schlug der Hund an und richtete sich auf. Gegenüber aus den Tannen
ließen sich Schritte vernehmen, und bald erschien die schlanke Gestalt
eines Mannes, rasch auf dem Fußsteige hinabschreitend. "Ruhig, Leo!"
sagte Richard, und der Hund legte sich gehorsam wieder an seine Seite.
Der Fremde war indessen näher gekommen, und Richard erkannte einen jungen
Mann in herkömmlicher Jägertracht, mit dunklem krausem Haar und kecken
Gesichtszügen; sehr weiße Zähne blinkten unter seinem spitzen
Zwickelbärtchen, als er jetzt, leichthin die Mütze rückend, "guten Abend"
bot.
"Sie wünschen etwas von mir?" sagte Richard, indem er sich erhob.
"Von Ihnen nicht, mein Herr; ich wünsche das junge Mädchen in Ihrem Hause
zu sprechen."
Es war eine Zuversichtlichkeit des Tons in diesen Worten, die Richard das
Blut in Wallung brachte. "Und was wünschen Sie von ihr?" fragte er.
"Wir jungen Leute haben auf Sonntag einen Tanz im Städtchen drüben; ich
bin gekommen, um sie dazu einzuladen.
"Darf ich erfahren, wem sie diese Ehre danken sollte? Ihrer Sprache nach
sind Sie nicht aus dieser Gegend."
"Ganz recht", erwiderte in seiner unbekümmerten Weise der andere; "ich
verwalte nur während der Vakanz die erledigte Försterei der Herrschaft."
"Aber Sie irren sich, Herr Förster; die junge Dame, die in meinem Hause
lebt, besucht nicht solche Tänze."
"Oh, mein Herr, es ist die anständigste Gesellschaft!"
"Ich zweifle nicht daran."
Der andere schwieg einen Augenblick. "Ich möchte doch die junge Dame
selber fragen!"
"Es wird nicht nötig sein."
Richard wandte sich nach der Pforte. Da der Förster auf ihn zutrat, als
wollte er ihn zurückhalten, streckte der Hund seinen mächtigen Nacken und
knurrte ihn drohend an.
"Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Förster!" sagte Richard.
Ein scharfer Blitz fuhr aus den Augen des jungen Gesellen; er biß in
seinen Zwickelbart; dann rückte er, wie zuvor, leichthin die Mütze und
ging, ohne ein Wort zu sagen, den Fußsteig, den er gekommen war, zurück.
Auf halbem Wege wandte er sich noch einmal und warf einen Blick nach den
Fenstern des Waldwinkels; bald darauf verschwand er drüben in dem
schwarzen Schatten der Tannen.
- Während der Hund, wie zur Wache, noch unbeweglich an dem Rand der
Wiesenmulde stand, war Richard ins Haus zurückgegangen. Als er oben in
das Wohnzimmer trat, sah er Franziska am Fenster stehen, die Stirn gegen
eine der Glasscheiben gedrückt; ein Staubtuch, das sie vorher gebraucht
haben mochte, hing von ihrer Hand herab.
"Franzi!" rief er.
Sie kehrte sich, wie erschrocken, zu ihm.
"Sahst du den jungen Menschen, Franzi?" fragte er wieder. "Es war
derselbe, der uns in letzter Zeit ein paarmal im Oberwald begegnet ist."
"Ja, ich bemerkte es wohl."
"Hast du ihn sonst gesehen?" In Richards Stimme klang etwas, das sie
früher nie darin gehört hatte.
Sie blickte ihn forschend an. "Ich?" sagte sie. "Wo sollte ich ihn sonst
gesehen haben?"
"Nun--er war so gütig, dich zum Tanze zu laden."
"Ach, tanzen!" Und ein Blitz von heller Jugendlust schoß durch ihre grauen
Augen.
Er sah sie fast erschrocken an. "Was meinst du, Franzi?" sagte er. "Ich
habe ihn natürlich abgewiesen."
"Abgewiesen!" wiederholte sie tonlos, und der Glanz in ihren Augen war
plötzlich ganz erloschen.
"War das nicht recht, Franzi? Soll ich ihn zurückrufen?"
Aber sie winkte nur abwehrend mit der Hand.--Ohne ihn anzusehen, doch mit
jenem scharfen Klang der Stimme, der sich zum erstenmal jetzt gegen ihn
wandte, fragte sie nach einer Weile: "Hast du je getanzt, Richard?"
"Ich, Franzi? Warum fragst du so?--Ja, ich habe einst getanzt."
"Nicht wahr, und es ist dir eine Lust gewesen?"
"Ja, Franzi", sagte er zögernd, "ich glaube wohl, daß ich es gern getan."
"Und jetzt", fuhr sie in demselben Tone fort, "jetzt tanzest du nicht
mehr?"
"Nein, Franzi; wie sollte ich? Das ist vorbei.--Aber du nimmst mich ja
förmlich ins Verhör!" Er versuchte zu lächeln; aber als er sie anblickte,
standen die grauen Augen so kalt ihm gegenüber. "Vorbei!" sagte er leise
zu sich selber. "Der Schauder hat sie ergriffen; sie kommt nicht mehr
herüber."
Er ließ es still geschehen, als sie nach einer Weile an seinem Halse hing
und ihm eifrig ins Ohr flüsterte: "Vergib! Ich habe dumm gesprochen! Ich
will ja gar nicht tanzen."
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Richards Unwohlsein hatte in einigen Wochen so zugenommen, daß er das
Zimmer nicht verlassen konnte. Ein Arzt wurde nicht zugezogen, da ihm
aus früheren Zufällen die Behandlung selbst geläufig war; sogar Frau Wiebs
aus Wachs und Baumöl gekochte Salben wurden unerbittlich zurückgewiesen.
Besser wußte Franziska es zu treffen. Sie saß neben seinem Lehnstuhl, wo
er, an einem künstlich von ihr aufgebauten Pulte, einen Aufsatz über hier
aufgefundene seltene Doldenpflanzen begonnen hatte; sie holte ihm die
betreffenden Exemplare aus dem mit ihrer Hülfe angelegten Herbarium oder
aus der Bibliothek die Bücher, deren er bedurfte; sie suchte darin die
einschlagenden Stellen für ihn auf und las sie vor. "Wenn ich noch einmal
Professor werde", sagte er heiter, "welch einen Famulus besitz ich schon!"
Aber sie war nicht nur sein Famulus, sie war auch das Weib, deren stille
Nähe ihm wohltat, die schweigend seine Hand, wenn sie von der Arbeit ruhte,
in die ihre nahm, die ihm die Polster und den Schemel rückte und ihm mit
sanfter Stimme den Trost auf baldige Genesung zusprach.
Heute--es war am Nachmittag--hatte er sie fortgeschickt, um ein buntes
Lippenblümchen aufzusuchen, das nach seiner Rechnung sich jetzt
erschlossen haben mußte; am Waldwasser, das sie beide zu allen Tageszeiten
oft besucht hatten, standen hie und da die Pflänzchen.--Er selbst war in
seinem Lehnsessel bei der begonnenen Arbeit zurückgeblieben; auf allen
Stühlen um ihn her lagen Bücher und Blätter, von Franziskas Hand vor ihrem
Weggange sorgsam nahe gerückt und geordnet. Eben hatte er eine ihrer
Zeichnungen hervorgesucht, die nach seiner Absicht dem Aufsatze
beigedruckt werden sollte; aber seine Gedanken gingen über das Blatt nach
der Malerin selbst, die jetzt dort drüben der Wald vor ihm verbarg. Ihre
hingebende Sorge an seinem Krankenstuhle wollte ihm auf einmal fast
unheimlich scheinen; denn--er konnte es sich nicht verhehlen--Franzi hatte
sich in der letzten Zeit ihm zu entziehen gesucht; sie war fast wieder
scheu geworden wie ein Mädchen. Sollte dies demütige Dienen ein Ersatz
sein? Es war etwas Müdes in ihrem ganzen Tun und Wesen.
Richard hatte den Kopf zurückgelehnt und blickte aus dem Fenster, in
dessen Nähe seine Krankenstatt aufgeschlagen war. Durch die klare Luft
flog eben ein Zug von Wandervögeln; als der verschwunden war, fielen seine
Augen auf einen Vogelbeerbaum, der drüben vor den Tannen an der
Wiesenmulde stand; eine Schar von Drosseln tummelte sich flatternd und
kreischend zwischen den schon roten Traubenbüscheln, die in dem scharfen
Strahl der Nachmittagssonne aus dem Grün hervorleuchteten.
Fern aus dem Walde hallte ein Schuß.
"Bartholomäustag!" sagte Richard bei sich selbst.--"Die Junker haben ihre
Jagd eröffnet.--Wenn nur Franzi schon zurück wäre!"
Eine ungeduldige Sehnsucht nach ihr ergriff ihn. Er hatte ihr etwas
versagt, woran sie nur einmal und nie wieder erinnert hatte; aber es
schien ihm plötzlich klargeworden, dies Versagen drückte sie. Wenn er nur
erst gesund wäre! Sie konnten hier nicht ewig bleiben; auch er fühlte
jetzt mitunter eine Beklommenheit in dieser Stille, einen Drang, an den
Dingen da draußen wieder frischen Anteil zu nehmen. Dann, wenn sie unter
Menschen lebten, mußte schon alles nachgeholt sein; was er ihr und sich
selber einst entgegengesetzt hatte, er schalt es kranke Träume, die den
Dünsten des öden Moors entstiegen seien. Nein, nein! Sein junges Weib
zur Seite, wollte er wieder ins volle Leben hinaus; ein ganzer froher Mann,
befreit von allem grauen Spinngewebe der Vergangenheit. "Franzi, süße
Franzi!" rief er und streckte beide Arme nach ihr aus.
Aber sie kam noch nicht.
Er versuchte es, seine Arbeit wieder aufzunehmen, er blätterte in den
umherliegenden Büchern, er schrieb eine Zeile, dann legte er die Feder
wieder hin.--Von den Eichbäumen, die zu Westen der Umfassungsmauer standen,
fielen die Schatten schon über den ganzen Hof; nur seitwärts durch die
oberen Scheiben drang noch ein Sonnenstrahl ins Zimmer. Da sah er es
drüben aus den Tannen schimmern; Franziska trat aus dem Dunkel und schritt
langsam auf dem Fußsteige hin; ein paarmal blieb sie wie aufatmend stehen,
während sie durch die Wiesenmulde heraufkam.
Als sie dann zu ihm ins Zimmer getreten war, legte sie einen Strauß von
blauem Enzian und Heideblüten vor ihm hin; auch ein Stengel jenes
Lippenblümchens war dabei, aber die Knospen waren noch nicht erschlossen;
vergebens--so sagte sie--habe sie sich überall nach einer aufgeblühten
Pflanze umgesehen; aber morgen oder übermorgen werde sie gewiß schon eine
bringen können.
Ihre Augen glänzten, ihre Wangen waren heiß. Er ergriff ihre Hand und
wollte sie an sich ziehen.
"Du hast wohl sehr weit umher gesucht?" sagte er.
Aber er fühlte ein leises Widerstreben. "Oh, ziemlich weit! Es war ein
wenig feucht, ich muß die Schuhe wechseln."
"So tu das erst, komm aber bald zurück! Ich habe fast um dich gesorgt."
"Um mich? Das war nicht nötig."
"Ja, Franzi, wenn man krank im Lehnstuhl sitzt!--Ich hörte schießen,
drüben vom Waldwasser her. Hast du es nicht gehört?"
"Ich? Nein, ich hörte nichts." Sie hatte im selben Augenblick den Kopf
gewandt. "Ich komme gleich zurück", sagte sie, ohne umzusehen, und ging
rasch zur Tür hinaus.
Als sie gegangen war, kam der Hund herein, der es bald gelernt hatte, mit
seiner breiten Pfote die Zimmertür zu öffnen. Er legte den Kopf auf
seines Herrn Schoß und blickte ihn wie fragend mit den braunen Augen an.
Richard ließ seine Hand liebkosend über den Rücken des schönen Tieres
gleiten.
"Sei ruhig, Leo!" sagte er, "wir beide bleiben doch beisammen!"--Er teilte
mit den Fingern das seidenweiche Haar unter dem Behang des Kopfes. "Laß
sehen! Hast du denn die Narbe noch?--Das war ein wilder Strauß mit dem
lombardischen Strauchdieb damals! So tolle Wege gehen wir nun nicht mehr!
--Aber schön wird doch auch die neue Fahrt mit deiner jungen Herrin, wenn
sie mit ihren lichten Falkenaugen in die vorüberfliegende Landschaft
blickt, und du, mein Hund, voran in weiten Sprüngen, wie einstens, da wir
noch allein die Welt durchstreiften! Denn hinaus wollen wir wieder, weit
hinaus, und du, mein Tier--gewiß, wir bleiben beieinander!"
Er hatte sich hinabgebeugt, aber Leo schloß wie beruhigt seine Augen, und
nur die Fahne des mächtigen Schweifes bekundete in sanften Bewegungen die
Zufriedenheit seines Innern. So saßen sie still beisammen, wie sie es
sonst so oft getan, tags an der offenen Landstraße wie abends im
behaglichen Quartier. Der reichbegabte Mann und die scheinbar so weit von
ihm getrennte Kreatur--in diesem Augenblick legte sich das Gefühl der
gegenseitigen Treue wie erquickender Tau auf beider Haupt.--Richard war
nicht dazu gekommen, Franzi seinen so freudig gefaßten Entschluß
mitzuteilen; auch als sie bald darauf wieder eintrat, und selbst in den
folgenden Tagen, gelangte er nicht dazu.--Franzi ging wiederholt in den
Wald hinaus. Sie brachte ihm die erschlossene Blume, um deren willen sie
zuerst hinausgegangen war; sie brachte auch andere, die zu seiner Arbeit
in Beziehung standen; jedesmal hatte sie etwas Neues vorzulegen. In der
Vase, welche auf dem Schreibtische stand, ordnete sie fast täglich einen
neuen Strauß von Gräsern und wilden Blumen, zwischen denen jetzt auch
schon Zweige mit roten und schwarzen Beeren glänzten.
Wenn sie ihn verlassen hatte, fühlte er eine Unruhe, die er sich selber zu
gestehen schämte. Denn was konnte ihr geschehen hier im Walde!--Einen
Schuß hatte er nicht wieder gehört; die Jagd mußte, wenn sie überhaupt
betrieben wurde, nach einem entfernteren Teile des Reviers verlegt sein.
Aber allmählich und immer rascher fühlte er sich genesen; bald ging er im
Hause, bald mit Leo und Franzi auch schon draußen in der nächsten Umgebung
desselben umher; mit vollen Zügen atmete er die klare, würzige Herbstluft.
Und jetzt erfaßte ihn aufs neue eine Ungeduld, bevor noch hier die
Blätter fielen, seine Pläne zu verwirklichen. Mit raschem Entschluß
setzte er sich an den Schreibtisch und teilte seinem Freunde, dem
Bürgermeister, seine Absicht nebst einer dessen Persönlichkeit
entsprechenden Begründung mit, zugleich kündigte er seinen Besuch auf die
nächsten Tage an. Neben ihm unter dem Briefbeschwerer lag die jüngst
verfaßte Arbeit, in sauberer Reinschrift von Franziskas Hand und fertig
zur Versendung an die Redaktion einer botanischen Zeitschrift. Alles
sollte noch heute die Botenfrau zur Post bringen.
Als er die Abhandlung hervorzog, um sie einzusiegeln, kreuzte beim
flüchtigen Einblick ein Gedanke seinen Kopf, der ihn antrieb, noch einmal
ein in seiner Bibliothek befindliches Fachwerk nachzuschlagen.
Gleich nachdem er das Zimmer verlassen hatte, kam Franziska durch die
Außentür herein. Als sie den offenen, frisch geschriebenen Brief auf dem
Tische liegen sah, trat sie auf leisen Sohlen näher; vorsichtig reckte sie
den Kopf, und ihre Augen flogen darüber hin, als wollten sie die Schrift
einsaugen. Ein paar Sekunden stand sie noch, ihre Finger fuhren an die
Zähne, ein heftiges Erschrecken lag auf ihrem Antlitz. Dann, als nebenan
in der Bibliothek sich Schritte rührten, entfloh sie aus dem Zimmer, aus
dem Hause und draußen über den Hof; an die Mauer gedrückt, lief sie in die
Heide hinaus, die an der Rückseite des Gebäudes lag. Eine Weile saß sie
hier zwischen dem Eichengebüsch auf dem Boden, die Hände um die Knie
gefaltet; ihre Blicke flogen von den Wetterfahnen des Hauses, welche
goldschimmernd in der Morgensonne aus dem Laub hervorragten, nach dem Wald
hinüber und vom Walde zurück zu dem alten Gemäuer, das dort so friedlich
in dem Grün der Bäume stand. Plötzlich sprang sie auf; die ganze
schmächtige Gestalt bebte, aber ihre Augen blickten entschlossen nach dem
Wald hinüber. Durch das Gebüsch der Heide lief sie seitwärts an der
Wiesenmulde entlang. Als sie beim Zurückblicken das Haus nicht mehr
gewahren konnte, ging sie durch die wuchernden Kräuter in dieselbe hinab
und verschwand dann jenseits zwischen den Stämmen der Waldbäume.
--Als sie nach reichlich einer Stunde wieder ins Haus trat, schien jede
Spur einer Aufregung aus ihrem Angesicht verschwunden.
"Bist du endlich da, Franzi?" sagte Richard, der ihr auf dem Flur
entgegenkam, "ich suche dich seit einer Stunde."
Franziska drückte ihm leicht die Hand. "Verzeih, daß ich dir's nicht
sagte. Mir war der Kopf benommen, ich mußte einen Gang ins Freie machen."
Er legte ihren Arm in seinen. "Komm!" sagte er und zog sie mit sich die
Treppe hinauf nach dem Wohnzimmer. Hier faßte er sie an beiden Händen und
blickte sie lang und liebevoll mit seinen ernsten Augen an.
Sie senkte den Kopf ein wenig und fragte: "Was hast du, Richard? Du bist
so feierlich."
"Franzi", sagte er, "gedenkst du wohl noch der Hochzeitsmusik, die abends
vom Waldesrand zu uns herüberwehte?"
Sie nickte, ohne aufzusehen.
"Und jener Worte, die ich damals zu dir sprach?--Ich war ein Tor, Franzi;
die ungewohnte Einsamkeit hatte mir den Mut gelähmt. Doch jetzt bin ich
ein eigensüchtiger Mensch; ich kann nicht anders, ich muß dich halten,
unauflöslich fest, auch wenn du gehen wolltest! Ich ertrag's nicht länger,
daß du frei bist.--Das ist Selbsterhaltung, Franzi, ich kann nicht leben
ohne dich."
Immer inniger ruhten seine Augen auf ihr, immer mehr hatte er sie an sich
gezogen.
Bebend hing sie in seinen Armen. "Wann", sagte sie, "wann denkst du, daß
es sein sollte?"
"Macht's dich beklommen, Franzi?"--Er legte seine Hand auf ihre dicke
seidene Flechte und drückte ihren Kopf zurück, daß er ihr Antlitz sehen
konnte. "Ich hab dich überrascht, besinne dich!--Wir brauchen keine
Hochzeitsmusik; in dieser Stille, wo du mein geworden bist, mag auch die
Außenwelt ihr Recht bekommen. Die alte gute Wieb, ihr Freund, der
Inspektor; wir brauchen keine andern Zeugen! Und übermorgen reise ich zu
deinem Vormund, zu unserem Freund, dem Bürgermeister; die paar Tage noch
bist du Strohwitwe; dann, Franzi, dann verlassen wir uns nicht mehr." Er
schwieg.
Sie öffnete die Lippen; aber es war, als wenn die Worte nicht hinüber
wollten. "Und wann", sagte sie endlich, "wirst du wiederkommen?"
"Am Sonnabend reise ich; am Dienstag bin ich wieder da. Dann hoff ich
alles mitzubringen: die nötigen Scheine, die Lizenz, das Hochzeitskleid.
--Ja, Franzi, die Tage deiner Freiheit sind gezählt! Du wirst mir doch
indes nicht etwa fortgeflogen sein?"
Mit dem glücklichsten Lächeln blickte er sie an. "Und nun geh, mein
geliebtes Weib! Ich hab noch mancherlei für uns zu ordnen."
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Die letzte Nacht vor der Abreise war gekommen.
--Die drei Bewohner des Waldwinkels befanden sich in ihren Schlafgemächern;
Leo, der treue Wächter, lag, wie stets um diese Zeit, unten im Flur quer
vor der Haustür hingestreckt. Im Hause war alles still, wenn nicht
mitunter ein Husten der alten Frau Wieb aus deren Gardinenbett hervorbebte
oder droben im Wohnzimmer der Uhrenkuckuck von Stunde zu Stunde die
Stationen der Nacht in die schweigenden Räume hinausrief.--Draußen aber
wühlte der Wind in den Bäumen; die Wetterfahnen kreischten auf dem Dache,
und allerlei Stimmen schwebten, wenn der Sturm zu neuem Zuge den Atem
anhielt, aus dem Walde herüber.--Horch! Klang da nicht ein Fenster? Das
einzige an der Westseite des Hauses, wo die Eichenzweige die Mauer fast
berühren?
Nein, nur in den Lüften brauste es stärker; es schien sich weiter nichts
zu rühren; die alte Frau Wieb hustete; oben rief der Kuckuck: eins!--Die
Nacht rückte weiter; nichts, was nicht sonst auch da war, ließ sich hören.
Die wenigen Sterne, die durch die vorüberjagenden Wolken blinkten,
erblichen nach und nach.--In der ersten Dämmerung stand Franziska vor
Richards Bette. Er schlief noch; sie kniete nieder und küßte seine Hand,
die über den Rand des Bettes herabhing; und als er die Augen aufschlug,
sagte sie: "Du mußt aufstehen, Richard; der Wagen wird bald da sein!"
"Franzi!" rief er, die Augen zu ihr aufschlagend, und nach einer Weile, da
der Nebel des Schlafs von seiner Stirn gewichen war, setzte er hinzu:
"Hast du den Eulenschrei gehört, heut nacht? Auf der Uhr drinnen rief es
just zu eins."
Sie zuckte leise in den Schultern. "Das hören wir ja jede Nacht", sagte
sie leise.
"Nein, nein, Franzi; es war nicht der Waldkauz, den wir hierherum haben;
es klang ganz anders, seltsam! Ich zweifelte zuerst, ob's auch nur einer
seiner Vettern sei; drunten vorn Flur herauf hörte ich, wie Leo sich
aufrichtete und einige Male hin und wider ging."
"Ich hab es nicht bemerkt", sagte sie leise.
"Dann hast du fest geschlafen, Franzi; denn das Tier muß in einem der
nächsten Bäume hier gesessen haben."
Sie saßen noch beim Frühstück miteinander, aber Franzi brachte kaum ein
Krümchen über ihre Lippen. Dann stieg er in den Wagen. "Vergiß es nicht;
drei Tage!" rief er ihr noch zurück, und fort rollte das Gefährt über die
Heide; mit lautem Bellen sprang der Hund voraus.
Lange stand sie und blickte mit unbeweglichen Augen hinterher, bis nur
noch die dunkle Linie des Steppenzuges sich am Horizonte abhob.
--------------------------
Am Nachmittag trat Richard zu seinem Freunde,
dem Bürgermeister, in das Zimmer.
"Nun, Waldmensch!" rief dieser, ihm drohend die kleine runde Hand
entgegenschüttelnd, "was treibst du denn für Streiche?"
"Du hast also meinen Brief erhalten?"
"Freilich! Wie du einen alterieren kannst! Es sind natürlich lauter
Scherze!"
"Ich bin in vollem Ernst zu dir gekommen."
"Höchst merkwürdig!" sagte der Bürgermeister, "romantisch, ganz romantisch!
--Ich wette, du weißt noch nicht einmal, wer Vater und Mutter zu dem
Mädchen gewesen sind."
"Was geht das mich an!"
"Nun, nun; du brauchst aber doch einen Taufschein--"
"Ich brauche noch mehr, Fritz! Vielleicht gar deine
obervormundschaftliche Hülfe, wenn der wackere Schuster seine Mündel etwa
wieder bei einem reichen Bäcker sollte in Versorgung geben wollen."
"Meine Hülfe, Richard? Nein, nein; wo denkst du hin? Das ginge denn doch
gegen mein Gewissen."
Richard lächelte. "Aber du bist ja nicht mein Obervormund; ist dir der
Mann nicht gut genug für deine Mündel?"
"Bei Gott, du hast recht, Richard! Mir war in diesem Augenblick, als
seist du noch mein Leibfuchs. Da werd ich freilich nichts dagegen machen
können." Der Bürgermeister hatte seine goldene Brille von der Nase
genommen, putzte die Gläser mit seinem gelbseidenen Schnupftuche und sah
dabei den Freund kopfschüttelnd aus seinen kleinen Augen an. "Hm, solch
ein Schwärmer!" sagte er, "es ist doch seltsam, daß euere Sorte immer--"
Aber Richard ergriff den kleinen guten Mann bei beiden Händen. "Du
disputierst sie mir nicht ab", sagte er innig. "Laß gut sein, Fritz;
sprich lieber, wie steht es mit dem Herrn Magister?"
"Er sitzt!" erwiderte der Bürgermeister mit einem höchst fröhlichen
Erwachen seiner Stimme.
"Aber sein Prozeß?"
"Still; weck ihn nicht! Der schläft."
"Und Franziska?"
"Wird nicht mehr beunruhigt werden. Die Akten sind eingesandt; das Urteil
kommt schon zu seiner Zeit."
"Nun, Fritz, so hilf mir, und laß uns alles rasch besorgen!"-Und alles
wurde besorgt; schon am nächsten Vormittage hatte Richard die Lizenz und
alle nötigen Scheine in seinen Händen. Es war sein Plan gewesen, die
Reise noch auf jene Großstadt auszudehnen; aber wieder befiel ihn eine
fast angstvolle Sehnsucht und trieb ihn nach dem Wald zurück; die
beabsichtigten Einkäufe ließen sich ja auch am besten in Gemeinschaft mit
Franziska machen.
So befahl er denn die Heimkehr.
"Frisch zu, Kutscher", sagte er, "es gibt ein doppeltes Trinkgeld." Der
Kutscher brauchte seine Peitsche; noch am Nachmittag erreichten sie das
Dorf; aber auf dem holperigen Steinpflaster lief ein Rad von der Achse,
und zur Ausbesserung bedurfte es einer halbstündigen Arbeit in der
Dorfschmiede. Richard, von Leo begleitet, war nach dem Krug
hinübergegangen. Bei seinem Eintritt in die Außendiele stieß der Hund ein
dumpfes Knurren aus, und in demselben Augenblick ging der junge Förster,
der eben aus der Gaststube trat, ohne Gruß an ihm vorüber aus der Haustür;
nur ein flüchtiger Blick der blanken Augen hatte ihn gestreift.
Richard blieb unwillkürlich stehen. Als er durch die offene Haustür
wahrnahm, daß der andere den Hof verlassen hatte, ging auch er wieder
hinaus und sah ihn eilig auf dem nach Norden fahrenden Landwege
dahinschreiten. Der Mensch war ihm verhaßt; er wußte selber kaum, weshalb
er hier am Wege stand, ihm nachzublicken.
Er wandte sich rasch wieder nach dem Hause. Dort hörte er von der
Gaststube aus lebhaftes und vielstimmiges Gespräch, wovon er bei seiner
ersten Einkehr nichts bemerkt hatte. Als er mit seinem Hunde eintrat,
fand er viele Gäste an den Tischen sitzen, denn es war Sonntagnachmittag.
Aber das Gespräch verstummte plötzlich; statt dessen kam der Wirt ihm
entgegen und erkundigte sich geflissentlich nach seiner Reiseungelegenheit.
Von einem der Tische her hörte er noch den Namen des Försters, den er
zufällig erfahren hatte; doch der Sprecher erhielt von seinem Nachbar
einen Stoß mit dem Ellenbogen, und allmählich kam wieder ein lautes
Gespräch in Gang, wie es die Bauern über Ernte und Fruchtpreise um solche
Jahreszeit zu führen pflegen.
Endlich war die Achse hergestellt, und der Wagen rollte fort. Richard saß
in sich versunken; eine unklare, unbehagliche Stimmung hatte ihn ergriffen;
er konnte sich nicht freuen auf die Heimkehr, formlose gespenstische
Gebilde aus irgendeinem fernen grauen Nebel drangen auf ihn ein. Wenn er
nur erst da wäre, nur erst Franziskas Antlitz wiedersähe!
Und weiter ging es, und immer näher kam er zu den Wäldern. Schon rumpelte
der Wagen zwischen dem Eichenbusch über den harten Heideboden, und endlich
stieg das Dach des Hauses vor ihm auf, und er sah die Wetterfahnen in der
Abendsonne schimmern.
Aber dort, was seitwärts aus dem Schatten des Waldes trat, das war sie ja
selbst; ihr helles Kleid, ihr Strohhütchen, ganz deutlich hatte er es
erkannt. Sie schien den Wagen nicht bemerkt zu haben, denn sie schlug die
Richtung nach dem Hause ein; aber er beugte sich vor und rief über die
Heide: "Franzi! Franzi!"--Da blieb sie stehen, und als er noch einmal
gerufen hatte, wandte sie sich und kam langsam näher. Endlich konnte er
ihr Antlitz sehen; die Augen standen so groß und dunkel über den blassen
Wangen; er meinte sie noch niemals so gesehen zu haben. Bevor der Wagen
hielt, war er schon hinabgesprungen und schloß sie in die Arme. "Gott sei
gedankt!" rief er und atmete auf, als fiele eine Bergeslast von seiner
Brust, "mir war, als könnt ich dich verloren haben!"