Franziska, die mit vorgebeugtem Kopf und offenem Munde den beiden zugehört
hatte, war hinter des Doktors Stuhl getreten. "Soll ich den Grund sagen,
Vormund?" fragte sie jetzt; und aus ihrer Stimme klang wieder jener
schneidende Ton, der wie ein verborgenes Messer daraus hervorschoß.
"Sagen Sie, was Sie wollen!" erwiderte der Handwerker, seine Augen trotzig
auf die Seite wendend.
"Nun denn, wenn Sie es selbst nicht sagen wollen--der Bäckermeister hat
eine Hypothek auf Ihrem Hause; ich weiß, Sie werden jetzt von ihm gedrängt!"
Richard atmete auf. "Ist dem so?" fragte er.
Der Mann mußte es bejahen.
"Und wie hoch beläuft sich Ihre Schuld?"
Es wurde eine Summe angegeben, die für die Verhältnisse eines kleinen
Handwerkers immerhin beträchtlich war.
"Nun, Meister", erwiderte Richard rasch; aber bevor er seinen Satz
vollenden konnte, fühlte er wie einen Hauch Franziskas Stimme in seinem
Ohr: "Nicht schenken! Bitte nicht schenken!" Und ebenso leise, aber wie
in Angst, fühlte er seinen Arm von ihr umklammert.
Er besann sich; er hatte sie sofort verstanden.
"Meister", begann er wieder; "ich werde ihnen das Geld leihen; Sie können
es sofort erhalten und brauchen mir nur einen Schuldschein auszustellen.
Verstehen Sie mich wohl--solange Ihre Mündel sich in meinem Hause befindet,
verlange ich keine Zinsen! Sind Sie das zufrieden?"
Der Mann hatte noch allerlei Bedenken, aber es war nur des schicklichen
Rückzugs halber; nach einigem Hin- und Widerreden erklärte er sich damit
einverstanden.
"So gedulden Sie sich einen Augenblick! Ich werde Ihnen den erforderlichen
Auftrag an meinen Anwalt mitgeben."
Franziska hatte sich aufgerichtet; Richard rückte seinen Sessel an den
Schreibtisch. Man hörte die Feder kritzeln; denn die Hand flog, die jene
Worte schrieb.
Rasch war der Brief versiegelt und wurde von begierigen Händen in Empfang
genommen.
Gleich darauf hatte Richard den Mann zur Tür geleitet; Franziska stand
noch an derselben Stelle. Wie gebannt, ohne sich zu rühren, blickten
beide auf die Tür, die sich eben wieder geschlossen hatte; als käme es
darauf an, sich der schwerfälligen Schritte zu versichern, die jetzt
langsam die Treppe hinab verhallten. Einen Augenblick noch, und auch das
Auf- und Zuschlagen der Haustür und nach einer Weile das des Hoftores
klang zu ihnen herauf.
Da wandte er sich gegen sie. "Komm!" sagte er leise und öffnete die Arme.
Es mußte laut genug gewesen sein; denn sie flog an seine Brust, und er
preßte sie an sich, als müsse er sie zerstören, um sie sicher zu besitzen.
"Franzi! Ich bin krank nach dir; wo soll ich Heilung finden?"
"Hier!" sagte sie und gab ihm ihre jungen roten Lippen.--Ungehört von ihnen
war die Zimmertür zurückgesprungen; ein schöner schwarzgelber Hundekopf
drängte sich durch die Spalte, und bald schritt das mächtige Tier selbst
fast unhörbar in das Zimmer. Sie bemerkten es erst, als es den Kopf an
die Hüfte seines Herrn legte und mit den schönen braunen Augen wie
anklagend zu ihm aufblickte.
"Bist du eifersüchtig, Leo?" sagte Richard, den Kopf des Tieres
streichelnd; "armer Kamerad, gegen die sind wir beide wehrlos."--Auch auf
diesen Abend war die Nacht gefolgt. Auf der Schwarzwälder Uhr hatte eben
der kleine Kunstvogel zehnmal unter Flügelschlagen sein "Kuckuck" gerufen,
und Richard holte den großen Schlüssel aus seiner Schlafkammer, um, wie
jeden Abend, das Hoftor in der Mauer abzuschließen.
Als unten auf dem Flur Franziska aus der Küche trat, haschte er im Dunkeln
ihre Hand und zog sie mit sich auf den Hof hinab. Schweigend hängte sie
sich an seinen Arm. So blickten sie aus dem geöffneten Tor noch eine
Weile in die Nacht hinaus.
Es stürmte; die Tannen sausten, hinter dem Wald herauf jagte schwarzes
Gewölk über den bleichen Himmel; aus dem Dickicht scholl das Geheul des
großen Waldkauzes. Das Mädchen schauderte. "Hu, wie das wüst ist!"
"Du, hast du Furcht?" sagte er. "Ich dachte, du könntest dich nicht
grauen."
"Doch! jetzt!" Und sie drängte ihren Kopf an seine Brust.
Er trat mit ihr zurück und warf den schweren Riegel vor die Pforte; von
oben aus den Fenstern fiel der Lampenschimmer in den umschlossenen Hof
hinab. "Der nächtliche Graus bleibt draußen!" sagte er.
Sie lachte auf. "Und auch der Vormund!" raunte sie ihm ins Ohr.
Er nahm sie wie berauscht auf beide Arme und trug sie in das Haus.--Und
auch hier drehte sich nun der Schlüssel, und wer draußen gestanden hätte,
würde es gehört haben, wie auf diesen Klang der große Hund sich innen vor
der Haustür niederstreckte.
Bald war auch in den Fenstern oben das Licht erloschen, und das Haus lag
wie ein kleiner dunkler Fleck zwischen unzähligen andern in der großen
Einsamkeit der Waldnacht.
--------------------------
Franziska war mit dürftiger Kleidung in ihre neue Stellung eingetreten,
und obgleich Richard bei seiner ersten Verhandlung mit dem Vormunde in
dieser Beziehung alle Fürsorge auf sich genommen hatte, so war bei dem
abwehrenden Wesen des Mädchens doch noch kein Augenblick gekommen, in dem
er Näheres hierüber hätte mit ihr reden mögen. Freilich war auch dies
Gepräge der Armut und nicht weniger die Scham, womit er sie bemüht sah,
es ihm zu verdecken, nur zu einem neuen Reiz für ihn geworden; ein süßes,
schmerzliches Licht schien ihm bei solchen Anlässen von ihrem jungen,
sonst ein wenig herben Antlitz auszustrahlen.--Jetzt aber durfte es so
nicht länger bleiben.
Drei Meilen südlich von ihrem Waldhäuschen lag eine große Handelsstadt,
und eines Morgens in der Frühe hielt draußen vor dem Tore ein leichter,
wohlbespannter Wagen, um sie dorthin zu bringen. Leo war im Hinterhause
eingesperrt worden. Frau Wieb, nachdem sie von beiden noch einige
freundliche Worte durch ihr Hörrohr in Empfang genommen hatte, nickte
munter nach dem Wagensitz hinauf, und fort rollten sie über die holperigen
Geleise der Heide in die Welt hinaus.
Auf halbem Wege waren sie in einem Dorfkruge abgestiegen. Als die Wirtin
die bestellte Milch brachte, fragte sie, auf Richard zeigend: "Der Herr
Vater nimmt doch auch ein Glas?"
"Freilich", wiederholte Franziska, "der Herr Vater nimmt das andre Glas."
Mit übermütiger Schelmerei blickte sie zu ihm hinauf.
Es war noch früh am Vormittage, als sie die große Stadt erreichten.
Zuerst wurde für die Oberkleider eingekauft; klare, feingeblümte Stoffe
für die heißen, weiche, einfarbige Wollenstoffe für die kalten Tage. Die
Anfertigung der Kleider wurde in demselben Geschäft besorgt, und Franziska
mußte mit einer Schneiderin in ein anliegendes Kabinett gehen, um sich die
Maße nehmen zu lassen. Zuvor aber waren von Richard, unter lebhafter
Mißbilligung der Verkäufer, die einfachsten Schnitte zur Bedingung gemacht:
"Fürs Haus und für den Wald!" Und Franzi hatte die mitleidigen Blicke,
womit die jungen Herren des Ladens sie über den Eigensinn des "Herrn
Vaters" zu trösten suchten, ohne eine Miene zu verziehen, über sich
ergehen lassen.
Sie gaben ihre Adresse ab und gingen weiter.
Nachdem unterwegs Franziskas Malgerät vervollständigt und bei einer
Modistin zwei einfache, aber zierliche Strohhüte eingehandelt waren,
traten sie in ein Weißwarengeschäft. Bevor noch Franziska ein Wort
dareinreden konnte, hatte er ein Dutzend fertiger Hemden eingekauft.
"Sie sind ein Verschwender!" sagte sie; "das hätte ich alles selber nähen
können."
"Du hast recht!" erwiderte er und kaufte das Zeug zu einem zweiten Dutzend.
"Wenn Sie so fortfahren, Richard, so gehe ich in keinen Laden mehr."
"Nur noch zum Schuhmacher!--Aber was soll das Sie? Bist du mir böse,
Franzi?"
"Nein, du; aber du siehst mir heut so vornehm aus."
"Weiter!" sagte er.
Bald darauf standen sie in dem elegantesten Schuhwarenmagazin; und die
Ladendame, nachdem sie etwas herabsehend die unscheinbare Gestalt des
Mädchens gemustert hatte, breitete gleichgültig einen Haufen Schuhwerk vor
ihnen aus.
Ein Zug der Verachtung spielte um Franzis Lippen, als sie auf diese
Mittelware blickte; denn sie besaß eine Schönheit, welche an diesem Orte
als die höchste gelten mußte und deren sie sich vollständig bewußt war.
Aber sie setzte sich gleichwohl auf den bereitstehenden Sessel und zog ihr
Kleid bis an die Knöchel in die Höhe.
Das Frauenzimmer, das mit dem Schuhwerk vor ihr hingekniet war, stieß
einen Ruf des Entzückens aus. "Ah! Welch ein Aschenbrödelfüßchen! Da
muß ich Kinderschuhe bringen."
Wie eine Fürstin saß Franzi auf ihrem Sessel; Richard, der diesen Sieg
vorausgesehen hatte, verschlang den triumphierenden Blick, den sie zu ihm
hinaufsandte.
Die Ladendame aber erschien ganz wie verwandelt; ihre Käufer waren
offenbar plötzlich in die Aristokratie der Kundschaft hinaufgerückt; sie
holte eifrig eine Menge zierlicher Stiefelchen von allen Farben und Arten
aus den Glasschränken hervor, die aber sämtlich nach dem Gebot der Mode
mit hohen Absätzen versehen waren.
"Nein, nein", sagte Richard lächelnd, "das mag für gewöhnliche Damenfüße
gut genug sein; Füße aus dem Märchen dürfen nicht auf solchen Klötzen
gehen!"
"Sie haben recht, mein Herr", sagte die Ladendame, "aber für die
gewöhnliche Kundschaft müssen wir uns nach der Mode richten." Dann kramte
sie wieder in ihren Schränken; und nun brachte sie Stiefelchen, so leicht,
so weich--die Elfen hätten darauf tanzen können; gleich das erste Paar
glitt wie angegossen über Franzis schlanke Füßchen.
Noch einige Paare wurden ausgesucht, auch für die gemeinschaftlichen
Wanderungen zu hoch hinaufreichenden ledernen Waldstiefelchen das Maß
genommen; dann trieben die beiden weiter durch die wimmelnde Menschenflut
der großen Stadt. Sie hing an seinem Arm; er fühlte mit Entzücken jeden
ihrer leichten Schritte, und unwillkürlich ging er immer rascher, als
wolle er den Vorübergehenden jeden Blick auf das bezaubernde Geheimnis
dieser Füßchen unmöglich machen, die nur ihm und keinem andern je gehören
sollten.
Mit sinkendem Abend hielt der Wagen wieder vor dem Hause des Waldwinkels.
--Einige Tage später brachte die Botenfrau große Packen aus der Stadt;
alle Bestellungen waren auf einmal eingetroffen. Franziska trug die
Herrlichkeiten auf ihr Zimmer und schloß sich darin ein. Als sie nach
geraumer Zeit in die Wohnstube trat, ging sie auf Richard zu, nahm ihn
schweigend um den Hals und küßte ihn; dann lief sie in die Küche, um Frau
Wieb heraufzuholen.
Es war aber nur noch ein Teil der Sachen und nur das Einfachste, das jetzt,
auf Bett und Kommode ausgebreitet, der gutmütigen Alten zur Bewunderung
vorgezeigt wurde. Dagegen hatte Franziska derzeit nicht vergessen,
Richard an den Einkauf eines guten Kleiderstoffs und einer bunten
Sonntagshaube für die Alte zu erinnern. Und jetzt, trotz deren Bitten,
sie möge ihr eigen Weißzeug darum nicht versäumen, gab sie keine Ruhe, bis
sie zu dem neuen Staat ihr Maß genommen hatte und andern Tages schon
zwischen zerschnittenen Stoffen und Papiermustern in Frau Wiebs Kämmerchen
am Schneidertische saß. So geschickt wußte sie es der alten Frau
vorzustellen, daß sie noch keineswegs zu alt sei, um hier eine Rosette,
dort eine Puffe oder Schleife aufgesetzt zu bekommen, daß diese immer
öfter aus ihrer Küche in die Zauberwerkstatt hinüberlief und ihrem Herrn
beteuerte, die Franziska mache sie noch einmal wieder jung.
Richard schien kaum dies Treiben zu beachten; nur einmal, als er dem
Mädchen auf dem Flur begegnete, da sie eben mit allerlei Nähgerät die
Treppe herabgekommen war, hielt er sie an und sagte: "Aber Franzi, was
stellst du denn mit unserer guten Alten auf? Sie wird ja eitel wie
Bathseba auf ihre alten Tage."
Franziska ließ eine Weile ihre Augen in den seinen ruhen. "Laß nur",
sagte sie dann, "die Alte muß auch ihre Freude haben!" Und schon war sie
durch die Kammertür verschwunden.
--------------------------
Sie wohnten zwischen der Heide und dem Walde, in welche seit hundert Jahren
keine Menschenhand hineingegriffen hatte; rings um sie her wartete frei und
üppig die Natur.
Die Menschen waren fern, nur die Bienen kamen und summten einsam über die
Heide. Einmal zwar war der alte Inspektor eingekehrt und hatte wegen der
nötigen Feuerung mit der alten Frau Wieb einen Zwiesprach in deren
Stübchen abgehalten; dann ein paar Tage später war ein mächtiges Fuder
schwarzen Torfes durch den Wald dahergekommen und vor dem Hause abgeladen
worden; einmal auch hatte der Krämer aus der Stadt mit seinen neugierigen
Augen sich herangedrängt, hatte glücklich ein Geschäft gemacht, war dann
aber mit der Weisung entlassen worden, daß in Zukunft alles brieflich
solle bestellt werden. Sonst war niemand dagewesen als die Botenfrau, die
zweimal wöchentlich Briefe und Blätter, und was ihr sonst zu bringen
aufgetragen war, unten in der Küche niederlegte. Einen Besuch auf dem
jenseit des Waldes liegenden Schlosses hatte Richard den Junkern zwar
versprochen, aber er wurde immer wieder hinausgeschoben. So kam auch von
dort niemand herüber. Selbst die Zeitungen, welche von draußen aus der
Welt Kunde bringen sollten, wurden seit Wochen ungelesen in einem unteren
Fache des Schreibtisches aufgehäuft.--Aber an jedem Morgen fast schritten
jetzt die beiden miteinander in die würzige Sommerluft hinaus; Franzi in
ihren hohen ledernen Waldstiefelchen, die Kleider aufgeschürzt, über der
Schulter eine kleine Botanisiertrommel, die er für sie hatte anfertigen
lassen. Meistens sprang auch der große Hund an ihrer Seite; mitunter aber,
wenn der Himmel mit Duft bedeckt war, wenn still, wie heimlich träumend,
die Luft über der Heide ruhte und der Wald wie dämmerndes Geheimnis lockte,
dann wurde wohl der Löwengelbe, wenn er neben ihnen aus der Haustür
stürmte, in schweigendem Einverständnis von ihnen zurückgetrieben; hastig
warfen sie dann das schwere Hoftor zurück und achteten nicht des Winselns
und Bellens, das von dem verschlossenen Hofe aus hinter ihnen herscholl.
Eilig gingen sie fort, und endlich zwischen Busch und Heide erreichte es
sie nicht mehr. Nichts unterbrach die ungeheure Stille um sie her als
mitunter das Gleiten einer Schlange oder von fern das Brechen eines dürren
Astes; im Laube versteckt saßen die Vögel, mit gefalteten Flügeln hingen
die Schmetterlinge an den Sträuchern.
Am Waldesrande waren jetzt in seltener Fülle die tiefroten Hagerosen
aufgebrochen. Wenn gar so schwül der Duft auf ihrem Wege stand, ergriffen
sie sich wohl an den Händen und erhoben schweigend die glänzenden Augen
gegeneinander. Sie atmeten die Luft der Wildnis, sie waren die einzigen
Menschen, Mann und Weib, in dieser träumerischen Welt.--Einmal, nach
langer Wanderung, da die Sonne funkelte und schon senkrecht ihre
Mittagsstrahlen herabsandte, waren sie unerwartet an den Rand des Waldes
gekommen. Sanft ansteigend breitete ein unabsehbares Kornfeld sich vor
ihnen aus; es war in der Blütezeit des Roggens; mitunter wehten leichte
Duftwolken darüber hin; bis gegen den Horizont erblickte man nichts als
das leise Wogen dieser bläulich silbernen Fluten.
Da klang von fern das Gebimmel einer Glocke; weit hinten, drüben aus dem
Grunde, wo wohl das Schloß gelegen sein mochte; gleich einem Rufen klang
es durch die stille Mittagsluft, und wie hingezogen von den Lauten schritt
Franziska in das wogenden Ährenfeld hinein, während Richard, an einen
Buchenstamm gelehnt, ihr nachblickte.--Immer weiter schritt sie; es wallte
und flutete um sie her; und immer ferner sah er ihr Köpfchen über dem
unbekannten Meere schwimmen. Da überfiel's ihn plötzlich, als könne sie
ihm durch irgendwelche heimliche Gewalt darin verlorengehen. Was mochte
auf dem unsichtbaren Grunde liegen, den ihre kleinen Füße jetzt berührten?
Vielleicht war es keine bloße Fabel, das Erntekind, von dem die alten
Leute reden, das dem, der es im Korne liegen sah, die Augen brechen macht!
Es lauert ja so manches, um unsere Hand, um unsern Fuß zu fangen und uns
dann hinabzureißen.-"Franzi!" rief er; "Franzi!"
Sie wandte den Kopf. "Die Glocke!" kam es zurück. "Ich will nur wissen,
wo die Glocke läutet!"
"Das gilt nicht uns, Franzi; das ist die Mittagsglocke auf dem Schloß!"
Sie wandte sich um und kam zurück. Er schloß sie leidenschaftlich in die
Arme. "Weißt du nicht, daß das gefährlich ist, so tief in ein Ährenfeld
hineinzugehen?"
"Gefährlich?" Sie sah ihn seltsam lächelnd an. Dann tauchten sie in ihren
Wald zurück.--Ein andermal, nach einem schwülen Tage, waren sie erst spät
am Nachmittag hinausgegangen.--Als der Abend schon tief herabsank, ruhten
sie am Ufer eines großen Waldwassers, das rings von hohen Buchen eingefaßt
war. Zu ihren Füßen, trotz der regungslosen Stille, schwankte das Schilf
mit leisem Rauschen aneinander; drüben hinter dem jenseitigen Walde, der
seine Schatten auf den Wasserspiegel warf, zuckte dann und wann ein
Wetterschein empor; Irisduft wehte über den See, und ein lautloser Blitz
erleuchtete ihn.
Er hatte sich über sie gebeugt und ließ es wie ein Spiel an sich
vorübergehen, wenn ihr blasses Antlitz aus dem Dunkel auftauchte und
wieder darin verschwand. "Weißt du", sagte er--"es heißt, man solle in
den Augen eines Weibes noch mitunter das Schillern der Paradiesesschlange
sehen. Eben, da der Blitz flammte, sah ich es in deinen Augen."
"Schillerte es denn schön?" fragte sie und hielt ihre Augen offen ihm
entgegen.
"Betörend schön."
Und wieder flammte ein Blitz.
"Du bist ein Tor, Richard!"
"Ich glaub es selber, Franzi."
Und er legte den Kopf in ihren Schoß, und zu ihr emporblickend, sah er
wieder und wieder die Wetterscheine in ihren dunklen Augen zucken.--So
floß die Zeit dahin. Eines Vormittags aber, als von den Fenstern des
Wohnzimmers aus vor dem niederrauschenden Regen der Tannenwald nur noch
wie eine graue Nebelwand erschien und die Drachenköpfe unaufhörlich Wasser
von sich spien, stand Richard sinnend und allein an seinem Schreibtische,
nur mitunter wie abwesend in den trüben Tag hinausblickend.
Franzi trat herein; er hatte sie heute noch nicht gesehen; am
Frühstückstische hatte er vergebens auf sie gewartet. Jetzt ging sie
schweigend auf ihn zu, drückte ihre Augen gegen seine Brust und hing an
seinem Halse, als sei sie nur ein Teil von ihm. Er legte seinen Arm um
sie, aber er küßte sie nicht; seine Gedanken waren bei anderen Dingen. Er
merkte es kaum, als sie plötzlich wieder aus seinem Arm und aus dem Zimmer
sich hinweggestohlen hatte.
Als bald darauf wegen einer wirtschaftlichen Bestellung Frau Wieb ins
Zimmer trat, fand sie ihren Herrn vor einer aufgezogenen Schieblade stehen,
aus der er allerlei Papiere auf die Tischplatte hervorgekramt hatte. Es
waren zum Teil Scheine, deren Vorlegung bei gewissen Lebensakten die
bürgerliche Ordnung von ihren Mitgliedern zu verlangen pflegt.
"Sag mir, Wieb", rief er der Eintretenden zu, "in welcher Kirche bin ich
denn getauft? Du bist ja damals doch dabeigewesen."
"Wie?" fragte die Alte und hielt ihr Hörrohr hin. "In welcher Kirche?"
"Nun ja; mir fehlt der Taufschein; man muß seine Papiere doch in Ordnung
haben."
Nachdem er noch einmal in das Hörrohr gerufen hatte, nannte sie ihm die
Kirche.
Aber er hörte schon kaum mehr darauf.
"Nein, nein!" sagte er mit leisen, aber scharfen Lauten vor sich hin,
indem er wie abwehrend seine Hand ausstreckte. "Wen geht's was an! Es
soll mir niemand daran rühren!"
Als er sich umwandte, stand seine alte Wirtschafterin noch im Zimmer; das
Muster der Tapete, das sie mit Aufmerksamkeit betrachtete, schien sie
festgehalten zu haben. Er fragte sie: "Was siehst du denn an den
verblichenen Blumen, Wieb?"
Die Alte nickte. "Die sitzen da nicht von ungefähr", erwiderte sie. "Der
Herr Inspektor, da er neulich wegen der Feuerung da war, hat es mir
erzählt. Vergessen und Vergessenwerden, Herr Richard!
Wer lange lebt auf Erden,
Der hat wohl diese beiden
Zu lernen und zu leiden!
Der alte Herr vom Schlosse drüben--der Großvater ist's gewesen von dem
jetzigen--hat nur einen Sohn gehabt, den aber hat er fast übermäßig
geliebt und ihn nimmer, auch da er schon in die reiferen Jahre gekommen
war, aus seiner Nähe lassen wollen; der junge Herr wäre darüber fast zum
Hagestolz geworden. Endlich gab's denn doch noch eine Hochzeit, und wie
der Vater in ihn, so ist der Sohn in seine junge Frau vernarrt gewesen.
Der alte Herr aber hat es nicht verwinden können, daß seines Kindes Augen
jetzt immer nur nach einer Fremden gingen; er hat den beiden das Schloß
gelassen und hat sich in die Einsamkeit hinausgebaut. Die Tapete hier in
diesem Zimmer, wo er noch jahrelang gelebt, ist derzeit von ihm selber
ausgewählt; es seien die Blumen des Schlafes und der Vergessenheit, so
soll er oft gesagt haben.--"Haben Sie noch etwas zu befehlen, Herr Richard?"
Er hatte nichts.
Als die Alte hinausgegangen war, blickte auch er noch eine Weile auf die
roten und violetten Mohnblumen; dann fielen seine Augen auf ein
Wandgemälde, das oberhalb der vom Flur hereinführenden Tür die
Tapetenbekleidung des Zimmers unterbrach.
Es war eine weite Heidelandschaft, vielleicht die an dem Waldwinkel selbst
belegene, hinter welcher eben der erste rote Sonnenduft heraufstieg; in
der Ferne sah man, gleich Schattenbildern, zwei jugendliche Gestalten,
eine weibliche und eine männliche, die Arm in Arm, wie schwebend, gegen
den Morgenschein hinausgingen; ihnen nachblickend, auf einen Stab gelehnt,
stand im Vordergrunde die gebrochene Gestalt eines alten Mannes.
Als Richard jetzt von dem Bilde auf die Umrahmung desselben hinüberblickte,
trat ihm dort, hab versteckt zwischen allerlei Arabesken, eine Schrift
entgegen, die bei näherem Anschauen in phantastischen Buchstaben um das
ganze Bild herumlief.
Dein jung Genoß in Pflichten
Nach dir den Schritt tät richten;
Da kam ein andrer junger Schritt,
Nahm deinen jung Genossen mit;
Sie wandern nach dem Glücke,
Sie schaun nicht mehr zurücke.
So lauteten die Worte. Lange stand Richard vor dem Bilde, das er früher
kaum beachtet hatte.
Würde das Antlitz jenes einsamen Alten, wenn es sich plötzlich zu ihm
wendete, die Züge des Erbauers dieser Räume zeigen, oder war diese Gestalt
das Alter selbst, und würde sie--nur eines vermessenen Worts bedurfte es
vielleicht--sein eigenes Angesicht ihm zukehren?--Wehte nicht schon ein
gespenstisch kalter Hauch von dem Bilde zu ihm herab?--Unwillkürlich griff
er sich in Bart und Haar und richtete sich rasch und straff empor.--Nein,
nein; es hatte ihn noch nicht berührt. Aber wie lange noch, so mußte es
dennoch kommen. Und dann?-Er wandte sich langsam ab und trat an seinen
Schreibtisch. Die Papiere, die dort noch umherlagen, legte er in die
Schublade zurück, aus der er sie vorhin genommen hatte.--Draußen strömte
unablässig noch der Regen.
--------------------------
In den nächsten Tagen schien wieder die Sonne; nur der Wald war noch nicht
zu begehen. Aber durch die Heide hatten Richard und Franziska am Nachmittage
einen weiten Ausflug gemacht; auf dem Riesenhügel, in welchem Meister
Reineke wohnte, hatten sie ihr mitgenommenes Vesperbrot verzehrt, während
Leo, der diesmal nicht zurückgetrieben war, an den Eingängen des geheimnis-
vollen Baues seine vergeblichen Untersuchungen fortgesetzt hatte.
Mit der Dämmerung waren sie heimgekehrt.-Als Franzi in das Wohnzimmer trat,
ging sie schon wieder in den leichten Stiefeln, die sie stets im Hause zu
tragen pflegte.
"Du bist blaß", sagte Richard; "es ist zu weit für dich gewesen."
"Oh, nicht zu weit."
"Aber du bist ermüdet, komm!" Und er drückte sie in den großen
Polsterstuhl, der dicht am Fenster stand.
Sie ließ sich das gefallen und legte den Kopf zurück an die eine
Seitenlehne; die schmächtige Gestalt verschwand fast in dem breiten Sessel.
"Wie jung du bist!" sagte er.
"Ich?--ja, ziemlich jung."
Sie hatte ihr Füßchen vorgestreckt, und er sah wie verzaubert darauf hinab.
"Und was für eine Wilde du bist", sagte er, "da geht schon wieder quer
über den Spann ein Riß!" Er hatte sich gebückt und ließ seine Finger über
die wunde Stelle gleiten. "Wieviel Paar solcher Dinger verbrauchst du
denn im Jahr, Prinzeßchen?"
Aber sie legte nur ihren kleinen Fuß in seine Hand, löste ihre schwere
Haarflechte, die sie drückte, so daß sie lang in ihren Schoß hinabfiel,
und streckte sich dann mit geschlossenen Augen in die weichen Polster.
Im Zimmer dunkelte es allgemach; draußen in der Wiesenmulde stiegen weiße
Dünste auf, und drüben im Tannenwalde war schon die Schwärze der Nacht.
--Da schlug draußen im Hofe der Hund an, und Franzi fuhr empor und riß
ihre großen grauen Augen auf.
Nein, es war wieder still; aber von jenseits des Waldes kam jetzt mit dem
Abendwind Musik herübergeweht.
"Laß doch", sagte Richard, "das kommt nicht zu uns."
Aber sie hatte sich vollends aufgerichtet und sah neugierig in die
Abenddämmerung hinaus.
"Es ist nur eine Hochzeit, Franzi, sie werden mit der Aussteuer drüben am
Waldesrand herumfahren."
"Eine Hochzeit! Wer heiratet denn?"
"Wer? Ich glaube: des Bauervogts Tochter; ich weiß es nicht. Was kümmert
es uns; wir kennen ja die Leute nicht."
"Freilich."
Sie standen jetzt beide am Fenster; er hatte den Arm um sie gelegt, sie
lehnte den Kopf an seine Brust. Ein paarmal, aber immer schwächer, wehten
noch die Töne zu ihnen her; dann wurde alles still, so still, daß er es
hörte, wie ihr der Atem immer schwerer ging.
"Fehlt dir etwas, Franzi?" fragte er.
"Nein; was sollte mir fehlen?"
Er schwieg; aber sie drängte ihr Köpfchen fester an seine Brust.
"Du!" sagte sie, als brächte sie es mühsam nur hervor.
"Ja, Franzi?"
"Du--warum heiraten wir uns nicht?"
Es durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag; eine Kette qualvoller
Erinnerungen tauchte in ihm auf; die Welt streckte ihre grobe Hand nach
seinem Glücke aus.
"Wir Franzi?" wiederholte er scheinbar ruhig. "Wozu? Was würde dadurch
anders werden?"
"Freilich!" Sie sann einen Augenblick nach. "Aber wir lieben uns ja doch!"
"Ja, Franzi! Aber"--er blickte ihr tief in die Augen, und seine Stimme
sank zu einem Flüstern, als wage er die Worte nicht laut werden zu
lassen--"es könnte einmal ein Ende haben--plötzlich!"