Sie sagte nur: "Was du für Träume hast!"

Aber während ihr Kopf an seinem Herzen lag, waren ihre Augen auf den an

ihrer Seite stehenden Hund gefallen. Der hatte die Nase nach dem Walde

ausgestreckt, der Richtung nach, in welcher Franzi ihn soeben verlassen

hatte, und schnoberte immer heftiger in der Luft umher. Fast mechanisch

griff ihre kleine Hand in das metallene Halsband des Tieres. "Laß uns

heim, Richard", sagte sie hastig, "und halte den Hund, damit er nicht wie

neulich nach den Rehen jagt."

Er sah nicht hin, er hatte nur Augen für die junge Gestalt, die er in

seinen Armen hielt, die er wie ein Kind jetzt in den Wagen hob. Dann

pfiff er seinem Hunde, und bald hatten sie die kurze Strecke bis zum Hause

zurückgelegt.

Er fand dort alles in gewohnter Ordnung; die alte Wieb trat im saubersten

Sonntagsanzug ihm entgegen, voll Freude über seine unerwartete schnelle

Heimkehr. Aber er sagte ihr, daß der Wagen schon auf morgen wieder

bestellt sei, daß er in der großen Stadt zu tun habe und daß Franziska mit

ihm reisen werde. Und dieser flüsterte er zu: "Du bist es doch zufrieden,

Franzi? Wir gehen wieder zu der entzückten Ladendame; kleine seidene

Stiefelchen soll sie dir anmessen! Du sollst dir alles selber

aussuchen--doch nein! Du bist zu anspruchslos, du würdest doch nur

Kleider für dich kaufen.--Ich aber--in weißen Duft will ich dich hüllen,

so leicht wie ein Nichts, so zart, daß auch eine Wolke davon das Leuchten

einer Rose nicht verbergen könnte."

Er sah es nicht, wie sie die weißen Zähnchen aufeinanderbiß und wie ihre

Lippen zitterten.

"Nun Franzi?" fuhr er fort, "was meinst du, bist du es zufrieden?"

Sie zog schweigend seine Hand an ihre Lippen; dann sagte sie mit jenem

scharfen Klang der Stimme: "Ich meine, daß du wieder einmal verschwenden

willst und daß du dich täuschest über mich arme Dirne, die ich bin."

"Und ich meine, daß jetzt du die Törin bist."

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Der Abend kam. Richard hatte wie gewöhnlich das

äußere Bohlentor und die Haustür abgeschlossen; vor der letzteren auf dem

Hausflur lag der Hund, der große Schlüssel zu dem ersteren hing an dem

Türpfosten in seinem Schlafgemache. Dann legte er sanft den Arm um

Franzis Leib, die müßig am Fenster des Wohnzimmers stand und nach dem

dunkeln Wald hinüberschaute, und führte sie durch die Bibliothek bis an

die Schwelle ihrer Kammer. Sie war ihm wieder wie eine unberührte Braut,

er überschritt die Schwelle nicht. "Schlafe süß, meine Franzi!" sagte er.

"Mir ist auf einmal wieder, als stünde das Glück mir noch in ungewisser

Ferne."

Sie hatte schon die Tür geöffnet; da riß er sie noch einmal an sich.

"Gute Nacht, gute Nacht, Franzi!"

Dann war sie fort; nur ihre kleinen, leichten Schritte hörte er noch

hinter der geschlossenen Tür.

Langsam ging er durch das Wohnzimmer. Im Vorübergehen hob er die

brennende Kerze, welche er dort vom Tisch genommen hatte, gegen das alte

Türbild und warf einen flüchtigen Blick darauf; dann trat er in sein

Schlafgemach.

Und bald, nach den Ermüdungen dieser letzten Tage, lag er in festen Schlaf

gesunken. Weder das Rauschen der Wälder draußen in der dunkeln

Herbstnacht noch der Zeitruf des kleinen Kunstvogels aus der nebenan

liegenden Stube drang in die Tiefe seines Schlummers. Schon war die

höchste Stufe der Nacht erklommen; zwölfmal hatte es drüben von der Uhr

gerufen; er schlief traumlos weiter, und weiter rückte die Nacht. Eins

rief es von der Uhr;--dann zwei;--dann drei! Da kamen die Träume, und was

am Tage nur wie beängstigender Nebel vor seinem Blick geschwommen, jetzt

wurde es zu farbigen Gestalten, von grellem oder fahlem Licht beleuchtet,

das keiner Zeit des Tages angehörte.--Wie bleich ihm Franzi in den Armen

hing! Und seltsam, immer wollten ihre Augen ihn nicht ansehen! Aber dort

hinter den Bäumen stand der Jäger.--Stöhnend warf er sich umher auf seinem

Lager; aus seinem Munde brachen heftige, zusammenhanglose Laute.

Plötzlich fuhr er empor und saß aufgerichtet, in den Kissen, der Nachhall

irgendeines Schalles lag in seinen Ohren; und jetzt schon wußte er es, vom

Hofe drunten mußte es gekommen sein. Im selben Augenblicke stand er auch

am Fenster, kaum die erste graue Dämmerung war angebrochen; aber dennoch

sah er es, wie eben das schwere Hoftor zuschlug. Wie noch im Traume hatte

er eine seiner beiden Pistolen von der Wand gerissen; eine Fensterscheibe

klirrte, und klatschend fuhr die Kugel drunten in das Bohlentor.

Dann blieb alles still. Er riß die andere Pistole von der Wand, und ohne

Kleidung, im nackten Hemde, stürzte er aus dem Zimmer; im Hinausgehen

griff er nach dem Haken an der Tür, aber der Schlüssel fehlte.

"Leo, Leo!" rief er auf der Treppe draußen. "Mein Hund, wo bist

du?"--Nichts regte sich. Noch einmal rief er und stieg dann in den noch

dunkeln Hausflur hinab.

Da wurden seine Füße durch etwas aufgehalten, was nicht weichen wollte;

als er sich bückte, fuhr seine Hand über langes seidenweiches Haar.--Er

stieß einen lauten Schrei aus. Noch einmal bückte er sich; dann rannte

er--er wußte selbst nicht weshalb--in die Kammer seiner alten Dienerin;

aber die taube alte Frau lag ruhig atmend in ihrem Bette; er nahm das auf

dem Tische stehende Licht, zündete es an und trat wieder auf den Flur

hinaus. Da lag sein Hund, die Beine steif gestreckt, die braunen

Augensterne groß und offen. Er warf sich nieder und leuchtete mit der

Kerze dicht hinan; ein bläulicher Flor schien den Glanz der Augen zu

bedecken; kalt und wie in stummer Klage starrten sie ihn an.--Auf einmal

war ihm, als würden die Mauern durchsichtig, als sähe er zwei jugendliche

Gestalten über die Heide fliehen und im brennenden Morgenschein

verschwinden.

Er sprang auf und stand im nächsten Augenblicke in Franziskas Kammer.--Sie

war leer, das Bett nur leicht berührt; man sah, sie hatte nur zu

flüchtiger Rast sich auf die Decke hingestreckt; das Kissen zeigte noch

den Eindruck, wo sie ihren Arm gestützt hatte. Er hätte es nicht lassen

können, er legte seine Hand hinein, als liebkoste er noch diese letzte

Spur ihres Lebens. Da klirrte durch eine zufällige Berührung die Waffe in

seiner andern Hand, und jäh schoß ein neuer Gedankenstrom durch seinen

Kopf. Schon war er draußen auf der Treppe; aber er kam nicht weiter.--Was

wollte er denn noch?--Schon einmal waren seine Hände rot geworden.

Langsam stieg er die Treppe hinauf nach seiner Schlafkammer; er hängte die

Schußwaffe an ihren Platz; dann kleidete er sich völlig an. Als er fertig

war, trat er in das Wohnzimmer, zog die Vorhänge der Fenster auf und

öffnete dann mit seinem Schlüssel das Fach des Schreibtisches, worin die

Wertpapiere ihren Platz hatten.

Er wußte vorher schon, was er finden würde. Was ihm gehörte, lag

unberührt; das Päckchen mit Franziskas Namen war verschwunden.--Eine Weile

suchte er noch nach einem Zettelchen von ihrer Hand, einem Wort des

Abschieds oder was es immer sei; er räumte das ganze Fach aus, aber es

fand sich nichts.

Durch die Fenster brach der erste Morgenschein und ließ das alte Türbild

aus der Dämmerung hervortreten. Als er zufällig den Blick dahin warf,

überkam ihn ein wunderlicher Sinnentrug; der einsame Alte dort am Wege

hatte ja den Kopf gewandt und sah ihn an.

Die Sonne stieg höher, an den Tapeten leuchteten die Blumen der

Vergessenheit. Richard hatte die Augen noch immer nach dem Bilde. Es war

sein eigenes Angesicht, in das er blickte.

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Der Oktober war ins Land gekommen. Im Kruge zu Föhrenschwarzeck saßen

eines Nachmittags der Wirt und der kleine Krämer aus der Stadt sich

gegenüber. Der ganze Tisch war voll von Kreidezahlen; sie hatten wieder

einmal Quartalstag gehalten, das Fazit war gezogen und genehmigt worden;

die noch übrige Zeit gehörte vergnüglicheren Gesprächen, und sie waren

auch schon in vollem Gange.

Kasper-Ohm begann soeben von dem Boden der gemeinen Wirklichkeit

emporzusteigen. "Ihr mögt mir's glauben", sagte er geheimnisvoll, "es ist

sein eigen Blut gewesen; freilich hat er's nicht Wort haben wollen, denn

sie ist auf den Namen Fedders getauft und bei einem Magister aufgezogen

worden; sogar einen eigenen Vormund hat er ihr von Gerichts wegen setzen

lassen!"

"Kasper-Ohm!" sagte der kleine Krämer, "Ihr seid wieder einmal bei Eurem

Advokaten in der Stadt gewesen!"

"Nun, nun, Pfeffers, glaubt's oder glaubt's nicht! Der Vormund ist selbst

bei mir eingekehrt gewesen; da, wo Ihr jetzt sitzt, hat er gesessen und

seinen Schnaps getrunken; sie haben's drüben im Narrenkasten eben

mitsammen fertig gehabt, daß das arme Kind einen reichen Bäckermeister

freien sollte, so einen alten wurmstichigen Mehlkneter; denn sie ist was

wild gewesen, und die alte Waisenwieb hat nicht recht mehr mit ihr hausen

können.--Nun, Pfeffers, was soll man dazu sagen, daß sie lieber mit dem

schwarzen Krauskopf--" Er nickte dem Krämer zu und blies bedeutsam durch

seine ausgespreizten Finger.

"Das ist eine gewaltige Geschichte, die Ihr da erzählt, Kasper-Ohm",

meinte der andre, "und stimmt nicht ganz mit dem Kalender; denn der Doktor

ist bei der Geburt des Mädels ja schon drei Jahr außer Landes gewesen!

Aber laßt uns einmal anstoßen, und freut Euch, daß der Krauskopf Eure

Ann-Margret nicht auch noch mitgenommen hat; denn er sah mir just nicht

aus, als wenn er lange mit einer einzigen zufrieden wäre."

Kasper-Ohm lachte und blickte durch die Fensterscheiben. "Da kommt auch

der Inspektor!" sagte er.

Der Genannte war eben in Begleitung seines Pudels unter der alten Eiche

durchgegangen, in deren Wipfel jetzt das leere Nest zwischen den schon

gelichteten Zweigen sichtbar war.

Der Wirt empfing ihn an der Stubentür. "Nun, Herr Inspektor", rief er

munter, "alles wieder auf dem alten Stand?"

"Ausgekehrt und abgeschlossen!" erwiderte der Alte, indem er den großen

Schlüssel zum Außentor des Waldwinkels auf den Tisch und sich selbst auf

einen Stuhl warf. "Gestern ging das letzte Fuder nach der Stadt, um dort

unterm Hammer weggeschlagen zu werden; all das schöne Ingut! Die alte

Lewerenz bekommt das ganze Geld dafür."

"Und der Herr Doktor?" fragte der Wirt. "Wo ist denn der geblieben?"

"Weiß nicht", sagte der Alte, "kümmert mich auch nicht;--fort--in die

weite Welt."

Der kleine Pfeffers nahm den Schlüssel von der Tischplatte und hielt ihn

über den Köpfen der beiden andern: "Wer bietet auf den "Narrenkasten"?

--Nummer eins: der alte Herr; Nummer zwei: der Herr Botanikus;--wer bietet

zum dritten auf den "Narrenkasten"?"

"Laßt die Possen, Pfeffers!" sagte der Alte und nahm ihm den Schlüssel aus

der Hand. "Mir tut's nur leid um den Löwengelben; ich sag Euch, es war

ein Kapitalvieh; er ging noch über meinen Phylax."

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Waldwinkel, von Theodor Storm.

Waldwinkel · 第 8 / 8 题