Der Alte nickte. "Ihr könnt nur mit mir gehen."

"Aber ich will zum Waldwinkel", sagte das Mädchen.

"Wird wohl auf eins hinauslaufen. Wenn Sie im Waldwinkel was zu bestellen

haben, so ist's schon richtig hier."

"Ich gehöre dort zum Hause", erwiderte sie.

Der Alte, der bisher seinen Weg ruhig fortgesetzt hatte, wandte sich nach

ihr zurück, und seine Augen blickten immer munterer, während er sich das

junge Wesen ansah. "Nun", sagte er, "die Frau Lewerenz hätte ich mir, so

zu verstehen, um ein paar Jährchen älter vorgestellt."

Aber das Mädchen schien für solche Späße wenig eingenommen. Sie sah ihn

mit ihren grauen Augen an und sagte: "Ich heiße Franziska Fedders. Die

Frau Lewerenz wird wohl mit dem Herrn schon dort sein."

"Da irren Sie denn doch, Mamsellchen", meinte der Alte, indem er mit der

einen Hand vor ihr den Hut zog und mit der andern ihr den großen Schlüssel

zeigte; "die Herrschaft kommt erst heute abend; aber Einlaß sollen Sie

drum doch schon bekommen."

Sie stutzte; aber nur einen Augenblick ruhte der Zeigefinger an der Lippe.

"Es ist gut", sagte sie, "es paßte nicht anders mit dem Fuhrmann; lassen

Sie uns gehen, Herr Inspektor!"

Und so wanderten sie auf dem schattigen, mit trockenen Tannennadeln

bestreuten Steige miteinander fort; immer riesiger wurden die Föhren, die

zu beiden Seiten aufstiegen und ihre Zweige über sie hinstreckten.

Plötzlich öffnete sich das Dickicht; eine mit Wiesenkräutern bewachsene,

muldenartige Vertiefung, gleich dem Bette eines verlassenen Flusses, zog

sich quer zu ihren Füßen hin, während jenseits auf der Höhe wiederum ein

Eichen- und Buchenwald seine Laubmassen ausbreitete. Nur ihnen gegenüber

zeigte sich eine Lücke, durch welche man bis zum Horizont auf ein braunes

Heideland hinausblickte. Zur Linken dieser Durchsicht aber, mit der

andern Seite sich hart an den Wald hinandrängend, ragte ein altes

Backsteingebäude, das durch sein hohes Dach ein fast turmartiges Aussehen

erhielt; eine Mauer, über welcher nur die vier Fenster des oberen

Stockwerks sichtbar waren, trat, von den beiden Ecken der Front auslaufend,

in ovaler Rundung fast an den Rand der Wiesenmulde hinaus.

Der Alte, der während des Gehens Franziska von seinen Einzugsmühen

unterhalten hatte, war stehengeblieben und wies schweigend nach dem mit

schwerem Metallbeschlag bedeckten Tore, das sich gegenüber in der Mitte

der Mauer zeigte. Oberhalb desselben in einer Sandsteinverzierung befand

sich eine Inschrift, deren einst vergoldete Buchstaben bei dem scharfen

Sonnenlichte auch aus der Ferne noch erkennbar waren. "Waldwinkel"

buchstabierte Franziska.

"Oho, Phylax!" rief der Inspektor. "Hören Sie ihn, Mamsellchen; er hat

schon meinen Schritt erkannt!"

Aus dem verschlossenen Hofe drüben hatte sich das Bellen eines Hundes

hören lassen; zugleich erhob sich von einem Eichenaste, der aus dem Walde

auf das Dach hinüberlangte, ein großer Raubvogel und kreiste jetzt, seinen

wilden Schrei ausstoßend, hoch über dem einsamen Bauwerk.

Sie waren indes auf der kaum noch sichtbaren Fortsetzung des Waldsteiges

in die Wiesenmulde hinabgegangen. Die nach Süden gelegene Frontseite des

immer näher vor ihnen aufsteigenden Gebäudes war von der Sonne hell

beleuchtet, sogar an den Drachenköpfen der Wasserrinnen, welche unterhalb

des Daches gegen den Wald hinausragten, sah man die Reste einstiger

Vergoldung schimmern. Von den beiden Wetterfahnen, mit welchen an den

Endpunkten die kurze First des Daches geziert war, hatte die eine sich

fast ganz im grünen Laub versteckt, während die andere sich regungslos am

blauen Himmel abzeichnete.

Und jetzt war das jenseitige Ufer erstiegen, und der Inspektor hatte den

Schlüssel in dem Bohlentore umgedreht.

Ein schattiger, mit Steinplatten ausgelegter Hof empfing sie, während der

Pudel mit Freudensprüngen an seinem Herrn emporstrebte.--Zur Linken des

Eingangs war ein steinerner Brunnen, neben dem ein augenscheinlich neu

angefertigter, mit Wasser gefüllter Eimer stand; an der Mauer des Hauses,

an welcher eben der Sonnenschein hinabrückte, wucherten hohe, mit Knospen

übersäte Rosenbüsche; die zu beiden Seiten der Haustür auf den Hof

gehenden Fenster wurden fast davon bedeckt. "Der alte Herr", sagte der

Inspektor, "hat sie selber noch gepflanzt."

Dann traten sie über ein paar Stufen in das Haus.--Zur Linken des Flurs

lag die Küche; zur Rechten ein einfenstriges Zimmer, dessen Ausrüstung

schon die künftige Bewohnerin erkennen ließ. Zwar das hohe Bettgerüst

dort entbehrte noch des Umhanges wie des schwellenden Inhalts; aber in der

Ecke standen Spinnrad und Haspel, und über der altfränkischen Kommode hing

ein desgleichen Spiegelchen, hinter welchem nur noch die kreuzweis

aufgesteckten Pfauenfedern fehlten. "Also, das ist nicht Ihr Zimmer,

Mamsellchen!" sagte der Alte, noch einmal einen Scherz versuchend.

Als er keine Antwort erhielt, deutete er auf seinen Pudel, der lustig die

zum oberen Stockwerk führende Treppe hinaufsprang. "Folgen wir ihm!"

sagte er, "dort hinten sind nur noch die Vorratskammern."

Oben angekommen, schloß er die Tür zu einem mäßig großen Zimmer auf, das

bis auf die Vorhänge völlig eingerichtet schien. Die beiden Fenster, mit

denen es über die Wiesenmulde auf den Tannenwald hinaussah, waren die

mittleren von den vieren, welche sie von drüben aus erblickt hatten. Vor

dem zur Linken stand ein weichgepolsterter Ohrenlehnstuhl, an der

Seitenwand des andern ein Schreibtisch mit vielen Fächern und Schiebladen;

neben diesem, bereits im Tick-tack ihren Pendel schwingend, hing eine

kleine Kuckucksuhr, wie sie so zierlich weit droben im Schwarzwalde

verfertigt werden. Eine altmodische, aber noch wohlerhaltene Tapete, mit

rot und violett blühendem Mohn auf dunkelbraunem Grund, bekleidete die

Wände.

Schweigend, aber aufmerksam betrachtete Franziska alles, während sie dem

Alten die Fensterflügel öffnen half.

Zu jeder Seite dieses Blumenzimmers, und durch eine Tür damit verbunden,

lag ein schmaleres; beide nur mit einem Fenster auf den Tannenwald

hinausgehend. In dem zur Linken befanden sich außer einigen Stühlen nur

noch ein eisernes Feldbett und ein paar hohe Reisekoffer. Franziska warf

nur einen flüchtigen Blick hinein, während ihr Führer schon die Tür des

gegenüberliegenden geöffnet hatte,

"Und nun gibt's was zu lesen!" rief dieser. "Der Herr Doktor ist selbst

hier außen gewesen und hat einen ganzen Tag da drin gesessen."

Und wirklich, es war eine stattliche Hausbibliothek, die hier in sauberem

Einband auf offenen Regalen an den Wänden aufgestellt war. Aber während

das Mädchen einen Band von Okens "Isis" herauszog, der ihr aus des

Magisters Pensionat bekannt war, hatte der Alte dem Fenster gegenüber

schon eine weitere Tür erschlossen.

Das Zimmer, in welches sie hineinführte, lag gegen Westen und im Gegensatz

zu den sonnigen Räumen der Vorderseite noch in der Schattendämmerung des

unmittelbar daran grenzenden Waldes.

"Sie müssen nicht erschrecken, Mamsellchen", sagte der Alte, indem er auf

ein Eisengitter zeigte, womit das einzige Fenster nach außen hin versehen

war. "Es ist kein Gefängnis, sondern auch nur so eine Liebhaberei vom

alten Herrn gewesen."

"Ich erschrecke nicht so leicht", sagte das Mädchen, indem sie, ihm nach,

über die Schwelle trat.

"Nun, so wollen wir den Burschen Ihr Gepäck heraufbringen lassen; denn

dort das Bettchen und das Jungfernspiegelchen hier auf der Kommode werden

doch wohl für Sie dahin beordert sein."

Als Franziska ihre Sachen in Empfang genommen und den Burschen abgelohnt

hatte, meinte der Alte: "Und jetzt, Mamsellchen, werd ich Sie ins Dorf

zurückbegleiten; es ist zwar ein Stündchen Wandern, aber einen guten

Eierkuchen wird Ihnen Kaspers Margret schon zu Mittag backen, und gegen

Abend wird der Herr Doktor dort zu Wagen einkehren, um von mir den

Schlüssel in Empfang zu nehmen."

Allein das Mädchen schüttelte den Kopf. "Ich bin nun einmal hier; zu

essen hab ich noch in meiner Reisetasche."

Der Alte rieb sich das bärtige Kinn mit seiner Hand. "Aber ich werde Sie

einschließen müssen; ich muß dem Herrn Doktor selbst den Schlüssel

überliefern."

"Schließen Sie nur, Herr Inspektor!"

"Hm!--Soll ich Ihnen auch den Phylax hierlassen?"

"Den Phylax? Weshalb das? Da könnt's am Ende doch noch auf eine

Hungersnot hinauslaufen."

"Nun, nun; ich dachte nur; er ist so unterhaltsam."

"Aber ich habe keine Langeweile."

"Ja, ja; Sie haben recht."

"Also, Herr Inspektor!"

"Also, Mamsellchen, soll ich schließen?"

Sie nickte ernsthaft; dann, ruhig hinter ihm herschreitend, begleitete sie

den Alten auf den Hof hinab. Als dieser aus der Ringmauer hinausgetreten

und das schwere Tor hinter ihr abgeschlossen war, flog sie behende in das

Haus zurück. Mit dem Kopf an den Fensterbalken lehnend, blickte sie

droben vom Wohnzimmer aus dem Fortgehenden nach, der eben durch die

Kräuter an der jenseitigen Höhe emporschritt. Als er nebst seinem Hunde

drüben zwischen den Föhren verschwunden war, trat sie in die Mitte des

Zimmers zurück; sie erhob ihre kleine Gestalt auf den Zehen, atmete tief

auf, und langsam um sich blickend, drückte sie beide Hände auf ihr Herz.

Ein zufriedenes Lächeln flog über das in diesem Augenblicke besonders

scharf gezeichnete Gesichtchen.

Gleich darauf ging sie durch die Bibliothek in ihre Kammer, wohin nun auch

der Sonnenschein den Weg gefunden hatte. Vor den Spiegel tretend, löste

sie ihre schweren Flechten, daß das dunkelblonde Haar wie Wellen an ihr

herabflutete. So kniete sie vor ihren Koffer hin, kramte zwischen ihren

Habseligkeiten und räumte sie in die leeren Schubladen der Kommode. Ein

Kästchen mit Saftfarben, Pinseln und Zeichenstiften, einige Blätter mit

nicht ungeschickten Blumenmalereien waren dabei auch zum Vorschein

gekommen. Als alles geordnet war, flocht sie sich das Haar aufs neue und

kleidete sich dann so zierlich, als der mitgebrachte Vorrat es nur

gestatten wollte.

Wie beiläufig hatte sie inzwischen ein paar Butterbrötchen aus ihrer

Reisetasche verzehrt; jetzt, als müsse sie innerhalb dieser Mauern jedes

Fleckchen kennenlernen, schlüpfte sie auf leichten Füßen noch einmal durch

das ganze Haus; durch alle Zimmer, in die Küche, in den von dort

hinabführenden Keller; dann stieg sie auf einer bald von ihr erspähten

Treppe auf den Hausboden, über welchem hoch und düster sich das Dach erhob.

Es huschte etwas an ihr vorbei, es mochte ein Iltis oder ein Marder

gewesen sein; sie achtete nicht darauf, sondern tappte sich nach einer der

insgesamt geschlossenen Luken und rüttelte daran, bis sie aufflog. Es war

die Hinterseite des Daches, und unter ihr unabsehbar dehnte sich die Heide

aus, immer breiter aus dem Walde herauswachsend.

Hier in dem dunkeln Rahmen der Dachöffnung kauerte sie sich nieder; nur

ihre grauen Falkenaugen schweiften lebhaft hin und her, bald zur Seite

über die in der Mittagsglut wie schlummernd ruhenden Wälder, bald hinab

auf die kargen Räderspuren, welche über die Heide zu der soeben von ihr

verlassenen Welt hinausliefen.

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In der Zeit, die hierauf folgte, erfuhr das Wild in der Umgebung des

"Narrenkastens" eine ihm dort ganz ungewohnte Beunruhigung in der Stille

seines Sommerlebens. Aus den Kräutern der jungen Tannenschonung springt

plötzlich der Hirsch empor und stürmt, nicht achtend seines knospenden

Geweihes, in das nahe Waldesdickicht; draußen im Moorgrund fliegen zwei

stahlblaue Birkhähne glucksend in die Höhe, die seit Jahren hier

unbehelligt ihre Tänze aufführen durften; selbst Meister Reineke bleibt

nicht ungestört.

In einem alten Riesenhügel hat er sein Malepartus aufgeschlagen und sitzt

jetzt in der warmen Mittagssonne vor einem seiner Ausgänge, bald behaglich

nach den über der Heide spielenden Mücken blinzelnd, bald auf seine jungen

Füchslein schauend, die um ihn her ihre ersten Purzelbäume versuchen. Da

plötzlich streckt er den Kopf und bewegt horchend seine spitzen Ohren;

drüben, vom Saum des Buchenwaldes, hat die Luft einen ungehörigen Laut ihm

zugetragen.

Einige Minuten später schreitet ein nicht mehr junger, aber kräftiger Mann

über die Heide; ein großer, löwengelber Hund springt ihm voraus und steckt

die Schnauze in den Eingang des Hünengrabes, durch welchen kurz vorher der

Fuchs und seine Brut verschwunden sind; doch sein Herr ruft ihn zurück,

und er gehorcht ihm augenblicklich. Sie kommen eben aus dem Walde; jetzt

schreiten sie weiter über die Heide; bald werden sie zusammen dort den

Sumpf durchwaten. Sie sind unzertrennlich, sie tun das alle Tage; aber

die Tiere brauchen sich vor ihnen nicht zu fürchten; denn der Hund hat nur

Augen für seinen Herrn und dieser nur für die stille Welt der Pflanzen,

welche, einmal aufgefunden, seiner Hand nicht mehr entfliehen können;

heute sind es besonders die Moose und einige Zwergbildungen des

Binsengeschlechts; die er unbarmherzig in seine grüne Kapsel sperrt.

Mitunter geht auch ein Mädchen an seiner Seite; doch dies geschieht nur

selten und bei kürzeren Wanderungen. Meistens ist sie drüben an der

Wiesenmulde, hinter den hohen Mauern des "Waldwinkels"; dort geht sie in

Küch und Keller einer alten Frau zur Hand, deren gutmütiges Gesicht schon

durch die Einförmigkeit seines Ausdrucks eine langjährige Taubheit

verraten würde, wenn dies nicht noch deutlicher durch ein Höhrrohr

geschähe, das sie wie ein Jägerhörnchen am Bande über der Schulter trägt.

Das Mädchen weiß, daß die Alte einst die Wärterin ihres jetzigen Herrn

gewesen ist; sie zeigt sich ihr überall gefällig und sucht ihr alles an

den Augen abzusehen.--Anders steht sie mit dem Herrn selber; er hat keinen

Blick wieder von ihr erhalten wie damals in der Gerichtsstube, als er der

Aktuar des Bürgermeisters war, so ungeduldig er auch oft darauf zu warten

scheint. Zuweilen, wenn sie nach dem Mittagstische die Zimmer oben

geordnet hat, was stets mit pünktlicher Sauberkeit geschieht, sitzt sie

auch wohl am Fenster des kleinen Bibliothekszimmers und malt auf

bräunliche Papierblättchen eine Rispe oder einen Blütenstengel, den der

Doktor allein oder sie mit ihm aus der Wildnis draußen heimgebracht hat.

Dieser selbst steht dann oft lange neben ihr und blickt schweigend und wie

verzaubert auf die kleine, regsame Hand.

So war es auch eines Nachmittags, da schon manche Woche ihres

Zusammenlebens hingeflossen war. Er hatte einen Strauß aus Wollgras und

gesterntem Bärenlauch vor ihr zurechtgelegt, und sie war emsig beschäftigt,

ihn aufs Papier zu bringen. Mitunter hatte er ein kurzes Wort zu ihr

gesprochen, und sie hatte ebenso und ohne aufzublicken ihm geantwortet.

"Aber sind Sie denn auch gern hierhergekommen?" fragte er jetzt.

"Gewiß! Weshalb denn nicht? Bei dem Schuster roch das ganze Haus nach

Leder; und Bettelleute waren es auch."

"Bettelleute?--Weshalb sprechen Sie so hart. Franziska?"--Es schien, als

wenn er ihr zu zürnen suche; aber er vermochte es schon längst nicht mehr.

Eine Weile ließ er seine Augen auf ihr ruhen, während sie eifrig an einem

Blättchen fortschattierte; als keine Antwort erfolgte, sagte er: "Ich bin

kein Bettelmann, aber einsam ist es hier für Sie."

"Das hab ich gern", erwiderte sie leise und tauchte wieder den Pinsel in

die Farbe.

Neben ihr auf dem Tische lagen mehrere fertige Blättchen; er nahm eines

derselben, auf dem eine Blüte der Cornus suecica gemalt war, und schrieb

mit Bleistift darunter:

Eine andre Blume hatt ich gesucht--

Ich konnte sie nimmer finden;

Nur da, wo zwei beisammen sind,

Taucht sie empor aus den Gründen.

Er hatte das so beschriebene Blatt vor sie hingelegt; aber sie warf nur

einen raschen Blick darauf und schob es dann, ohne aufzusehen, wieder

unter die andern Blätter, indem sie sich tief auf ihre Zeichnung bückte.

Noch eine Weile stand er neben ihr, als könne er nicht fort; da sie aber

schweigend in ihrer Arbeit fortfuhr, so pfiff er seinem Hunde und schritt

mit diesem in den Wald hinaus.

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Es war ihm seltsam ergangen mit dem Mädchen. In augenblicklicher Laune,

fast gedankenlos, hatte er sie in den Kreis seines Lebens hineingezogen;

eine Zutat nur, eine Bereicherung für die einförmigen Tage hatte sie ihm

sein sollen;--und wie anders war es nun geworden! Freilich, die alte Frau

Wieb, für die trotz ihrer Taubheit die Welt kein störendes Geheimnis barg,

vermochte es nicht zu sehen; aber selbst der löwengelbe Hund sah es, daß

sein Herr in den Bann dieses fremden Kindes geraten, daß er ihr ganz

verfallen sei; denn mehr wie je drängte er sich an ihn und blickte ihn mit

fast vorwurfsvollen Augen an. Lange waren sie zweck- und ziellos

miteinander umhergestreift; jetzt, da schon die Dämmerung in den Wald

herabsank, lagerten Herr und Hund unweit des Fußsteiges unter einem großen

Eichenbaum, in dem um diese Zeit die Nebelkrähen sich zu versammeln

pflegten, bevor sie zu ihren noch abgelegeneren Schlafplätzen flogen.

Der Doktor hatte den Kopf gegen einen moosbewachsenen Granitblock gelehnt,

auf dem Franziska sich einige Male ausgeruht, wenn sie mit ihm von einem

Ausfluge hier vorbeigekommen war. Seine Augen blickten in das Geäst des

Baumes über ihm, wo Vogel um Vogel niederrauschte, wo sie

durcheinanderhüpften und krächzten, als hätten sie die Chronik des Tages

miteinander festzustellen; aber die schwarzgrauen Gesellen kümmerten ihn

im Grunde wenig; durch seine Phantasie ging der leichte Tritt eines

Mädchens, desselben, deren müde Füßchen noch vor kurzem an diesem Stein

herabgehangen hatten, gegen den er jetzt seinen grübelnden Kopf drückte.

Was hatte eine Betörung über ihn gebracht, wie er sie nie im Leben noch

empfunden hatte?--Alles andere, was er ein halbes Leben lang wie ein

unerträgliches Leid mit sich umhergeschleppt, es war wie ausgelöscht, er

begriff es fast nicht mehr. War es nur der Taumel, nach einem letzten

Jugendglück zu greifen? Oder war es das Geheimnis jener jungen Augen, die

mitunter plötzlich in jähe Abgründe hinabzublicken schienen?--So manches

hatte er an ihr bemerkt, das seinem Wesen widersprach; es blitzten Härten

auf, die ihn empörten, es war eine Selbständigkeit in ihr, die fast

verachtend jede Stütze abwies. Aber auch das ließ ihm keine Ruhe; es war

ein Feindseliges, das ihn zum Kampf zu fordern schien, ja von dem er zu

ahnen glaubte, es werde, wenn er es bezwungen hätte, mit desto heißeren

Liebeskräften ihn umfangen.

Er war aufgesprungen; er streckte die Arme mit geballten Fäusten in die

leere Luft, als müsse er seine Sehnen prüfen, um sogleich auf Leben und

Tod den Kampf mit der geliebten Feindin zu bestehen.

Über ihm in der Eiche rauschten noch immer die Vögel durcheinander; da

schlug der Hund an, und die ganze Schar erhob sich mit lautem Krächzen in

die Luft. Aber aus dem Walde hörte er ein anderes Geräusch; kleine

leichte Schritte waren es, die eilig näher kamen, und bald gewahrte er

zwischen den Baumstämmen das Flattern eines Frauenkleides. Er drückte die

Faust gegen seine Brust, als könnte er das rasende Klopfen seines Blutes

damit zurückdrängen.

Atemlos stand sie vor ihm.

"Franziska!" rief er. "Wie blaß Sie aussehen!"

"Ich bin gelaufen", sagte sie, "ich habe Sie gesucht."

"Mich, Franziska? Es wird schon dunkel hier im Walde."

Sie mochte die Antwort, nach der ihn dürstete, in seinem Antlitz lesen;

aber sie sagte einfach--und es war der Ton der Dienerin, welche ihrem

Herrn eine Bestellung ausrichtet: "Es ist jemand da, der Sie zu sprechen

wünscht."

"Der mich zu sprechen wünscht, Franziska?"

Sie nickte. "Es ist der Vormund, der Schuster", sagte sie beklommen, als

fühle sie das Pech an ihren Fingern.

"Ihr Vormund! Was kann der von mir wollen?"

"Ich weiß es nicht; aber ich habe Angst vor ihm."

"So kommen Sie, Franziska!"

Und rasch schritten sie den Weg zurück.--Es war ein untersetztes Männlein

mit wenig intelligentem, stumpfnasigem Antlitz, das in dem Stübchen der

Frau Lewerenz auf sie gewartet hatte. Richard führte ihn nach dem

Wohnzimmer hinauf, wohin Franziska schon vorangegangen war.

"Nun, Meister, was wünschen Sie von mir?" sagte er, indem er sich auf den

Sessel vor seinem Schreibtisch niederließ.

Der Handwerker, der trotz des angebotenen Stuhles wie verlegen an der Tür

stehen blieb, brachte zuerst in ziemlicher Verworrenheit einige

Redensarten vor, mit denen er die Veranlassung seines heutigen Besuches

zum voraus zu entschuldigen suchte. Endlich aber kam er doch zur

Hauptsache. Ein alter Bäckermeister, reich--sehr reich und ohne Kinder,

wollte Franziska zu sich nehmen; er hatte fallen lassen, daß er sie sogar

in seinem Testament bedenken werde, wenn sie treulich bei ihm aushalte;

für ihn, den Vormund, sei es Gewissenssache, ein solches Glück für seine

Mündel nicht von der Hand zu weisen.

Richard hatte, wenigstens scheinbar, geduldig zugehört. "Ich muß Ihre

Fürsorglichkeit anerkennen, Meister", sagte er jetzt, indem er gewaltsam

seine Erregung unterdrückte; "aber Franziska wird nicht schlechter

gestellt sein in meinem Hause; ich bin bereit, Ihnen die nötigen Garantien

dafür zu geben."

Der Mann drehte eine Weile den Hut in seinen Händen. "Ja", sagte er

endlich, "es wird denn doch nicht anders gehen."

"Und weshalb denn nicht?"

Er erhielt keine Antwort; der Angeredete blickte mürrisch auf den Boden.

Das Mädchen hatte während dieser Verhandlung laut- und regungslos am

Fenster gestanden. Als Richard jetzt den Kopf zurückwandte, sah er ihre

großen grauen Augen weit geöffnet; angstvoll, in flehender Hingebung,

alles Sträuben von sich werfend, blickte sie ihn an.

"Franziska!" murmelte er. Einen Augenblick war es totenstill im Zimmer.

Dann wandte er sich wieder an den Vormund; sein Herz schlug ihm, daß er

nur in Absätzen die Worte hervorbrachte. "Sie verschweigen mir den wahren

Grund, Meister", sagte er, "erklären Sie sich offen, wir werden schon

zusammen fertig werden."

Waldwinkel · 第 5 / 8 题