Richard lachte. "Hast du denn keinen Protokollführer?"

"Nein, Liebster; da ich die Würde und das Salarium eines Stadtsekretarius

ebenfalls in meiner Person vereinige, so muß ich auch die Lasten dieses

Amtes tragen, wenn nicht der Zufall einen so fähigen und gefälligen Freund

mir in das Haus bringt."--Einige Minuten später saßen beide am grünen

Tisch in dem nebenan liegenden Gerichtszimmer. "Du wirst dich vielleicht

noch des gelbhaarigen Theologen erinnern", sagte der Bürgermeister,

während er sich mit behaglicher Würde in dem etwas erhöhten

Präsidentensessel niederließ, "den wir seinerzeit wohl nicht mit Unrecht

den Denunzianten nannten! Wir haben ihn seit Jahren hier am Ort; der Herr

Magister betreibt ein einträgliches Pensionat und steht bei Adel und

Honoratioren in hohem Ansehen; man wollte ihn eben auch noch mit dem

Gottesdienst an unserem Landeszuchthaus hier betrauen."

"Was ist mit ihm?" fragte der improvisierte Aktuarius, der schon seine

Feder geschnitzt und den gebrochenen Bogen vor sich hingelegt hatte. "Ich

entsinne mich eigentlich nur seines abgetragenen Frackes und seiner großen

roten Hände."

"Du wirst ihn gleich erscheinen sehen", sagte der Bürgermeister, mit der

einen Hand den über dem grünen Tisch hängenden Glockenstrang erfassend;

"er hatte die Vormundschaft über ein elternloses Mädchen; sie ist

jahrelang in seinem Hause gewesen, und er hat sie teilweise mit durch

seine Schule laufen lassen. Jetzt ist er eines versuchten Verbrechens

gegen dieses Mädchen auf das kläglichste verdächtig; es handelt sich heut

nur noch um eine Gegenüberstellung beider."

Der Bürgermeister zog die Klingel, und der eintretende Gefangenwärter

erhielt Befehl, den Magister vorzuführen.

Es war eine widerwärtige Erscheinung, die sich jetzt, an dem an der Tür

zurückbleibenden Gefängniswärter vorbei, mit einem geschmeidigen Bückling

in das Zimmer hineinwand.

"Sie brauchen nicht zu weit vorzutreten!" sagte der Bürgermeister, und der

Magister zuckte sogleich um einige Fußbreit wieder rückwärts; gleich

darauf erhob er seinen platten Kopf mit dem wie angeklebten Gelbhaar gegen

die Zimmerdecke und begann sich zu den schwersten Eiden für seine Unschuld

zu erbieten.

Ohne darauf zu achten, zog der Bürgermeister aufs neue die Glocke, und

"Franziska Fedders" trat herein.

Es war die schmächtige Gestalt eines eben aufgeblühten Mädchens; sie war

nicht grade hübsch zu nennen; den Kopf mit den aufgesteckten dunkelblonden

Flechten trug sie etwas vorgebeugt, der Mund war vielleicht zu voll, die

Nase ein wenig zu scharf gerissen; und als sie jetzt ihre tiefliegenden

grauen Augen aufschlug, murmelte der Aktuarius unwillkürlich vor sich hin:

"Scientes bonum et malum."

Mit abgewandtem Kopf und mit Glut übergossen, aber mit unverrückter

Sicherheit wiederholte sie jetzt die Hauptangaben ihrer früheren Aussagen

gegen ihren einstigen Vormund, während dieser seine knochigen Hände rang

und seufzende Beteuerungen ausstieß.

Als sie geendet hatte, begann der Magister erst andeutungsweise, dann

immer deutlicher, sie eines Verhältnisses mit seinem Gehülfen zu

beschuldigen; sie seien verschworen, ihn zu stürzen, um dann selbst das

einträgliche Pensionat zu übernehmen.

Mit offenem Munde und vorgestrecktem Halse horchte das Mädchen diesen

Beschuldigungen. Richard, der die Feder hingelegt hatte, glaubte zu sehen,

wie von der Glut des Hasses ihre Augen dunkler wurden. Plötzlich warf

sie den Kopf empor. "Sie lügen, Sie!" rief sie, und wie eine scharfe

Schneide fuhr es aus dieser jungen Stimme. Aber wie über sich selbst

erschrocken, flogen ihre Blicke unstet und hülfesuchend umher, bis sie in

den ernsten Männeraugen haftenblieben, die so ruhig zu ihr hinüberblickten.

Der Magister hatte beide Arme zum Himmel aufgereckt. "Sie! Du nennst

mich Sie, Franziska! Du, die ich dich in der Liebe des Lammes--" Er brach

in sentimentale Tränen aus; er hatte etwas vom winselnden Affen an sich.

"Ich nenne Sie gar nicht mehr!" sagte Franziska ruhig, und ihre

Augensterne ruhten noch immer in denen des ihr fremden Mannes, als habe

sie hier einen Halt gefunden, den sie nicht mehr zu verlassen wage.--Über

dessen Seele fuhr es wie ein Traum: das stille Haus am Waldesrand tauchte

vor seinem innern Auge auf; ein einsamer Mann und ein verlassenes Mädchen

wohnten dort. Sie waren nicht mehr einsam und verlassen; aber um sie her

in der lauen Sommerluft war nur der schwimmende Duft der Kräuter, das

Rufen der Vögel und fernab aus der stillen Lichtung der unablässige Gesang

der Grillen.-Der Klang der Botenglocke schrillte durch das Zimmer. Als

Richard aufblickte, sah er eben das Mädchen aus der Tür verschwinden, der

Magister wurde vom Gefängniswärter abgeführt.--"Ein gescheutes Rackerchen,

diese Franziska", sagte der Bürgermeister, indem er das sauber abgefaßte

Protokoll durch seine Namensunterschrift vollzog. "Schade, daß sie nichts

in bonis hat; wir wissen nicht recht, wohin mit ihr; für den gewöhnlichen

Mägdedienst hat sie zuviel, für eine höhere Stellung zuwenig gelernt."

Sein Gast war im Zimmer auf und ab gegangen. "Freilich, ein anziehendes

Köpfchen!" sagte er; aber seine Worte klangen tonlos, als sei in der Tiefe

die Seele noch mit anderem beschäftigt.

"Hm, Richard", fuhr der Bürgermeister, seine Akten zusammenbindend, fort,

"da stimmst du mit unserem Physikus, er meint--er hat mitunter solche

Einfälle--, die Augen seien ein halbes Dutzend Jahre älter als das Mädchen

selbst."

"Und wer ist jetzt ihr Vormund, Fritz?"

"Ihr Vormund?--Sie hat keinen Verwandten; wir hatten augenblicklich keinen

andern, es ist der Schustermeister an der Hafenecke; seit Beginn der

Untersuchung wohnt sie auch bei ihm."--Eine Stunde später sah man den

Gast des Bürgermeisters aus einem kleinen Hause an der Hafenecke treten

und durch eine gegenüberliegende Straße aus der Stadt hinausschreiten.

Draußen vor den letzten Häusern hielt ein offener Wagen. Ein großer

löwengelber Hund, den der auf dem Kutschersitze nickende Postillion an der

Leine hatte, riß sich los und sprang, freudewinselnd und mit der mächtigen

Rute den Staub der Straße peitschend, dem Kommenden entgegen.

"Leo, mein Hund, bist du da? Ja, ich komme, ich komme schon!" Ein

lebensfroher Ton klang aus diesen Worten, unter denen der Hund die

Liebkosungen seines Herrn entgegennahm.

Vor ihnen, im hellsten Sonnenscheine, breitete sich ein weites Tiefland

aus, zu dem in Wellenlinien sich der Weg hinuntersenkte. Bald saß der

Wanderer auf dem Wagen, und während der Hund in großen Sätzen

nebenhersprang, rollte das Gefährt in den jungen Frühling hinaus, der

blauen Waldferne zu, die in kaum erkennbaren Zügen den Horizont begrenzte.

Oben in den Eichbäumen, die vor dem Kruge des Dorfes Föhrenschwarzeck

standen, lärmten die Elstern, welche ihr Nest gegen zwei rotbrustige

Turmfalken zu verteidigen suchten; die Gäste in der Schenkstube konnten

kaum ihr eigenes Wort verstehen.

"Weiß der Henker!" rief der Krämer aus dem Nachbarstädtchen, der eben mit

dem gegenübersitzenden Wirte sein Quartalgeschäft gemacht hatte, "was Euch

hier alles für Raubzeug um die Ohren fliegt! Dürfen auch die Falken nicht

geschossen werden, Inspekter?"

Der alte graubärtige Mann in brauner Joppe, an den diese Worte gerichtet

waren, nahm mit der kleinen Messingzange eine Kohle aus dem auf dem Tische

stehenden Becken, legte sie auf seine eben gestopfte kurze Pfeife und

sagte dann, während er inmittelst die ersten Dampfwolken stoßweise über

den Tisch blies: "Ich weiß nicht, Pfeffers, ich bin nicht für die Falken;

da müßt Ihr den neuen Förster fragen." Er schien, obschon es noch in der

Morgenfrühe war, schon weit im Feld umher gewesen und nur zu kurzer Rast

hier eingekehrt zu sein; denn die hellen Schweißperlen standen noch auf

seiner Stirn, und seinen Strohhut hatte er vor sich auf dem Schoße liegen.

"Ein neuer Förster?" fragte der Krämer. "Wo habt Ihr den denn

herbekommen?"

"Weiß nicht genau", erwiderte der Alte; "da droben aus dem Reich, mein ich;

aber schießen kann er wie gehext, und auf die Dirnen ist er wie der

Teufel!"

"Oho, Kasper-Ohm! Da nehmt Eure Ann-Margreth in Obacht!"

"Wird sich schon von selber wehren, Pfeffers", meinte der Wirt.

Aber der Krämer hatte noch mehr zu fragen. "Hm, Inspekter!" sagte er,

"Ihr bekommt ja allerlei Neues in Eueren Wald; Euere Herren müssen auf

einmal ganz umgängliche Leute geworden sein! Habt Ihr denn wirklich den

alten "Narrenkasten" an einen Fremden, an einen ganz landfremden Mann

vermietet?"

"Diesmal trefft Ihr ins Schwarze, Pfeffers", sagte der Alte, indem er

einen ungeheueren, roh gearbeiteten Schlüssel aus der Seitentasche seiner

Joppe hervorzog "ein paar Wagen mit Ingut sind schon gestern aus- und

eingepackt worden; hab des Teufels Arbeit damit gehabt und muß auch jetzt

wieder hin, um Fenster aufzusperren und nach dem Rechten zu sehen; meinen

Phylax hab ich gestern abend hinter die hohe Hofmauer gesperrt, damit doch

eine vernünftige Kreaturseele bei all den Siebensachen über Nacht bliebe."

"Und woher ist dieser Mietsmann denn gekommen?" fragte der Krämer wieder.

"Weiß nicht, Pfeffers; kümmert mich auch nicht", erwiderte der Alte,

"kann's selbst nicht kleinkriegen. Aber der Herr soll ein Botanikus sein;

dergleichen Schlages liebt ja auch alles, was wild zusammenwächst."

Der Wirt, der inzwischen seine mit Kreide auf die Tischplatte geschriebene

Abrechnung mit dem Krämer noch einmal revidiert hatte, beugte sich jetzt

vor und sagte, seine Stimme zu vertrautem Flüstern dämpfend, obgleich

niemand außer den dreien im Zimmer war: "Wißt Ihr noch, vor Jahren, als in

den Blättern soviel von der großen Studentenverschwörung geschrieben wurde,

als sie die Könige all vom Leben bringen wollten--da soll er mit

dabeigewesen sein!"

Der Krämer ließ einen langgezogenen Pfiff ertönen. "Da liegt's, Inspekter!"

sagte er. "Ich weiß, Ihr hört's nicht gern; aber die Junker, wenn sie

jung sind, haben schon mitunter solche Mucken; Euer Junker Wolf ist ja

derzumalen auch bei dem Wartburgstanze mit gewesen."

Der Alte sagte nichts darauf; aber der Wirt wußte noch Weiteres zu

erzählen, als wenn seine klugen Elstern ihm's von allen Seiten zugetragen

hätten.--Hier aus der Gegend sollte der Fremde sein; aber drüben bei den

Preußen hatte man ihn jahrelang in einem dunkeln Kerkerloch gehalten;

weder die Sonne noch die Sterne der Nacht hatte er dort gesehen; nur der

qualmige Schein einer Tranlampe war ihm vergönnt gewesen; dabei hatte er

ohne Kunde, ob Morgen oder Mitternacht, tagaus, tagein gesessen und viele

dicke Bücher durchstudiert.

"Aber Kasper-Ohm", sagte der Krämer und hielt dem Wirte seine offene

Tabaksdose hin, "Ihr seid doch nicht etwa wieder in einen Grenzprozeß

verzwirnet?"

"Ich? Wie meint Ihr das, Pfeffers?"

"Nun, ich dachte, Ihr wärt wieder einmal in der Stadt bei dem

Winkeladvokaten, dem Aktuariatsschreiber, gewesen, bei dem man für die

Kosten die Lügen scheffelweis draufzubekommt."

Kasper-Ohm nahm die dargebotene Prise. "Ja, ja, Pfeffers", sagte er,

einen Blick durchs Fenster werfend, "wenn sie einen nicht in Frieden leben

lassen! Hört einmal, wie die armen Heisters schreien!"

"Freilich, Kasper-Ohm. Aber wie ging's denn weiter mit dem Herrn

Botanikus?"

"Mit dem?--Nun, glaubt es oder nicht! Eines Tages ist er plötzlich zu

Hause angekommen; aber es ist für ihn doch immer noch zu früh gewesen;

denn als er mit seinen blinden Augen über die Straße stolpert, wird er von

einer Karriole zu Boden gefahren, die eben lustig über das Pflaster

rasselt."

"Das verdammte Gejage!" rief der Krämer.

"Ja, ja, Pfeffers; Ihr kennt das nicht, Ihr seid ein lediger Mensch; aber

der Herr und die feine Dame, die darin saßen, konnten nicht zwischen die

Pferdeohren hindurchsehen; sie hatten zuviel an ihren eigenen Augen zu

beobachten."

"Und hatte er Schaden genommen, der arme Herr?"

"Nein, Pfeffers, nein, das nicht! Aber es ist seine eigene Frau gewesen,

die Dame, die mit dem Baron in der Karriole saß."

Der Krämer ließ wieder seinen langen Pfiff ertönen. "Das ist 'ne Sache;

so ist er verheiratet gewesen, als die Preußen ihn gefangen haben! Nun,

die Frau wird er wohl nicht mit sich bringen!"

"Sollte man nicht glauben", meinte Kasper-Ohm; "denn er soll sich's noch

einen meilenlangen Prozeß haben kosten lassen, um nur den Kopf aus diesem

Eheknoten freizukriegen."

"Und der Baron, was ist mit dem geworden?"

"Den Baron, Pfeffers? Den hat er togeschossen, und dann ist er in die

weite Welt gegangen, um sich all den Verdruß an den Füßen wieder

abzulaufen. Nein, Freundchen, die feine Dame wird er wohl nicht mit

herbringen, aber die alte taube Wieb Lewerenz aus Euerer Stadt, und das

ist auch eine gute Frau. Sie hat ihren Dienst als Waisenmutter quittiert

und kommt nun auf ihre alten Tage in den Narrenkasten."

Der Inspektor war inzwischen aufgestanden.--"Schwatzt Ihr und der Teufel!"

sagte er, indem er lachend auf die beiden andern herabsah; dann trank er

sein Glas aus und schritt, den schweren Schlüssel in der Hand, zur Tür

hinaus.--Unter dem Eichbaum durch, auf welchem der Falke von dem indes

eroberten Neste auf ihn herabsah, ging er aus dem Gehöfte auf den Weg

hinaus, welcher hier, vom Nordende des Dorfes, zwischen dicht mit

Haselnußbäumen bewachsenen Wällen auf die Hauptlandstraße hinausführte.

Schon auf der Mitte desselben aber bog er durch eine Lücke des Walles nach

links in einen Fußweg ein; in der schon drückenden Sonne schritt er auf

diesem über einige grüne, wellenförmig sich erhebende Saatfelder einer mit

Eichenbusch besetzten Moorstrecke zu, hinter welcher in breitem Zuge und

noch in dem bläulichen Duft des Morgens ein aus Eichen und stattlichen

Buchen gemischter Laubwald seine weichen Linien gegen den blauen Himmel

abzeichnete. Der Alte trocknete mit seinem Tuch den Schweiß sich von der

Stirn, als er endlich in diese kühlen Schatten eintrat; über ihm aus einer

hohen Baumkrone schmetterte eine Singdrossel ihren Gesang ins weite Land

hinaus.

Ein Viertelstündchen mochte er so gewandert sein, und der ihn umgebende

Laubwald hatte inzwischen einem Tannenforste Platz gemacht, als sich, aus

einem Seitensteige kommend, zwei andere Wanderer zu ihm gesellten.

"Geht's denn recht hier nach dem Narrenkasten?"

Ein Bauerbursche fragte es, der einem zwar einfach, aber städtisch

gekleideten Mädchen ihren Koffer nachtrug.

Waldwinkel · 第 4 / 8 题