Novelle (1874)

Über dem Dache des Rathauses, das zugleich die Wohnung des städtischen

Bürgermeisters bildete, kreuzten die ersten Schwalben in der

Frühjahrssonne; auf der Vorstraße standen die "Bürgermeistersbuben" und

suchten vergebens die Königin der Luft mit den Lehmkugeln ihres Pustrohrs

zu erreichen. Drinnen aber in seinem Geschäfts- und Arbeitszimmer saß der

Gestrenge selbst, der außer dem genannten Amte auch das eines

Gerichtsdieners und Polizeimeisters in seiner Person vereinigte, vertieft

in ein dickes Aktenfaszikel, nicht achtend des heiteren Glanzes, der durch

die Fenster zu ihm hereinströmte. Da wurde draußen flüchtig an die Tür

gepocht, und auf das verdrossene "Herein!" des Beamten trat ein brauner

stattlicher Mann über die Schwelle, der indes die erste Hälfte der

Vierziger schon erreicht haben mochte.

Der Bürgermeister erhob das rote behagliche Gesicht aus seinen Akten, warf

einen flüchtigen Blick auf den Eintretenden und sagte, als er die feinere

Kleidung desselben bemerkt hatte, mit einer runden Handbewegung: "Wollen

Sie gefälligst Platz nehmen; ich werde gleich zu Ihren Diensten sein."

Dann steckte er den Kopf wieder in die Akten.

Der andere aber war einen Schritt näher getreten. "Bist du jetzt immer so

fleißig, Fritz?" sagte er. "Du littest ehemals nicht an dieser Krankheit."

Der Bürgermeister fuhr empor, hakte die Brille von der Nase und starrte

den Sprecher aus seinen kleinen gutmütigen Augen an. "Richard, du bist es!"

rief er. "Mein Gott, wie gut du mich noch kennst! Und doch, mein

Scheitel ist kahl und der Rest des Haares grau geworden! Ja, ja, ein

solches Bürgermeisteramt!"

Die kleine beleibte Gestalt war hinter dem Aktentisch hervorgekommen.

Voll Erstaunen blickte er in das Antlitz des ihn fast um Kopfeshöhe

überragenden Freundes. "Das", sagte er und tätschelte mit seiner kurzen

Hand über das noch glänzend braune Haar desselben, "das ist natürlich nur

Perücke; aber die Augen, diese unnatürlich jungen Augen, das sind doch

wohl noch die echten alten aus unseren lustigen Tagen!"

Der Gast ließ lächelnd diesen Strom des Geplauders über sich ergehen,

während der Bürgermeister ihn neben sich aufs Sofa niederzog. "Und nun",

fuhr der letztere fort, "wo kommst du her, was bist du, was treibst du?"

"Ich, Fritz?" erwiderte scherzend der andere, "ich suche einen Inhalt für

das noch immer leere Gefäß meines Lebens; oder vielmehr", fügte er etwas

ernster hinzu, "ich suche ihn nicht, ich leide nur ein wenig an dieser

Leere."

Der Bürgermeister sah ihm treuherzig in die Augen. "Du, Richard?" sagte

er, "der auf der Universität alle Fakultäten abgeweidet hat! Will doch

ein alter Kamerad unter einem gewissen Anonymus sogar deine Feder in einer

botanischen Zeitschrift entdeckt haben!"

"Wirklich, Fritz?--Er hat nicht fehlgesehen."

Der kleine dicke Mann besann sich. "Du bist noch ledig?" fragte er. "Ja?

Noch immer? Hm! Du warst ein Schwärmer, Richard! Weißt du noch, als

wir Studenten auf der Dornburg tanzten? Du hattest derzeit die Braut zu

Hause; du wolltest nicht tanzen; du saßest in der Ecke bei dem langen

Wassermann, der wegen seiner großen Stiefel nicht tanzen konnte, und

trankst nur Wein, sehr viel Wein, Richard! Du wolltest die seligen Tänze

nicht entweihen, die du daheim mit ihr getanzt hattest!"

Der andere war ein wenig still geworden, während der Bürgermeister in

plötzlicher Unruhe seine goldene Uhr aus dem Abgrund seiner Tasche zog.

"Sag mir, Liebster", begann er wieder, du schenkst mir doch den heutigen

Tag?"

"Ich muß am Nachmittag noch weiter."

"Immer noch der alte Meister Unruh?"

"Verzeih, die Extrapost ist schon bestellt! Ihr habt hier einige Meilen

nördlich zwischen Heidesumpf und Wald noch eine wenig abgesuchte Flora!"

"Aha!" rief der Bürgermeister, "bei Föhrenschwarzeck, wo die verrückten

Junker wohnen, die weder einen Baum fällen noch ein Stück Heide aufbrechen

wollen!"

Der Gast nickte. "So sagte man mir. Es soll dort in heimlichen Gründen

noch allerlei sonst Verschwundenes zu finden sein."

"Nun, Richard, da könntest du dich ja im Narrenkasten einquartieren!"

"Im Narrenkasten?"

"Freilich! Der Vater der jetzigen Herren hatte noch seine Spezialtollheit!

Da ihm sein Schloß zu groß wurde, so baute er sich hinaus zwischen Heide

und Wald; ein Häuslein, alle Fenster nach einer Seite und drum herum eine

Ringmauer, zwanzig Fuß hoch! Und das Kastellchen nannte er den "Waldwinkel"

die Leute aber nennen's noch heut den "Narrenkasten". Dort hat er mitten

zwischen all dem Unkraut seine letzten Jahre abgelebt."

Der andere hatte aufmerksam zugehört. "Wer wohnt denn jetzt darin?"

fragte er.

"Jetzt? ich denke, niemand; oder doch nur Eulen und Iltisse."--Im

Nebenzimmer schlug eine Uhr. Der Bürgermeister war aufgesprungen. "Schon

elf!" sagte er. "Weißt du, Alter! Ich habe noch einen gerichtlichen

Aktus vor mir; du warst ja in der Verbindung unser Schriftwart", und

schmunzelnd fuhr er fort: "da du so eilig bist, wir würden noch ein

Plauderstündchen mehr gewinnen, wenn du heute dieses Amt noch einmal im

Dienste unserer hochnotpeinlichen Gerichtsbarkeit verrichten wolltest!"

Waldwinkel · 第 3 / 8 题