Über dem Dache des Rathauses, das zugleich die Wohnung des städtischen
Bürgermeisters bildete, kreuzten die ersten Schwalben in der
Frühjahrssonne; auf der Vorstraße standen die "Bürgermeistersbuben" und
suchten vergebens die Königin der Luft mit den Lehmkugeln ihres Pustrohrs
zu erreichen. Drinnen aber in seinem Geschäfts- und Arbeitszimmer saß der
Gestrenge selbst, der außer dem genannten Amte auch das eines
Gerichtsdieners und Polizeimeisters in seiner Person vereinigte, vertieft
in ein dickes Aktenfaszikel, nicht achtend des heiteren Glanzes, der durch
die Fenster zu ihm hereinströmte. Da wurde draußen flüchtig an die Tür
gepocht, und auf das verdrossene "Herein!" des Beamten trat ein brauner
stattlicher Mann über die Schwelle, der indes die erste Hälfte der
Vierziger schon erreicht haben mochte.
Der Bürgermeister erhob das rote behagliche Gesicht aus seinen Akten, warf
einen flüchtigen Blick auf den Eintretenden und sagte, als er die feinere
Kleidung desselben bemerkt hatte, mit einer runden Handbewegung: "Wollen
Sie gefälligst Platz nehmen; ich werde gleich zu Ihren Diensten sein."
Dann steckte er den Kopf wieder in die Akten.
Der andere aber war einen Schritt näher getreten. "Bist du jetzt immer so
fleißig, Fritz?" sagte er. "Du littest ehemals nicht an dieser Krankheit."
Der Bürgermeister fuhr empor, hakte die Brille von der Nase und starrte
den Sprecher aus seinen kleinen gutmütigen Augen an. "Richard, du bist es!"
rief er. "Mein Gott, wie gut du mich noch kennst! Und doch, mein
Scheitel ist kahl und der Rest des Haares grau geworden! Ja, ja, ein
solches Bürgermeisteramt!"
Die kleine beleibte Gestalt war hinter dem Aktentisch hervorgekommen.
Voll Erstaunen blickte er in das Antlitz des ihn fast um Kopfeshöhe
überragenden Freundes. "Das", sagte er und tätschelte mit seiner kurzen
Hand über das noch glänzend braune Haar desselben, "das ist natürlich nur
Perücke; aber die Augen, diese unnatürlich jungen Augen, das sind doch
wohl noch die echten alten aus unseren lustigen Tagen!"
Der Gast ließ lächelnd diesen Strom des Geplauders über sich ergehen,
während der Bürgermeister ihn neben sich aufs Sofa niederzog. "Und nun",
fuhr der letztere fort, "wo kommst du her, was bist du, was treibst du?"
"Ich, Fritz?" erwiderte scherzend der andere, "ich suche einen Inhalt für
das noch immer leere Gefäß meines Lebens; oder vielmehr", fügte er etwas
ernster hinzu, "ich suche ihn nicht, ich leide nur ein wenig an dieser
Leere."
Der Bürgermeister sah ihm treuherzig in die Augen. "Du, Richard?" sagte
er, "der auf der Universität alle Fakultäten abgeweidet hat! Will doch
ein alter Kamerad unter einem gewissen Anonymus sogar deine Feder in einer
botanischen Zeitschrift entdeckt haben!"
"Wirklich, Fritz?--Er hat nicht fehlgesehen."
Der kleine dicke Mann besann sich. "Du bist noch ledig?" fragte er. "Ja?
Noch immer? Hm! Du warst ein Schwärmer, Richard! Weißt du noch, als
wir Studenten auf der Dornburg tanzten? Du hattest derzeit die Braut zu
Hause; du wolltest nicht tanzen; du saßest in der Ecke bei dem langen
Wassermann, der wegen seiner großen Stiefel nicht tanzen konnte, und
trankst nur Wein, sehr viel Wein, Richard! Du wolltest die seligen Tänze
nicht entweihen, die du daheim mit ihr getanzt hattest!"
Der andere war ein wenig still geworden, während der Bürgermeister in
plötzlicher Unruhe seine goldene Uhr aus dem Abgrund seiner Tasche zog.
"Sag mir, Liebster", begann er wieder, du schenkst mir doch den heutigen
Tag?"
"Ich muß am Nachmittag noch weiter."
"Immer noch der alte Meister Unruh?"
"Verzeih, die Extrapost ist schon bestellt! Ihr habt hier einige Meilen
nördlich zwischen Heidesumpf und Wald noch eine wenig abgesuchte Flora!"
"Aha!" rief der Bürgermeister, "bei Föhrenschwarzeck, wo die verrückten
Junker wohnen, die weder einen Baum fällen noch ein Stück Heide aufbrechen
wollen!"
Der Gast nickte. "So sagte man mir. Es soll dort in heimlichen Gründen
noch allerlei sonst Verschwundenes zu finden sein."
"Nun, Richard, da könntest du dich ja im Narrenkasten einquartieren!"
"Im Narrenkasten?"
"Freilich! Der Vater der jetzigen Herren hatte noch seine Spezialtollheit!
Da ihm sein Schloß zu groß wurde, so baute er sich hinaus zwischen Heide
und Wald; ein Häuslein, alle Fenster nach einer Seite und drum herum eine
Ringmauer, zwanzig Fuß hoch! Und das Kastellchen nannte er den "Waldwinkel"
die Leute aber nennen's noch heut den "Narrenkasten". Dort hat er mitten
zwischen all dem Unkraut seine letzten Jahre abgelebt."
Der andere hatte aufmerksam zugehört. "Wer wohnt denn jetzt darin?"
fragte er.
"Jetzt? ich denke, niemand; oder doch nur Eulen und Iltisse."--Im
Nebenzimmer schlug eine Uhr. Der Bürgermeister war aufgesprungen. "Schon
elf!" sagte er. "Weißt du, Alter! Ich habe noch einen gerichtlichen
Aktus vor mir; du warst ja in der Verbindung unser Schriftwart", und
schmunzelnd fuhr er fort: "da du so eilig bist, wir würden noch ein
Plauderstündchen mehr gewinnen, wenn du heute dieses Amt noch einmal im
Dienste unserer hochnotpeinlichen Gerichtsbarkeit verrichten wolltest!"