Fünfundzwanzigstes Kapitel

In den Tagen, die nun folgten, kam Mariclée mit sich selbst arg ins

Gedränge. Zwar fühlte sie sich im Besitz der verschiedenen Omen, deren

glückliche Vorbedeutung sie für wohl erprobt erachtete, aber sie mußte sich

dieselben immer wieder ins Gedächtnis rufen, da sie vor dem Sinnfälligen

allzu deutlich versagten. Diese Aufgabe wurde stündlich schwerer. Denn

weder schrieb das Exemplar, noch stand ein Wort über ihn in den Zeitungen.

Es war als hätte er nie existiert. Und stündlich erforderte es einen

stärkeren Nervenverbrauch, ihren Mut und ihre Erwartungen rege zu erhalten

und an den guten Ausgang einer Schlacht zu glauben, deren Streitkräfte sie

aus so imaginären Mitteln besorgen mußte. Hinter ihrem sonderbaren Stab

verschanzt, ignorierte sie ihrerseits die Wirklichkeit so gut sie konnte,

aber was waren das für Reitergeneräle, die sie den herausfordernden

Tatsachen entgegenschickte.

Stundenweise behauptete sich ihre Zuversicht noch sehr gut. Das geschah

meist des Abends. Sie aß dann wie üblich in ihrem Erker, bestellte, was ihr

der Kellner vorschlug, und verbrachte Stunden im Schein ihrer rot

umschirmten Lampe, las, kritzelte ein paar Briefe und ließ sich von der

spielenden Kapelle in ihren Hoffnungen bestärken. Die Musik gab ihr ja

immer recht. Aber des Morgens, wenn sie lang vor Tagesanbruch mit offenen

Augen müde da lag und fieberhaft auf die Schritte der alten Klara horchte

und diese endlich, endlich die Diensttreppe heraufkam und bei ihr klopfte

und das Frühstücksbrett hereinbrachte, auf dem der Brief nie lag, den sie

erwartete; -- dann, o dann erfüllte sich ihr Zimmer mit einem so kalkigen

Tagesschein, sein milchiges, rußiges Weiß negierte so unerbittlich, was sie

noch hoffte, und dann konnte es wohl sein, daß sie das Gesicht wieder in

die Kissen vergrub und ihr Dasein verwünschte und nicht mehr wußte, wie sie

es aufnehmen sollte mit diesem mörderischen Morgenlicht, aus dem ihr nur

ein ewiges _Nein_, nicht nur für alles, was sie vertrat, auch für alles,

was sie _war_, entgegenströmte. In Wirklichkeit entsprach es ja nicht ihrem

Wesen, so zu sein; es drängte sie nur die Not, ihre Fahne auf Halbmast zu

hissen.

Ob sie indes auch fortfuhr mit dem Vernunftwidrigen zu paktieren, so

verriet doch ihr äußeres Gebaren nichts von ihrer inneren Zerrissenheit.

Sie machte ein paar Einkäufe, erkundigte sich nach den Schiffen, wählte

ihre Reiseroute, beantwortete ihre Briefe. Einer ihrer Bekannten wünschte

von H. B., dem Parlamentarier und Schriftsteller von Ruf, das

Übersetzungsrecht zu erlangen. Er wandte sich an Mariclée, die in London

vielleicht ausfindig machen könnte, wo der Mann steckte, und sie hatte

alsbald Erkundigungen eingezogen und ihm dann geschrieben. Auch ein paar

Besuche machte sie. Die alte Dame, die sie in Glenford so bemuttert hatte,

war seit kurzem wieder in der Stadt, und Mariclée ging zu ihr, sich zu

verabschieden.

»Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen so blaß und angegriffen aus!« sagte die

gütige Alte und sah ihr mit ihren schon etwas erblindeten Augen ins

Gesicht. Und dann kam die Tochter dazu und fiel ihr um den Hals und die

Herzlichkeit der beiden Damen tat ihr wohl, denn sie war so allein. Aber

mitten drin durchfuhr sie ein Frost, von einer Unruhe gepackt riß sie sich

los, warf sich in ein Auto und fuhr wieder heim. Jetzt, jetzt! hatte er

sicher geschrieben! sicher lag jetzt ein Brief von ihm in dem Kasten, oder

er hatte angerufen und das Telephon gellte durch das Haus und vielleicht

war Maud nicht zugegen und die alte Klara hörte es nicht.

Aber es lag kein Brief für sie in der Halle, und es hatte niemand nach ihr

gefragt.

Auch der Donnerstag Morgen brachte nichts als die Antwort des

Parlamentariers, der ihr seinen Besuch für den Nachmittag in Aussicht

stellte. Nur das Exemplar antwortete nicht. Die Spannung zwischen

Zuversicht und Zweifel zehrte sie auf; sie lebte nur mehr von einer Post

zur anderen. Aber morgen, Freitag, würde sich _bestimmt_ etwas ereignen.

Sie würde ihn sehen, bevor sie London verließ. Es war nicht anders denkbar.

Hatte sie der böse Traum, der sie an Bord des Schiffes heimsuchte, als sie

nach England fuhr, etwa betrogen? Wie erschrak sie damals. Und wie genau

war er der vorausgeworfene Reflex all der Prüfungen gewesen, die damals

ihrer warteten.

Gegen Abend ließ sich der Parlamentarier bei ihr melden, und sie ging in

den weiß verhängten Saal, ihn zu empfangen. Die geschäftliche Frage war

schnell erledigt. Mariclée hob dann eine kleine Erzählung: »Das Gasthaus

zum Löwen« hervor, die er geschrieben hatte und die eine sehr

hochgegriffene Auffassung der Unsterblichkeit zu ebenso kindlich gewagtem,

wie entzückendem Ausdruck brachte. Und war es, daß er sich angeregt fühlte,

weil sie, die Fremde, Ferne, gerade jene paar Seiten seiner Werke

herausgriff, auf die er am meisten Wert legte und die ihn am stärksten

enthielten, er erhob sich, ging auf und nieder und sprach sich aus. Er war

noch jung, sehr Mann von Welt und mütterlicherseits Franzose. Das Ideelle

in ihm erstrebte jederzeit das Knappe und die Form. Allem Vagen war er

abhold; auch für das Unendliche vindicierte er den Zirkel und die Linie.

Als Mariclée auf Oxford zurückkam und wie sehr sie die jungen Leute

beneide, die sich in jenen unvergeßlichen Stübchen aufs Leben vorbereiten

durften, brach er in Klagen über die heutige Erziehung aus. Die wahre

Hauptsache für diese bevorzugten Jünglinge, die wahre Vorbedingung für

ihren Oxforder Aufenthalt, sei das Geld, ein hoher jährlicher Zuschuß. Man

konnte sich kaum eine Jugend denken, die weniger versprach, zu starken,

überwindenden Naturen, wie England sie brauchte, heranzureifen. Selbst von

diesem weihevollen Ort ebbte die geistige Atmosphäre wie der Idealismus

zurück. Eine verweichlichte Generation wüchse in dem ehrwürdigen College

heran. »Wie pessimistisch Sie sind!« sagte Mariclée.

Sie hatte von seiner schönen Frau, seinen jungen Söhnen und seiner Stellung

im Leben und in der Welt gehört. Aber weil der Mensch ganz ohne Kummer

nicht auskam, hatte dieser hier die Zukunft seines Landes zu seiner

Kümmernis erhoben. Der Tor! Sie hörte nicht mehr auf seine Worte hin. Eine

Wunde, die sie sich verheimlicht hatte, war durch seine Anwesenheit in

diesem Saale aufgerissen worden. Und im Nu stand ihr Gesicht von Tränen

überströmt. Neidlos ließ sie den anderen ihr Glück! Aber einen anderen als

diesen Fremdling hatte sie hier im Saale zu sehen gehofft, mit dieser

Hoffnung war sie in dies Haus gezogen. Hatte sie so Unmögliches verlangt?

Und unbeweglich, gesenkten Hauptes saß sie jetzt da, versteinert und von

ihrer Betrübnis wie von einem Nebel umhüllt und sprach kein Wort. Ihr

Besucher aber hielt plötzlich im Reden inne und sah in dem stillen,

weißverhängten Saale umher.

»Bei wem bin ich hier eigentlich?« fragte er.

Da erschrak sie und blickte auf und nannte mit der heiseren Stimme einer

Kranken den Namen der Freundin, welche ihr dies Haus geliehen hatte.

»Aber es dunkelt,« fügte sie hinzu, erhob sich und ging zur Türe, um das

Licht aufzudrehen; ein wenig zögernd zwar, wegen ihres verstörten

Gesichtes. Er kam ihr aber zuvor und nahm Abschied, bevor die

verschleierten Lüster erstrahlten.

Das Exemplar · 第 28 / 34 题